Viele Hoffnungen - grenzenlose Probleme  


Viele Hoffnungen - grenzenlose Probleme
Ein Bericht von der Osteuropa-Konferenz der ILGA in Bratislava

Juni 1992

us mehr als zwanzig Ländern kamen sie nach Bratislava zu ILGA-Regionalkonferenz: Über hundert Lesben und Schwule aus den ehemaligen "Ostblockländern" und solche aus anderen Staaten, die ihnen zuhören und erfahren wollten, wie die dortige Lage ist und wie geholfen werden könnte, die zu verbessern.

Spürbar angestiegen gegenüber den Vorjahren war dabei die Zahlreicher aus den west­europäischen und nordamerikanischen Staaten, die begreifen, daß westliche Modelle sich nicht auf osteuropäische Länder übertragen lassen, ohne die kulturellen und geschichtlichen Bedingungen zu berücksichtigen.

Nach der offiziellen Eröffnungsansprache von Marian Vojtek, Mitglied der gastgebenden Organisation "Ganymedes", in der der Redner sich überrascht zeigte, daß bereits nach zwei Jahren ihrer Existenz die Gruppe in der Lage war, eine solche große Konferenz zu organ­isieren, ergriff, Jiri Hromada das Wort. Der Schauspieler und Vorsitzende des tschecho­slowakischen Lesben- und Schwulen­verbandes  'SOHO" erklärte, in seinem Land sei es Brauch, daß Liebende sich unter blühenden Bäumen treffen, um einander zu küssen, damit die Liebe während des kommen­den Jahres nicht welke; der Kuß solle auch Kraft und Energie geben. Er rief die Teilnehmer­Innen auf, ihre NachbarInnen zu küssen unter dem blühenden Baum der ILGA. Hromada zeigte sich in seiner Rede zufrieden mit den Ergebnissen, die in der CSFR seit 1990 erreicht worden sind. Es sei aber noch mehr möglich. Als größtes und langfristiges Problem nannte er die überkommene Denkweise der Bevölkerung.


Warnung vor westlichen Fehlern

In einer weiteren kurzen Rede erinnerte ILGA-Generalsekretär John Clark an die erste Osteuropakonferenz, die im Frühling 1987 in Budapest stattfand, und bei der sich nur 15 Leute in einem Cafe trafen, voller Angst und mit einem Aufpasser an der Tür für den Fall, daß die Polizei anrückt.  Lisa Power, ausscheidende ILGA-Generalsekretärin, die zu ihrer ersten Osteuropakonferenz kam, erntete Beifall für ihre Bemerkung, es sei schon, so viele Lesben in Bratislava zu treffen. Besonders wandte sie sich mit ihrem Grußwort an jene, die sich aktiv gegen Kriege und die Unterdrückung der Frauen in osteuropäischen Ländern einsetzen.

Ein weiterer Gast der Konferenz war Henning Mikkelsen vom "Global AIDS Programme" der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Er sprach über die Verantwortung von sogenannten Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) und die besondere Rolle von Schwulengruppen im Kampf gegen AIDS. "Es besteht die große Gefahr," so Mikkelsen, „daß die gleichen traurigen Erfahrungen, die die westliche Homosexuellen-Gemeinschaften haben machen müssen, im Osten wiederholt werden. Aber es gibt auch die Möglichkeit, daß die Homosexuellengruppen der Gesellschaft zeigen, wie das Problem anzupacken ist. Mikkelsen merkte an, daß, obwohl die WHO traditionell zum medizinischen Establishment gehört und nie Fragen Schwuler aufgegriffen hat, es viele wichtige Änderungen in ihrer Haltung" gegeben habe.

Andrej Selerowicz von der HOSI Wien sprach über Verbesserungen hinsichtlich der Sicht-barkeit von Lesben und Schwulen in Osteuropa. „Mit Ausnahme von Rumänien erscheinen unsere Zeitschriften ziemlich regelmäßig. Eine Bremse für die Aktivitäten sind der Mangel an gut ausgestatteten Büros und Lesben- und Schwulenzentren. Bars und Diskotheken – ob­gleich ein wichtiger Teil unserer Kultur -, fordern keine sozialen und politischen Akt­ivitäten."  Er warnte darüber hinaus vor dem Hinaustragen unterschiedlicher Auffassungen ,interner Konflikte, und Verleumdungen in die Öffentlichkeit und diesbezüglich der Gefahr, das Prestige der entstehenden Bewegungen zu schwächen.’

Andrej Selerowicz: "Es ist nicht gut, die lesbischen und schwulen Bars in Händen von Leuten zu lassen, die die Ziele der Bewegung nicht unterstützen und die sich nicht selten darüber amüsieren, wie leicht es ist, Geld aus 'dummen Tunten und Mannweibern' zu quetschen. "


Themenvielfalt in Workshops

Wie bei allen ILGA-Konferenzen fanden auch in Bratislava die meisten Diskussionen in Workshops statt. Einer davon befaßte sich mit dem Erfahrungsaustausch lesbisch-schwuler Zentren in Ost und West. Konkret strebten Gruppen aus Ljubljana (Slowenien) und Ostrava (CSFR) solche Beziehungen an. Weitere Themen waren unter anderem gemeinsame politische Aktivitäten, die Arbeit in und mit multinationalen Gremien wie der UNO oder der WHO, Diskriminierungsformen innerhalb der Lesben- und Schwulenbewegung sowie die besondere Situation von lesbischen Frauen in Osteuropa. Der starke Einfluß der Kirche, vor allem der katholischen, in den ost- und südosteuropäischen Ländern und wie Lesben und Schwule damit umgehen können war ein anderer Schwerpunkt der Tagung. Ebenso wurden Ausbildungsprogramme für Lesben und Schwule erörtert.


Hier Zensur, da Geldnot

 Die Unterschiede und Widersprüche in der Arbeit der Homosexuellengruppen und auch der AIDS-Arbeit in den verschiedenen Ländern wurden anhand von Beitragen aus der CSFR, Litauen, Lettland und Polen deutlich, wie antihomosexuelle Gesetzeslage in Litauen beispielsweise erschwert die AIDS-Aufklärung, da viele Schwule sich scheuen, zum Arzt zu gehen. Der Chefredakteur der Zeitung AIDS-Kronik, die in einem Beitrag auch Informationen speziell für Schwule über AIDS und  Infektions­wege abdruckte, wurde von der litauischen Staatsanwaltschaft wegen "Propagierung von Straftaten" verwarnt. Dieser und ähnliche Fälle führten auf der ILGA-Tagung zu einer Diskussion über Möglich­keiten, Aufklärungsflugblätter für Länder wie Litauen und Polen im Ausland erarbeiten bzw. drucken zu lassen. Die Konferenz sandte einen mit entsprechenden Materialien der WHO versehenen Protestbrief an den Iitauischen Gesundheitsminister. Dieser Protestnote lag nicht zuletzt die Tatsache zugrunde, daß die litauische Regierung mit solchen Aktionen von ihr erst kürzlich unterzeichnete internationale Abkommen verletzt.

 Die Lage in Lettland hingegen ist die, daß auch für Homosexuelle politische Freiheit herrscht, seit der Paragraph 121 des ehemaligen sowjetischen Strafgesetzbuches gestrichen wurde. Jedoch macht die ökonomische Krise des Landes die Aufklärung über HIV und AIDS sehr schwierig. Da Flugblätter aus  finanzielle Gründen nicht gedrückt werden können, versuchen die AktivistInnen, Rundfunkprogramme dafür zu nützen.

 

Keine Krankheit - kein Thema?

Seit im vergangenen Dezember die Weltgesundheitsorganisation ankündigte, ab dem 1. Januar 1993 Homosexualität von ihrer Krankheitsliste zu streichen, weigern sich in Osteuropa verschiedene Gesundheitsbehörden mit Lesben- und Schwulengruppen zu reden. Diese seien ja nicht mehr krank. Fakt bleibt jedoch, so ein Teilnehmer aus Polen; daß die WHO es als ein Menschenrecht betrachtet, die eigene Sexualität ohne Diskriminierung ausleben zu können. Wenn Menschen gezwungen werden, sie zu verstecken, so sei dies ein Gesundheitsproblem und es sei ebenso ein Recht, darüber informiert zu werden, wie man seine Gesundheit schützen kann. Polen hat kein staatliches AIDS-Programm, und nur manchmal ergibt sich die Möglichkeit eines Gesprächs mit untergeordneten Stellen, zum Beispiel über die Weiterbildung der Polizei.

In Zweifel gezogen wurde auf der Konferenz eine Statistik, die besagt, in Polen seien mehr Drogenabhängige als Schwule HIV-positiv. Soetwas müsse immer genau überprüft  werden. Es gebe nämlich durchaus unterschiedliche Auffassungen zwischen Drogenabhängigen und Schwulen hinsichtlich des HIV-Tests. Man müsse bedenken, daß die meisten Männer eher zugeben, Drogen gebraucht als mit einem Mann geschlafen zu haben.  In Bulgarien wurde bis vor zwei Jahren behauptet, es gäbe keine HIV-Positiven. Vor einigen Wochen wurde nun seitens der Regierung zugegeben, daß es 15 AIDS-Kranke gibt. 13 Menschen seien an AIDS gestorben und 180 weitere sind HIV-positiv. Das sind aber aller wahr­scheinlichkeit nach keine reellen Angaben, da allein in einer Aprilwoche neun HIV-Positive bei einem AIDS-Zentrum bekannt wurden. Als erfreulich wertete es der bulgarische Vertreter bei der Konferenz, daß vom Staatspräsidenten zumindest eine öffentliche Mahnwache für die an AIDS Verstorbenen genehmigt worden ist.

Auch aus den AIDS-Workshops kam die  Anregung, ein „universelles“ Safer-Sex-Flugblatt zu erarbeiten, das, in die jeweiligen Landesprache übersetzt, die kulturellen und anderen Besonderheiten des Landes berücksichtigen könnte, und wenn nötig, auch illegal verteilt werden sollte.


Landlesben, Landschwule

Das Problem, wie man Lesben und Schwulen in ländlichen Gebieten und in Kleinstädten helfen könne, Selbstbewusstsein zu entwickeln und aus der Isolation herauszukommen, war Hauptthema eines eigenen Workshops. Dabei wurde als Prämisse gesetzt, daß es jeder oder jedem selbst überlassen sein muß, ein Coming out zu machen, da sie oder er allein zurechtkommen müßten mit einer Gesellschaft, die auf dem Lande noch weit "kleinkarierter und konservativer" sei als in den Großstädten, wo zudem noch relative Anonymität möglich sei. Als wesentliches Problem tat sich auf, überhaupt an die betreffenden Lesben und Schwulen heranzukommen. Vorschläge dazu waren, Kleinanzeigen mit Telefonnummern in kostenlos verteilten Anzeigeblättern aufzugeben, langfristig Adressen und Termine von lesbischschwulen Klubs und Diskotheken in nahegelegenen Städten bekanntzugeben, Zeitschriften und Zeitungen auf Wunsch in verschlossenen Umschlägen diskret zuzusenden oder Informationsmaterialien einfach unverdächtig oder "rein zufällig" herumliegen au lassen. In jedem Falle sollten die heterosexuellen Massenmedien, vor allem der Rundfunk, genutzt werden. Hier gäbe es zum Teil größere Chancen, Lesben und Schwule auf dem Land zu erreichen, als gemeinhin angenommen würde.

Abgesehen von dieser umfangreichen inhaltlichen Arbeit wurde auch die ILGA-Konferenz von Bratislava wieder von einer kleinen Friedensdemonstration begleitet; im Rahmenprogramm gab es eine gro8e Diskothek mit einer sehr niveauvollen Travestie-Einlage. Und es entstanden viele neue Freundschaften', die für  „WestlerInnen" wichtig sind, um ein näheres Verständnis von den "Ostproblemen" entwickeln zu können und welche das Selbstbewußtsein der Lesben und Schwulen im ehemaligen "Ostblock" stärken.

Colin de la Motte-Sherman


Anmerkung

Wenn sich der Autor eine persönliche Anmerkung erlauben darf: Eine Schwierigkeit bei der Analyse ihrer Vergangenheit und Gegenwart besteht bei nicht wenigen Lesben und Schwulen in Osteuropa offenbar darin, daß sie den „Sozialismus" durch eine andere schein­heilige Religion ersetzen und dabei die Probleme der Menschen sich kaum verringert haben. Sie glauben vielfach, daß der Ursprung ihrer aktuellen Probleme ausschließlich im Zeitraum 1945 bis 1990 zu suchen ist – eine Betrach­tungsweise, die wahrlich als kurzsichtig be­schrieb­en werden kann. Sie führt allzu leicht zur Anbetung eines neuen Goldenen Kalbes, wenn nicht große Vorsicht dabei geübt wird.

 
 
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© 2001 Colin de la Motte-Sherman