acht
ein Mensch sein/ihr Coming out als Schwuler oder als Lesbe, so
gibt es eine ganze Reihe von Konflikten zu bewältigen. Diese und
ihre Lösungsansätze sind in der Vergangenheit umfassend und oft
beschrieben worden. Bei der Betrachtung dieser Konflikte jedoch
geraten als Mitbetroffene häufig die Angehörigen aus dem Blickfeld.
Deren Situation ändert sich meist schneller als die der lesbischen
oder schwulen Verwandten oder Freunde/innen, die ja sich zu ihrem
Coming out meist über längere Zeit hinentwickelt haben. In besonderer
Schärfe stellen sich diese Konflikte dar, wenn ein Mann oder eine
Frau bereits eine länger währende Ehe oder heterosexuelle Lebensgemeinschaft
führten, in welcher womöglich noch Kinder leben, und dann plötzlich
merken oder sich und dem Partner/der Partnerin eingestehen, daß
sie emotional und sexuell eher auf das selbe Geschlecht fixiert
sind. Wie empfinden das der/die heterosexuelle PartnerIn? Wie
reagieren diese darauf? Wie kommen sie mit dieser oft als Katastrophe
empfundenen Lage zurecht?
Im letzten
Oktober sprach Colin Sherman für DAW am Rande der Internationalen
Bisexuellen-Konferenz mit Amity Pierce Buxton, die dort
ein vielbeachtetes Seminar zu Problemen Heterosexueller beim Coming
Out ihrer schwulen oder lesbischen PartnerInnen leitete.
C.M-S: Würden Sie mir
bitte sagen warum sie als weder bi- noch homosexuelle Frau an dieser
Konferenz teilnehmen?
A.P.B.:
Mein Anliegen ist, meine Erfahrungen damit weiterzugeben, was heterosexuellen
PartnerInnen widerfährt, wenn ihre Ehemänner oder -frauen sich als
Schwule, Bisexuelle oder Lesben entdecken oder zu erkennen geben.
C.M-S: Wie ich
weiß, haben Sie damit Ihre ganz eigenen Erfahrungen ...
A.P.B.: Ja. 1983, nach 23 Jahren Ehen
hatte mein Mann sein Coming Out als Schwuler. Er sagte mir, daß
er bereits vor unserer Ehe als Schwuler gelebt habe, aber das in
all den Ehejahren verborgen hätte. Das Unterdrücken hätte unsere
Beziehung untergraben, so daß wir uns nun scheiden lassen müßten.
Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt, zu dem er mir mitteilte, daß er
schwul sei, bereits getrennt.
C.M-S: Hatten
Sie davor irgendeine Ahnung davon, daß er schwul sein könnte?
A.P.B.: Als unsere Ehe dem Ende zuging,
dachte ich mir, daß er sich vielleicht selbst als homosexuell bezeichnet,
hatte aber keine Ahnung davon, daß er mal als Schwuler gelebt hatte
und sich immer noch als Schwuler definierte oder daß er zu seiner
schwulen Lebensweise zurückkehren würde, wenn er mich einmal verlassen
haben würde.
C.M-S: Wie sind Sie mit
diesem Problem fertig geworden?
A.P.B.: Ich las sehr viel darüber, fand
eine Selbsthilfegruppe, ließ die Zeit das Ihrige tun, quälte mich
durch die vielen Ent-Täuschungen hindurch: Schaden für die Sexualität,
zerstörtes Glaubensystem ... Und betete.
C.M-S: In Ihrem Diskussionsbeitrag
nannten Sie Konzepte, die Ihnen geholfen haben, die Probleme zu
bewältigen ...
A.P.B.: Ich griff zu zwei Arten von Lektüre.
Die erste über Homosexualität um überhaupt zu wissen, womit ich
zu tun hatte. Ich meine, ich wußte vorher was Homosexualität ist,
und kannte Homosexuelle, aber durch diese Literatur begann ich zu
verstehen, daß es etwas Unumkehrbares ist und daß ich ihn nie wieder
dahin bringen könnte, ein heterosexuelles Leben zu führen. Die zweite
Art von Büchern war philosophischer, spiritueller und metaphysischer
Natur. Sie sollten mir helfen, mein altes Glaubenssystem zurückzugewinnen,
so daß ich wieder mit einem Glauben leben könnte, um meinem Leben
Sinn und Richtung zu geben.
C.M-S: Und
was bewirkte die Selbsthilfegruppe?
A.P.B.: Die Selbsthilfegruppe war sehr
wichtig, um Menschen mit gleichen oder ähnlichen Problemen zu treffen.
Ganz besonders für mich, weil ich nur ganz selten zornig werde.
Meine Meinung war: "Was geschehen ist, ist geschehen."
So wurden die anderen in der Gruppe zornig auf mich. Mir wurde deutlich,
daß es noch eine zweite Seite des Leids gibt. Allein schon, eine
Selbsthilfegruppe zu haben und ich spreche nicht nur von mir ist
hilfreich, weil sie die Gefühle der betroffenen Personen bestätigt.
Man stellt fest, daß man/frau nicht allein ist, daß man/frau nicht
verrückt ist, und es einen Ausweg gibt. Es ist ein langer und dunkler
Weg, aber er führt hinaus.
C.M-S:Sie
haben von Beschädigung der Sexualität gesprochen. Was verstehen
sie darunter?
A.P.B.: Das ist ein sehr starkes Wort,
aber wenn ihr Ehemann oder ihre Ehefrau nach die Eheschließung ihr
Coming Out hat, stellen Sie fest, daß Sie nicht das Ihnen zustehende
volle Maß an sexueller Erfüllung bekommen haben. Der andere Partner
war entweder homo- oder bisexuell und konnte nicht die für ihn nötige
sexuelle Befriedigung finden. Und man selbst konnte es auch nicht,
weil es ja keine Heterosexualität war. Das wird einem erst klar,
wenn man wieder eine neue Beziehung eingeht. Wenn man sexuelle Beziehungen
mit einem heterosexuellen Mann hat, wird man sich dessen bewußt,
daß da eine Leidenschaft bei beiden Partnern ist, die es
vorher nicht gegeben hat. Dann gibt es noch ein Problem. Die heterosexuellen
Männer haben das Gefühl, daß sie nicht Mann genug sind, ihre lesbischen
Ehefrauen zu halten. Andereseits haben die heterosexuellen Frauen
das Gefühl, daß ihre sexuellen Fähigkeiten verkümmert sind und nicht
mehr funktionieren, da sie so lange nicht gefordert wurden. Genau
das ist der "sexuelle Schaden", der eintritt. Deshalb
verwenden wir dieses Wort.
C.M-S:Wie findet man sich nun aus alledem heraus?
A.P.B.: Viel menschlicher Kontakt ist
dafür nötig, normaler menschlicher herzlicher Kontakt mit anderen.
Man kann lesen, einen Kursus über Sexualität absolvieren oder eine
neue Beziehungen eingehen.
Sehr viele Ehen werden erst nach vielen, vielen Jahren aufgelöst,
und besonders heterosexuelle Frauen haben das Gefühl, daß sie zu
alt sind, um noch auf andere Männer anziehend zu wirken. Das gehört
alles zu diesem Komplex der "sexuellen Beschädigung".
Gewiß, diese Wunden heilen, aber sie haben doch immer noch das
Gefühl, daß sie einen großen Teil ihres Lebens umsonst gelebt haben.
Sie sind um einen Teil ihres sexuellen Lebens gebracht worden, ihre
besten Jahren wurden vergeudet.
C.M-S:Dann erwähnten Sie noch die Frage der Täuschung ...
A.P.B.: Täuschung, ja. Auch wenn die meisten
Eheleute sich nicht bewußt gegenseitig täuschen. Entweder sie begreifen
nicht, daß sie schwul oder lesbisch sind, oder sie haben noch keine
praktische Erfahrung darin, es auszulösen. Sie unterdrücken es.
Sie verbergen es. Wie immer sie es auch machen, der heterosexuelle
Ehepartner fühlt sich hintergegangen, glaubt, daß er mit einer Lüge
gelebt hat, Teil einer Scharade war. Zweitens, wenn der Ehemann
der versteckte Schwule war, sehen die Partnerinnen darin einen Mangel
an Vertrauen, das heißt, daß sie der Ehefrau nicht genug vertrauten,
ihr die Wahrheit zu sagen. Durch die Tatsache, daß, der Ehemann
es ihnen verheimlicht hat, fühlen sie sich hintergegangen. Auch,
da sie die Ehefrauen selbst die Anzeichen nicht sahen, glauben sie,
ihrem eigenen Urteil nicht trauen zu können. So muß man also das
gegenseitige Vertrauen, ein Gefühl für ehrliche Kommunikation zwischen
den Ehepartnern, wiederherstellen. Manchmal schaffen sie das nicht.
Man muß entscheiden können, was richtig ist oder falsch ist, immer
und immer wieder, weil man so wenig weiß. Man hatte ja soviel unwahres
Zeug geglaubt.
C.M-S:Sie
als Katholikin sprachen davon, Ihr Glaubensystem wiedergewonnen
zu haben ... im religiösen Sinne?
A.P.B.: Nein, das ist nicht ganz richtig.
Ich verstehe darunter, ein neues System zu finden, weil sich das
alte in Luft aufgelöst hatte. Das Leben, das man glaubte, geführt
zu haben, gehörte einem nicht mehr. Woran kann man denn noch glauben,
wenn nicht an den Menschen, dem man am meisten vertraut hat? Was
für ein Leben liegt denn noch vor einem? Die Menschen, die über
das alles hinwegkommen, finden meistens etwas Bedeutsames außerhalb
ihrer selbst Natur, Musik, Gott, eine überirdische Macht , so daß
sie zurückschauen und feststellen können, daß das überstandene Leiden
etwas ist, das im Leben vorkommen kann, mit dem man lernen kann
umzugehen. Das macht den Unterschied.
C.M-S: Erleichtert das die Bewältigung
der Situation?
A.P.B.: Das macht es überhaupt nicht leichter.
Es schmerzt immer noch, aber das Ganze hat nun einen Sinn bekommen,
und wenn man einen Sinn im Leben finden kann, ist das Leben insgesamt
wieder etwas wert.
C.M-S: Nun
haben Sie ja Forschung betrieben, die die Basis zu Ihrem Buch war.
Haben Sie daraus einige allgemeingültige Schlußfolgerungen ziehen
können in bezug darauf, ob "gemischt orientierte" Ehen
weiterbestehen können?
A.P.B.: Ich habe daraus entnommen, daß
solche Ehen funktionieren können, aber in den meisten Fällen
tun sie es nicht. Ich glaube, wenn Menschen lernen können, zuerst
einmal eine bessere Beziehung aufzubauen, eine gesündere, gleichberechtigte,
offene und ehrliche Art von Partnerschaft, wenn die einzelnen lernen
würden, ihr eigenes moralisches Wertsystem aufzustellen und einzusehen,
daß ein solche Ehe in der der Ehemann nebenbei ein sexuelles Verhältnis
hat in Ordnung ist; wenn sie es schaffen, ihre eigenen Regeln zu
erarbeiten, sich wieder gegenseitig zu vertauen und dabei die Monogamie
in der heterosexuellen Sphäre zu erhalten, aber dem homosexuellen
Part dabei zu gestatten, seine homosexuellen Bedürfnisse ebensogut
zu befriedigen wenn das alles möglich wäre, dann meine ich, könnten
mehr von diesen Ehen erhalten bleiben.
C.M-S: Ist das nicht zu positiv, zu
idealistisch gedacht?
A.P.B.: Auf jeden Fall würden mehr von
diesen Ehen positiv enden, denn ich habe zuviel über verbitterte
Ehefrauen gehört, die den Vater die Kinder nicht sehen lassen, und
auch über Männer, die mit ihrer lesbischen Partnerin böse sind,
die sie so abrupt verlassen hat, und die nach langer Zeit immer
noch verbittert sind, ja noch nicht einmal mit ihr sprechen.
Der springende Punkt dabei ist, daß die Ehepartner durch ungeheures
Leid hindurchgehen. In der Regel haben sie keine Unterstützung durch
eine Organisation wie Schwule, Lesben oder Bisexuelle. Sie müssen
das alles allein durchstehen.
C.M-S: Gibt
es keine Selbsthilfegruppen für sie? Ich habe von der Existenz solcher
Gruppen in den Niederlanden und den USA gehört?
A.P.B.: Es gibt nur sehr wenige, und für
viele sind sie zu weit entfernt. Aber gerade dieses Alleingelassenwerden
verbittert viele so sehr der Zorn und die Bitterkeit wachsen lawinenartig
in ihnen an. Obwohl "lawinenartig" hier kein guter Vergleich
ist, da es sich um ein sehr heißes Gefühl handelt. Es wächst und
wächst in ihnen. Die Therapeuten wissen nichts davon. Sie wissen
nichts von den ungewöhnlichen Problemen der sexuell unterschiedlich
orientierten Paare, den erlebten Täuschungen, der Wirkung auf die
Kinder und wie diese Menschen in die Homophobie hineingezogen werden.
C.M-S: In Homophobie hineingezogen
meinen Sie damit, aus der Enttäuschung heraus entsteht Homosexuellenfeindlichkeit?
A.P.B.: Ja, Kinder und Ehepartner, die
bisher nichts mit Homophobie zu tun hatten, werden plötzlich ihre
Opfer. Die Therapeuten begreifen das nicht. Auch die Freunde und
die Familien nicht. Sie ignorieren es, kehren es einfach unter den
Teppich. Die Schwulen und Lesben bekommen Anerkennung für den Mut
beim Coming Out und sollen ihre Befreiung feiern. Gut, aber sie
sollten dabei nicht die Menschen vergessen, die im Zuge ihres
Coming Out verletzt wurden.
Kinder zum Beispiel lehnen die Auflösung der Ehe ab, sie leiden
darunter. Es macht sie verlegen, daß der schwule Vater Dinge tut,
worüber sich die Gesellschaft lustig macht. Wenn sie im Jugendalter
sind, bringt sie das Coming out eines Elternteils völlig durcheinander:
Wenn Mutter oder Vater so sind, vielleicht es bei mir auch
so sein, denken sie. Manchmal werden sie auch Opfer ihrer Schulfreunde,
die sie wegen ihres schwulen oder lesbischen Elternteils lächerlich
machen. Sie müssen erst einmal etwas über die Sexualität allgemein
erfahren. Sie müssen wissen, daß ihre Mutter oder Vater dieselben
Menschen geblieben sind, ob sie nun schwul oder lesbisch sind oder
nicht. Die Eltern-Kind-Bindung ist noch immer vorhanden, und der
heterosexuelle Elternteil muß diese Bindung schützen. Die Kinder
müssen lernen, wie man mit der allgemeinen Homophobie umgeht, müssen
herausfinden, wem sie das Geheimnis anvertauen können, und sie müssen
etwas über Homosexualität erfahren.
C.M-S:Und das heißt konkret?
A.P.B.: Sexualerziehung muß zu Hause stattfinden,
und wenn möglich auch woanders. Selbstverständlich sollte auch in
den Schulen etwas dafür getan werden. Homosexualität gehört in den
Normalbereich. Es gibt weniger Homosexuelle, aber es ist immer noch
natürlich. Es ist nicht pervers, keine krankhafte
Störung, nicht unnatürlich. Es wäre gut, wenn die Schulen
dies leisten könnten, daß würde ich sehr begrüßen. Auch die Gesellschaft
sollte ihren Beitrag leisten.
Meine Hoffnung ist, daß wenn die Masse der Menschen aufgeschlossener
für die Probleme der heterosexuellen Ehepartner würde und sie begreifen
könnte, daß Kinder und Ehepartner durch die Homophobie verletzt
werden, das vielleicht die Haltung der Gesellschaft gegenüber Homosexuellen
ändern könnte, sie weniger restriktiv mit Schwulen und Lesben sein
und nicht so viele in die Ehe drängen würde. Ich hoffe, daß die
Ehe nicht weiterhin als der einzige Weg zum Glückseligkeit betrachtet
wird. Dann hätten wir nicht mehr soviele unglückliche Schwule, Lesben
und Bisexuelle, Kinder, Eltern, Großeltern und Verwandte.
C.M-S:Wieviele Menschen, meinen Sie, sind von dem Problem
betroffen?
A.P.B.: Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung
sind schwul und etwa fünf Prozent lesbisch. Zwanzig Prozent davon
sind verheiratet, dazu kommen die Bisexuellen ... Wir schätzen,
daß in den USA etwa zwei bis sechs Millionen Paare davon betroffen
sind. Wenn sie dazu noch die Kinder und Verwandten hinzuzählen,
dann ist das eine ziemliche Anzahl Betroffener.
C.M-S:Möchten
Sie dem Gesagten noch etwas hinzufügen?
A.P.B.: Ihren Lesern möchte ich sagen,
daß sie sehr wahrscheinlich einen Betroffen kennen, am Arbeitsplatz,
in der Kirche, in der Nachbarschaft. Wenn sie es bemerken, dann
beachten Sie bitte auch den Ehepartner. Was er oder sie durchmachen,
unterscheidet sich wesentlich von der Problematik einer gewöhnlichen
Scheidung.
Das ist auch das Anliegen meines Buches: Brücken zu bauen zwischen
Schwulen, Lesben, Hetero- und Bisexuellen und deren Gruppen. Ich
möchte Therapeuten und anderen Fachleuten anhand von 17 wirklichen
Fällen die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen, das Problem zu
bewältigen. Und man kann es positiv bewältigen.
C.M-S: Ich
danke Ihnen für das Gespräch.
Colin de la Motte-Sherman
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