Aimee und Jaguar (Deutschland):
Aimée und Jaguar erzählt die Geschichte einer lesbischen
Liebe unter den Nazis im Berlin des Jahres 1943. Die Stärke
der Geschichte ist die Schilderung der Normalität der Ereignisse,
während Bombenhagel Berlin zerstören und Menschen deportiert
werden. Die (wahre) Geschichte ist die des Verhältnisses zwischen
einer Jüdin und eine bis dahin brave, naive Deutsche Hausfrau
und Mutter. Als die Aimee nach Theresíenstadt verschleppt
ist, versucht die Jaguar sie dort zu besuchen. Gute schauspielerische
Einzelleistungen retten den Film davor, in zu viel Normalität
und Schwächen abzugleiten.
Amic/Amat (Spanien)
Gutes und interessantes Drehbuch. Sehenswert. Obwohl auf einer anderen
Ebene und in einer anderen Umgebung ist der Film mit seiner brütenden
Atmosphäre The War Zone ähnlich. Ein älterer schwuler
Professor, der nicht mehr lange zu leben hat, versucht, sein letztes
Essay einem Schüler, den er lieht, zu schenken. Der Schüler
verdient Geld. in dem er auf den Strich geht.
Beefcake (USA):
Der Kampf für das Recht auf Sexualität, Homosexualität
eingeschlossen, ist noch nicht beendet, auch nicht im Land der unbegrenzten
Möglichkeiten. Thom Fitzgerald, Regisseur des gefeierten Films
The Hanging Garden, beschäftigt sich in Beefcake mit
dem Leben des Bob Mizer, einer der U.S.-Pioniere in der männliche
Aktfotografie, der in den 50er Jahren die "Athletic Models
Guild" aufzog. Mizer und seine Modellen, versuchten dem wachsamen
Augen der Zensoren zu entgehen.
Bishonen (Hong Kong)
Eine schwule Dreiecksgeschichte. Jet und Ah arbeiten als Callboys
und teilen sich eine Wohnung. Jet verliebt sich in Sam, der früher
eine Beziehung mit Ah hatte. Sam versucht, sein Schwulsein zu verdrängen.
Zum Schluß sind alle allein. Der Film ist witzig, manchmal
fast derb, die Personen liebevoll gezeichnet, sie spielen Szenen
großer Zärtlichkeit. Schneller Schnitt und nicht immer
nachvollziehbare Rückblenden irritieren, so daß der Zuschauer
manchmal nicht versteht, was auf welcher Zeitebene geschieht. Der
Dialogreichtum lenkt von den Bildern ab, vor allem wegen der Untertitel,
was schade ist, denn die Bilder der Metropole Hong Kong im Umbruch
sind sehenswert. Supersüß: der aus San Francisco stammende
Danny Woo als Sam. Trotz mancher Schwächen: das Publikum war
begeistert. Sehenswert!
Dear Jesse (USA)
Dieser Dokumentarfilm ist grundsätzlich eine sehr gute Idee,
aber er benötigt dringend einen weiteren Besuch im Schneideraum.
Er beschäftigt sich mit dem berüchtigten konservativen
und homophoben US-Senator Jesse Helms. Er kratzt an dem für
viele US-Amerikaner noch immer unbefleckten - Image des Senators
und beginnt mit der Idee, daß der Filmemacher im selben Ort
und am selben Tag (nicht im selben Jahr allerdings) wie Helms geboren
wurde. Nach einer Weiteren Überarbeitung könnte der Film
nützlich bis wichtig werden für den Kampf gegen die extreme
Rechte in den USA - und überall.
Fucking Amal (Schweden/Dänemark):
Der vom heterosexuellen Regisseur Lukas Moodysson verfilmte Beitrag
ist teilweise langweilig, aber es war wohl unvermeidlich "daß
er den Teddy gewann für sein durchdachtes Portrait des Coming-Out
einer jungen lesbischen Liebe". Es geht hauptsächlich
darum, daß ein Schulmädchen ihre Liebe zu Frauen entdeckt
und sich zu ihrem Lesbischsein bekennt. Nicht aufregend, aber okay.
Gendernauts (Deutschland):
Ein Dokumentarfilm aus der San Francisco Bay Area über biologische
Frauen, die sich Testosteron spritzen. um die Geschlechtsschranken
zu überwinden oder aufzuheben. Wer an diesem derzeit sehr aktuellen
Thema interessiert ist, erhält spannende Einblicke in eine
bei uns noch immer als exotisch empfundene Lebensweise. Für
Spezialistinnen.
The Happiest Place on Earth (Frankreich)
basiert auf den letzten Jahren im Leben von Robert Lambert, ein
französischer schwuler Schauspieler, der mitten drin in der
Produktion eines Filmes in einer Schwulenbar im Vichy Frankreich
festgenommen und nach Buchenwald deportiert wurde, wo er 1945 starb.
Dieser Film und Kurt Gerons-Karusseil erinnern daran, daß
kulturelle und politische Repression (eben auch in seinem homophoben
Auswuchs) zwei Seiten der selben Medaille sind.
Kurt Gerons Karussell (Deutschland)
Dieser Film dürfte Kabarett- und Chansonfans interessieren.
Es ist die Geschichte des rundlichen Berliner Schauspielers und
Multitalents Kurt Geron, der in den 20er und 30er Jahren u.a. Mackie
Messer bei der Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper spielte.
Er floh vor den Nazis in die Niederlande. von wo er nach der deutsche
Besetzung über das Durchgangslager Westerhork nach Theresienstadt
deportiert wurde. Der Film ist eine exzellente Mischung aus von
Geron gesungenen Liedern interpretiert von heute in Berlin wirkenden
Kabarettisten und der Dokumentation seines Weges in die Hölle.
Liu Awaited Spring (Australien)
von Andrew Soo über junge schwule Chinesen in Australien erhielt
den Teddy Award für den besten Kurzfilm: "für sein
Portrait eines jungen Mannes, der kulturelle, persönliche und
schwule Identitäten erprobt, und für eine wunderbare Verschmelzung
von Ton und Bild". Er ist wirklich interessant. Wieder einmal
spielen kulturelle Unterschiede eine signifikante Rolle.
Lola und Bilidikid (Deutschland)
Murat, lebt in Berlin, ist 17, Türke und Schwul. Er muss sich
entscheiden ob er lebenslang mit einer Lüge lebt, oder mit
der Wahrheit über der furchtbaren Geschichte mit seiner Familie
redet. Obwohl der Film in einigen Szenen sehr brutal ist, zeigt
er die Schwierigkeiten von Schwulen in einer repressiven sozio-politisch-religiösen
Atmosphäre. Trotz einiger guter schauspielerischer Leistungen
scheint der Film manchmal die Grenze zwischen Drama und Melodrama
zu ignorieren. Dennoch sehenswert.
The Man Who Drove Mandela (Großbritannien/Südafrika/Niederlande)
Der Film erhielt den Teddy Award als bester Dokumentarfilm, für
seinen Beitrag zur schwul-lesbischen Geschichte und "sein anspruchsvolles
und politisch engagiertes Thema". Es geht um Cecil Williams,
einer der bekanntesten Bühnenregisseure Johannesburgs in den
50er Jahren, Kommunist und homosexuell. Es ist kein brillanter Film,
aber der Preis ist Wohlverdient. Ein weiterer Beitrag zu den Zusammenhängen
zwischen politischer Repression und kultureller Freiheit, denn Williams
war gezwungen. Südafrika zu verlassen und sich vom Kampf zu
rückzuziehen.
Shakespeare in Love (Großbritannien)
Dieser Film geht nicht darauf ein, daß William Shakespeare
zumindest bisexuell, wenn nicht sogar schwul, gewesen sein soll.
Historisch über weite Strecken Unsinn, ist er zum Teil vergnüglich,
lustig und gut gespielt. Allerdings versucht die Musik, manchmal
erfolgreich, die Handlung zu dominieren. Aber er ist sehenswert,
wenn man seinen Sinn für historische Tatsachen für zwei
Stunden vergessen kann.
Speak to Me, Sisters! (Schweden/Südafrika):
In diesem bewegenden Film geht es um politische Unterdrückung
von Frauen in Südafrika. Regisseurin Maj Wechselmann erhielt
den Preis der Ökumenischen Jury, da dieser Film den Widerstand
von Frauen gegen die Apartheid würdigt, und aufgrund seines
meisterhaften Einsatzes von Archivmaterial. Ihre Kampagne wurde
zur Beispiel für Millionen ihrer Schwarze und Farbige Landsleute.
Von dem 40 Frauen interviewed, 30 saß hinter Gitter für
ihre Teil in dem Kampf gegen Apartheid. Ihre Stärke ist eine
Lehre für uns alle.
Swallows (USA):
Der Film spielt in einem kleinen abgelegenen Hotel in Südkalifornien.
Die gelegentlichen Schwächen des Drehbuchs sind durch die Handlung
des Films fast nicht zu bemerken, und das Resultat ist ein fröhlicher
Film über hetero- und homosexuelle Kabale und Liebe, in dem
fast jedeR am Ende die/ denjenigen bekommt, den sie/er haben will.
Der Film zeigt Liebe zwischen Erwachsenen als vollkommen normal,
gleich ob hetero-, homo- oder bisexuell.
The Offering (Kanada)
Dieser sprachlose Kurzfilm des Kanadiers chinesischer Herkunft Paul
Lee wurde im Wettbewerb gezeigt. Zwischen über die Treppen
stolpernden zu spät Gekommenen und Leuten, die sich an mir
vorbei zu freien Plätzen schoben, versuchte ich, einem Film
beizuwohnen, der mit visueller Schönheit die Liebe und Zuneigung
zwischen einem japanischen Mönch und einem Novizen zeigt. Er
ist gut. Leider kann ich nicht mehr sagen, da ich ständig abgelenkt
wurde, außer, daß es unfair ist ein Werk von solch intensiver
Kunstfertigkeit so zu behandeln.
The War Zone (Großbritannien)
Der erste abendfüllende Film von Regisseur Tim Roth. Die International
Confederation of Art Cinemas of Europe schrieb in ihrer Laudatio:
The War Zone ist für uns ein herausragender Film, in
dem die gesamte künstlerische Gestaltung harmoniert: Geschichte,
Fotografie und szenischer Aufbau". Durch die düstere Landschaft
der englischen Südküste, die Entwicklung der zunehmend
deprimierenden Geschichte und die unterdrückte - nicht exzessiv
beschriebener - Gewalt ist der Film exzellent und ohne jegliche
Tendenz zu Voyeurismus, wovon einige Regisseure lernen könnten.
Dieser Film hätte einen "Goldenen Bären" verdient
für seinen Mut und seine Kunstfertigkeit.
Trick (USA)
Ein Highlight der Berlinale 1999.
Aus dem schwulen Leben gegriffen. Fast jeder Schwule vermag sich
mit den beiden Hauptdarstellern zu identifizieren, die sich in der
U-bahn kennenlernen und dann vergeblich nach einem Ort für
einen One-Night-Stand suchen. So ganz nebenbei lernt man auch noch
das New Yorker Nachtleben kennen. Mit sehr viel Humor inszeniert
Jim Fall eine Komödie, die, glaubwürdig, ganz leicht,
aber nicht seicht, überzeugt. Witzige Dialoge ergänzen
schöne, stimmungsvolle Bilder, und selbst ein paar unverständliche
Schnitte sind dem Vergnügen nicht abträglich.
Preisträger
Den "Goldenen Bären" erhielt, eher unerwartet, der
US-amerikanische Beitrag The Thin Red Line ("Der
schmale Grat") über den amerikanisch-japanischen Kampf
auf der Pazifikinsel Guadalcanal im Zweiten Weltkrieg.
"Silberne Bären" gingen an den dänischen Beitrag
Mifunes Sidste Sang, an Stephen Frears für die
Regie des Films The Hi-Lo Country (USA). an Juliane
Köhler und Maria Schrader für ihre schauspielerischen
Leistungen im deutschen Beitrag Aimée und Jaguar
sowie an Michael Gwisdek als Darsteller im zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag
Nachtgestalten. Weitere "Silberne Bären"
für das beste Drehbuch gingen an Marc Norman und Tom Stoppard
(Shakespeare in Love, Großbritannien) und David
Cronenberg (eXistenZ, Kanada).
Colin de la Motte-Sherman
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