
ine ruhige, fröhliche, schöne Stadt - so beschreibt die schwedische
Schwulen- und Lesbenzeitung "Reporter" Stockholm in ihrer
Sommerausgabe. 'Stockholm wird fröhlich im Sommer. Alles verändert
sich und jede(r) ist bereit, sich der Kleider zu entledigen. Nach
einigen verschlafenen Jahren hat sich hier so etwas wie eine Schwulenszene
entwickelt: Es gibt verschiedene Strände - der auf Langholm ist dem
Zentrum am nächsten - von denen man die schwulen Nackten allerdings
durch die Errichtung von immer mehr Gebäuden zu vertreiben trachtet."
Vielleicht ist das der Grund dafür, daß die schwedischen Organisatoren
der 12. Jahreskonferenz der ILGA ein Picknick gerade dort arrangierten,
ein Abendbrot mitten auf dem Strich! Aber 'Reporter" schwieg
sich gänzlich aus über die schwedischen Geheimwaffen ! Es gibt derartig
viele blauäugig- blonde Vikinger, die dort auf offener Straße frei
herumlaufen, daß es strafbar sein sollte! Die haben doch dort tatsächlich
einen Laden, der 'Blondie Bürger" heißt und wo man etwas Leckeres
zum Anbeißen kaufen können soll. Jedoch, als wir uns zwei Blondie
Bürger einpacken lassen wollten, flüchtete der einzig vorhandene.
Und der wäre sooo lecker gewesen!
Der schwedische Verband heißt RFSL,
und sein Homo-Palast direkt in der City hat täglich geöffnet. Hier
ist die Atmosphäre etwas weniger wild. Und es fühlt auf, daß die
Lesben hier (fast) ebenso hübsch sind wie die Blondie-Bürger. Wer
den Laden verläßt, muß übrigens ein Kondom vorweisen. Was es so
alles gibt! Den Dank der 300 Delegierten haben die Gastgeber sich
redlich verdient, denn trotz der hohen Lebenshaltungskosten in Schweden
ist niemand verhungert und waren alle gut untergebracht. Die straffe
Planung der Konferenz hat letztlich dazu beigetragen, die Stockholmer
Tage auch inhaltlich zu einem Erfolg werden zu lassen. Nicht zuletzt
förderte dies auch ein Gefühl der Solidarität und der Zusammengehörigkeit
der Weltbewegung - ein Gefühl, das gerade wichtig ist für die in
Entwicklungsländern arbeitenden Gruppen. Dennoch wurden aber auch
teils erhebliche Differenzen, besonders zwischen den nationalen
Gruppe deutlich, insbesondere zwischen französischen, holländischen
und jenen des noch geteilten Deutschland. Kompromisse fanden sich
dann aber im Konferenzverlauf. Wichtig zu vermelden aus deutscher
Sicht sind die Neuaufnahmen dreier DDR-Gruppen: des Schwulenverbandes,
des Sonntags-Clubs sowie -nicht ganz ohne Schwierigkeiten- der AGH
'Courage".
Bedeutsam ebenso Telegramme und Eilbriefe
der Konferenz an Bundeskanzler Helmut Kohl, DDR-Premier Lothar de
Maiziere sowie die deutschen Botschafter in Schweden, die sich gegen
die Wiedereinführung der Paragraphen 175 und 218 im Zuge der deutschen
Vereinigung wandten.
Ein zu zuerst abgesetzter Workshop
zum Thema Neofaschismus kam auf Betreiben der der AGH 'Courage"
und mit Unterstützung des Bundesverbandes Homosexualität und der
Schwulengruppe der KP der Niederlande dennoch zustande. An ihm
gebilligten sich über 20 VertreterInnen aus 17 Ländern. Festgestellt
wurde von nahezu allen, daß die realen Gefahren viel weniger von
faschistischen Parteien herrühren, als vielmehr von der Übernahme
faschistischen Gedankengutes durch etablierte konservative Parteien,
deren Infiltration durch Faschisten, sowie die drastische Zunahme
der Rassismus und antihomosexueller Ausschreitungen. Diesbezüglich
stellte die staatlich verordnete und religiös motivierte Ermordung
Homosexuelle in Iran nur die Spitze des Eisbergs dar (dagegen protestierten
die 300 Delegierten öffentlich in Stockholm, wobei sie in der Altstadt
teilweise Verkehrsstaus verursachten). Als hätte es noch einer Bestätigung
der Theorie durch die Praxis bedurft, berichtete im weiteren Verlaufe
des Tagung ein polnischer Schwüler darüber, daß Lech Walesa angekündigt
habe, im Falle seiner Wahl zum Präsidenten, Polen von Drogenabhängigen,
Aids-Kranken und Homosexuellen zu säubern. „Ich fürchte,“ so der
Delegierte, „er wird viel Unterstützung bekommen.“ Er hat großen
Einfluß auf das Proletariat, obwohl er von der Intelligenz scharf
kritisiert wird. „Ich befürchte, er könnte der polnische Hitler
werden." Der Übertreibung bezichtigt ergänzte er: „Er hat das
Wort ‚eliminieren’ gebraucht. Ich habe es im Rundfunk gehört."
Praktisches Resultat des Workshops war die Einrichtung eines Informationspools
Neofaschismus unter Federführung vor CPN (Niederlande), BVH
(BRD) und Courage (DDR), der den Austausch über entsprechende Angriffe
und Gegenaktionen koordinieren sowie ILGA-Bulletin zum Thema vorbereiten
soll.
Ein während der Konferenzverteiltes
Papier zitierte den Experten der Texas-Universität Robert Geffner,
wonach 25% aller Mädchen und 1 2% aller Jungen unter 18 Jahren in
der eigenen Familie sexuell mißbraucht werden.
Ein großer Teil der ILGA-Arbeit wurde
in speziellen Workshops geleistet, so unter anderem „Homosexualität
und Humanismus", ("Die Trennung von Staat und Religion/Ideologie
ist eine notwendige Bedingung für Demokratie)“, Homosexualität und
Christentum' (überall in der Welt wird die Kirche zunehmend totalitär;
Lage in Polen besonders schlimm"), Homosexualität und Sozialdemokratie
bzw. Konservatismus" ("Es ist wichtig, homofreundliche
Politiker zu unterstützen"), "Homosexualität und Behinderte"
("Schwule und Lesben können sich keine sexuelle Beziehung mit
Behinderten vorstellen").
Viele der Workshops befaßten sich mit
Frauen-Lesbenthemen.
Colin de la Motte-Sherman
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