Ansichten zweier schwuler Bulgaren
Das niedrige Niveau sexueller Kultur, den Mangel an Möglichkeiten,
Menschen derselben geschlechtlichen Orientierung zu treffen, und die
Angst vor öffentlicher Bloßstellung und Schande zwang auch in Bulgarien
viele, die "anders" sind, sich in erniedrigende und risikovolle
Zustande zu begeben. Durch Ablehnung und Verbot, durch Schuldgefühle,
die den Angehörigen von Minderheiten eingeimpft wurden, und auch die
Verfolgung wurde letztlich der Bevölkerungsmehrheit das Gefühl zur
Gewißheit, daß 'Anderssein" widerlich und gefährlich ist. Im
Gegensatz dazu wurden durch diese Praxis bei nicht wenigen auch Neugier
und der Wunsch nach derartigen Kontakten geweckt. Und irgendwie kamen
diese Kontakte dann auch zustande, holten sich die Menschen ihre Erfahrungen.
Bei vielen von ihnen prägten sich aus der persönlichen Kenntnis positivere
Schlussfolgerungen, Einstellungen und Verständnis aus. Doch die "verkrüppelte
Mentalität der Bulgaren" (sic!) wird noch lange die Narben der
aufgezwungenen "kommunistischen Moral" tragen. Es wird eine
komplizierte Aufgabe sein, diese Maske von den Gesichtern der sonst
so charmanten Bulgaren abzustreifen.
Freiheit anderer macht nicht glücklich
Im Laufe des kalten Krieges sind auch nach Bulgarien Informationen
durchgedrungen. Sie waren unklar und vage, kamen spät, aber sie kamen
doch an. Manchmal durch Augenzeugen, manchmal durch ins Land geschmuggelte
Zeitschriften und Filme. Da manche Schwule auch jenseits der Grenzen
unterwegs waren, wußten sie von schwulen Bars und Zeitungen in anderen
Ländern. Der bulgarische Schwule wußte. "was da draußen"
lief, aber natürlich machte ihn das nicht glücklicher. Die Freiheit,
von der er hörte, die Freiheit, er selbst zu sein, die Freiheit, die
ihm fehlte, machte ihn eher unglücklicher.
Es gab also kein totales Informationsloch. Bulgarien ist schließlich
ein Touristenland, so Boris der sein Schwulsein mit 19 entdeckte
und damals seinen ersten gleichgeschlechtlichen Kontakt erlebte.
Auch Anton meint, er habe schon mit 15 über sich Bescheid gewußt.
Mit 20, als Student. durfte er ins Ausland reisen, wo er in vier
Wochen seinen sexuellen Hunger eines ganzen Jahres stillen konnte.
Lieber einen Ausländer
Bulgaren sind sehr kontaktfreudig, was hilfreich sein kann. Wenn man
miteinander redet, merkt man bald, ob der andere ähnliche Gefühle
hat oder nicht. Und dann gibt es ja immer noch die alte Methoden wie
öffentliche Toiletten oder Geschäftsreisen – auch innerhalb Bulgariens.
Aus Mißtrauen gegenüber ihren Landsleuten bevorzugten schwule Bulgaren
jedoch Ausländer als Sexualpartner; gegenüber den Bulgaren waren sie
zurückhaltender, zogen die Anonymität vor. Es war sehr schwer für
bulgarische Homosexuelle, überhaupt einen Partner zu finden, geschweige
einen intellektuell passenden, und die Partnerschaften zerbrachen
daran ebenso häufig wie an den äußeren Bedingungen: Angst, Mißtrauen,
Untreue. In vielen Fällen waren die Homosexuellen gezwungen allein
zu bleiben. Das ist im wesentlichen noch immer so. Noch gibt es nichts,
was die Interessen der Menschenverbinden, die Grenzen zwischen ihnen
wegreißen und ihren Kampf um Freiheit organisieren konnte.
Eine zentrale Frage ist die Mentalität der bulgarischen Gesellschaft.
Jemand als homo-sexuell zu bezeichnen ist eine große Beleidigung,
ob es nun der Wahrheit entspricht oder nicht. Der Unterschied zwischen
der rechtlichen Situation und der Mentalität der Bevölkerung ist
sehr groß. Die aktuelle Situation ist in etwa mit der in der Sowjetunion
vergleichbar. Bis auf den Fakt, daß es in einigen ehemaligen Teilrepubliken
der UdSSR wenigstens schon schwule Treffpunkte gibt.
Erste Homo-Gruppe: "KIS Kontakf"
Das Vorhandensein einiger Kenntnisse über die reale Lage war erste
Voraussetzung, um etwas für Homosexuelle zu unternehmen. Anton und
Boris wollen eine Organisation aufbauen, die Einfluß auf die Gesellschaft
ausüben und das Leben der Homosexuellen verbessern helfen soll. "KIS
Kontakt" hilft Leuten, einander kennenzulernen. Mit einer Zeitung
gibt es einen Vertrag über den Abdruck privater Kleinanzeigen. Große
Probleme bereitet, daß viele Zeitungen derartige Inserate zurückweisen.
Dazu zählt auch das einzige in Bulgarien erscheinende Erotik-Magazin.
Interessant ist, so sagen die Gründer von "KIS Kontakt",
daß nahezu alle Männer, die bisher inserierten, einen Ausländer als
Partner suchten: „Die haben noch immer Angst vor ihren eigenen Leuten."
Frauen haben übrigens bisher kaum Verbindung mit der Agentur aufgenommen,
was deren Betreiber sehr bedauern.
Durch die "KIS-Kontakt-Agentur" ist mit der Zeit ein
grõßerer Kreis von Leuten entstanden, die sich allsonntäglich in
einem Kulturzentrum Sofias treffen. Zuweilen kamen bis zu hundert
Menschen.
Neues Vorhaben: Eine Zeitung
Ein weiteres Projekt von Boris und Anton ist die Gründung einer eigenen
kleinen Zeitung, da die üblichen Informationen über Sexualität oder
gerade auch zur AIDS-Prävention sehr rückständig und veraltet sind.
Dabei ist AIDS auch in Bulgarien Realität. Ins Land kam das Syndrom
vor allem über die Prostitution und die Seefahrt. Unter den Schwulen
sind bis heute nur drei oder vier Fälle bekannt geworden. AIDS in
Bulgarien ist vor allem ein Frauenproblem.
Im allgemeinen gibt es kaum Informationen über AIDS, weder in der
Schule noch in den Medien. Viele wissen kaum über die Anwendung
von Kondomen Bescheid, würden sie wahrscheinlich jedoch benutzen,
erklärte man es ihnen.
Untaugliche Versuche
Die großen Veränderungen in Politik und Gesellschaft werden auch in
Bulgarien allmählich zu einer Demokratisierung führen, doch die Veränderung
des Denkens wird für viele schmerzhaft werden. Heute wird in Bulgarien
niemand (sic!) wegen seiner Homosexualität verfolgt, doch die Gesellschaft
ist noch immer Sklave ihrer verstümmelten Psyche. Es gab in der Vergangenheit
einige Versuche, das Thema in den Massenmedien zu behandeln, Aber
zumeist waren diese Versuche mehr sensationell als positiv. Um reale
Verbesserungen zu befordern, sind sie untauglich. Denn sie wurden
von Menschen unternommen, die keine klaren Vorstellungen und Kriterien
haben, die nichts mit ihren 'Opfern" verbindet und die sich nur
auf das verlassen, was sie mal irgendwo über Homosexualität gelesen
oder gehört haben, und deren Homosexuellenbild ideologisch verzerrt
ist. Diese absurden Versuche sind ein Anfang, es ist aber höchste
Zeit, daß der Öffentlichkeit akkurate, objektive und vor alle -aktuelle
Informationen vermittelt werden -- im Interesse der Homosexuellen
selbst wie auch der Gesellschaft insgesamt. Denn daß sind die Probleme
der Gesellschaft, in der die Homosexuellen leben. Nur die Akzeptanz
dieser Probleme durch die Gesellschaft wird zu Veränderungen in den
Köpfen der Menschen fuhren.
Aufgezeichnet nach einem Gespräch
Colin de la Motte-Sherman
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