John, alias Marguerite Radclyffe Hall  


Ein Leben wie ein Roman: John, alias Marguerite Radclyffe Hall
John, alias Marguerite Radclyffe Hall, ließ sich neben ihrer ersten Liebe, Lady Mabel Batten beisetzen, in jener Gruft, die sie einst für sich und Mabel gekauft hatte. Eingraviert steht dort der Spruch: "And if god choose I shall but love thee better after death."
Herausgegeben: Die Andere Welt, Oktober 1993


m August des Jahres 1907 trifft die fünfzigjährige Mabel Batten mit ihrem 25 Jahre älteren Ehemann, George Batten, in Bad Homburg ein, damals bereits ein bekannter Treffpunkt der europäischen High Society und berühmt zudem für seine Thermalquellen, die besonders Rheumakranken Linderung versprechen. Und hier, in dem deutschen Nobelkurort, nimmt eine bis zum Tode währende Beziehung zwischen Lady Mabel Batten und der Schriftstellerin Marguerite Radclyffe Hall ihren Ausgangspunkt.

Obwohl Lady Batten schon Enkelkinder hat, ist sie noch eine attraktive Frau. In gehobenen Kreisen flüstert man sich zu, sie habe vor einst ein Verhält­nis mit dem jetzigen König Edward VII. von England gehabt. Marguerite ihrerseits ist zu dieser Zeit 27 Jahre alt und lebt in ständigen Geldnöten, bevor sie eine größere Erbschaft macht. Ihre literarische Arbeit beschränkt sich vorerst auf die Herausgabe eigener Gedichte. Die stürmische Marguerite verliebt sich sofort in Mabel und verfolgt sie mit ihrer Zuneigung. Sie widmet ihr einige Gedichte, signiert mit "John", dem männlichen Pseudonym, unter dem sie auch ihre Verse herausgibt. Mabel betrachtet diese für sie "jungmädchenhafte Schwärmerei" anfangs mit Distanz sie hält John-Marguerite für ein ungebärdiges, halberzogenes großes Kind. Doch John-Marguerites anhaltendes Werben läßt Mabels Widerstand langsam dahinschwinden; allmählichen ändern sich ihre Gefühle.

Ihre Annäherung führt letztlich dazu, daß beide 1908 einen gemeinsamen Urlaub in Belgien verbringen, aus dem sie als Liebespaar nach England zurückkehren. John wird durch diese Liebe zum Schreiben inspiriert, und so erscheint wenig später einen Gedichtband unter dem Titel "Ode an Sappho". Darin beschreibt sie ihre "Abnormität" als "eine Sache von symbolischer Schönheit".

Das konservative Klima im viktorianischen England erlaubt den beiden nicht, sich öffentlich zu ihrer Liebe zu bekennen. Dennoch unternehmen sie eine weitere Schiffsreise nach Teneriffa, die der Arzt Mabel nach einem Reitunfall empfohlen hat. John, geboren am August 1880 im südenglischen Bournemouth, hat in ihrer Kindheit und Jugend eine nachlässige Erziehung genossen. Ihre Mutter nahm sich wenig Zeit für das Kind und ließ es durch schlecht ausgebildete Gouvernanten unterrichten John hat nie eine Schule von innen gesehen. Mabel indes ist mit guter Erziehung und Bildung ausgestattet und verhilft John auf dieser Reise zu neuen, weiteren Sichten. Mabel liest ihr aus englischen und französischen Romanen vor, und sie vertreiben sich die Zeit mit Gesprächen über Literatur und Philosophie.

Zurück von der Reise, zieht John zu ihrer Großmutter nach Chelsea, in die Nähe der Battens. Ihre Großmutter ist die einzige aus der Familie, die John wirklich mag.

1910 wird ein Jahr der Trauer für Mabel und John. Im Mai stirbt König Edward, und Mabel trauert um den ehemaligen Geliebten. Im Oktober stirbt Johns Großmutter, kurz darauf Mabels Mann. Damit ergibt sich aber auch eine neue Situation: Mabel ist plötzlich frei. Die beiden Frauen reisen durch Südeuropa, wo niemand Anstoß daran nimmt, wenn sich zwei Frauen miteinander ein Zimmer teilen. John, die nie ein wirkliches Familienleben kennengelernt hat, sieht in Mabel soetwas wie einen Schutzengel und eine liebevolle Ratgeberin. Inzwischen geht ihre Verbindung über ein erotisches Liebesverhältnis hinaus und schwingt in Richtung einer Mutter-Tochter-Beziehung. Mabel bleibt nach außen hin, gegenüber der Gesellschaft, die selbstbewußte, elegante und ein wenig steife Lady, doch wenn beide allein sind, wird sie manchmal zu einem jungen Mädchen, und das sind die wirklichen Stunden des Glücks zwischen den beiden.

John ist Mabel zuliebe dem Katholizismus beigetreten. Es paßt auch zu ihrer beider konservativer Haltung. Aber wie in allen Liebesbeziehungen, so gibt es auch zwischen John und Mabel Probleme. John beklagt Mabels Faulheit und ihren Hang zur Hypochondrie, während Mabel unter deren Hang zu Affären leidet. Gerade wieder hat sie Alpträume, denn John ist in eine intensive Beziehung zur Frau eines damals bekannten Bankiers verstrickt.

Mit Beginn des 1. Weltkrieges 1914 melden sich John und Mabel spontan zur Kriegsopferfürsorge. Im Gegensatz zu vielen anderen jedoch lehnen sie es nicht ab, auch deutsche Verwundete zu pflegen. Im August 1915 kommt es zu einer wegweisenden Begegnung zwischen John und Margot Troubridge (1887 - 1963). Margot ist die Frau des 25 Jahre älteren Admirals Ernest Troubridge, der die englische Flotte befehligte. Seit ihrem 16. Lebensjahr war sie finan­ziell selbständig gewesen und versuchte auch, sich in der Ehe ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Doch seit der Geburt einer Tochter fühlt sie sich eingeengt und leidet unter Depressionen. Sie gehört zu den wenigen Frauen ihrer Zeit, die sich auch im Beruf Anerkennung erwerben können. Sie ist Bildhauerin, und als solche vor allem unter dem Namen Una Troubridge bekannt. Admiral Troubridge ist in Malta stationiert gewesen, jedoch wegen mangelhafter Befehlsführung nach Belgrad strafversetzt worden. Una hat vor, ihm im September 1915 dorthin zu folgen. Doch alles entwickelt sich anders durch das Zusammentreffen mit der jungen Dich­terin. Una ist fasziniert von John und schiebt die Reise hinaus, und Mabels Alpträume beginnen von neuem. Zwei Jahre dauert dieses belastende Dreiecksverhältnis, denn Una mietet sich ganz in der Nähe der beiden ein Atelier. 1916 nimmt der Tod die Last von Mabel; John bleiben ihr gesamter Nachlaß und ein schlechtes Gewissen; sie trauert sehr um die Geliebte und mütterliche Freundin, die sie nicht immer gut behandelt hat.

Mit dem Ende des 1. Weltkrieges breitet sich Okkultismus aus; viele Mütter und Frauen von gefallenen Männern glauben, auf diesem Wege wenigstens mit den Geistern der Verstorbenen sprechen zu könnnen. Sogar namhafte Wissenschaftler verfallen solchen metaphysischen Gedankengängen. Auch John versucht einige Male, mit der toten Mabel in ein Gespräch zu kommen, und sie ist fest davon überzeugt, hin und wieder in Kontakt mit Mabel getreten zu sein.

Una und John möchten sich auch weiterhin nahe bleiben. Allerdings macht ihnen die Ehe mit Admiral Troubridge Sorgen, der sich rehabilitieren konnte, jedoch aus gesellschaftlichen wie aus konfessionellen Gründen nie in eine Scheidung einwilligen würde. Um sich selbst und John auf andere Gedanken zu bringen, ermutigt Una John, einen neuen Roman zu schreiben. Doch nun zeigen sich bei John wieder die Resultate ihrer nachlässigen Erziehung. Die Schrift ist un­lesbar, die Orthographie grauenhaft, von der Interpunktion ganz zu schweigen. Und wieder hat John eine Frau, die ihr über diese Klippen hilft. Das kaum mehr zu verheimlichende Zusammenleben der beiden führt zu einem Skandal, und einer der bösartigsten Angreifer ist Admiral Troubridge, der, wann und wo immer möglich, John beschuldigt, Una mit Hilfe des Okkultismus von sich abhängig gemacht zu haben. Auch vor der verstorbenen Mabel macht die gierige, skandallüsterne Gesellschaft nicht halt, und John versucht alles, um ihre verstorbene Freundin zu verteidigen. Sie muß jedoch erkennen, daß homosexuelle Frauen in dieser Welt der Spießer keine Chance zum öffentlichen Leben bekommen werden, und daß die Gesellschaft nach Täuschung verlangt.

Und doch treffen John und Una mit Beginn der 20er Jahre auf selbstbewußte Frauen, die es wagen, ihre Neigung öffentlich preiszugeben. Sie lernen Toupin, die Tochter des Earl of Londstale, kennen. Sie ist eine begeisterte Sportlerin, die während des 1. Weltkrieges eine motorisierte, ausschließlich aus Frauen zusammengestellte Krankenwageneinheit organisiert hatte. Durch Toupin lernen sie weitere Frauen kennen. Im Orange Tree Club können auch Frauen miteinander tanzen, ohne hinausgeworfen zu werden, zumal durch den Krieg so viele Männer im Feld geblieben sind. Über John sagt man, sie sei im Kreise von Männern schüchtern und gehemmt, für Frauen jedoch eine der charmantesten, klügsten und witzigsten Gesprächspartnerinnen gewesen. Una und John lernen auf einer dieser Parties auch die Malerin Romain Brucks kennen. Sie malt vor allem Portraits, die als lesbische Ikonen bezeichnet werden. Auch Una wird von ihr portraitiert. Romain lädt die beiden nach Capri ein, doch zeigt sich bald, daß dieses Trio mehr durch Streit als durch Harmonie aneinander gebunden ist. Romain ist eine komplizierte, wenn auch extravagante Frau, und Una und John trennen sich bald wieder von ihr.

Diese Erlebnisse führen dazu, daß John nun wirklich ihren ersten Roman schreibt, der stark auto­biographische Züge aufweist, und den sie zunächst "Octupi" ("Krake") nennen will. Es geht um ein Dreiecksverhältnis zwischen Frauen und alle damit verbundenen Schwierigkeiten. Doch wird daraus schließlich "The Forge" (wie "sich Bahn brechen"). Obwohl John den Ro­man hastig und in einem Zuge schreibt, wird er ein großer Erfolg; Kritiker und Literatur­szene werden aufmerksam. Dies beflügelt sie, weiter zu schreiben, und 1926, zwei Monate nach dem Tod des Admirals, erscheint "Adam's Breed" (Adams Brut). Dieses Buch läßt sie in der Gunst der Leser weiter steigen. Es erreicht eine hohe Auflage, und nicht nur das: es wird zum Buch des Jahres gekürt. John ist glücklich; sie ist jetzt 47 Jahre alt, hat mit dem Schreiben erst be­gon­nen, und es ist ihr gleich gelungen, künstlerischen wie kommerziellen Erfolg zu haben. Die Kritiker, die Presse, die Leser erwarten mehr.

"Stephen" lautet der Arbeitstitel eines neuen Romans, am Ende wird das Buch "Quell der Ein­samkeit" heißen. "Quell der Einsamkeit" aber soll John-Marguerite Radclyffe Hall bis ans Le­bensende Konflikte bereiten. Trotz ihrer Popularität lehnen zunächst mehrere Verlage die Veröffentlichung des Manuskriptes ab, obgleich sie die literarische Qualität anerkennen. Die Gesellschaft fühlt sich durch die Offenheit des Buches gleichermaßen schockiert wie angezo­gen. John schickt nun das Manuskript an Jonathan Cap, der sich nach dem 1. Weltkrieg einen Namen als Verleger gemacht hat. Cap ist bereit, das Risiko einzugehen und das "skandalöse Manuskript" zu publizieren, obwohl er weiß, daß sein guter Ruf auf dem Spiel steht. So erscheint der Roman am 27. Juli 1928. Die Presse reagiert gespalten. So schreibt Ida Wyllie, Schriftstellerin und selbst lesbisch, in der Sunday Times, der kontroverse Inhalt könne der literarischen Qualität des Romans gefährlich werden. Der Daily Telegraph nennt ihn "wahrhaft bemerkenswert". Und doch, am 19. August 1928 wird durch den Sunday Express das Urteil gesprochen: das Buch gehöre verbrannt. Drei Tage später erhält Cap einen Brief von Innen­minister Johann Hicks er steht im Ruf, ein christlicher Fundamentalist zu sein , der Cape mit einem Gerichtsprozeß droht, sollte er den Roman nicht sofort zu­rückziehen. Cape gibt nach, schickt aber die Druckplatten nach Paris. Weitere Exemplare werden vom Zoll konfisziert, derweil die Polizei Capes Büro durchsucht und dort ein Exemplar findet. Es kommt zum Prozeß.

Der bekannte Schriftsteller Edward Morgan Forster verurteilt die Zensoren und versucht durch eine Unterschriftensammlung namhafter Persönlichkeiten einer Verurteilung von Buch und Verleger vorzubeugen. Die Liste trägt Namen wie die E. M. Forsters, Virginia Woolfs, des Sexuologen Dr. Norman Haire sowie Rose Mecauleys und Herbert George Wells' (Der eben­falls solidarische George Bernhard Shaw will nicht unterschreiben: er habe einen so schlechten Ruf, daß er dem Prozeßverlauf nur schaden könne). Beobachter meinen, der Prozeß sei von vornherein verloren, denn nach einem Gesetz von 1857 sei obszöne Literatur verboten, und für den Richter sei die Tatsache der Obszönität bereits erwiesen. Selbst das Berufungsverfahren verhilft dem Roman und der Autorin nicht zur Rehabilitation, es bleibt ein "abscheuliches, gegen die Moral der Gesellschaft verstoßendes Werk". John ist zusätzlich enttäuscht davon, wie sich im Verlaufe der Verhandlung Bekannte und Freunde von ihr abwenden und ihr Entsetzen über das "nichtplatonische Verhältnis" von John und Una äußern. Obwohl Romain Brucks "Quell der Einsamkeit" lächerlich nennt, bekommen John und Una auch Briefe der Zustimmung und Dankbarkeit. Leser schreiben, das Buch habe ihnen zu einem neuen Selbstbewußsein verholfen. Una und John indes sind zermürbt und ziehen sich nach Rey, einem kleinen Ort südlich von London zurück, um fortan Hunde zu züchten.

1932 erscheint ein neuer Roman von Radclyffe Hall: "Master of the House", zentrale Figur ist  ein Märtyrer. "Master of the House" ist kein großer Erfolg beschieden, das Buch bringt sie jedoch wieder ins Gespräch, und es folgen Einladungen, unter anderem auch vom renommierten Oxford University English Club.

In diese Zeit fallen Unas Kränkeln und eine Operation. Una ist eine schwierige Patientin, und doch zeigt John große Geduld und Zuwendung. Während eines Frankreichaufenthaltes verschlechtert sich Unas Zustand, und John engagiert eine Pflegerin. Das amerikanische Kranken­haus in Paris schickt ihnen Evgenia Soulin, eine junge Frau, deren Vater russischer Emigrant und ehemaliger zaristischer General ist. Evgenia zeigt trotz ihrer Jugend große Umsicht und Einfühlungsvermögen. John ist von ihr bezaubert. Una sieht diese Zuneigung mit großer Besorgnis und hofft auf eine kurze Affäre vergeblich. Diese Beziehung soll noch sechs stürmische Jahre währen, bis zu Johns Lebensende. Ein befreundeter Arzt sagt über Evegenia, sie sei eine der hysterischsten Frauen gewesen, die er je getroffen habe, und außerdem Alkoholikerin. So geht der Streit Jahr um Jahr zwischen John und Una oder zwischen John und Evgenia.

In den 30er Jahren verbringen die drei einige Zeit in Italien und akzeptieren auch das vom Faschismus geprägte Klima dort. Mit Beginn des 2. Weltkrieges jedoch sind sie wieder in England, wo Evgenia für den Rundfunk-Abhörservice der britischen Regierung arbeitet. Von Krankheit gezeichnet, neigt sich unterdessen Johns Leben dem Ende zu. Auch eine Operation hilft nicht mehr. Marguerite Radclyffe Hall stirbt am 7. Oktober 1943.

Heute gilt Radclyffe Hall als eine der bedeutendsten englischen Schriftstellerinnen dieses Jahrhunderts, ihre Romane sind weltweit verbreitet, die Autorin selbst ist, nicht nur in Großbritannien, eine literarische Kultfigur für frauen­liebende Frauen geworden.

Als jedoch Marguerite Radclyffe Halls Mutter nach dem Tod der Tochter gefragt wurde, ob sie mit ihr verwandt gewesen sei, antwortete sie lakonisch "Ich glaube nicht."


Colin de la Motte-Sherman

 
 
Homepage: www.erato-net.de deutsch counter
© 2001 Colin de la Motte-Sherman