m
August des Jahres 1907 trifft die fünfzigjährige Mabel Batten mit
ihrem 25 Jahre älteren Ehemann, George Batten, in Bad Homburg ein,
damals bereits ein bekannter Treffpunkt der europäischen High Society
und berühmt zudem für seine Thermalquellen, die besonders Rheumakranken
Linderung versprechen. Und hier, in dem deutschen Nobelkurort, nimmt
eine bis zum Tode währende Beziehung zwischen Lady Mabel Batten
und der Schriftstellerin Marguerite Radclyffe Hall ihren Ausgangspunkt.
Obwohl Lady Batten schon Enkelkinder hat, ist sie noch eine attraktive
Frau. In gehobenen Kreisen flüstert man sich zu, sie habe vor einst
ein Verhältnis mit dem jetzigen König Edward VII. von England
gehabt. Marguerite ihrerseits ist zu dieser Zeit 27 Jahre alt und
lebt in ständigen Geldnöten, bevor sie eine größere Erbschaft macht.
Ihre literarische Arbeit beschränkt sich vorerst auf die Herausgabe
eigener Gedichte. Die stürmische Marguerite verliebt sich sofort
in Mabel und verfolgt sie mit ihrer Zuneigung. Sie widmet ihr einige
Gedichte, signiert mit "John", dem männlichen Pseudonym,
unter dem sie auch ihre Verse herausgibt. Mabel betrachtet diese
für sie "jungmädchenhafte Schwärmerei" anfangs mit Distanz
sie hält John-Marguerite für ein ungebärdiges, halberzogenes großes
Kind. Doch John-Marguerites anhaltendes Werben läßt Mabels Widerstand
langsam dahinschwinden; allmählichen ändern sich ihre Gefühle.
Ihre Annäherung führt letztlich dazu, daß beide 1908 einen gemeinsamen
Urlaub in Belgien verbringen, aus dem sie als Liebespaar nach England
zurückkehren. John wird durch diese Liebe zum Schreiben inspiriert,
und so erscheint wenig später einen Gedichtband unter dem Titel
"Ode an Sappho". Darin beschreibt sie ihre "Abnormität"
als "eine Sache von symbolischer Schönheit".
Das konservative Klima im viktorianischen England erlaubt den beiden
nicht, sich öffentlich zu ihrer Liebe zu bekennen. Dennoch unternehmen
sie eine weitere Schiffsreise nach Teneriffa, die der Arzt Mabel
nach einem Reitunfall empfohlen hat. John, geboren am August 1880
im südenglischen Bournemouth, hat in ihrer Kindheit und Jugend eine
nachlässige Erziehung genossen. Ihre Mutter nahm sich wenig Zeit
für das Kind und ließ es durch schlecht ausgebildete Gouvernanten
unterrichten John hat nie eine Schule von innen gesehen. Mabel indes
ist mit guter Erziehung und Bildung ausgestattet und verhilft John
auf dieser Reise zu neuen, weiteren Sichten. Mabel liest ihr aus
englischen und französischen Romanen vor, und sie vertreiben sich
die Zeit mit Gesprächen über Literatur und Philosophie.
Zurück von der Reise, zieht John zu ihrer Großmutter nach Chelsea,
in die Nähe der Battens. Ihre Großmutter ist die einzige aus der
Familie, die John wirklich mag.
1910 wird ein Jahr der Trauer für Mabel und John. Im Mai stirbt
König Edward, und Mabel trauert um den ehemaligen Geliebten. Im
Oktober stirbt Johns Großmutter, kurz darauf Mabels Mann. Damit
ergibt sich aber auch eine neue Situation: Mabel ist plötzlich frei.
Die beiden Frauen reisen durch Südeuropa, wo niemand Anstoß daran
nimmt, wenn sich zwei Frauen miteinander ein Zimmer teilen. John,
die nie ein wirkliches Familienleben kennengelernt hat, sieht in
Mabel soetwas wie einen Schutzengel und eine liebevolle Ratgeberin.
Inzwischen geht ihre Verbindung über ein erotisches Liebesverhältnis
hinaus und schwingt in Richtung einer Mutter-Tochter-Beziehung.
Mabel bleibt nach außen hin, gegenüber der Gesellschaft, die selbstbewußte,
elegante und ein wenig steife Lady, doch wenn beide allein sind,
wird sie manchmal zu einem jungen Mädchen, und das sind die wirklichen
Stunden des Glücks zwischen den beiden.
John ist Mabel zuliebe dem Katholizismus beigetreten. Es paßt auch
zu ihrer beider konservativer Haltung. Aber wie in allen Liebesbeziehungen,
so gibt es auch zwischen John und Mabel Probleme. John beklagt Mabels
Faulheit und ihren Hang zur Hypochondrie, während Mabel unter deren
Hang zu Affären leidet. Gerade wieder hat sie Alpträume, denn John
ist in eine intensive Beziehung zur Frau eines damals bekannten
Bankiers verstrickt.
Mit Beginn des 1. Weltkrieges 1914 melden sich John und Mabel
spontan zur Kriegsopferfürsorge. Im Gegensatz zu vielen anderen
jedoch lehnen sie es nicht ab, auch deutsche Verwundete zu pflegen.
Im August 1915 kommt es zu einer wegweisenden Begegnung zwischen
John und Margot Troubridge (1887 - 1963). Margot ist die Frau des
25 Jahre älteren Admirals Ernest Troubridge, der die englische Flotte
befehligte. Seit ihrem 16. Lebensjahr war sie finanziell selbständig
gewesen und versuchte auch, sich in der Ehe ihre Unabhängigkeit
zu bewahren. Doch seit der Geburt einer Tochter fühlt sie sich eingeengt
und leidet unter Depressionen. Sie gehört zu den wenigen Frauen
ihrer Zeit, die sich auch im Beruf Anerkennung erwerben können.
Sie ist Bildhauerin, und als solche vor allem unter dem Namen Una
Troubridge bekannt. Admiral Troubridge ist in Malta stationiert
gewesen, jedoch wegen mangelhafter Befehlsführung nach Belgrad strafversetzt
worden. Una hat vor, ihm im September 1915 dorthin zu folgen. Doch
alles entwickelt sich anders durch das Zusammentreffen mit der jungen
Dichterin. Una ist fasziniert von John und schiebt die Reise hinaus,
und Mabels Alpträume beginnen von neuem. Zwei Jahre dauert dieses
belastende Dreiecksverhältnis, denn Una mietet sich ganz in der
Nähe der beiden ein Atelier. 1916 nimmt der Tod die Last von Mabel;
John bleiben ihr gesamter Nachlaß und ein schlechtes Gewissen; sie
trauert sehr um die Geliebte und mütterliche Freundin, die sie nicht
immer gut behandelt hat.
Mit dem Ende des 1. Weltkrieges breitet sich Okkultismus aus;
viele Mütter und Frauen von gefallenen Männern glauben, auf diesem
Wege wenigstens mit den Geistern der Verstorbenen sprechen zu könnnen.
Sogar namhafte Wissenschaftler verfallen solchen metaphysischen
Gedankengängen. Auch John versucht einige Male, mit der toten Mabel
in ein Gespräch zu kommen, und sie ist fest davon überzeugt, hin
und wieder in Kontakt mit Mabel getreten zu sein.
Una und John möchten sich auch weiterhin nahe bleiben. Allerdings
macht ihnen die Ehe mit Admiral Troubridge Sorgen, der sich rehabilitieren
konnte, jedoch aus gesellschaftlichen wie aus konfessionellen Gründen
nie in eine Scheidung einwilligen würde. Um sich selbst und John
auf andere Gedanken zu bringen, ermutigt Una John, einen neuen Roman
zu schreiben. Doch nun zeigen sich bei John wieder die Resultate
ihrer nachlässigen Erziehung. Die Schrift ist unlesbar, die Orthographie
grauenhaft, von der Interpunktion ganz zu schweigen. Und wieder
hat John eine Frau, die ihr über diese Klippen hilft. Das kaum mehr
zu verheimlichende Zusammenleben der beiden führt zu einem Skandal,
und einer der bösartigsten Angreifer ist Admiral Troubridge, der,
wann und wo immer möglich, John beschuldigt, Una mit Hilfe des Okkultismus
von sich abhängig gemacht zu haben. Auch vor der verstorbenen Mabel
macht die gierige, skandallüsterne Gesellschaft nicht halt, und
John versucht alles, um ihre verstorbene Freundin zu verteidigen.
Sie muß jedoch erkennen, daß homosexuelle Frauen in dieser Welt
der Spießer keine Chance zum öffentlichen Leben bekommen werden,
und daß die Gesellschaft nach Täuschung verlangt.
Und doch treffen John und Una mit Beginn der 20er Jahre auf selbstbewußte
Frauen, die es wagen, ihre Neigung öffentlich preiszugeben. Sie
lernen Toupin, die Tochter des Earl of Londstale, kennen. Sie ist
eine begeisterte Sportlerin, die während des 1. Weltkrieges
eine motorisierte, ausschließlich aus Frauen zusammengestellte Krankenwageneinheit
organisiert hatte. Durch Toupin lernen sie weitere Frauen kennen.
Im Orange Tree Club können auch Frauen miteinander tanzen,
ohne hinausgeworfen zu werden, zumal durch den Krieg so viele Männer
im Feld geblieben sind. Über John sagt man, sie sei im Kreise von
Männern schüchtern und gehemmt, für Frauen jedoch eine der charmantesten,
klügsten und witzigsten Gesprächspartnerinnen gewesen. Una und John
lernen auf einer dieser Parties auch die Malerin Romain Brucks kennen.
Sie malt vor allem Portraits, die als lesbische Ikonen bezeichnet
werden. Auch Una wird von ihr portraitiert. Romain lädt die beiden
nach Capri ein, doch zeigt sich bald, daß dieses Trio mehr durch
Streit als durch Harmonie aneinander gebunden ist. Romain ist eine
komplizierte, wenn auch extravagante Frau, und Una und John trennen
sich bald wieder von ihr.
Diese Erlebnisse führen dazu, daß John nun wirklich ihren ersten
Roman schreibt, der stark autobiographische Züge aufweist, und
den sie zunächst "Octupi" ("Krake") nennen will.
Es geht um ein Dreiecksverhältnis zwischen Frauen und alle damit
verbundenen Schwierigkeiten. Doch wird daraus schließlich "The
Forge" (wie "sich Bahn brechen"). Obwohl John den
Roman hastig und in einem Zuge schreibt, wird er ein großer Erfolg;
Kritiker und Literaturszene werden aufmerksam. Dies beflügelt sie,
weiter zu schreiben, und 1926, zwei Monate nach dem Tod des Admirals,
erscheint "Adam's Breed" (Adams Brut). Dieses Buch läßt
sie in der Gunst der Leser weiter steigen. Es erreicht eine hohe
Auflage, und nicht nur das: es wird zum Buch des Jahres gekürt.
John ist glücklich; sie ist jetzt 47 Jahre alt, hat mit dem Schreiben
erst begonnen, und es ist ihr gleich gelungen, künstlerischen
wie kommerziellen Erfolg zu haben. Die Kritiker, die Presse, die
Leser erwarten mehr.
"Stephen" lautet der Arbeitstitel eines neuen Romans,
am Ende wird das Buch "Quell der Einsamkeit" heißen.
"Quell der Einsamkeit" aber soll John-Marguerite Radclyffe
Hall bis ans Lebensende Konflikte bereiten. Trotz ihrer Popularität
lehnen zunächst mehrere Verlage die Veröffentlichung des Manuskriptes
ab, obgleich sie die literarische Qualität anerkennen. Die Gesellschaft
fühlt sich durch die Offenheit des Buches gleichermaßen schockiert
wie angezogen. John schickt nun das Manuskript an Jonathan Cap,
der sich nach dem 1. Weltkrieg einen Namen als Verleger gemacht
hat. Cap ist bereit, das Risiko einzugehen und das "skandalöse
Manuskript" zu publizieren, obwohl er weiß, daß sein guter
Ruf auf dem Spiel steht. So erscheint der Roman am 27. Juli 1928.
Die Presse reagiert gespalten. So schreibt Ida Wyllie, Schriftstellerin
und selbst lesbisch, in der Sunday Times, der kontroverse
Inhalt könne der literarischen Qualität des Romans gefährlich werden.
Der Daily Telegraph nennt ihn "wahrhaft bemerkenswert".
Und doch, am 19. August 1928 wird durch den Sunday Express
das Urteil gesprochen: das Buch gehöre verbrannt. Drei Tage später
erhält Cap einen Brief von Innenminister Johann Hicks er steht
im Ruf, ein christlicher Fundamentalist zu sein , der Cape mit einem
Gerichtsprozeß droht, sollte er den Roman nicht sofort zurückziehen.
Cape gibt nach, schickt aber die Druckplatten nach Paris. Weitere
Exemplare werden vom Zoll konfisziert, derweil die Polizei Capes
Büro durchsucht und dort ein Exemplar findet. Es kommt zum Prozeß.
Der bekannte Schriftsteller Edward Morgan Forster verurteilt
die Zensoren und versucht durch eine Unterschriftensammlung namhafter
Persönlichkeiten einer Verurteilung von Buch und Verleger vorzubeugen.
Die Liste trägt Namen wie die E. M. Forsters, Virginia
Woolfs, des Sexuologen Dr. Norman Haire sowie Rose Mecauleys
und Herbert George Wells' (Der ebenfalls solidarische
George Bernhard Shaw will nicht unterschreiben: er habe einen
so schlechten Ruf, daß er dem Prozeßverlauf nur schaden könne).
Beobachter meinen, der Prozeß sei von vornherein verloren, denn
nach einem Gesetz von 1857 sei obszöne Literatur verboten, und für
den Richter sei die Tatsache der Obszönität bereits erwiesen. Selbst
das Berufungsverfahren verhilft dem Roman und der Autorin nicht
zur Rehabilitation, es bleibt ein "abscheuliches, gegen die
Moral der Gesellschaft verstoßendes Werk". John ist zusätzlich
enttäuscht davon, wie sich im Verlaufe der Verhandlung Bekannte
und Freunde von ihr abwenden und ihr Entsetzen über das "nichtplatonische
Verhältnis" von John und Una äußern. Obwohl Romain Brucks "Quell
der Einsamkeit" lächerlich nennt, bekommen John und Una auch
Briefe der Zustimmung und Dankbarkeit. Leser schreiben, das Buch
habe ihnen zu einem neuen Selbstbewußsein verholfen. Una und John
indes sind zermürbt und ziehen sich nach Rey, einem kleinen Ort
südlich von London zurück, um fortan Hunde zu züchten.
1932 erscheint ein neuer Roman von Radclyffe Hall: "Master
of the House", zentrale Figur ist ein Märtyrer. "Master
of the House" ist kein großer Erfolg beschieden, das Buch bringt
sie jedoch wieder ins Gespräch, und es folgen Einladungen, unter
anderem auch vom renommierten Oxford University English Club.
In diese Zeit fallen Unas Kränkeln und eine Operation. Una ist
eine schwierige Patientin, und doch zeigt John große Geduld und
Zuwendung. Während eines Frankreichaufenthaltes verschlechtert sich
Unas Zustand, und John engagiert eine Pflegerin. Das amerikanische
Krankenhaus in Paris schickt ihnen Evgenia Soulin, eine junge Frau,
deren Vater russischer Emigrant und ehemaliger zaristischer General
ist. Evgenia zeigt trotz ihrer Jugend große Umsicht und Einfühlungsvermögen.
John ist von ihr bezaubert. Una sieht diese Zuneigung mit großer
Besorgnis und hofft auf eine kurze Affäre vergeblich. Diese Beziehung
soll noch sechs stürmische Jahre währen, bis zu Johns Lebensende.
Ein befreundeter Arzt sagt über Evegenia, sie sei eine der hysterischsten
Frauen gewesen, die er je getroffen habe, und außerdem Alkoholikerin.
So geht der Streit Jahr um Jahr zwischen John und Una oder zwischen
John und Evgenia.
In den 30er Jahren verbringen die drei einige Zeit in Italien und
akzeptieren auch das vom Faschismus geprägte Klima dort. Mit Beginn
des 2. Weltkrieges jedoch sind sie wieder in England, wo Evgenia
für den Rundfunk-Abhörservice der britischen Regierung arbeitet.
Von Krankheit gezeichnet, neigt sich unterdessen Johns Leben dem
Ende zu. Auch eine Operation hilft nicht mehr. Marguerite Radclyffe
Hall stirbt am 7. Oktober 1943.
Heute gilt Radclyffe Hall als eine der bedeutendsten englischen
Schriftstellerinnen dieses Jahrhunderts, ihre Romane sind weltweit
verbreitet, die Autorin selbst ist, nicht nur in Großbritannien,
eine literarische Kultfigur für frauenliebende Frauen geworden.
Als jedoch Marguerite Radclyffe Halls Mutter nach dem Tod der Tochter
gefragt wurde, ob sie mit ihr verwandt gewesen sei, antwortete sie
lakonisch "Ich glaube nicht."
Colin de la Motte-Sherman
|
 |