C.M-S.: Was machen Sie denn
in Berlin !!?
C. G.: Ich wurde 1991 zur
Berliner Lesbenwoche eingeladen, um meine Gedichte zu lesen. Das
war lustig. Die Frau, die mich eingeladen hatte, war selbst zur
Feministinnen-Buchmesse in Kanada und sagte, daß sie drei,
vier Tage rote Ohren hatte, da ich unaufhörlich über Sex
geredet hätte, am Frühstückstisch und überall.
Da sich die Lesbenwoche 1991 Fragen zum Sex als Hauptthema gewählt
hatte, dachte sie natürlich an mich und meine Gedichte. Ich
wurde wirklich als Sex-Dichterin eingeladen, und wie viele Kanadierinnen
und Internationals habe ich mich in Berlin verliebt und mich dazu
entschlossen, es mal zu versuchen und eine Zeitlang hier zu leben.
C.M-S.:Einige Ihrer Gedichte, die ich las, sind sehr offen. Hat
das etwas mit Ihnen oder den kanadischen Feministinnen zu tun?
C. G.:Ich kenne die Reaktion deutscher Zuhörer bereits,
und zwar in der Hinsicht, daß es hier nicht so viel ausgesprochenen
Sex-Talk" gibt. Ich glaube, das wird sich ändern,
aber als ich das erste Mal hier war, bekamen die Frauen vor Staunen
große Augen und sagten mir, daß dies etwas ganz Neues
für sie sei - die Benutzung der expliziten Sexwörter für
den Körper. Ich verwende Wörter wie cunt" (Fotze)
und ,fuck (ficken), die die Zuschauer natürlich schockieren,
wenn sie nicht daran gewohnt sind, so offen über diese Dinge
zu reden. Das war auch lustig für mich, da Menschen in Kanada
oder den USA immer die Vorstellung haben, daß die Europäer
ziemlich frei" sind, was ihren Körper betrifft.
Dänemark z. B. ist so frei" in sexuellen Dingen,
und die Niederländer. Man erwartet diese Mauer des Schweigens
nicht, wie ich sie manchmal bei deutschen Frauen angetroffen habe.
Aber ich habe festgestellt, daß sie es in dem Moment, in dem
ich mit diesem Thema beginne, aufnehme und fortsetzen.
C.M-S.:Warum gehen Sie so offen damit um und andere nicht?
C.G.: Ich bin so offen, weil
ich hart daran gearbeitet habe, so offen zu sein. Ich habe eine
normale weiße angelsächsische protestantische (WASP Erziehung
genossen, bei der allerdings nicht viel Sex, Gefühl und Körperkontakt
mit im Spiel war. Mir wirde klar daß das einen Mangel darstellte,
und als ich mein Coming out als Lesbe hatte, suchte ich nach dem
stärksten Tabu, das ich mich vorstellen konnte, und habe mich
umfassend darüber informiert. Ich habe z.B. die Lesbenpornozeitschrift
On our backs gekauft; ich ging zu allen echten Lesbenvideos,
sogar zu den von Hetis produzierten, und ich habe mich
ganz eingehend informiert. Ich wollte diese Erziehung überwinden.
Meine Offenheit stammt ganz gewiß nicht von meiner Frederickton-Erziehung.
Ich habe hart dafür gekämpft, ohne, daß ich daran
gedacht hätte, es irgendwann einmal an andere weiterzugeben,
und zwar in einer nützlichen Art und Weise.
C.M-S.:Glauben Sie, daß Offenheit in diesem Zusammenhang
etwas ist, nach dem wir alle streben sollten?
C. G.:Ich glaube,
es wäre schon gut, wenn wir alle offener darüber reden
würden.
Ich habe hier in diesem Buch ein Gedicht mit dem Titel "bad
lesbian sex". Schlecht (bad) in dem Sinne, daß es sich
um Sex handelt, der nicht lebensbejahend ist und deshalb schadet.
Vielleicht gibt es Grenzen, die wir noch nicht bereit sind zu überschreiten,
oder es gibt keine Kommunikation oder es passiert etwas, Das ganz
negativ für uns ist. Ich glaube, wenn es uns gelänge,
einfach darüber zu reden z.B. wenn Frau nach dem Sex
am nächsten Morgen am Frühstückstisch sitzt und über
das Geschehene spricht, anstatt durch die Tür zu flüchten,
daß könnte für uns alle sehr nützlich sein.
Es könnte uns dazu helfen, uns zu der Art von Sex zu führen,
die wir möchten, und daß gut für uns ist, Spaß
macht und uns nicht in Verlegenheit bringt oder zerstörend
wirkt.
C.M-S.:Was für eine Rolle spiele ihre Gedichte dabei ?
C.G.:Ich glaub, daß Poesie die Zuhörer in einer
ganz bestimmten Art und Weise erreicht, wie z.B. ein Video oder
Malerei ihr Publikum auf eine ganz andere, sehr unterschiedliche
Art erreichen.
Für mich besteht schon ein sehr großer Unterschied zwischen
eine Konsumentin und einer Teilnehmerin. Viele Lesben kommen zu
meinen Lesungen um zu konsumieren, sie wollen mich hören, oder
wenn sie zu einem Video gehen, tun sie es, um eine erotische Kunstschau
zu sehen. Aber frau muß schon einen großen Schritt nach
vorn tun, um zu sagen: Ich bin ein Teil davon. Ich mache
nie eine Lesung ohne eine Diskussion danach. Ich will nicht nur
vortragen. Ich will die Interaktion danach. Ich möchte, da0
die Zuhörer sich beteiligen, über Sex reden. Ich glaube,
wenn Mensch Konsument bleibt, wird sie/er nicht unbedingt die eigene
Hemmschwelle überschreiten. Möglicherweise sind beim Konsumieren
Phantasien mit im Spiel, aber um sie richtig zu verarbeiten, muß
frau einen zusätzlichen Schritt tun. Das bedeutet, daß
aus der Konsumtion Integration wird.
Ich habe eine gewisse pädagogische Tendenz, ich glaube. Ich
bin als Lehrerin geboren. Sobald ich etwas gelernt habe, möchte
ich es weitergeben. Und das bereitet mir eine große Freude.
Es ist so eine Schauspielerinnen-Art in mir, die die Dinge nach
au0en bringen möchte und auch ganz gern schockiert.
C.M-S.: Sie haben schon einige Male
Ihr Coming out erwähnt ... Wie haben Sie fest-gestellt daß
Sie ,anders' sind ?
C. G.: Es ist lustig, daß
Sie in Ihrer Frage das Wort "anders" in diesem Zusammen-hang
benutzten. Die Frage zu meiner Geschichte müsste eigentlich
lauten: Wie haben Sie gemerkt, daß Sie genauso wie die
anderen waren?" Ich bin mit Sport aufgewachsen. Es ist zwar
ein Klischee zu sagen, daß es im Sport besonders viele Lesben
gibt, aber in meinem Fall war es wirklich so. Beim Sport in New
Brunswick gab es sehr viele Lesben (Dykes). Ich habe in einer Frauschaft
zu Dreivierteln aus Lesben bestehend, gespielt. Aber ich wollte
nichts mit ihnen zu tun haben, da es für mich dieses schreckliche
Stereotyp gab - Radclyffe Hall, ihren Roman Die Quelle von
Einsamkeit und Filme - Children's Hour z.
B. -, die ich bereits mit acht gesehen habe, also einem frühen
und sehr leicht zu beeindruckenden Alter. Für mich war eine
Lesbe etwas, womit ich möglichst nichts zu tun haben wollte,
obwohl alle meine besten Freundinnen und Trainerinnen Lesben waren.
In Lesbians Ignited gibt es ein Gedicht, das davon
handelt....
Kleinstadtunterdrückung schadet den Menschen. und einige der
mit mir bekannten Lesben wurden sehr verletzt, beschädigt,
unter Schmerzen kämpferisch, aber sie sind ihren Weg gegen
allen Widerstand gegangen. Sie haben sich auf Parties getroffen,
wo niemand außer Lesben anwesend sein durfte. Es ist wie mit
der Geschichte vom Ei und den Huhn, wer war zuerst da. Muß
ich mit einer Frau schlafen, um eine Einladung zu ihrer Party zu
bekommen? ...
Ich hatte den starken Trieb, mein Coming out zu haben,
das bedeutete für mich zunächst einmal, mit einer Frau
zu schlafen - ohne irgendeine politische Identifikation - gar nichts.
Mit 22 reiste ich nach Europa. - Ich mußte einfach auf einen
weit entlegenen Kontinent - und das können sich die meisten
Lesben nicht leisten. Ich mußte den Heimatstadt Augen'
entkommen. Das war es, was - mehr als alles andere - mein Coming
out ermöglichte, der Ozean zwischen mir und Frederickton. Ich
erinnere mich, daß ich drei Jahre lang die Tatsache, Lesbe
zu sein, nicht akzeptierte - obwohl ich mit einer Frau lebte. Ich
erinnere mich an die Augen von Frauen, wie sie mich durch die Spalten
der Jalousien anblickten. Das war zwar reine Phantasie meinerseits,
aber ich erinnere mich an das Gefühl gebrandmarkt
zu sein. Das blieb so, bis ich buchstäblich - herauskam
und mich selbst 'markierte' und 'Lesbe' auf meine Stirn geschrieben
haben wollte; daß ich endlich diese Geister losgeworden bin,
weil ich eine sehr schüchterne, anti-lesbische Erziehung genossen
hatte. Deshalb steht 'Lesbian' auf der Titelseite meines Buches.
Das Coming out ist ein lebenslanger Prozeß. Wenn ich graue
Haare habe, werde ich immer wieder herauskommen müssen, da
niemand glaubt, daß eine grauhaarige eine Lesbe
sein kann.
C.M-S.: Was hält eine Feministin
von der Zusammenarbeit mit Schwulen?
C. G.: Ich glaube nicht,
daß das Feministin-Sein ausschlaggebend dafür ist, ob
man mit Schwulen zusammenarbeitet oder nicht, da viele Feministinnen
genau das gern tun würden. Ich arbeite nicht viel mit Schwulen
zusammen, weil ich darauf warte, daß viele Schwule erst einmal
ihren eigenen Sexismus ablegen. Das ist ähnlich dem, was ich
schon über die Zusammenarbeit mit schwarzen Lesben gesagt habe
(siehe DAW 11/93); diese Zusammenarbeit kann nur erfolgen, wenn
weiße Lesben bereit sind, ihren Rassismus aufzuarbeiten. Und
so kann die Zusammenarbeit mit Schwulen dann verstärkt erfolgen,
wenn die Männer ihren Sexismus zu überwinden bereit sind.
Das umfaßt alles, wie z. B. nicht so laut und oft auf öffentlichen
Meetings zu reden, etwas über Frauen Geschichte zu lernen und
endlich einmal die Rolle von Lesben und Frauen in der Geschichte
anzuerkennen. Ich bin für Zusammenarbeit für diejenigen
Frauen, die damit umgehen können und die auch bereit sind,
etwas zur Erziehung (der Männer) beizutragen. Ich mache meine
Erziehungsarbeit lieber mit anderen Lesben. Zur Zeit beschäftige
ich mich mit 'Ent-lernen' von Rassismus mit Lesben hier in Deutschland.
Das ist eine große Herausforderung und wird viele Jahre dauern.
Das ist aber eine Arbeit, die ich gern tue. Dafür verbrauche
ich meine Energie. Ich betrachte das nicht in erster Linie als ein
Teil meines Feministinnentums, sondern als etwas, daß ich
gern tun will. Es gibt lesbische Feministinnen, die auch mit schwulen
Männern zusammenarbeiten, wenn sie stark genug in ihrem Feminismus
und bereit sind, für sich selbst einzutreten.
C.M-S.: Sie haben einige Dinge erwähnt.
Die Männer 'ent-lernen' müssen. Haben Sie andere Beispiele?
C. G.:Das ist
eine Frage des Herangehens. Sie haben mir gesagt, daß es auch
Ihre schwule Leser interessiert, Artikel über Lesben zu lesen
- aber es gibt so viele andere Quellen. Als politische Lesbe möchte
ich, daß schwule Männer die Privilegien, die sie in der
Gesellschaft genießen, auch als solche erkennen - obwohl Schwule
diskriminiert sind, haben sie historisch gesehen viele Privilegien.
In Kanada haben zwei Schwule, die zusammenwohnen das kann
aber in Deutschland anders sein - potentiell 60 Prozent mehr Einkommen
als zwei zusammenwohnende Lesben. Das heißt, Männer müssen
sich bereit finden, Schwul-Lesben-Veranstaltungen zu unterstutzen
- auch wenn der ,schwule Inhalt' darin nur 10 Prozent ausmacht,
trotzdem ihre Kraft und ihr Geld für das Gelingen einzusetzen.
Ich sehe das so: Es gibt Zeiten für Zusammenarbeiten und solche
für getrenntes Arbeiten. Es gibt Raum für Lesben, die
ihr Leben lang absolut nichts zusammen mit schwulen Männern
tun möchten, aber auch solche Lesben, die es gern wollen.
C.M-S.:Ich danke Ihnen für das Gespräch
Ausgabe - Dezember 1993
Colin de la Motte-Sherman
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