Stockholm '90 - Wow!  


Stockholm  '90 - Wow!
Ein Bericht von der 12. Jahreskonferenz der ILGA

Herausgegeben: Die Andere Welt,
September 1990

ine ruhige, fröhliche, schöne Stadt - so beschreibt die schwedische Schwulen- und Lesbenzeitung "Reporter" Stockholm in ihrer Sommerausgabe. 'Stockholm wird fröhlich im Sommer.  Alles verändert sich und jede(r) ist bereit, sich der Kleider zu entledigen. Nach einigen verschlafenen Jahren hat sich hier so etwas wie eine Schwulenszene entwickelt: Es gibt verschiedene Strände - der auf Langholm ist dem Zentrum am nächsten - von denen man die schwulen Nackten allerdings durch die Errichtung von immer mehr Gebäuden zu vertreiben trachtet." Vielleicht ist das der Grund dafür, daß die schwedischen Organisatoren der 12. Jahreskonferenz der ILGA ein Picknick gerade dort arrangierten, ein Abendbrot mitten auf dem Strich! Aber 'Reporter" schwieg sich gänzlich aus über die schwedischen Geheimwaffen ! Es gibt derartig viele blauäugig- blonde Vikinger, die dort auf offener Straße frei herumlaufen, daß es strafbar sein sollte! Die haben doch dort tatsächlich einen Laden, der 'Blondie Bürger" heißt und wo man etwas Leckeres zum Anbeißen kaufen können soll. Jedoch, als wir uns zwei Blondie Bürger einpacken lassen wollten, flüchtete der einzig vorhandene. Und der wäre sooo lecker gewesen!

Der schwedische Verband heißt RFSL, und sein Homo-Palast direkt in der City hat täglich geöffnet. Hier ist die Atmosphäre etwas weniger wild. Und es fühlt auf, daß die Lesben hier (fast) ebenso hübsch sind wie die Blondie-Bürger. Wer den Laden verläßt, muß übrigens ein Kondom vorweisen. Was es so alles gibt! Den Dank der 300 Delegierten haben die Gastgeber sich redlich verdient, denn trotz der hohen Lebenshaltungskosten in Schweden ist niemand verhungert und waren alle gut untergebracht. Die straffe Planung der Konferenz hat letztlich dazu beigetragen, die Stockholmer Tage auch inhaltlich zu einem Erfolg werden zu lassen. Nicht zuletzt förderte dies auch ein Gefühl der Solidarität und der Zusammengehörigkeit der Weltbewegung - ein Gefühl, das gerade wichtig ist für die in Entwicklungsländern arbeitenden Gruppen. Dennoch wurden aber auch teils erhebliche Differenzen, besonders zwischen den nationalen Gruppe deutlich, insbesondere zwischen französischen, holländischen und jenen des noch geteilten Deutschland. Kompromisse fanden sich dann aber im Konferenzverlauf. Wichtig zu vermelden aus deutscher Sicht sind die Neuaufnahmen dreier DDR-Gruppen: des Schwulenverbandes, des Sonntags-Clubs sowie -nicht ganz ohne Schwierigkeiten- der AGH 'Courage".

Bedeutsam ebenso Telegramme und Eilbriefe der Konferenz an Bundeskanzler Helmut Kohl, DDR-Premier Lothar de Maiziere sowie die deutschen Botschafter in Schweden, die sich gegen die Wiedereinführung der Paragraphen 175 und 218 im Zuge der deutschen Vereinigung wandten.

Ein zu zuerst abgesetzter Workshop zum Thema Neofaschismus kam auf Betreiben der der AGH 'Courage" und mit Unterstützung des Bundesverbandes Homosexualität und der Schwulen­gruppe der KP der Niederlande dennoch zustande. An ihm gebilligten sich über 20 VertreterInnen aus 17 Ländern. Festgestellt wurde von nahezu allen, daß die realen Gefahren viel weniger von faschistischen Parteien herrühren, als vielmehr von der Übernahme faschist­ischen Gedankengutes durch etablierte konservative Parteien, deren Infiltration durch Faschisten, sowie die drastische Zunahme der Rassismus und antihomosexueller Ausschreitungen. Diesbezüglich stellte die staatlich verordnete und religiös motivierte Ermordung Homosexuelle in Iran nur die Spitze des Eisbergs dar (dagegen protestierten die 300 Delegierten öffentlich in Stockholm, wobei sie in der Altstadt teilweise Verkehrsstaus verursachten). Als hätte es noch einer Bestätigung der Theorie  durch die Praxis bedurft, berichtete im weiteren Verlaufe des Tagung ein polnischer Schwüler darüber, daß Lech Walesa angekündigt habe, im Falle seiner Wahl zum Präsidenten, Polen von Drogenabhängigen, Aids-Kranken und Homosexuellen zu säubern. „Ich fürchte,“ so der Delegierte, „er wird viel Unterstützung bekommen.“ Er hat großen Einfluß auf das Proletariat, obwohl er von der Intelligenz scharf kritisiert wird. „Ich befürchte, er könnte der polnische Hitler werden." Der Übertreibung bezichtigt ergänzte er: „Er hat das Wort ‚eliminieren’ gebraucht. Ich habe es im Rundfunk gehört." Praktisches Resultat des Workshops war die Einrichtung eines Informationspools Neofaschismus unter Federführung vor CPN (Niederlande), BVH (BRD) und Courage (DDR), der den Austausch über entsprechende Angriffe und Gegenaktionen koordinieren sowie ILGA-Bulletin zum Thema vorbereiten soll.

Ein während der Konferenzverteiltes Papier zitierte den Experten der Texas-Universität Robert Geffner, wonach 25% aller Mädchen und 1 2% aller Jungen unter 18 Jahren in der eigenen Familie sexuell mißbraucht werden.

Ein großer Teil der ILGA-Arbeit wurde in speziellen Workshops geleistet, so unter anderem „Homosexualität und Humanismus", ("Die Trennung von Staat und Religion/Ideologie ist eine notwendige Bedingung für Demokratie)“, Homosexualität und Christentum' (überall in der Welt wird die Kirche zunehmend totalitär; Lage in Polen besonders schlimm"), Homosexualität und Sozialdemokratie bzw. Konservatismus" ("Es ist wichtig, homofreundliche Politiker zu unterstützen"), "Homosexualität und Behinderte" ("Schwule und Lesben können sich keine sexuelle Beziehung mit Behinderten vorstellen").

Viele der Workshops befaßten sich mit Frauen-Lesbenthemen.

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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