Interview mit Carolyn Gammon  


Gammon und Sex zum Frühstück
Carolyn Gammon wuchs in Frederickton, New Brunswick, im Osten Kanadas auf. Nach ihrem Coming out in Toronto und einem Magisterstudium in Montreal veröffentlichte sie einen Lyrikband - "Lesbians Ignited".
herausgegeben: Die Andere Welt 12/93 Seite 16

C.M-S.: Was machen Sie denn in Berlin !!?

C. G.: Ich wurde 1991 zur Berliner Lesbenwoche eingeladen, um meine Gedichte zu lesen. Das war lustig. Die Frau, die mich eingeladen hatte, war selbst zur Feministinnen-Buchmesse in Kanada und sagte, daß sie drei, vier Tage rote Ohren hatte, da ich unaufhörlich über Sex geredet hätte, am Frühstückstisch und überall. Da sich die Lesbenwoche 1991 Fragen zum Sex als Hauptthema gewählt hatte, dachte sie natürlich an mich und meine Gedichte. Ich wurde wirklich als Sex-Dichterin eingeladen, und wie viele Kanadierinnen und Internationals habe ich mich in Berlin verliebt und mich dazu entschlossen, es mal zu versuchen und eine Zeitlang hier zu leben.

C.M-S.:Einige Ihrer Gedichte, die ich las, sind sehr offen. Hat das etwas mit Ihnen oder den kanadischen Feministinnen zu tun?

C. G.:Ich kenne die Reaktion deutscher Zuhörer bereits, und zwar in der Hinsicht, daß es hier nicht so viel ausgesprochenen „Sex-Talk" gibt. Ich glaube, das wird sich ändern, aber als ich das erste Mal hier war, bekamen die Frauen vor Staunen große Augen und sagten mir, daß dies etwas ganz Neues für sie sei - die Benutzung der expliziten Sexwörter für den Körper. Ich verwende Wörter wie „cunt" (Fotze) und ,fuck“ (ficken), die die Zuschauer natürlich schockieren, wenn sie nicht daran gewohnt sind, so offen über diese Dinge zu reden. Das war auch lustig für mich, da Menschen in Kanada oder den USA immer die Vorstellung haben, daß die Europäer ziemlich „frei" sind, was ihren Körper betrifft. Dänemark z. B. ist so „frei" in sexuellen Dingen, und die Niederländer. Man erwartet diese Mauer des Schweigens nicht, wie ich sie manchmal bei deutschen Frauen angetroffen habe. Aber ich habe festgestellt, daß sie es in dem Moment, in dem ich mit diesem Thema beginne, aufnehme und fortsetzen.

C.M-S.:Warum gehen Sie so offen damit um und andere nicht?

C.G.: Ich bin so offen, weil ich hart daran gearbeitet habe, so offen zu sein. Ich habe eine normale weiße angelsächsische protestantische (WASP Erziehung genossen, bei der allerdings nicht viel Sex, Gefühl und Körperkontakt mit im Spiel war. Mir wirde klar daß das einen Mangel darstellte, und als ich mein Coming out als Lesbe hatte, suchte ich nach dem stärksten Tabu, das ich mich vorstellen konnte, und habe mich umfassend darüber informiert. Ich habe z.B. die Lesbenpornozeitschrift „On our backs“ gekauft; ich ging zu allen echten Lesbenvideos, sogar zu den von „Hetis“ produzierten, und ich habe mich ganz eingehend informiert. Ich wollte diese Erziehung überwinden. Meine Offenheit stammt ganz gewiß nicht von meiner Frederickton-Erziehung. Ich habe hart dafür gekämpft, ohne, daß ich daran gedacht hätte, es irgendwann einmal an andere weiterzugeben, und zwar in einer nützlichen Art und Weise.

C.M-S.:Glauben Sie, daß Offenheit in diesem Zusammenhang etwas ist, nach dem wir alle streben sollten?

C. G.:Ich glaube, es wäre schon gut, wenn wir alle offener darüber reden würden.

Ich habe hier in diesem Buch ein Gedicht mit dem Titel "bad lesbian sex". Schlecht (bad) in dem Sinne, daß es sich um Sex handelt, der nicht lebensbejahend ist und deshalb schadet. Vielleicht gibt es Grenzen, die wir noch nicht bereit sind zu überschreiten, oder es gibt keine Kommunikation oder es passiert etwas, Das ganz negativ für uns ist. Ich glaube, wenn es uns gelänge, einfach darüber zu reden – z.B. wenn Frau nach dem Sex am nächsten Morgen am Frühstückstisch sitzt und über das Geschehene spricht, anstatt durch die Tür zu flüchten, daß könnte für uns alle sehr nützlich sein. Es könnte uns dazu helfen, uns zu der Art von Sex zu führen, die wir möchten, und daß gut für uns ist, Spaß macht und uns nicht in Verlegenheit bringt oder zerstörend wirkt.

C.M-S.:Was für eine Rolle spiele ihre Gedichte dabei ?

C.G.:Ich glaub, daß Poesie die Zuhörer in einer ganz bestimmten Art und Weise erreicht, wie z.B. ein Video oder Malerei ihr Publikum auf eine ganz andere, sehr unterschiedliche Art erreichen.

Für mich besteht schon ein sehr großer Unterschied zwischen eine Konsumentin und einer Teilnehmerin. Viele Lesben kommen zu meinen Lesungen um zu konsumieren, sie wollen mich hören, oder wenn sie zu einem Video gehen, tun sie es, um eine erotische Kunstschau zu sehen. Aber frau muß schon einen großen Schritt nach vorn tun, um zu sagen: „Ich bin ein Teil davon.“ Ich mache nie eine Lesung ohne eine Diskussion danach. Ich will nicht nur vortragen. Ich will die Interaktion danach. Ich möchte, da0 die Zuhörer sich beteiligen, über Sex reden. Ich glaube, wenn Mensch Konsument bleibt, wird sie/er nicht unbedingt die eigene Hemmschwelle überschreiten. Möglicherweise sind beim Konsumieren Phantasien mit im Spiel, aber um sie richtig zu verarbeiten, muß frau einen zusätzlichen Schritt tun. Das bedeutet, daß aus der Konsumtion Integration wird.

Ich habe eine gewisse pädagogische Tendenz, ich glaube. Ich bin als Lehrerin geboren. Sobald ich etwas gelernt habe, möchte ich es weitergeben. Und das bereitet mir eine große Freude. Es ist so eine Schauspielerinnen-Art in mir, die die Dinge nach au0en bringen möchte und auch ganz gern schockiert.

C.M-S.: Sie haben schon einige Male Ihr Coming out erwähnt ... Wie haben Sie fest-gestellt daß Sie ,anders' sind ?

C. G.: Es ist lustig, daß Sie in Ihrer Frage das Wort "anders" in diesem Zusammen-hang benutzten. Die Frage zu meiner Geschichte müsste eigentlich lauten: „Wie haben Sie gemerkt, daß Sie genauso wie die anderen waren?" Ich bin mit Sport aufgewachsen. Es ist zwar ein Klischee zu sagen, daß es im Sport besonders viele Lesben gibt, aber in meinem Fall war es wirklich so. Beim Sport in New Brunswick gab es sehr viele Lesben (Dykes). Ich habe in einer Frauschaft zu Dreivierteln aus Lesben bestehend, gespielt. Aber ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben, da es für mich dieses schreckliche Stereotyp gab - Radclyffe Hall, ihren Roman Die Quelle von Einsamkeit und Filme - Children's Hour z. B. -, die ich bereits mit acht gesehen habe, also einem frühen und sehr leicht zu beeindruckenden Alter. Für mich war eine Lesbe etwas, womit ich möglichst nichts zu tun haben wollte, obwohl alle meine besten Freundinnen und Trainerinnen Lesben waren. In Lesbians Ignited gibt es ein Gedicht, das davon handelt....

Kleinstadtunterdrückung schadet den Menschen. und einige der mit mir bekannten Lesben wurden sehr verletzt, beschädigt, unter Schmerzen kämpferisch, aber sie sind ihren Weg gegen allen Widerstand gegangen. Sie haben sich auf Parties getroffen, wo niemand außer Lesben anwesend sein durfte. Es ist wie mit der Geschichte vom Ei und den Huhn, wer war zuerst da. Muß ich mit einer Frau schlafen, um eine Einladung zu ihrer Party zu bekommen? ...

Ich hatte den starken „Trieb“, mein Coming out zu haben, das bedeutete für mich zunächst einmal, mit einer Frau zu schlafen - ohne irgendeine politische Identifikation - gar nichts.

Mit 22 reiste ich nach Europa. - Ich mußte einfach auf einen weit entlegenen Kontinent - und das können sich die meisten Lesben nicht leisten. Ich mußte den „Heimatstadt Augen'“ entkommen. Das war es, was - mehr als alles andere - mein Coming out ermöglichte, der Ozean zwischen mir und Frederickton. Ich erinnere mich, daß ich drei Jahre lang die Tatsache, Lesbe zu sein, nicht akzeptierte - obwohl ich mit einer Frau lebte. Ich erinnere mich an die Augen von Frauen, wie sie mich durch die Spalten der Jalousien anblickten. Das war zwar reine Phantasie meinerseits, aber ich erinnere mich an das Gefühl „gebrandmarkt“ zu sein. Das blieb so, bis ich – buchstäblich - herauskam und mich selbst 'markierte' und 'Lesbe' auf meine Stirn geschrieben haben wollte; daß ich endlich diese Geister losgeworden bin, weil ich eine sehr schüchterne, anti-lesbische Erziehung genossen hatte. Deshalb steht 'Lesbian' auf der Titelseite meines Buches. Das Coming out ist ein lebenslanger Prozeß. Wenn ich graue Haare habe, werde ich immer wieder herauskommen müssen, da niemand glaubt, daß eine „grauhaarige“ eine Lesbe sein kann.

C.M-S.: Was hält eine Feministin von der Zusammenarbeit mit Schwulen?

C. G.: Ich glaube nicht, daß das Feministin-Sein ausschlaggebend dafür ist, ob man mit Schwulen zusammenarbeitet oder nicht, da viele Feministinnen genau das gern tun würden. Ich arbeite nicht viel mit Schwulen zusammen, weil ich darauf warte, daß viele Schwule erst einmal ihren eigenen Sexismus ablegen. Das ist ähnlich dem, was ich schon über die Zusammenarbeit mit schwarzen Lesben gesagt habe (siehe DAW 11/93); diese Zusammenarbeit kann nur erfolgen, wenn weiße Lesben bereit sind, ihren Rassismus aufzuarbeiten. Und so kann die Zusammenarbeit mit Schwulen dann verstärkt erfolgen, wenn die Männer ihren Sexismus zu überwinden bereit sind. Das umfaßt alles, wie z. B. nicht so laut und oft auf öffentlichen Meetings zu reden, etwas über Frauen Geschichte zu lernen und endlich einmal die Rolle von Lesben und Frauen in der Geschichte anzuerkennen. Ich bin für Zusammenarbeit für diejenigen Frauen, die damit umgehen können und die auch bereit sind, etwas zur Erziehung (der Männer) beizutragen. Ich mache meine Erziehungsarbeit lieber mit anderen Lesben. Zur Zeit beschäftige ich mich mit 'Ent-lernen' von Rassismus mit Lesben hier in Deutschland. Das ist eine große Herausforderung und wird viele Jahre dauern. Das ist aber eine Arbeit, die ich gern tue. Dafür verbrauche ich meine Energie. Ich betrachte das nicht in erster Linie als ein Teil meines Feministinnentums, sondern als etwas, daß ich gern tun will. Es gibt lesbische Feministinnen, die auch mit schwulen Männern zusammenarbeiten, wenn sie stark genug in ihrem Feminismus und bereit sind, für sich selbst einzutreten.

C.M-S.: Sie haben einige Dinge erwähnt. Die Männer 'ent-lernen' müssen. Haben Sie andere Beispiele?

C. G.:Das ist eine Frage des Herangehens. Sie haben mir gesagt, daß es auch Ihre schwule Leser interessiert, Artikel über Lesben zu lesen - aber es gibt so viele andere Quellen. Als politische Lesbe möchte ich, daß schwule Männer die Privilegien, die sie in der Gesellschaft genießen, auch als solche erkennen - obwohl Schwule diskriminiert sind, haben sie historisch gesehen viele Privilegien. In Kanada haben zwei Schwule, die zusammenwohnen – das kann aber in Deutschland anders sein - potentiell 60 Prozent mehr Einkommen als zwei zusammenwohnende Lesben. Das heißt, Männer müssen sich bereit finden, Schwul-Lesben-Veranstaltungen zu unterstutzen - auch wenn der ,schwule Inhalt' darin nur 10 Prozent ausmacht, trotzdem ihre Kraft und ihr Geld für das Gelingen einzusetzen.

Ich sehe das so: Es gibt Zeiten für Zusammenarbeiten und solche für getrenntes Arbeiten. Es gibt Raum für Lesben, die ihr Leben lang absolut nichts zusammen mit schwulen Männern tun möchten, aber auch solche Lesben, die es gern wollen.

C.M-S.:Ich danke Ihnen für das Gespräch

Ausgabe - Dezember 1993

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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