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mehr als zwanzig Ländern kamen sie nach Bratislava zu ILGA-Regionalkonferenz:
Über hundert Lesben und Schwule aus den ehemaligen "Ostblockländern"
und solche aus anderen Staaten, die ihnen zuhören und erfahren wollten,
wie die dortige Lage ist und wie geholfen werden könnte, die zu verbessern.
Spürbar angestiegen gegenüber den Vorjahren war dabei die Zahlreicher
aus den westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten, die begreifen,
daß westliche Modelle sich nicht auf osteuropäische Länder übertragen
lassen, ohne die kulturellen und geschichtlichen Bedingungen zu
berücksichtigen.
Nach der offiziellen Eröffnungsansprache von Marian Vojtek, Mitglied
der gastgebenden Organisation "Ganymedes", in der der
Redner sich überrascht zeigte, daß bereits nach zwei Jahren ihrer
Existenz die Gruppe in der Lage war, eine solche große Konferenz
zu organisieren, ergriff, Jiri Hromada das Wort. Der Schauspieler
und Vorsitzende des tschechoslowakischen Lesben- und Schwulenverbandes
'SOHO" erklärte, in seinem Land sei es Brauch, daß Liebende
sich unter blühenden Bäumen treffen, um einander zu küssen, damit
die Liebe während des kommenden Jahres nicht welke; der Kuß solle
auch Kraft und Energie geben. Er rief die TeilnehmerInnen auf,
ihre NachbarInnen zu küssen unter dem blühenden Baum der ILGA. Hromada
zeigte sich in seiner Rede zufrieden mit den Ergebnissen, die in
der CSFR seit 1990 erreicht worden sind. Es sei aber noch mehr möglich.
Als größtes und langfristiges Problem nannte er die überkommene
Denkweise der Bevölkerung.
Warnung vor westlichen Fehlern
In einer weiteren kurzen Rede erinnerte ILGA-Generalsekretär John
Clark an die erste Osteuropakonferenz, die im Frühling 1987 in Budapest
stattfand, und bei der sich nur 15 Leute in einem Cafe trafen, voller
Angst und mit einem Aufpasser an der Tür für den Fall, daß die Polizei
anrückt. Lisa Power, ausscheidende ILGA-Generalsekretärin, die
zu ihrer ersten Osteuropakonferenz kam, erntete Beifall für ihre
Bemerkung, es sei schon, so viele Lesben in Bratislava zu treffen.
Besonders wandte sie sich mit ihrem Grußwort an jene, die sich aktiv
gegen Kriege und die Unterdrückung der Frauen in osteuropäischen
Ländern einsetzen.
Ein weiterer Gast der Konferenz war Henning Mikkelsen vom "Global
AIDS Programme" der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Er sprach
über die Verantwortung von sogenannten Nicht-Regierungs-Organisationen
(NGOs) und die besondere Rolle von Schwulengruppen im Kampf gegen
AIDS. "Es besteht die große Gefahr," so Mikkelsen, „daß
die gleichen traurigen Erfahrungen, die die westliche Homosexuellen-Gemeinschaften
haben machen müssen, im Osten wiederholt werden. Aber es gibt auch
die Möglichkeit, daß die Homosexuellengruppen der Gesellschaft zeigen,
wie das Problem anzupacken ist. Mikkelsen merkte an, daß, obwohl
die WHO traditionell zum medizinischen Establishment gehört und
nie Fragen Schwuler aufgegriffen hat, es viele wichtige Änderungen
in ihrer Haltung" gegeben habe.
Andrej Selerowicz von der HOSI Wien sprach über Verbesserungen
hinsichtlich der Sicht-barkeit von Lesben und Schwulen in Osteuropa.
„Mit Ausnahme von Rumänien erscheinen unsere Zeitschriften ziemlich
regelmäßig. Eine Bremse für die Aktivitäten sind der Mangel an gut
ausgestatteten Büros und Lesben- und Schwulenzentren. Bars und Diskotheken
– obgleich ein wichtiger Teil unserer Kultur -, fordern keine sozialen
und politischen Aktivitäten." Er warnte darüber hinaus vor
dem Hinaustragen unterschiedlicher Auffassungen ,interner Konflikte,
und Verleumdungen in die Öffentlichkeit und diesbezüglich der Gefahr,
das Prestige der entstehenden Bewegungen zu schwächen.’
Andrej Selerowicz: "Es ist nicht gut, die lesbischen und schwulen
Bars in Händen von Leuten zu lassen, die die Ziele der Bewegung
nicht unterstützen und die sich nicht selten darüber amüsieren,
wie leicht es ist, Geld aus 'dummen Tunten und Mannweibern' zu quetschen.
"
Themenvielfalt in Workshops
Wie bei allen ILGA-Konferenzen fanden auch in Bratislava die meisten
Diskussionen in Workshops statt. Einer davon befaßte sich mit dem
Erfahrungsaustausch lesbisch-schwuler Zentren in Ost und West. Konkret
strebten Gruppen aus Ljubljana (Slowenien) und Ostrava (CSFR) solche
Beziehungen an. Weitere Themen waren unter anderem gemeinsame politische
Aktivitäten, die Arbeit in und mit multinationalen Gremien wie der
UNO oder der WHO, Diskriminierungsformen innerhalb der Lesben- und
Schwulenbewegung sowie die besondere Situation von lesbischen Frauen
in Osteuropa. Der starke Einfluß der Kirche, vor allem der katholischen,
in den ost- und südosteuropäischen Ländern und wie Lesben und Schwule
damit umgehen können war ein anderer Schwerpunkt der Tagung. Ebenso
wurden Ausbildungsprogramme für Lesben und Schwule erörtert.
Hier Zensur, da Geldnot
Die Unterschiede und Widersprüche in der Arbeit der Homosexuellengruppen
und auch der AIDS-Arbeit in den verschiedenen Ländern wurden anhand
von Beitragen aus der CSFR, Litauen, Lettland und Polen deutlich,
wie antihomosexuelle Gesetzeslage in Litauen beispielsweise erschwert
die AIDS-Aufklärung, da viele Schwule sich scheuen, zum Arzt zu
gehen. Der Chefredakteur der Zeitung AIDS-Kronik, die in einem Beitrag
auch Informationen speziell für Schwule über AIDS und Infektionswege
abdruckte, wurde von der litauischen Staatsanwaltschaft wegen "Propagierung
von Straftaten" verwarnt. Dieser und ähnliche Fälle führten
auf der ILGA-Tagung zu einer Diskussion über Möglichkeiten, Aufklärungsflugblätter
für Länder wie Litauen und Polen im Ausland erarbeiten bzw. drucken
zu lassen. Die Konferenz sandte einen mit entsprechenden Materialien
der WHO versehenen Protestbrief an den Iitauischen Gesundheitsminister.
Dieser Protestnote lag nicht zuletzt die Tatsache zugrunde, daß
die litauische Regierung mit solchen Aktionen von ihr erst kürzlich
unterzeichnete internationale Abkommen verletzt.
Die Lage in Lettland hingegen ist die, daß auch für Homosexuelle
politische Freiheit herrscht, seit der Paragraph 121 des ehemaligen
sowjetischen Strafgesetzbuches gestrichen wurde. Jedoch macht die
ökonomische Krise des Landes die Aufklärung über HIV und AIDS sehr
schwierig. Da Flugblätter aus finanzielle Gründen nicht gedrückt
werden können, versuchen die AktivistInnen, Rundfunkprogramme dafür
zu nützen.
Keine Krankheit - kein Thema?
Seit im vergangenen Dezember die Weltgesundheitsorganisation ankündigte,
ab dem 1. Januar 1993 Homosexualität von ihrer Krankheitsliste zu
streichen, weigern sich in Osteuropa verschiedene Gesundheitsbehörden
mit Lesben- und Schwulengruppen zu reden. Diese seien ja nicht mehr
krank. Fakt bleibt jedoch, so ein Teilnehmer aus Polen; daß die
WHO es als ein Menschenrecht betrachtet, die eigene Sexualität ohne
Diskriminierung ausleben zu können. Wenn Menschen gezwungen werden,
sie zu verstecken, so sei dies ein Gesundheitsproblem und es sei
ebenso ein Recht, darüber informiert zu werden, wie man seine Gesundheit
schützen kann. Polen hat kein staatliches AIDS-Programm, und nur
manchmal ergibt sich die Möglichkeit eines Gesprächs mit untergeordneten
Stellen, zum Beispiel über die Weiterbildung der Polizei.
In Zweifel gezogen wurde auf der Konferenz eine Statistik, die
besagt, in Polen seien mehr Drogenabhängige als Schwule HIV-positiv.
Soetwas müsse immer genau überprüft werden. Es gebe nämlich durchaus
unterschiedliche Auffassungen zwischen Drogenabhängigen und Schwulen
hinsichtlich des HIV-Tests. Man müsse bedenken, daß die meisten
Männer eher zugeben, Drogen gebraucht als mit einem Mann geschlafen
zu haben. In Bulgarien wurde bis vor zwei Jahren behauptet, es
gäbe keine HIV-Positiven. Vor einigen Wochen wurde nun seitens der
Regierung zugegeben, daß es 15 AIDS-Kranke gibt. 13 Menschen seien
an AIDS gestorben und 180 weitere sind HIV-positiv. Das sind aber
aller wahrscheinlichkeit nach keine reellen Angaben, da allein
in einer Aprilwoche neun HIV-Positive bei einem AIDS-Zentrum bekannt
wurden. Als erfreulich wertete es der bulgarische Vertreter bei
der Konferenz, daß vom Staatspräsidenten zumindest eine öffentliche
Mahnwache für die an AIDS Verstorbenen genehmigt worden ist.
Auch aus den AIDS-Workshops kam die Anregung, ein „universelles“
Safer-Sex-Flugblatt zu erarbeiten, das, in die jeweiligen Landesprache
übersetzt, die kulturellen und anderen Besonderheiten des Landes
berücksichtigen könnte, und wenn nötig, auch illegal verteilt werden
sollte.
Landlesben, Landschwule
Das Problem, wie man Lesben und Schwulen in ländlichen Gebieten
und in Kleinstädten helfen könne, Selbstbewusstsein zu entwickeln
und aus der Isolation herauszukommen, war Hauptthema eines eigenen
Workshops. Dabei wurde als Prämisse gesetzt, daß es jeder oder jedem
selbst überlassen sein muß, ein Coming out zu machen, da sie oder
er allein zurechtkommen müßten mit einer Gesellschaft, die auf dem
Lande noch weit "kleinkarierter und konservativer" sei
als in den Großstädten, wo zudem noch relative Anonymität möglich
sei. Als wesentliches Problem tat sich auf, überhaupt an die betreffenden
Lesben und Schwulen heranzukommen. Vorschläge dazu waren, Kleinanzeigen
mit Telefonnummern in kostenlos verteilten Anzeigeblättern aufzugeben,
langfristig Adressen und Termine von lesbischschwulen Klubs und
Diskotheken in nahegelegenen Städten bekanntzugeben, Zeitschriften
und Zeitungen auf Wunsch in verschlossenen Umschlägen diskret zuzusenden
oder Informationsmaterialien einfach unverdächtig oder "rein
zufällig" herumliegen au lassen. In jedem Falle sollten die
heterosexuellen Massenmedien, vor allem der Rundfunk, genutzt werden.
Hier gäbe es zum Teil größere Chancen, Lesben und Schwule auf dem
Land zu erreichen, als gemeinhin angenommen würde.
Abgesehen von dieser umfangreichen inhaltlichen Arbeit wurde auch
die ILGA-Konferenz von Bratislava wieder von einer kleinen Friedensdemonstration
begleitet; im Rahmenprogramm gab es eine gro8e Diskothek mit einer
sehr niveauvollen Travestie-Einlage. Und es entstanden viele neue
Freundschaften', die für „WestlerInnen" wichtig sind, um ein
näheres Verständnis von den "Ostproblemen" entwickeln
zu können und welche das Selbstbewußtsein der Lesben und Schwulen
im ehemaligen "Ostblock" stärken.
Colin de la Motte-Sherman
Anmerkung
Wenn sich der Autor eine persönliche Anmerkung erlauben darf: Eine
Schwierigkeit bei der Analyse ihrer Vergangenheit und Gegenwart
besteht bei nicht wenigen Lesben und Schwulen in Osteuropa offenbar
darin, daß sie den „Sozialismus" durch eine andere scheinheilige
Religion ersetzen und dabei die Probleme der Menschen sich kaum
verringert haben. Sie glauben vielfach, daß der Ursprung ihrer aktuellen
Probleme ausschließlich im Zeitraum 1945 bis 1990 zu suchen ist
– eine Betrachtungsweise, die wahrlich als kurzsichtig beschrieben
werden kann. Sie führt allzu leicht zur Anbetung eines neuen Goldenen
Kalbes, wenn nicht große Vorsicht dabei geübt wird.
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