Verlassene Heteros  


Verlassene Heteros: die andere Seite der Schranktür
Im letzten Oktober sprach Colin Sherman für DAW am Rande der Internationalen Bisexuellen-Konferenz mit Amity Pierce Buxton, die dort ein vielbeachtetes Seminar zu Problemen Heterosexueller beim Coming Out ihrer schwulen oder lesbischen PartnerInnen leitete.


acht ein Mensch sein/ihr Coming out als Schwuler oder als Lesbe, so gibt es eine ganze Reihe von Konflikten zu bewältigen. Diese und ihre Lösungsansätze sind in der Vergangenheit umfassend und oft beschrieben worden. Bei der Betrachtung dieser Konflikte jedoch geraten als Mitbetroffene häufig die Angehörigen aus dem Blickfeld. Deren Situation ändert sich meist schneller als die der lesbischen oder schwulen Verwandten oder Freunde/innen, die ja sich zu ihrem Coming out meist über längere Zeit hinentwickelt haben. In besonderer Schärfe stellen sich diese Konflikte dar, wenn ein Mann oder eine Frau bereits eine länger währende Ehe oder heterosexuelle Lebensgemeinschaft führten, in welcher womöglich noch Kinder leben, und dann plötzlich merken oder sich und dem Partner/der Partnerin eingestehen, daß sie emotional und sexuell eher auf das selbe Geschlecht fixiert sind. Wie empfinden das der/die heterosexuelle PartnerIn? Wie reagieren diese darauf? Wie kommen sie mit dieser oft als Katastrophe empfundenen Lage zurecht?

Im letzten Oktober sprach Colin Sherman für DAW am Rande der Internationalen Bisexuellen-Konferenz mit Amity Pierce Buxton, die dort ein vielbeachtetes Seminar zu Problemen Heterosexueller beim Coming Out ihrer schwulen oder lesbischen PartnerInnen leitete.

 

C.M-S: Würden Sie mir bitte sagen warum sie als weder bi- noch homosexuelle Frau an dieser Konferenz teilnehmen?

The Other Side of the Closet: The Coming-Out Crisis for Straight Spouses, by Amity Pierce Buxton, Ph.DA.P.B.: Mein Anliegen ist, meine Erfahrungen damit weiterzugeben, was heterosexuellen PartnerInnen widerfährt, wenn ihre Ehemänner oder -frauen sich als Schwule, Bisexuelle oder Lesben entdecken oder zu erkennen geben.

C.M-S: Wie ich weiß, haben Sie damit Ihre ganz eigenen Erfahrungen ...

A.P.B.: Ja. 1983, nach 23 Jahren Ehen hatte mein Mann sein Coming Out als Schwuler. Er sagte mir, daß er bereits vor unserer Ehe als Schwuler gelebt habe, aber das in all den Ehejahren verborgen hätte. Das Unterdrücken hätte unsere Beziehung untergraben, so daß wir uns nun scheiden lassen müßten. Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt, zu dem er mir mitteilte, daß er schwul sei, bereits getrennt.

C.M-S: Hatten Sie davor irgendeine Ahnung davon, daß er schwul sein könnte?

A.P.B.: Als unsere Ehe dem Ende zuging, dachte ich mir, daß er sich vielleicht selbst als homosexuell bezeichnet, hatte aber keine Ahnung davon, daß er mal als Schwuler gelebt hatte und sich immer noch als Schwuler definierte oder daß er zu seiner schwulen Lebensweise zurückkehren würde, wenn er mich einmal verlassen haben würde.

C.M-S: Wie sind Sie mit diesem Problem fertig geworden?

A.P.B.: Ich las sehr viel darüber, fand eine Selbsthilfegruppe, ließ die Zeit das Ihrige tun, quälte mich durch die vielen Ent-Täuschungen hindurch: Schaden für die Sexualität, zerstörtes Glaubensystem ... Und betete.

C.M-S: In Ihrem Diskussionsbeitrag nannten Sie Konzepte, die Ihnen geholfen haben, die Probleme zu bewältigen ...

A.P.B.: Ich griff zu zwei Arten von Lektüre. Die erste über Homosexualität um überhaupt zu wissen, womit ich zu tun hatte. Ich meine, ich wußte vorher was Homosexualität ist, und kannte Homosexuelle, aber durch diese Literatur begann ich zu verstehen, daß es etwas Unumkehrbares ist und daß ich ihn nie wieder dahin bringen könnte, ein heterosexuelles Leben zu führen. Die zweite Art von Büchern war philosophischer, spiritueller und metaphysischer Natur. Sie sollten mir helfen, mein altes Glaubenssystem zurückzugewinnen, so daß ich wieder mit einem Glauben leben könnte, um meinem Leben Sinn und Richtung zu geben.

C.M-S: Und was bewirkte die Selbsthilfegruppe?

A.P.B.: Die Selbsthilfegruppe war sehr wichtig, um Menschen mit gleichen oder ähnlichen Problemen zu treffen. Ganz besonders für mich, weil ich nur ganz selten zornig werde. Meine Meinung war: "Was geschehen ist, ist geschehen." So wurden die anderen in der Gruppe zornig auf mich. Mir wurde deutlich, daß es noch eine zweite Seite des Leids gibt. Allein schon, eine Selbsthilfegruppe zu haben und ich spreche nicht nur von mir ist hilfreich, weil sie die Gefühle der betroffenen Personen bestätigt. Man stellt fest, daß man/frau nicht allein ist, daß man/frau nicht verrückt ist, und es einen Ausweg gibt. Es ist ein langer und dunkler Weg, aber er führt hinaus.

C.M-S:Sie haben von Beschädigung der Sexualität gesprochen. Was verstehen sie darunter?

A.P.B.: Das ist ein sehr starkes Wort, aber wenn ihr Ehemann oder ihre Ehefrau nach die Eheschließung ihr Coming Out hat, stellen Sie fest, daß Sie nicht das Ihnen zustehende volle Maß an sexueller Erfüllung bekommen haben. Der andere Partner war entweder homo- oder bisexuell und konnte nicht die für ihn nötige sexuelle Befriedigung finden. Und man selbst konnte es auch nicht, weil es ja keine Heterosexualität war. Das wird einem erst klar, wenn man wieder eine neue Beziehung eingeht. Wenn man sexuelle Beziehungen mit einem heterosexuellen Mann hat, wird man sich dessen bewußt, daß da eine Leidenschaft bei beiden Partnern ist, die es vorher nicht gegeben hat. Dann gibt es noch ein Problem. Die heterosexuellen Männer haben das Gefühl, daß sie nicht Mann genug sind, ihre lesbischen Ehefrauen zu halten. Andereseits haben die heterosexuellen Frauen das Gefühl, daß ihre sexuellen Fähigkeiten verkümmert sind und nicht mehr funktionieren, da sie so lange nicht gefordert wurden. Genau das ist der "sexuelle Schaden", der eintritt. Deshalb verwenden wir dieses Wort.

C.M-S:Wie findet man sich nun aus alledem heraus?

A.P.B.: Viel menschlicher Kontakt ist dafür nötig, normaler menschlicher herzlicher Kontakt mit anderen. Man kann lesen, einen Kursus über Sexualität absolvieren oder eine neue Beziehungen eingehen.

Sehr viele Ehen werden erst nach vielen, vielen Jahren aufgelöst, und besonders heterosexuelle Frauen haben das Gefühl, daß sie zu alt sind, um noch auf andere Männer anziehend zu wirken. Das gehört alles zu diesem Komplex der "sexuellen Beschädigung".

Gewiß, diese Wunden heilen, aber sie haben doch immer noch das Gefühl, daß sie einen großen Teil ihres Lebens umsonst gelebt haben. Sie sind um einen Teil ihres sexuellen Lebens gebracht worden, ihre besten Jahren wurden vergeudet.

C.M-S:Dann erwähnten Sie noch die Frage der Täuschung ...

A.P.B.: Täuschung, ja. Auch wenn die meisten Eheleute sich nicht bewußt gegenseitig täuschen. Entweder sie begreifen nicht, daß sie schwul oder lesbisch sind, oder sie haben noch keine praktische Erfahrung darin, es auszulösen. Sie unterdrücken es. Sie verbergen es. Wie immer sie es auch machen, der heterosexuelle Ehepartner fühlt sich hintergegangen, glaubt, daß er mit einer Lüge gelebt hat, Teil einer Scharade war. Zweitens, wenn der Ehemann der versteckte Schwule war, sehen die Partnerinnen darin einen Mangel an Vertrauen, das heißt, daß sie der Ehefrau nicht genug vertrauten, ihr die Wahrheit zu sagen. Durch die Tatsache, daß, der Ehemann es ihnen verheimlicht hat, fühlen sie sich hintergegangen. Auch, da sie die Ehefrauen selbst die Anzeichen nicht sahen, glauben sie, ihrem eigenen Urteil nicht trauen zu können. So muß man also das gegenseitige Vertrauen, ein Gefühl für ehrliche Kommunikation zwischen den Ehepartnern, wiederherstellen. Manchmal schaffen sie das nicht. Man muß entscheiden können, was richtig ist oder falsch ist, immer und immer wieder, weil man so wenig weiß. Man hatte ja soviel unwahres Zeug geglaubt.

C.M-S:Sie als Katholikin sprachen davon, Ihr Glaubensystem wiedergewonnen zu haben ... im religiösen Sinne?

A.P.B.: Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich verstehe darunter, ein neues System zu finden, weil sich das alte in Luft aufgelöst hatte. Das Leben, das man glaubte, geführt zu haben, gehörte einem nicht mehr. Woran kann man denn noch glauben, wenn nicht an den Menschen, dem man am meisten vertraut hat? Was für ein Leben liegt denn noch vor einem? Die Menschen, die über das alles hinwegkommen, finden meistens etwas Bedeutsames außerhalb ihrer selbst Natur, Musik, Gott, eine überirdische Macht , so daß sie zurückschauen und feststellen können, daß das überstandene Leiden etwas ist, das im Leben vorkommen kann, mit dem man lernen kann umzugehen. Das macht den Unterschied.

C.M-S: Erleichtert das die Bewältigung der Situation?

A.P.B.: Das macht es überhaupt nicht leichter. Es schmerzt immer noch, aber das Ganze hat nun einen Sinn bekommen, und wenn man einen Sinn im Leben finden kann, ist das Leben insgesamt wieder etwas wert.

C.M-S: Nun haben Sie ja Forschung betrieben, die die Basis zu Ihrem Buch war. Haben Sie daraus einige allgemeingültige Schlußfolgerungen ziehen können in bezug darauf, ob "gemischt orientierte" Ehen weiterbestehen können?

A.P.B.: Ich habe daraus entnommen, daß solche Ehen funktionieren können, aber in den meisten Fällen tun sie es nicht. Ich glaube, wenn Menschen lernen können, zuerst einmal eine bessere Beziehung aufzubauen, eine gesündere, gleichberechtigte, offene und ehrliche Art von Partnerschaft, wenn die einzelnen lernen würden, ihr eigenes moralisches Wertsystem aufzustellen und einzusehen, daß ein solche Ehe in der der Ehemann nebenbei ein sexuelles Verhältnis hat in Ordnung ist; wenn sie es schaffen, ihre eigenen Regeln zu erarbeiten, sich wieder gegenseitig zu vertauen und dabei die Monogamie in der heterosexuellen Sphäre zu erhalten, aber dem homosexuellen Part dabei zu gestatten, seine homosexuellen Bedürfnisse ebensogut zu befriedigen wenn das alles möglich wäre, dann meine ich, könnten mehr von diesen Ehen erhalten bleiben.

C.M-S: Ist das nicht zu positiv, zu idealistisch gedacht?

A.P.B.: Auf jeden Fall würden mehr von diesen Ehen positiv enden, denn ich habe zuviel über verbitterte Ehefrauen gehört, die den Vater die Kinder nicht sehen lassen, und auch über Männer, die mit ihrer lesbischen Partnerin böse sind, die sie so abrupt verlassen hat, und die nach langer Zeit immer noch verbittert sind, ja noch nicht einmal mit ihr sprechen.

Der springende Punkt dabei ist, daß die Ehepartner durch ungeheures Leid hindurchgehen. In der Regel haben sie keine Unterstützung durch eine Organisation wie Schwule, Lesben oder Bisexuelle. Sie müssen das alles allein durchstehen.

C.M-S: Gibt es keine Selbsthilfegruppen für sie? Ich habe von der Existenz solcher Gruppen in den Niederlanden und den USA gehört?

A.P.B.: Es gibt nur sehr wenige, und für viele sind sie zu weit entfernt. Aber gerade dieses Alleingelassenwerden verbittert viele so sehr der Zorn und die Bitterkeit wachsen lawinenartig in ihnen an. Obwohl "lawinenartig" hier kein guter Vergleich ist, da es sich um ein sehr heißes Gefühl handelt. Es wächst und wächst in ihnen. Die Therapeuten wissen nichts davon. Sie wissen nichts von den ungewöhnlichen Problemen der sexuell unterschiedlich orientierten Paare, den erlebten Täuschungen, der Wirkung auf die Kinder und wie diese Menschen in die Homophobie hineingezogen werden.

C.M-S: In Homophobie hineingezogen meinen Sie damit, aus der Enttäuschung heraus entsteht Homosexuellenfeindlichkeit?

A.P.B.: Ja, Kinder und Ehepartner, die bisher nichts mit Homophobie zu tun hatten, werden plötzlich ihre Opfer. Die Therapeuten begreifen das nicht. Auch die Freunde und die Familien nicht. Sie ignorieren es, kehren es einfach unter den Teppich. Die Schwulen und Lesben bekommen Anerkennung für den Mut beim Coming Out und  sollen ihre Befreiung feiern. Gut, aber sie sollten dabei nicht die Menschen vergessen, die im Zuge ihres Coming Out verletzt wurden.

Kinder zum Beispiel lehnen die Auflösung der Ehe ab, sie leiden darunter. Es macht sie verlegen, daß der schwule Vater Dinge tut, worüber sich die Gesellschaft lustig macht. Wenn sie im Jugendalter sind, bringt sie das Coming out eines Elternteils völlig durcheinander: Wenn Mutter oder Vater so sind, vielleicht es bei mir auch so sein, denken sie. Manchmal werden sie auch Opfer ihrer Schulfreunde, die sie wegen ihres schwulen oder lesbischen Elternteils lächerlich machen. Sie müssen erst einmal etwas über die Sexualität allgemein erfahren. Sie müssen wissen, daß ihre Mutter oder Vater dieselben Menschen geblieben sind, ob sie nun schwul oder lesbisch sind oder nicht. Die Eltern-Kind-Bindung ist noch immer vorhanden, und der heterosexuelle Elternteil muß diese Bindung schützen. Die Kinder müssen lernen, wie man mit der allgemeinen Homophobie umgeht, müssen herausfinden, wem sie das Geheimnis anvertauen können, und sie müssen etwas über Homosexualität erfahren.

C.M-S:Und das heißt konkret?

A.P.B.: Sexualerziehung muß zu Hause stattfinden, und wenn möglich auch woanders. Selbstverständlich sollte auch in den Schulen etwas dafür getan werden. Homosexualität gehört in den Normalbereich. Es gibt weniger Homosexuelle, aber es ist immer noch natürlich. Es ist nicht pervers, keine krankhafte Störung, nicht unnatürlich. Es wäre gut, wenn die Schulen dies leisten könnten, daß würde ich sehr begrüßen. Auch die Gesellschaft sollte ihren Beitrag leisten.

Meine Hoffnung ist, daß wenn die Masse der Menschen aufgeschlossener für die Probleme der heterosexuellen Ehepartner würde und sie begreifen könnte, daß Kinder und Ehepartner durch die Homophobie verletzt werden, das vielleicht die Haltung der Gesellschaft gegenüber Homosexuellen ändern könnte, sie weniger restriktiv mit Schwulen und Lesben sein und nicht so viele in die Ehe drängen würde. Ich hoffe, daß die Ehe nicht weiterhin als der einzige Weg zum Glückseligkeit betrachtet wird. Dann hätten wir nicht mehr soviele unglückliche Schwule, Lesben und  Bisexuelle, Kinder, Eltern, Großeltern und Verwandte.

C.M-S:Wieviele Menschen, meinen Sie, sind von dem Problem betroffen?

A.P.B.: Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung sind schwul und etwa fünf Prozent lesbisch. Zwanzig Prozent davon sind verheiratet, dazu kommen die Bisexuellen ... Wir schätzen, daß in den USA etwa zwei bis sechs Millionen Paare davon betroffen sind. Wenn sie dazu noch die Kinder und Verwandten hinzuzählen, dann ist das eine ziemliche Anzahl Betroffener.

C.M-S:Möchten Sie dem Gesagten noch etwas hinzufügen?

A.P.B.: Ihren Lesern möchte ich sagen, daß sie sehr wahrscheinlich einen Betroffen kennen, am Arbeitsplatz, in der Kirche, in der  Nachbarschaft. Wenn sie es bemerken, dann beachten Sie bitte auch den Ehepartner. Was er oder sie durchmachen, unterscheidet sich wesentlich von der Problematik einer gewöhnlichen Scheidung.

Das ist auch das Anliegen meines Buches: Brücken zu bauen zwischen Schwulen, Lesben, Hetero- und Bisexuellen und deren Gruppen. Ich möchte Therapeuten und anderen Fachleuten anhand von 17 wirklichen Fällen die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen, das Problem zu bewältigen. Und man kann es positiv bewältigen.

C.M-S: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

 


Colin de la Motte-Sherman

 
 
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