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Berlinale 1999
Kunst, Identität und Verfolgung

Aimee und Jaguar (Deutschland):
Aimée und Jaguar erzählt die Geschichte einer lesbischen Liebe unter den Nazis im Berlin des Jahres 1943. Die Stärke der Geschichte ist die Schilderung der Normalität der Ereignisse, während Bombenhagel Berlin zerstören und Menschen deportiert werden. Die (wahre) Geschichte ist die des Verhältnisses zwischen einer Jüdin und eine bis dahin brave, naive Deutsche Hausfrau und Mutter. Als die Aimee nach Theresíenstadt verschleppt ist, versucht die Jaguar sie dort zu besuchen. Gute schauspielerische Einzelleistungen retten den Film davor, in zu viel Normalität und Schwächen abzugleiten.

Amic/Amat (Spanien)
Gutes und interessantes Drehbuch. Sehenswert. Obwohl auf einer anderen Ebene und in einer anderen Umgebung ist der Film mit seiner brütenden Atmosphäre The War Zone ähnlich. Ein älterer schwuler Professor, der nicht mehr lange zu leben hat, versucht, sein letztes Essay einem Schüler, den er lieht, zu schenken. Der Schüler verdient Geld. in dem er auf den Strich geht.

Beefcake (USA):
Der Kampf für das Recht auf Sexualität, Homosexualität eingeschlossen, ist noch nicht beendet, auch nicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Thom Fitzgerald, Regisseur des gefeierten Films The Hanging Garden, beschäftigt sich in Beefcake mit dem Leben des Bob Mizer, einer der U.S.-Pioniere in der männliche Aktfotografie, der in den 50er Jahren die "Athletic Models Guild" aufzog. Mizer und seine Modellen, versuchten dem wachsamen Augen der Zensoren zu entgehen.

Bishonen (Hong Kong)
Eine schwule Dreiecksgeschichte. Jet und Ah arbeiten als Callboys und teilen sich eine Wohnung. Jet verliebt sich in Sam, der früher eine Beziehung mit Ah hatte. Sam versucht, sein Schwulsein zu verdrängen. Zum Schluß sind alle allein. Der Film ist witzig, manchmal fast derb, die Personen liebevoll gezeichnet, sie spielen Szenen großer Zärtlichkeit. Schneller Schnitt und nicht immer nachvollziehbare Rückblenden irritieren, so daß der Zuschauer manchmal nicht versteht, was auf welcher Zeitebene geschieht. Der Dialogreichtum lenkt von den Bildern ab, vor allem wegen der Untertitel, was schade ist, denn die Bilder der Metropole Hong Kong im Umbruch sind sehenswert. Supersüß: der aus San Francisco stammende Danny Woo als Sam. Trotz mancher Schwächen: das Publikum war begeistert. Sehenswert!

Dear Jesse (USA)
Dieser Dokumentarfilm ist grundsätzlich eine sehr gute Idee, aber er benötigt dringend einen weiteren Besuch im Schneideraum. Er beschäftigt sich mit dem berüchtigten konservativen und homophoben US-Senator Jesse Helms. Er kratzt an dem für viele US-Amerikaner noch immer unbefleckten - Image des Senators und beginnt mit der Idee, daß der Filmemacher im selben Ort und am selben Tag (nicht im selben Jahr allerdings) wie Helms geboren wurde. Nach einer Weiteren Überarbeitung könnte der Film nützlich bis wichtig werden für den Kampf gegen die extreme Rechte in den USA - und überall.

Fucking Amal (Schweden/Dänemark):
Der vom heterosexuellen Regisseur Lukas Moodysson verfilmte Beitrag ist teilweise langweilig, aber es war wohl unvermeidlich "daß er den Teddy gewann für sein durchdachtes Portrait des Coming-Out einer jungen lesbischen Liebe". Es geht hauptsächlich darum, daß ein Schulmädchen ihre Liebe zu Frauen entdeckt und sich zu ihrem Lesbischsein bekennt. Nicht aufregend, aber okay.

Gendernauts (Deutschland):
Ein Dokumentarfilm aus der San Francisco Bay Area über biologische Frauen, die sich Testosteron spritzen. um die Geschlechtsschranken zu überwinden oder aufzuheben. Wer an diesem derzeit sehr aktuellen Thema interessiert ist, erhält spannende Einblicke in eine bei uns noch immer als exotisch empfundene Lebensweise. Für Spezialistinnen.

The Happiest Place on Earth (Frankreich)
basiert auf den letzten Jahren im Leben von Robert Lambert, ein französischer schwuler Schauspieler, der mitten drin in der Produktion eines Filmes in einer Schwulenbar im Vichy Frankreich festgenommen und nach Buchenwald deportiert wurde, wo er 1945 starb. Dieser Film und Kurt Gerons-Karusseil erinnern daran, daß kulturelle und politische Repression (eben auch in seinem homophoben Auswuchs) zwei Seiten der selben Medaille sind.

Kurt Gerons Karussell (Deutschland)
Dieser Film dürfte Kabarett- und Chansonfans interessieren. Es ist die Geschichte des rundlichen Berliner Schauspielers und Multitalents Kurt Geron, der in den 20er und 30er Jahren u.a. Mackie Messer bei der Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper spielte. Er floh vor den Nazis in die Niederlande. von wo er nach der deutsche Besetzung über das Durchgangslager Westerhork nach Theresienstadt deportiert wurde. Der Film ist eine exzellente Mischung aus von Geron gesungenen Liedern interpretiert von heute in Berlin wirkenden Kabarettisten und der Dokumentation seines Weges in die Hölle.

Liu Awaited Spring (Australien)
von Andrew Soo über junge schwule Chinesen in Australien erhielt den Teddy Award für den besten Kurzfilm: "für sein Portrait eines jungen Mannes, der kulturelle, persönliche und schwule Identitäten erprobt, und für eine wunderbare Verschmelzung von Ton und Bild". Er ist wirklich interessant. Wieder einmal spielen kulturelle Unterschiede eine signifikante Rolle.

Lola und Bilidikid (Deutschland)
Murat, lebt in Berlin, ist 17, Türke und Schwul. Er muss sich entscheiden ob er lebenslang mit einer Lüge lebt, oder mit der Wahrheit über der furchtbaren Geschichte mit seiner Familie redet. Obwohl der Film in einigen Szenen sehr brutal ist, zeigt er die Schwierigkeiten von Schwulen in einer repressiven sozio-politisch-religiösen Atmosphäre. Trotz einiger guter schauspielerischer Leistungen scheint der Film manchmal die Grenze zwischen Drama und Melodrama zu ignorieren. Dennoch sehenswert.

The Man Who Drove Mandela (Großbritannien/Südafrika/Niederlande)
Der Film erhielt den Teddy Award als bester Dokumentarfilm, für seinen Beitrag zur schwul-lesbischen Geschichte und "sein anspruchsvolles und politisch engagiertes Thema". Es geht um Cecil Williams, einer der bekanntesten Bühnenregisseure Johannesburgs in den 50er Jahren, Kommunist und homosexuell. Es ist kein brillanter Film, aber der Preis ist Wohlverdient. Ein weiterer Beitrag zu den Zusammenhängen zwischen politischer Repression und kultureller Freiheit, denn Williams war gezwungen. Südafrika zu verlassen und sich vom Kampf zu rückzuziehen.

Shakespeare in Love (Großbritannien)
Dieser Film geht nicht darauf ein, daß William Shakespeare zumindest bisexuell, wenn nicht sogar schwul, gewesen sein soll. Historisch über weite Strecken Unsinn, ist er zum Teil vergnüglich, lustig und gut gespielt. Allerdings versucht die Musik, manchmal erfolgreich, die Handlung zu dominieren. Aber er ist sehenswert, wenn man seinen Sinn für historische Tatsachen für zwei Stunden vergessen kann.

Speak to Me, Sisters! (Schweden/Südafrika):
In diesem bewegenden Film geht es um politische Unterdrückung von Frauen in Südafrika. Regisseurin Maj Wechselmann erhielt den Preis der Ökumenischen Jury, da dieser Film den Widerstand von Frauen gegen die Apartheid würdigt, und aufgrund seines meisterhaften Einsatzes von Archivmaterial. Ihre Kampagne wurde zur Beispiel für Millionen ihrer Schwarze und Farbige Landsleute. Von dem 40 Frauen interviewed, 30 saß hinter Gitter für ihre Teil in dem Kampf gegen Apartheid. Ihre Stärke ist eine Lehre für uns alle.

Swallows (USA):
Der Film spielt in einem kleinen abgelegenen Hotel in Südkalifornien. Die gelegentlichen Schwächen des Drehbuchs sind durch die Handlung des Films fast nicht zu bemerken, und das Resultat ist ein fröhlicher Film über hetero- und homosexuelle Kabale und Liebe, in dem fast jedeR am Ende die/ denjenigen bekommt, den sie/er haben will. Der Film zeigt Liebe zwischen Erwachsenen als vollkommen normal, gleich ob hetero-, homo- oder bisexuell.

The Offering (Kanada)
Dieser sprachlose Kurzfilm des Kanadiers chinesischer Herkunft Paul Lee wurde im Wettbewerb gezeigt. Zwischen über die Treppen stolpernden zu spät Gekommenen und Leuten, die sich an mir vorbei zu freien Plätzen schoben, versuchte ich, einem Film beizuwohnen, der mit visueller Schönheit die Liebe und Zuneigung zwischen einem japanischen Mönch und einem Novizen zeigt. Er ist gut. Leider kann ich nicht mehr sagen, da ich ständig abgelenkt wurde, außer, daß es unfair ist ein Werk von solch intensiver Kunstfertigkeit so zu behandeln.

The War Zone (Großbritannien)
Der erste abendfüllende Film von Regisseur Tim Roth. Die International Confederation of Art Cinemas of Europe schrieb in ihrer Laudatio: The War Zone ist für uns ein herausragender Film, in dem die gesamte künstlerische Gestaltung harmoniert: Geschichte, Fotografie und szenischer Aufbau". Durch die düstere Landschaft der englischen Südküste, die Entwicklung der zunehmend deprimierenden Geschichte und die unterdrückte - nicht exzessiv beschriebener - Gewalt ist der Film exzellent und ohne jegliche Tendenz zu Voyeurismus, wovon einige Regisseure lernen könnten. Dieser Film hätte einen "Goldenen Bären" verdient für seinen Mut und seine Kunstfertigkeit.

Trick (USA)
Ein Highlight der Berlinale 1999.
Aus dem schwulen Leben gegriffen. Fast jeder Schwule vermag sich mit den beiden Hauptdarstellern zu identifizieren, die sich in der U-bahn kennenlernen und dann vergeblich nach einem Ort für einen One-Night-Stand suchen. So ganz nebenbei lernt man auch noch das New Yorker Nachtleben kennen. Mit sehr viel Humor inszeniert Jim Fall eine Komödie, die, glaubwürdig, ganz leicht, aber nicht seicht, überzeugt. Witzige Dialoge ergänzen schöne, stimmungsvolle Bilder, und selbst ein paar unverständliche Schnitte sind dem Vergnügen nicht abträglich.


Preisträger

Den "Goldenen Bären" erhielt, eher unerwartet, der US-amerikanische Beitrag The Thin Red Line ("Der schmale Grat") über den amerikanisch-japanischen Kampf auf der Pazifikinsel Guadalcanal im Zweiten Weltkrieg.

"Silberne Bären" gingen an den dänischen Beitrag Mifunes Sidste Sang, an Stephen Frears für die Regie des Films The Hi-Lo Country (USA). an Juliane Köhler und Maria Schrader für ihre schauspielerischen Leistungen im deutschen Beitrag Aimée und Jaguar sowie an Michael Gwisdek als Darsteller im zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag Nachtgestalten. Weitere "Silberne Bären" für das beste Drehbuch gingen an Marc Norman und Tom Stoppard (Shakespeare in Love, Großbritannien) und David Cronenberg (eXistenZ, Kanada).


Colin de la Motte-Sherman

 
 
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