"Angst vor den eigenen Leuten"  

"Angst vor den eigenen Leuten"
Zweifellos ist das Leben in einem totalitären Regime mit deformierter Kultur und Moral, noch dazu unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen, nicht leicht. Ungleich schwieriger ist es jedoch für jene, die andere solchen Bedingungen ein zusätzliche gesellschaftliches Problem haben, zum Beispiel Homosexualität.

Herausgegeben: in Die Andere Welt, Januar 1992

Ansichten zweier schwuler Bulgaren

Das niedrige Niveau sexueller Kultur, den Mangel an Möglichkeiten, Menschen derselben geschlechtlichen Orientierung zu treffen, und die Angst vor öffentlicher Bloßstellung und Schande zwang auch in Bulgarien viele, die "anders" sind, sich in erniedrigende und risikovolle Zustande zu begeben. Durch Ablehnung und Verbot, durch Schuldgefühle, die den Angehörigen von Minderheiten eingeimpft wurden, und auch die Verfolgung wurde letztlich der Bevölkerungsmehrheit das Gefühl zur Gewißheit, daß 'Anderssein" widerlich und gefährlich ist. Im Gegensatz dazu wurden durch diese Praxis bei nicht wenigen auch Neugier und der Wunsch nach derartigen Kontakten geweckt. Und irgendwie kamen diese Kontakte dann auch zustande, holten sich die Menschen ihre Erfahrungen. Bei vielen von ihnen prägten sich aus der persönlichen Kenntnis positivere Schlussfolgerungen, Einstellungen und Verständnis aus. Doch die "verkrüppelte Mentalität der Bulgaren" (sic!) wird noch lange die Narben der aufgezwungenen "kommunistischen Moral" tragen. Es wird eine komplizierte Aufgabe sein, diese Maske von den Gesichtern der sonst so charmanten Bulgaren abzustreifen.


Freiheit anderer macht nicht glücklich

Im Laufe des kalten Krieges sind auch nach Bulgarien Informationen durchgedrungen. Sie waren unklar und vage, kamen spät, aber sie kamen doch an. Manchmal durch Augen­zeugen, manchmal durch ins Land geschmuggelte Zeitschriften und Filme. Da manche Schwule auch jenseits der Grenzen unterwegs waren, wußten sie von schwulen Bars und Zeitungen in anderen Ländern. Der bulgarische Schwule wußte. "was da draußen" lief, aber natürlich machte ihn das nicht glücklicher. Die Freiheit, von der er hörte, die Freiheit, er selbst zu sein, die Freiheit, die ihm fehlte, machte ihn eher unglücklicher.

Es gab also kein totales Informationsloch. Bulgarien ist schließlich ein Touristenland, so Boris der sein Schwulsein mit 19 entdeckte und damals seinen ersten gleichgeschlechtlichen Kontakt erlebte. Auch Anton meint, er habe schon mit 15 über sich Bescheid gewußt. Mit 20, als Student. durfte er ins Ausland reisen, wo er in vier Wochen seinen sexuellen Hunger eines ganzen Jahres stillen konnte.


Lieber einen Ausländer

Bulgaren sind sehr kontaktfreudig, was hilfreich sein kann. Wenn man miteinander redet, merkt man bald, ob der andere ähnliche Gefühle hat oder nicht. Und dann gibt es ja immer noch die alte Methoden wie öffentliche Toiletten oder Geschäftsreisen – auch innerhalb Bulgariens. Aus Mißtrauen gegenüber ihren Landsleuten bevorzugten schwule Bulgaren jedoch Ausländer als Sexualpartner; gegenüber den Bulgaren waren sie zurückhaltender, zogen die Anonymität vor. Es war sehr schwer für bulgarische Homosexuelle, überhaupt einen Partner zu finden, geschweige einen intellektuell passenden, und die Partnerschaften zerbrachen daran ebenso häufig wie an den äußeren Bedingungen: Angst, Mißtrauen, Untreue.  In vielen Fällen waren die  Homosexuellen gezwungen allein zu bleiben. Das ist im wesentlichen noch immer so. Noch gibt es nichts, was die Interessen der Menschen­ver­binden, die Grenzen zwischen ihnen wegreißen und ihren Kampf um Freiheit organisieren konnte.

Eine zentrale Frage ist die Mentalität der  bulgarischen Gesellschaft. Jemand als homo-sexuell zu bezeichnen ist eine große Beleidigung, ob es nun der Wahrheit entspricht oder nicht. Der Unterschied zwischen der rechtlichen Situation und der Mentalität der Bevölkerung ist sehr groß. Die aktuelle Situation ist in etwa mit der in der Sowjetunion vergleichbar. Bis auf den Fakt, daß es in  einigen ehemaligen Teilrepubliken der UdSSR wenigstens schon schwule Treffpunkte gibt.


Erste Homo-Gruppe: "KIS Kontakf"

Das Vorhandensein einiger Kenntnisse über die reale Lage war erste Voraussetzung, um etwas für Homosexuelle zu unternehmen. Anton und Boris wollen eine Organisation auf­bauen, die Einfluß auf die Gesellschaft ausüben und das Leben der Homosexuellen verbessern helfen soll. "KIS Kontakt" hilft Leuten, einander kennenzulernen. Mit einer Zeitung gibt es einen Vertrag über den Abdruck privater Kleinanzeigen. Große Probleme bereitet, daß viele Zeitungen derartige Inserate zurückweisen. Dazu zählt auch das einzige in Bulgarien erscheinende Erotik-Magazin. Interessant ist, so sagen die Gründer von "KIS Kontakt", daß nahezu alle Männer, die bisher inserierten, einen Ausländer als Partner suchten: „Die haben noch immer Angst vor ihren eigenen Leuten." Frauen haben übrigens bisher kaum Verbindung mit der Agentur aufgenommen, was deren Betreiber sehr bedauern.

Durch die "KIS-Kontakt-Agentur" ist mit der Zeit ein grõßerer Kreis von Leuten entstanden, die sich allsonntäglich in einem Kulturzentrum Sofias treffen. Zuweilen kamen bis zu hundert Menschen.


Neues Vorhaben: Eine Zeitung

Ein weiteres Projekt von Boris und Anton ist die Gründung einer eigenen kleinen Zeitung, da die üblichen Informationen über Sexualität oder gerade auch zur AIDS-Prävention sehr rückständig und veraltet sind. Dabei ist AIDS auch in Bulgarien Realität. Ins Land kam das Syndrom vor allem über die Prostitution und die Seefahrt. Unter den Schwulen sind bis heute nur drei oder vier Fälle bekannt geworden. AIDS in Bulgarien ist vor allem ein Frauen­problem.

Im allgemeinen gibt es kaum Informationen über AIDS, weder in der Schule noch in den Medien. Viele wissen kaum über die Anwendung von Kondomen Bescheid, würden sie wahr­scheinlich jedoch benutzen, erklärte man es ihnen.


Untaugliche Versuche

Die großen Veränderungen in Politik und Gesellschaft werden auch in Bulgarien allmählich zu einer Demokratisierung führen, doch die Veränderung des Denkens wird für viele schmerzhaft werden. Heute wird in Bulgarien niemand (sic!) wegen seiner Homosexualität verfolgt, doch die Gesellschaft ist noch immer Sklave ihrer verstümmelten Psyche. Es gab in der Vergangenheit einige Versuche, das Thema in den Massenmedien zu behandeln, Aber zumeist waren diese Versuche mehr sensationell als positiv. Um reale Verbesserungen zu befordern, sind sie untauglich. Denn sie wurden von Menschen unternommen, die keine klaren Vorstellungen und Kriterien haben, die nichts mit ihren 'Opfern" verbindet und die sich nur auf das verlassen, was sie mal irgendwo über Homosexualität gelesen oder gehört haben, und deren Homosexuellenbild ideologisch verzerrt ist. Diese absurden Versuche sind ein Anfang, es ist aber höchste Zeit, daß der Öffentlichkeit akkurate, objektive und vor alle -aktuelle Informationen vermittelt werden -- im Interesse der Homosexuellen selbst wie auch der Gesellschaft insgesamt. Denn daß sind die Probleme der Gesellschaft, in der die Homosexuellen leben. Nur die Akzeptanz dieser Probleme durch die Gesellschaft wird zu Veränderungen in den Köpfen der Menschen fuhren.

Aufgezeichnet nach einem Gespräch

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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