Seltsame Mischung  


Seltsame Mischung
Über das Institut für Sexualwissenschaft
des Dr. Magnus Hirschfeld

ie Magnus-Hirschfeld-GeseIlschaft arbeitet seit vielen Jahren an der Rekonstruktion des verlorenen Wissens um Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft.

Anfang Juni 1919 konnte sich der Berliner Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld, damals längst als Vorkämpfer der Homosexuellen weit über die Stadt hinaus bekannt, einen lange gehegten Wunsch erfüllen: Er gründete (mit drei Kollegen, dem Neurologen und Psychiater Arthur Kronfeld, dem Dermatologen Friedrich Wertheim, und dem Röntgenologen August Bessunger) aus eigenen Mitteln das "Institut für Sexualwissenschaft", für dessen Unterbringung er das frühere Hatzfeldsche Palais im Tiergarten gekauft hatte. In den Zelten 10, Ecke Beethovenstr. 3, wurde schnell eine stadtbekannte Adresse. Schon 1921 war das Gebäude für die gewachsenen Bedürfnisse zu klein, das Nachbarhaus - In den Zelten 9a - wurde hinzugekauft und die beiden Gebäude wurden innen miteinander verbunden. Aus dem früheren Restaurant (dem 'Luisenzelt') entstand der neue Vortragssaal des Instituts, der nach dem von Hirschfeld verehrten Jenenser Zoologen Ernst Haeckel benannt wurde. Das Institut verfügte nun - nach eigenen Angaben - über 115 Raume (da wurden wohl alle Dachkammern und Kellervorschläge mit gezählt).

Es gibt wenige detaillierte Beschreibungen des Instituts für Sexualwissenschaft. Eine davon stammt von Regierungs-Medizinalrat Schlegtendal. der im Mai 1920 das Institut im Auftrag des Polizeipräsidenten von Berlin besichtigte - im Zusammenhang mit dem Antrag Hirschfelds, das Institut in eine Stiftung umzuwandeln.
In seinem Bericht heißt es:

(...) In dem Hause sind 2 kleine Wohnungen untergebracht, die eine für den unverheirateten Leiter im ersten Geschoß, die andere für den jungverheirateten Abteilungsarzt Dr. Kronfeld im 2. Geschoß. (...)

Im Kellergeschoß sind Küchen und Wirtschaftsräume, das Laboratorium für Untersuchungen nach Wassermann (ziemlich öde und leer, wenn auch offenbar nicht ganz unbenutzt ...) und das Arbeitszimmer des Professors Dr. Friedenthal. des Leiters der sexualbiologischen Abteilung. In dem Kellerflur standen drei Käfige für in ganzen etwa 6 - 9 Meerschweinchen, weiße Ratten und Mäuse.

Im Erdgeschoß, das in fast allen Räumen vornehm, ja üppig, aber auch künstlerisch ausgestattet ist, dient die Diele als Warteraum. Sowohl Hirschfeld, als auch Dr. Kronfeld, der Psychiater der Anstalt, haben hier große, prachtvolle Sprechzimmer. Namentlich das des Leiters ist mit Kunstgegenständen. u. a. aber auch mit einem Klavier ausgestattet und so geräumig, daß es auch als Hörsaal benutzt wird und - teilweise auf Feldstühlen - Platz für 100 Personen bieten soll. ...

Im 1. Obergeschoß sind das ebenfalls vornehme Sprechzimmer des Facharztes für Haut- und Geschlechtskrankheiten Dr. Wertheim, das Arbeitszimmer für den 52jährigen Philologen Dr. Plock, der... hier seine in rechtlichen Fragen usw. beratende Tätigkeit fortsetzt, und ein Arbeitsbüro, sowie endlich der größere Raum, der als Archiv oder auch als Konferenzzimmer bezeichnet wird. Hier finden sich die Sammlungen von Moulagen und Bildern, die besichtigt werden können, sowie in z. Zt. jedenfalls verschlossenen Schränken die Sammlung der "Fragebogen", d.i. der selbstgeschriebenen "Bekenntnisse" der Kranken. Dieser Raum soll ebenfalls als Hörsaal gebraucht werden. Zwischen den genannten Räumen befindet sich die Privatwohnung des Besitzers, die ich nicht betreten habe. Wie mir von anderer Seite mitgeteilt, ist hier das intimste Sprechzimmer Hirschfelds; auf der einen Seite desselben sein eigenes Schlafzimmer, auf der anderen Seite das seines Gehilfen oder Dieners.

Im 2. Obergeschoß finden sich das Sprechzimmer des Facharztes für Hautkrankheiten Dr. Bessunger und die dazu gehörigen mit Röntgen- Vorrichtungen usw. reich ausgestatteten Nebenräume, ferner die Privatwohnung des Irrenarztes Dr. Kronfeld. ...


(ehemaliges Zentrales Staatsarchiv Merseburg, Rep. 76 VIII B Nr. 2076, Bl. 9-1)

Neben vier Forschungsabteilungen (Sexualbiologie, -pathologie, -soziologie und -ethnologie) gab es Abteilungen, die der psychologischen Versorgung und Beratung dienten: je eine Abteilung für seelische und für körperliche Sexualleiden (Geschlechtskrankheiten, Hautkrankheiten. Haarleiden und Kosmetik) sowie - als erste ihrer Art - eine Abteilung für Ehe und Berufsberatung. Schließlich hatte das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, die weltweit erste Homosexuellenorganisation, seine Räume im Institut: später war dort auch das Büro der von Hirschfeld gegründeten Weltliga für Sexualreform. In den Zelten 9a gab es im Obergeschoß wohl eine Art geschlossene Abteilung, in der von Polizei oder Justiz zur Begutachtung überstellte Personen untergebracht waren. Außerdem war dort eine Institutspension, die von Fachkollegen wie von reisenden Urningen mit schriftstellerischen Neigungen frequentiert wurde.

Die organisatorische Gliederung des Instituts scheint aber keine für alle Zeiten feststehende gewesen zu sein. Sie hat vielmehr mit den dort arbeitenden Personen und deren Interessen gewechselt, so daß man bei der Quellensuche über die Jahre auf immer neue Bezeichnungen stoßt. Manche Abteilungen haben zeitweilig wohl auch nur dem Namen nach existiert, waren aber nicht besetzt und haben keine Aktivitäten entfaltet.

Auftrag des Instituts war

"erstens die wissenschaftliche Erforschung des gesamten Geschlechts- und Liebeslebens sowie des Sexuallebens aller übrigen Lebewesen, zweitens die Nutzbarmachung dieser Forschungen für die Gesamtheit." (Hirschfeld in der JfsZ 19.1919, H. 1/2, S. 531)

Hirschfeld hatte immer die Vorstellung gehabt, daß "Gerechtigkeit" für die Homosexuellen (und andere .'Zwischenstufen') eine Folge der Aufklärung des Volkes über ihre "Natürlichkeit" sein würde - und wer konnte besser hier die Aufklärung sorgen als die Wissenschaft? Die Hoffnung, die Hormonforschung, an der sich das Institut in seinen Anfangsjahren beteiligte, konnte den wissenschaftlichen "Beweis" für die Natürlichkeit der Homosexualität bringen, mußte jedoch bald als trügerisch aufgegeben werden. Eine Neuorientierung der Forschungsarbeiten des Instituts gelang danach anscheinend nicht.

In der Tätigkeit des Instituts gibt es deshalb einen auffälligen Bruch um die Mitte der zwanziger Jahre. Statt eigener Forschung tritt die Aufklärungsarbeit in den Vordergrund; öffentliche Vortrags- und Frageabende und Führungen durch die Sammlungen des Instituts finden regelmäßig statt. Und man versucht, Einfluß auf die Sexualgesetzgebung zu nehmen - In Deutschland mit dem Kartell zur Reform des Sexualstrafrechts und seinem vielbeachteten Gegenentwurf von 1927, international durch die Weltliga für Sexualforschung (WLSR) und ihre Kongresse 1928, 1929, 1930 und 1932. Aus der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre stammt eine Fülle von populär gehaltenen Aufsätzen der Institutsmitarbeiter. Schließlich gründete Hirschfeld 1929 zusammen mit Maria Krische noch eine Zeitschrift mit dem programmatischen Titel "Die Aufklärung".

Nach 1926 ist von den Ärzten der Gründergeneration außer Hirschfeld (und Bessunger ?) niemand mehr am Institut tätig - der Hormonforscher Arthur Weil war in die USA ausgewandert: Hans Friedenthal hatte sein Arbeitszimmer in der Universität; Arthur Kronfeld bekam dort einen Lehrauftrag; über den Verbleib von Friedrich Wertheim ist nichts bekannt. Neu ans Institut kamen der Reinickendorfer Stadtrat und Sexualpädagoge Max Hodann, der Gynäkologe Ludwig Levy Lenz, - Bernhard Scharpiro, der mit Hirschfeld zusammen ein Potenzmittel ("Testifortan") und eins gegen vorzeitigen Samenerguß "Praejaculin") entwickelte, - Franz Prange, der schon seine Doktorarbeit am Institut geschrieben hatte, und später noch Felix Abraham, der auf die Behandlung von Transvestiten und Transsexuellen spezialisiert war.

Außer den Ärzten gab es eine Menge anderer Mitarbeiter im Institut. Karl Besser war Graphologe; Richard Linsert bezog ein kleines Gehalt als Sekretär des Wissenschaftlich-humanitären Komitees: Karl Giese war als Freund Hirschfelds betraut mit der Leitung des Archivs und der Sammlung. 1929 wurde Wilhelm Kauffmann Nachfolger von Friedrich Haupstein als Verwaltungsleiter.

"In der Vorhalle saß eine reizende junge Dame, Frau Heller an einem meinen Schreibtisch und 'empfing' und sortierte die Besucher - einen Teil schickte sie zum Nebenhaus, und andere, die kamen, um Magnus Hirschfeld oder Karl Giese zu sehen oder sie zu besuchen, gab sie einen Termin oder 'freies Geleit'. Frau Heller war nicht angestellt im Institut und war nicht auf der Gehaltsliste, aber sie gehörte dazu. Sie war um 1930 eine Dame mittleren Alters - und absolut 'Dame' im besten Sinne des Wortes. Ich habe nie ihre Verbindung zu Magnus Hirschfeld erfahren, weiß aber, daß sie ... eine kleine Wohnung ganz oben im Palais bekam, wo sie mit ihrer eigenen Einrichtung einzog. Ich habe sie dort zum Nachmittagstee besucht. ...

Als sie kurze Zeit dort gewohnt hatte, sah sie, wie wenig System es in dem privaten Haus gab, so daß sie eines schönen Tages einen Schreibtisch in der Vorhalle aufstellen Iieß und sich dort werktags von 9-16 Uhr etablierte, und sie bekam auch ein Haustelefon an ihrem Schreibtisch installiert. Von dem Tag an kam niemand unangemeldet hinein. ...

(Ellen Baekgaard in Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)

Schließlich diente das Institut neben seinen Forschungs- und Aufklärungsarbeiten noch einem dritten Zweck: Es war Begegnungsstätte und Heimstatt, ein Zufluchts- ort für Angehörige sexueller Minderheiten, insbesondere für Homosexuelle, Transsexuelle und Transvestiten, ein subkultureller Treffpunkt ganz eigener Art. Für eine wissenschaftliche Einrichtung heute ist das eine unvorstellbar Mischung von Funktionen, die die Distanz der Wissenschaft(ler) zu ihrem Objekt nahezu aufhebt. Die Integration des WhK und seiner kulturellen und geselligen Veranstaltungen in das Institut ermöglichte es Hirschfeld, Menschen. die als Patienten zu ihm kamen, den Kontakt zu "geistig hochstehenden Gleichgesinnten" zu erleichtern und damit den Prozeß der Selbstakzeptanz zu unterstützen. In den Augen seiner Gegner verlieh diese Kontaktfunktion dem Institut jedoch etwas Anrüchiges.

Der Regierungsmedizinalrat Schlegtendal steht mit seiner Beobachtung nicht allein. Auch Martin Gumpert, Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Schriftsteller, schrieb 1939 im Exil rückblickend auf die zwanziger Jahre in Berlin mit einem Unterton der Mißbilligung: "Da gab es Homosexuelle und Transvestiten und Sadistinnen und Kokainisten in jeder Preislage, alle die melancholischen Quartiere kleinbürgerlicher Sexualfreuden, spießige Wohnungen mit "Gräfinnen", die Madchen beschafften, "schwule" Bars mit kleinen roten Tischlampen und das Institut des Dr. Magnus Hirschfeld, das in einer vornehmen Seitenstraße des Tiergarten gelegen, eine seltsame Mischung von Lehrbetrieb und "Maison de rendez-vous" darstellte."

Die Gebäude des Instituts stehen heute nicht mehr. Sie wurden 1943 bei einem Luftangriff zerbombt, die Ruinen Anfang der 50er Jahre abgetragen, über die Geschichte des Ortes ist Gras gewachsen - aber davon ein andermal.

Schlegtendahl: "(...) Mein Besuch war am Vormittag. Der Sprechstundenbetrieb hatte auch zum Schluß kaum begonnen. Die wenigen Angestellten der Anstalt (Diener, Bürogehilfen) machen., wie der Leiter selbst, durchaus den Eindruck der Homosexualität. Sehr heimisch war offenbar noch ein junger Mann, angeblich ein Student, do diesen Eindruck in gesteigertem Maße erweckte.

Von Ungehörigkeit war natürlich nichts festzustellen. Bemerkenswert war immerhin folgendes: Während ich noch in der wartetet, kam auch einer der Anstaltsärzte an; er Iieß sich in dem anstoßenden kleinen Flur, in einer Nische an der Treppe nieder; mit dem vorerwähnten jungen Mann, der aus- und einstrich, entwickelte sich ein offenbar scherzhaftes, mir im Einzelnen aber unverständlich bleibendes Geplauder, das ein jähes Ende nahm, als der junge Mann mit der hohen Kastratenstimme lachend und kokettierend herausstieß: "nun ja, mit schönen Männern - und nun, offenbar weil man sich meiner Anwesenheit erinnerte, durch ein lautes scharfes "Sstl'" unterbrochen wurde und alles erst einmal still wurde ...

Am 1. Juli d. Js. wurde das Institut unter zahlreicher Beteiligung aus den Kreisen der Berliner Ärzte, Gelehrten und Politiker eröffnet. Zur Einleitung der Feier trug Herr Konzertmeister Leo Gollanin in meisterhafte Weise eine Weihlied vor, nach der Melodie des "Halleluja" von Hummel, welcher Herr Georg Plock für diesen Zweck folgenden Text unterlegt hätte:

"Der Menschheit sei dies Haus geweiht!
Von echter Wissenschaft betreut
Blüh' und Gedeih' es allezeit!
Den Leiden zum Heil,
Den Betrübten zum Trost
Den Verfolgten zum Schutz,
Blüh und Gedeih' es allezeit!
Was Forschergeist hier hat ergründet,
Was Wissenschaft als Recht erkannt;
Das ström' als Segen hin ins Land
Blüh' und gedeihe!
Blüh' und Gedeih' für alle Zeit'

Darauf nahm Herr Sanitätsrat Dr. Hirschfeld das Wort, um die Einrichtung und Aufgaben
des Instituts darzulegen." (JfsZ 19.1919. H. 1/2, S. 53)

Ralf Dose

 
 
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