"Trotz seiner Unvermeidbarkeit gibt es einen
Mangel sowohl an theoretischen wie auch empirischen Informationen
zum Älterungsprozeß bei Homosexuellen."(l975)[1]
"Der ältere Homosexuelle ist eine ,unerwünschte
Person' - unerwünscht von Gerontologen und unerwünscht
durch die Homosexuellen. Ist es möglich, daß die Gerontologen
glauben, daß Homosexuelle sich im Alter von 40 Jahren im
Luft auflösen? Sind die Menschen der schwulen und lesbischen
Gemeinden' so blind gegenüber ihrer eigenen Zukunft,
wenn man sieht, daß sie erfolgreich die Älteren ihrer
Gemeinde aus ihren Kneipen, Bars, ihrer Literatur und gesellschaftlichen
Aktionen vertrieben haben?" (1982)[2]
"Sexualität im Alter ist gesellschaftlich
nach wie vor ein Tabu-Thema. Es gibt wenig Informationen und entsprechend
wenig Akzeptanz bei sexuellen Bedürfnissen und Wünschen
im Alter. In die psychologische Sprechstunde der Abteilung Gesundheit,
in der auch speziell Sexualprobleme bearbeitet werden, kommen
häufig Menschen ab 60 Jahre aufwärts und holen sich
Rat und Unterstützung.(1993)"[3]
Seelischer Notstand
Daß dieses Thema ein andauerndes Problem ist, wird aus den
drei Zitaten deutlich. Obwohl die ersten zwei Zitate auf britischen
bzw. US-amerikanischen Erfahrungen basieren, gelten sie, glaube
ich, weitgehend auch für Deutschland. Ich hätte es nicht
für möglich gehalten, daß auf einer ganztägigen
Tagung zur Forschung über das Älterwerden im allgemeinen
und die demographischen Probleme einer überalterten Gesellschaft,
wo anerkannte Wissenschaftler zum Thema und seinen Konsequenzen
sprachen, nicht ein Mal das Wort Sexualität fällt. Aber
ich habe das im November 1994 erlebt.
Dabei wird jeder vernünftige Arzt bestätigen, daß
die Befriedigung eines der Grundtriebe des Menschen, der Sexualität
in allen ihren Formen, vom Streicheln bis zum Geschlechtsverkehr,
einen wesentlichen Beitrag zu Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen
leistet. Altwerden ist kein einfacher oder unproblematischer Prozeß,
sondern ein komplexer biologischer und sozialer Vorgang, der auch
von geschichtlichen Faktoren beeinflußt wird. Genauso, wie
,Homosexuell-Sein' nicht eine einzelne Erfahrung ist, ist es leichter,
ein alter Schwuler als eine alte Lesbe zu sein. Es ist weniger schwierig,
ein altwerdender Schwuler in San Francisco zu sein als in Bad Bismarck
in Thüringen.
Die homosexuellen Senioren haben sehr unterschiedliche Verhaltens-
und Lebensweisen. Einige sind verheiratet oder verheiratet gewesen,
manche sind Eltern oder gar Großeltern, dies jedoch betrifft
nicht die Mehrheit, mindestens nicht die der Homosexuellen, die
out' sind. Manche sind gesund und unabhängig von Unterstützung;
manche können mit mehr oder weniger Schwierigkeiten mit der
Umwelt zurecht kommen. Wieder andere wohnen vielleicht allein, möglicherweise
in einem Heim.
| "Sex
im Alter - Was die Jüngeren für ihr eigenes
Leben als selbstverständlich und normal ansehen,
gestehen sie den Älteren nicht zu: Wünsche nach
Zärtlichkeit und ein erfülltes Sexualleben."[4] |
|
Die Szene
Es ist eine weitverbreitete Erfahrung, daß die schwule Szene
auf junge, gut aussehende Leute orientiert ist, mit Geld, einer
hedonistischen Weltauffassung und Erfolg, der immer noch (häufig)
daran gemessen wird, mit wie vielen Leuten man Sex gehabt hat.
Die gewöhnliche und traditionelle schwule Welt, die sich um
sexuelle Kontakte dreht, dient auch dazu, die Entwicklung von Freundschaften
zu verhindern, die mehrere Altersgruppen umspannen. Es gibt auch
ein Vorurteil, daß fast jeder ältere Mann, der einen
jüngeren anspricht, mit ihm gleich ins Bett springen will.
Da sie sich solcher Vorurteile bewußt sind, beeinflußt
dies auch Schwule in den "besten Jahren."
Die allgemeine gesellschaftliche Vergötterung der Jugend und
die Verbreitung dieses Verhaltens durch die Werbeindustrie (halbnackte
junge, männliche Körper in Werbespots für Parfum,
Duschgel, Hautcreme, Autos etc.) wird in der schwulen Welt auf die
Spitze getrieben. Männer von dreißig Jahren werden in
Discos als ,Opa' angesprochen. Mit dreißig kann man darüber
lachen, aber nach und nach wirkt es verletzend, und die Konsequenzen
für Junge und Alte, für AIDS-Kranke u. a., die nicht dem
Junge-Götter-Ideal entsprechen, sind nicht nur verletzte Eitelkeit,
sondern Isolation und Depressionen.
In Deutschland sind Schwule und Lesben, die jetzt 60 bis 70 Jahre
alt sind, unter Bedingungen aufgewachsen, die bald vergessen sein
werden. Da war nicht nur der Paragraph 175 in Kraft. ihre Pubertät
fiel entweder in die Kriegs- oder die schwierigen Nachkriegsjahre
mit der Verfolgung nach der damals noch gültigen Nazi-Variante
des Paragraphen 175 in der BRD, die die Schwulen mit wenigen Ausnahmen
zwang, Kontakt zueinander in dunklen Ecken, Klappen und Parks aufzunehmen.
Als sie jung waren und die Gefahr, ins KZ zu kommen, vorbei war,
wurden sie meist als geistig krank, unmoralisch und als Bedrohung
für Kinder und die ganze Gesellschaft betrachtet. Auffassungen,
die mitunter immer noch da sind. Die soziale Ausgrenzung, die sie
erlebten, weil sie Zuneigung zu ihrem eigenen Geschlecht hegen,
hat das Vertrauen in ihre heterosexuellen Mitmenschen weitgehend
zerstört, auch in einer Welt, in der die Toleranz gegenüber
Homosexualität langsam wächst. Ihre Erfahrungen haben
sie geprägt. Die Mehrheit der Schwulen versteckte ihre Sexualität
aus Angst, ihren Job, ihre Wohnung, die Familie oder vieles andere
zu verlieren. Die Ängste sitzen bei vielen noch tief.
Kaum verwunderlich, denn viele Schwule, die in den 30er bis 60er
Jahren bewußt ihre Homosexualität gelebt haben und in
vielen Fällen einschüchternde Erfahrungen gemacht haben,
leben zurückgezogen, nachdem möglicherweise der Freund
oder Partner gestorben ist. Manche, die nicht mehr allein zurechtkommen,
leben in einem Altersheim, wo sie Angst haben müssen, sich
vor ihren Mitbewohnern mit althergebrachten Konzepten von Homosexualität
als "Arschficker" zu verraten. Sie sind außerdem.
"bestraft", weil ihre Erinnerungen nicht, "erzählbar"
sind, ihre Erlebnisse nicht aussprechbar. Jeder, der mit älteren
Menschen zu tun hat, weiß, wie wichtig es für sie ist,
über ihre Vergangenheit zu reden. Es tragt regelrecht zu ihrer
geistigen Gesundheit bei - und viele ältere Schwule/Lesben
haben entweder niemanden. der zuhört, oder sie trauen sich
nicht, offen zu sein.
"Weiterhin hat die Forschung deutlich gezeigt,
daß Senioren, die im Heim leben, vom Personal oft gönnerhaft
behandelt und bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer
sexuellen Beziehung zu einem Partner ihrer eigenen Wahl behindert
werden. Man denke nur an die Schlafgelegenheiten. Das sind meist
Einzelbetten."[5]
Die geistigen Entgleisungen, die unter solchen Bedingungen auftreten,
dürften jedem einleuchten.
Das "Unterstützungs-Netzwerk" der Lesben scheint
besser zu funktionieren, vielleicht weil, die Vergötterung
der Jugend nicht so ausgeprägt ist und persönliche Netzwerke,
verglichen mit der kommerziellen Szene, wichtiger sind als bei Schwulen.
Verlust eines Partners
Der Schock und das Verlustgefühl, das durch den Tod eines
langjährigen Partners verursacht wird, ist genauso schwierig
wie der Tod eines Ehegatten. Hinzu kommen die bekannten Probleme
von Menschen, für deren Lebensgemeinschaft es nicht die juristische
Absicherung einer Ehe gab. Für den Überlebenden ist die
Chance, mögliche Konflikte mit der Familie seines Partners
über das Erbe ohne Probleme zu überstehen, noch ungewisser
als bei heterosexuellen Paaren oder Verheirateten. In dieser Lage
ist für die Überlebenden, ob Schwule, Lesben oder Heteros
das soziale Netzwerk von Freunden und Bekannten ein sehr wichtiger
Faktor; aber wenn manche Bekannte glauben, das Heinz und Willi nur
enge Freunde waren, muß der Überlebende seine Emotionen
beherrschen oder verstecken, auch wenn es weh tut.
Viel zu viele ältere Homosexuelle sind "vertrieben"
und unsichtbar, nicht nur durch die Intoleranz und das Unverständnis
in der schwullesbischen Gemeinde, sondern auch in der übrigen
Gesellschaft, auch in Einrichtungen und Vereinen für ältere
Menschen. Sie ziehen sich lieber zurück, als ständig das
Risiko einzugehen, verletzt zu werden oder sich mit Intoleranz herumschlagen
zu müssen. Dadurch sind sie schwieriger zu erreichen für
Fürsorge- und Selbsthilfegruppen, die ihnen zu einem angenehmeren
Lebensabend verhelfen könnten.
Nach und nach verlieren sie Kontakte durch Immobilität oder
Probleme im Zusammenhang mit der Bewältigung des Todes eines
anderen. Für Menschen, die in der Vergangenheit ihre wahre
Identität und Lebensweise verstecken mu0ten. ist ihr Selbsterhaltenstrieb
immer noch eine ,Bremse", über die Vergangenheit zu reden.
Forscher, wie z.B. Weinberg und Williams (1974), haben keine Unterschiede
zwischen älteren und jüngeren Homosexuellen in Bezug auf
Selbstakzeptanz, Ängste, Depression und Einsamkeit gefunden.
Drei Hauptprobleme wurden durch die beiden hervorgehoben: gesellschaftlicher
Verkehr, Lebensbedingungen und Sex.
Den Untersuchungen zufolge ist es wahrscheinlich, daß weniger
Ältere Bars besuchen. Das ist möglicherweise historisch
bedingt - weil es in der Vergangenheit weniger Bars gab und in schwierigen
Zeiten das Geld anders ausgegeben wurde. Daß es verhältnismäßig
mehr alleinlebende altere Homosexuelle gibt, liegt nicht nur daran,
daß Partner verstorben sind, sondern an den größeren
Schwierigkeiten in der Vergangenheit. Partner zu treffen und Partnerschaften
aufzubauen.
Sex spielt im Leben mit zunehmendem Alter noch eine wichtige Rolle,
und in einer Untersuchung fand die Hälfte der Befragten, daß
Sex befriedigender sei als in ihrer Jugend. Ein 63-jähriger:
"Es gibt weniger Konzentration auf die Genitalien, als mehr
auf die ganze Person." Ein 60-jähriger: "Es ist überraschend,
wie viele Gerontophile es gibt!"[6]
Die Isolation und Einsamkeit bringt als Folge mehrere Probleme.
Die Familie ist ein "Schlüsselressource" für
das Wohlbefinden ältere Menschen. Die emotionale Bindung zwischen
ältere Menschen und ihre Familien sind eine Art von Bollwerk
gegen schwierige Zeiten. Diejenigen ohne Kinder oder andere familiäre
Unterstützung, oder die, die Iängst von Kindern und Familie
getrennt bzw. "vertrieben" sind, weil vielleicht die Familie
nicht mit der Homosexualität der ,Betroffenen" zurechtkam,
haben überhaupt kein oder ein viel kleineres Netzwerk von jüngeren,
gesünderen, fürsorglichen Menschen, die ihnen in schwierigen
Phasen helfen. Durch die starke Betonung der Familienideologie in
unsere Gesellschaft es ist kaum überraschend, daß viele
Homosexuelle Angst vor dem Alter haben - ohne die Familienbindungen
mut ihrem unterstützenden Netzwerk meine, - daß die Schwierigkeiten
älterer homosexueller Menschen mehr auf dem wahrscheinlich
feindlichen Klima basieren in welche sie ihre eigenen Sexualität
"entdeckt" haben. Altwerden bringt man eher ein verstärktes
Gefühl der Stigmatisierung mit sich, als eine grundlegenden
Änderung der Umstände.
"Gerontologen sind überzeugt, daß
Menschen. die in Isolation leben, ohne Familienbindungen, in ihren
späteren Jahren allgemein mit ernsthafteren Problemen konfrontiert
sind. Sie leben in schlechteren Wohnungen, haben ernstere Gesundheitsprobleme
und sind anfälliger für Einsamkeit und Verzweifelung
als Gleichaltrige, die Teil einer Familie sind."[7]
Ältere Schwule und Lesben haben natürlich viele Gemeinsamkeiten
mit anderen älteren Menschen - Gesundheits- und Beweglichkeitsprobleme,
Probleme mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Wohnung, Arbeit,
und Gelegenheiten, ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen. Es trifft aber
nicht nur für Schwule und Lesben zu, daß sie mit ihren
Problemen und veränderten Fähigkeiten nicht zurechtkommen.
In diesem Sinne sind die Probleme der älteren Schwulen und
Lesben keine anderen als die der älteren Heterosexuellen, aber
sie sind doch in vielen Fällen krasser durch die Unterdrückung.
Es ist kein kleines Problem, das man "vergessen" kann,
weil es eine Randgruppe trifft: Schätzungsweise über vier
Millionen erwachsene Schwule in den USA sind über 60, analog
gehören etwas über eine Million in Deutschland zur gleichen
Altersgruppe. In Deutschland werden die Probleme durch die bisher
bessere soziale Absicherung etwas gemildert, aber mit dem Umbau
bzw. Abbau des Sozialstaates wird es für die schwule und lesbische
Gemeinde wichtiger sein, über die Sicherung der eigenen Zukunft
nachzudenken. Vielleicht sollt der Pflegedienst für AIDS-Kranke
erweitert werden. ... Vielleicht sollten andere Wege gesucht werden,
z. B. verstärkter Druck auf Seniorenvereine, arbeit auch in
dieser Richtung zu leisten.
Der Autor ist sich der Schwächen des obigen Artikels sehr
bewußt. Er betont zu stark die negativen Seiten des Älterwerdens.
Es basiert jedoch auf Forschungsergebnisse die mir zur Verfügung
standen. Viele Ideen stammen aus, "The Lesbian und Gay Elderly"
von Arlene Kochman, deren Essay mich über die "Gruppe
40+" des Berliner Sonntags-Clubs erreichte.
Colin de la Motte-Sherman
| Komment
2000: Obwohl, vielleicht, für manche der älter LGBT
Community - die Lage hat sich leicht entspannt durch solche
Entwicklungen wie Internet, was Kontakte aufrechterhalten erleichtet
hat, - ich glaube nicht das ein grundsätzlich Verbesserung
in den letzten 6 Jahren eingetreten hat. Oder ? |
[1] Kenneth
Plummer (1975), zitiert in The Theory & Practice of Homosexuality.
Ed. Hart/Richardson (1981)
J. Weeks. "The Problems of Older Homosexuals" S. 177
[2] Arlene
Kochman (1982). zitiert SAGE-Bericht
[3] Antwort,
Kleine Anfrage, Bezirksamt Charlottenburg. 6/1993
[4] Uschi
Heidel (Berliner Zeitung vom 20. 2. (1993)
[5] J. Weeks.
"The Problems of Older Homosexuals"
[6] Theory
& Practice, Ed. Hart/Richardson (1981) S.183
[7] J. Weeks.
"The Problems of Older Homosexuals"
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