Unsichtbar und Vergessen  


Unsichtbar und Vergessen
Kurz bevor sie 80 Jahre alt wurde, sagte mir Margarita M.: ".Wissen Sie. im Alter verliert man/frau nicht die Lust am Sex. nur die Fähigkeit, es so oft zu machen, wie man es gern hätte! Aber Sex ist nicht nur Geschlechtsverkehr ..."
Als ich erwähnt hatte. daß ich diesen Artikel schreibe, sagte einer unserer Redaktions-Mitarbeiter: "Clair Goll hatte ihren ersten Orgasmus überhaupt erst, als sie 78 Jahre alt war und mit einem 25-jährigen Mann schlief."

erschienen DAW 12/1994 -
hier in etwas veränderter Form.

"Trotz seiner Unvermeidbarkeit gibt es einen Mangel sowohl an theoretischen wie auch empirischen Informationen zum Älterungsprozeß bei Homosexuellen."(l975)[1]

"Der ältere Homosexuelle ist eine ,unerwünschte Person' - unerwünscht von Gerontologen und unerwünscht durch die Homosexuellen. Ist es möglich, daß die Gerontologen glauben, daß Homosexuelle sich im Alter von 40 Jahren im Luft auflösen? Sind die Menschen der schwulen und lesbischen ‚Gemeinden' so blind gegenüber ihrer eigenen Zukunft, wenn man sieht, daß sie erfolgreich die Älteren ihrer Gemeinde aus ihren Kneipen, Bars, ihrer Literatur und gesellschaftlichen Aktionen vertrieben haben?" (1982)[2]

"Sexualität im Alter ist gesellschaftlich nach wie vor ein Tabu-Thema. Es gibt wenig Informationen und entsprechend wenig Akzeptanz bei sexuellen Bedürfnissen und Wünschen im Alter. In die psychologische Sprechstunde der Abteilung Gesundheit, in der auch speziell Sexualprobleme bearbeitet werden, kommen häufig Menschen ab 60 Jahre aufwärts und holen sich Rat und Unterstützung.(1993)"[3]


Seelischer Notstand

Daß dieses Thema ein andauerndes Problem ist, wird aus den drei Zitaten deutlich. Obwohl die ersten zwei Zitate auf britischen bzw. US-amerikanischen Erfahrungen basieren, gelten sie, glaube ich, weitgehend auch für Deutschland. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß auf einer ganztägigen Tagung zur Forschung über das Älterwerden im allgemeinen und die demographischen Probleme einer überalterten Gesellschaft, wo anerkannte Wissenschaftler zum Thema und seinen Konsequenzen sprachen, nicht ein Mal das Wort Sexualität fällt. Aber ich habe das im November 1994 erlebt.

Dabei wird jeder vernünftige Arzt bestätigen, daß die Befriedigung eines der Grundtriebe des Menschen, der Sexualität in allen ihren Formen, vom Streicheln bis zum Geschlechtsverkehr, einen wesentlichen Beitrag zu Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen leistet. Altwerden ist kein einfacher oder unproblematischer Prozeß, sondern ein komplexer biologischer und sozialer Vorgang, der auch von geschichtlichen Faktoren beeinflußt wird. Genauso, wie ,Homosexuell-Sein' nicht eine einzelne Erfahrung ist, ist es leichter, ein alter Schwuler als eine alte Lesbe zu sein. Es ist weniger schwierig, ein altwerdender Schwuler in San Francisco zu sein als in Bad Bismarck in Thüringen.

Die homosexuellen Senioren haben sehr unterschiedliche Verhaltens- und Lebensweisen. Einige sind verheiratet oder verheiratet gewesen, manche sind Eltern oder gar Großeltern, dies jedoch betrifft nicht die Mehrheit, mindestens nicht die der Homosexuellen, die ‚out' sind. Manche sind gesund und unabhängig von Unterstützung; manche können mit mehr oder weniger Schwierigkeiten mit der Umwelt zurecht kommen. Wieder andere wohnen vielleicht allein, möglicherweise in einem Heim.

"Sex im Alter - Was die Jüngeren für ihr eigenes Leben als selbstverständlich und normal ansehen, gestehen sie den Älteren nicht zu: Wünsche nach Zärtlichkeit und ein erfülltes Sexualleben."[4]


Die Szene

Es ist eine weitverbreitete Erfahrung, daß die schwule Szene auf junge, gut aussehende Leute orientiert ist, mit Geld, einer hedonistischen Weltauffassung und Erfolg, der immer noch (häufig) daran gemessen wird, mit wie vielen Leuten man Sex gehabt hat.

Die gewöhnliche und traditionelle schwule Welt, die sich um sexuelle Kontakte dreht, dient auch dazu, die Entwicklung von Freundschaften zu verhindern, die mehrere Altersgruppen umspannen. Es gibt auch ein Vorurteil, daß fast jeder ältere Mann, der einen jüngeren anspricht, mit ihm gleich ins Bett springen will. Da sie sich solcher Vorurteile bewußt sind, beeinflußt dies auch Schwule in den "besten Jahren."

Die allgemeine gesellschaftliche Vergötterung der Jugend und die Verbreitung dieses Verhaltens durch die Werbeindustrie (halbnackte junge, männliche Körper in Werbespots für Parfum, Duschgel, Hautcreme, Autos etc.) wird in der schwulen Welt auf die Spitze getrieben. Männer von dreißig Jahren werden in Discos als ,Opa' angesprochen. Mit dreißig kann man darüber lachen, aber nach und nach wirkt es verletzend, und die Konsequenzen für Junge und Alte, für AIDS-Kranke u. a., die nicht dem Junge-Götter-Ideal entsprechen, sind nicht nur verletzte Eitelkeit, sondern Isolation und Depressionen.

In Deutschland sind Schwule und Lesben, die jetzt 60 bis 70 Jahre alt sind, unter Bedingungen aufgewachsen, die bald vergessen sein werden. Da war nicht nur der Paragraph 175 in Kraft. ihre Pubertät fiel entweder in die Kriegs- oder die schwierigen Nachkriegsjahre mit der Verfolgung nach der damals noch gültigen Nazi-Variante des Paragraphen 175 in der BRD, die die Schwulen mit wenigen Ausnahmen zwang, Kontakt zueinander in dunklen Ecken, Klappen und Parks aufzunehmen.

Als sie jung waren und die Gefahr, ins KZ zu kommen, vorbei war, wurden sie meist als geistig krank, unmoralisch und als Bedrohung für Kinder und die ganze Gesellschaft betrachtet. Auffassungen, die mitunter immer noch da sind. Die soziale Ausgrenzung, die sie erlebten, weil sie Zuneigung zu ihrem eigenen Geschlecht hegen, hat das Vertrauen in ihre heterosexuellen Mitmenschen weitgehend zerstört, auch in einer Welt, in der die Toleranz gegenüber Homosexualität langsam wächst. Ihre Erfahrungen haben sie geprägt. Die Mehrheit der Schwulen versteckte ihre Sexualität aus Angst, ihren Job, ihre Wohnung, die Familie oder vieles andere zu verlieren. Die Ängste sitzen bei vielen noch tief.

Kaum verwunderlich, denn viele Schwule, die in den 30er bis 60er Jahren bewußt ihre Homosexualität gelebt haben und in vielen Fällen einschüchternde Erfahrungen gemacht haben, leben zurückgezogen, nachdem möglicherweise der Freund oder Partner gestorben ist. Manche, die nicht mehr allein zurechtkommen, leben in einem Altersheim, wo sie Angst haben müssen, sich vor ihren Mitbewohnern mit althergebrachten Konzepten von Homosexualität als "Arschficker" zu verraten. Sie sind außerdem. "bestraft", weil ihre Erinnerungen nicht, "erzählbar" sind, ihre Erlebnisse nicht aussprechbar. Jeder, der mit älteren Menschen zu tun hat, weiß, wie wichtig es für sie ist, über ihre Vergangenheit zu reden. Es tragt regelrecht zu ihrer geistigen Gesundheit bei - und viele ältere Schwule/Lesben haben entweder niemanden. der zuhört, oder sie trauen sich nicht, offen zu sein.

"Weiterhin hat die Forschung deutlich gezeigt, daß Senioren, die im Heim leben, vom Personal oft gönnerhaft behandelt und bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer sexuellen Beziehung zu einem Partner ihrer eigenen Wahl behindert werden. Man denke nur an die Schlafgelegenheiten. Das sind meist Einzelbetten."[5]

Die geistigen Entgleisungen, die unter solchen Bedingungen auftreten, dürften jedem einleuchten.

Das "Unterstützungs-Netzwerk" der Lesben scheint besser zu funktionieren, vielleicht weil, die Vergötterung der Jugend nicht so ausgeprägt ist und persönliche Netzwerke, verglichen mit der kommerziellen Szene, wichtiger sind als bei Schwulen.


Verlust eines Partners

Der Schock und das Verlustgefühl, das durch den Tod eines langjährigen Partners verursacht wird, ist genauso schwierig wie der Tod eines Ehegatten. Hinzu kommen die bekannten Probleme von Menschen, für deren Lebensgemeinschaft es nicht die juristische Absicherung einer Ehe gab. Für den Überlebenden ist die Chance, mögliche Konflikte mit der Familie seines Partners über das Erbe ohne Probleme zu überstehen, noch ungewisser als bei heterosexuellen Paaren oder Verheirateten. In dieser Lage ist für die Überlebenden, ob Schwule, Lesben oder Heteros das soziale Netzwerk von Freunden und Bekannten ein sehr wichtiger Faktor; aber wenn manche Bekannte glauben, das Heinz und Willi nur enge Freunde waren, muß der Überlebende seine Emotionen beherrschen oder verstecken, auch wenn es weh tut.

Viel zu viele ältere Homosexuelle sind "vertrieben" und unsichtbar, nicht nur durch die Intoleranz und das Unverständnis in der schwullesbischen Gemeinde, sondern auch in der übrigen Gesellschaft, auch in Einrichtungen und Vereinen für ältere Menschen. Sie ziehen sich lieber zurück, als ständig das Risiko einzugehen, verletzt zu werden oder sich mit Intoleranz herumschlagen zu müssen. Dadurch sind sie schwieriger zu erreichen für Fürsorge- und Selbsthilfegruppen, die ihnen zu einem angenehmeren Lebensabend verhelfen könnten.

Nach und nach verlieren sie Kontakte durch Immobilität oder Probleme im Zusammenhang mit der Bewältigung des Todes eines anderen. Für Menschen, die in der Vergangenheit ihre wahre Identität und Lebensweise verstecken mu0ten. ist ihr Selbsterhaltenstrieb immer noch eine ,Bremse", über die Vergangenheit zu reden.

Forscher, wie z.B. Weinberg und Williams (1974), haben keine Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Homosexuellen in Bezug auf Selbstakzeptanz, Ängste, Depression und Einsamkeit gefunden. Drei Hauptprobleme wurden durch die beiden hervorgehoben: gesellschaftlicher Verkehr, Lebensbedingungen und Sex.

Den Untersuchungen zufolge ist es wahrscheinlich, daß weniger Ältere Bars besuchen. Das ist möglicherweise historisch bedingt - weil es in der Vergangenheit weniger Bars gab und in schwierigen Zeiten das Geld anders ausgegeben wurde. Daß es verhältnismäßig mehr alleinlebende altere Homosexuelle gibt, liegt nicht nur daran, daß Partner verstorben sind, sondern an den größeren Schwierigkeiten in der Vergangenheit. Partner zu treffen und Partnerschaften aufzubauen.

Sex spielt im Leben mit zunehmendem Alter noch eine wichtige Rolle, und in einer Untersuchung fand die Hälfte der Befragten, daß Sex befriedigender sei als in ihrer Jugend. Ein 63-jähriger: "Es gibt weniger Konzentration auf die Genitalien, als mehr auf die ganze Person." Ein 60-jähriger: "Es ist überraschend, wie viele Gerontophile es gibt!"[6]

Die Isolation und Einsamkeit bringt als Folge mehrere Probleme. Die Familie ist ein "Schlüsselressource" für das Wohlbefinden ältere Menschen. Die emotionale Bindung zwischen ältere Menschen und ihre Familien sind eine Art von Bollwerk gegen schwierige Zeiten. Diejenigen ohne Kinder oder andere familiäre Unterstützung, oder die, die Iängst von Kindern und Familie getrennt bzw. "vertrieben" sind, weil vielleicht die Familie nicht mit der Homosexualität der ,Betroffenen" zurechtkam, haben überhaupt kein oder ein viel kleineres Netzwerk von jüngeren, gesünderen, fürsorglichen Menschen, die ihnen in schwierigen Phasen helfen. Durch die starke Betonung der Familienideologie in unsere Gesellschaft es ist kaum überraschend, daß viele Homosexuelle Angst vor dem Alter haben - ohne die Familienbindungen mut ihrem unterstützenden Netzwerk meine, - daß die Schwierigkeiten älterer homosexueller Menschen mehr auf dem wahrscheinlich feindlichen Klima basieren in welche sie ihre eigenen Sexualität "entdeckt" haben. Altwerden bringt man eher ein verstärktes Gefühl der Stigmatisierung mit sich, als eine grundlegenden Änderung der Umstände.

"Gerontologen sind überzeugt, daß Menschen. die in Isolation leben, ohne Familienbindungen, in ihren späteren Jahren allgemein mit ernsthafteren Problemen konfrontiert sind. Sie leben in schlechteren Wohnungen, haben ernstere Gesundheitsprobleme und sind anfälliger für Einsamkeit und Verzweifelung als Gleichaltrige, die Teil einer Familie sind."[7]

Ältere Schwule und Lesben haben natürlich viele Gemeinsamkeiten mit anderen älteren Menschen - Gesundheits- und Beweglichkeitsprobleme, Probleme mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Wohnung, Arbeit, und Gelegenheiten, ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen. Es trifft aber nicht nur für Schwule und Lesben zu, daß sie mit ihren Problemen und veränderten Fähigkeiten nicht zurechtkommen. In diesem Sinne sind die Probleme der älteren Schwulen und Lesben keine anderen als die der älteren Heterosexuellen, aber sie sind doch in vielen Fällen krasser durch die Unterdrückung. Es ist kein kleines Problem, das man "vergessen" kann, weil es eine Randgruppe trifft: Schätzungsweise über vier Millionen erwachsene Schwule in den USA sind über 60, analog gehören etwas über eine Million in Deutschland zur gleichen Altersgruppe. In Deutschland werden die Probleme durch die bisher bessere soziale Absicherung etwas gemildert, aber mit dem Umbau bzw. Abbau des Sozialstaates wird es für die schwule und lesbische Gemeinde wichtiger sein, über die Sicherung der eigenen Zukunft nachzudenken. Vielleicht sollt der Pflegedienst für AIDS-Kranke erweitert werden. ... Vielleicht sollten andere Wege gesucht werden, z. B. verstärkter Druck auf Seniorenvereine, arbeit auch in dieser Richtung zu leisten.

Der Autor ist sich der Schwächen des obigen Artikels sehr bewußt. Er betont zu stark die negativen Seiten des Älterwerdens. Es basiert jedoch auf Forschungsergebnisse die mir zur Verfügung standen. Viele Ideen stammen aus, "The Lesbian und Gay Elderly" von Arlene Kochman, deren Essay mich über die "Gruppe 40+" des Berliner Sonntags-Clubs erreichte.


Colin de la Motte-Sherman

Komment 2000: Obwohl, vielleicht, für manche der älter LGBT Community - die Lage hat sich leicht entspannt durch solche Entwicklungen wie Internet, was Kontakte aufrechterhalten erleichtet hat, - ich glaube nicht das ein grundsätzlich Verbesserung in den letzten 6 Jahren eingetreten hat. Oder ?



[1] Kenneth Plummer (1975), zitiert in The Theory & Practice of Homosexuality. Ed. Hart/Richardson (1981)
J. Weeks. "The Problems of Older Homosexuals" S. 177
[2] Arlene Kochman (1982). zitiert SAGE-Bericht
[3] Antwort, Kleine Anfrage, Bezirksamt Charlottenburg. 6/1993

[4] Uschi Heidel (Berliner Zeitung vom 20. 2. (1993)
[5] J. Weeks. "The Problems of Older Homosexuals"
[6] Theory & Practice, Ed. Hart/Richardson (1981) S.183
[7] J. Weeks. "The Problems of Older Homosexuals"

 
 
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