Conrad Veidt  


Conrad Veidt zum 100. Geburtstag
- Schauspieler in Anders als die Anderen
Herausgegeben: Dezember 1992


enn Professor  Karl Brunner, Zensor von Berlin, dem Tucholsky sein Gedicht "Der Hosenschnuffler" widmete, in den späten Zehner oder frühen zwanziger Jahren ins Kino oder Theater ging, war ein handfester Skandal nicht weit. Noch vierzig Jahre nach dem Ereignis im Frühsommer des Jahres 1919 erinnerte sich der Regisseur Richard Oswald an die zweite Vorführung seines Films "Anders als die Anderen" vor geladenen Gäste. Im Kinosaal saßen u.a. der Minister Gustav Stresemann und der Arzt Ferdinand Sauerbruch.

"Während der Film lief, stand mitten in der Vorstellung ein Herr auf und rief: "wenn man diese Schweinerei sieht ...". Ich (Oswald - d.A.) stoppte sofort die Vorführung, in dem ich meine Hand erhob und schrie: "Wenn einer diesen Film als Schweinerei bezeichnet, soist er selbst ein Schwein, Herr Professor Brunner." ..."Dieser verbale Schlagabtausch galt dem ersten Film, der engagiert gegen den § 175 des Strafgesetzbuches polemisierte. Oswald erzählte behutsam die Geschichte eines homosexuellen Musikers, der Opfer einer Erpressung wird, in die Mühlen der Justiz gerät und angesichts eines gesellschaftlichen Klimas von Intoleranz und Vorurteilen den Freitod wählt.

Der Film war unter aktiver Mitarbeit des Sexualforschers Magnus Hirschfeld entstanden, der Oswald nicht nur beratend zur Seite stand, sondern in diesem Streifen selbst mitspielte. Als Arzt informierte er durch einen in die Handlung des Streifens eingebundenen Vortrag über Natürlichkeit der Homosexualität, verglich deren Verfolgung mit den Hexenprozessen im Mittelalter. Nach der Beisetzung des Musikers Paul Körners forderte er: "Wie für einen kämpfte, der unschuldig im Gefängnis schmachtete, so gilt es hier, vielen Tausenden vor uns, mit uns und nach uns Recht und Ehre wieder zu geben. Durch die Wissenschaft zur Gerechtigkeit.". Doch die Wissenschaft war bei jenen, die gegen den Film antraten nicht gefragt. Die Diskussion um diesen Film wurde von seinen Gegnern unter starken antisemitischen Vorzeichen geführt, waren doch Oswald, Hirschfeld und Reinhold Schünzel, der Darsteller des Erpresser, Juden.

"Anders als die Anderen" war Wasser auf die Mühlen jener, die eine schelle Beendigung des zensurfreien Zustandes zu Beginn der Weimarer Republik forderten. Hinter den lautstark aufgetragenen Debatten gegen die sogenannten Aufklärungsfilme verbarg sich der Kampf gegen eine Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft. Die Akzeptanz des Aufrufes um Toleranz gegenüber einer anderen Form zu lieben hätte das Eingeständnis von sexueller Lust bedeutet. Ein solches Eingeständnis hätte aber die Institution der Ehe in Frage gestellt, in deren Zusammenhang Sexualität stets nur im Kontext von Fortpflanzung und Erhalt der Gesellschaft eine Rolle spielen durfte. Die Auflösung der Ehe als Institution fürchtete aber gerade die von der Proletarisierung bedrohten Mittelschicht, für die Familienstrukturen häufig die ökonomische Basis waren. In einem Bericht der Kölner "Volksgemeinschaft zur Wahrung von Anstand und guter Sitte" über den Film "Anders als die Anderen" heißt es: "Nicht Saft, nicht Mark noch Kraft war mehr in diesen Jungen: Wenn sie ihm einen Spaten gegeben hätten `hier grab die Erde um! Er wäre nach zwei Minuten auf der Nase gelegen - wie ein bleisüchtiges Mädchen.". Direkter werden die Forderungen des Münchner Oberlehrers Franz H. Schönhuber: "Um es ganz eindeutig zu sagen: Wir müssen den Mut haben, die Beziehung zu gesunden, kräftigen (nicht vor der Zeit verbrauchten!) Lenden zu fordern, wenn unser Volk die geraubte Kraft aus sich selber wiedert erzeugen soll ... Ein Mittel dazu, daß heute von allen Einsichtigen gefordert wird, ist die Wiedereinführung einer strengen Filmzensur."

Im Sprachgebrauch der Zensurbefürworter und Gegner von Oswalds Film findet sich genau jenes Vokabular, das die faschistische Bewegung als Codierung ihres Kampfes gegen ein lustbetontes Leben ins Feld führte: weibisch, krankhaft, verbrecherisch, jüdisch.

Die konservative Opposition konnte im April 1920 in der deutschen Nationalversammlung mit der Annahme des Reichslichtspielgesetzes eine frühen Sieg verzeichnen. Am Ende stand die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie von Weimar, Rassengesetze, die Jagd auf Juden, Homosexuelle, politisch religiös Andersdenkende,

Hauptdarsteller des Films war Conrad Veidt. Die künstlerische Laufbahn des am 22. Januar 1893  in Berlin geborenen Veidt hatte bereits 1913 am Deutschen Theater des Theaterzaubers Max Reinholdt begonnen. 1918 mit dem Film Das Tagebuch einer Verlorenen" die Zusammenarbeit mit Richard Oswald, der Veidt in seinen Sitten- und Aufklärungsfilm aufbaut. Sein Aufstieg zum Star fiel in eine der kreativsten Epochen des deutschen Films - den Filmexpressionismus. Mit der Rolle des Somnambulen Cesare in Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1919) wurde er über die Grenzen Deutschlands bekannt, und zugleich auf einen Typ festgelegt, wozu seine markante äußere Erscheinung ebenso wie sein expressiver, in der Schauspielerauffassung der frühen zwanziger Jahre verwurzelten Darstellungsstil beitrugen. In vielen der frühen Filme verkörperte Veidt Negativfiguren, so u.a. Dr. Warren und Mr. O´Connel in Murnaus Film "Januskopf, eine Version von "Dr. Jekyll und Dr. Hyde". Er war ein wahnsinniger, die Methoden der physischen und psychischen Folter beherrschender Iwan der Schreckliche in Paul Lenis Episodenfilm "Das Wachsfigurenkabinett". Dieser Film des Schreckens und des Grauens, ein Charakteristikum des deutschen Films der Jahre 1919 - 1924, begründeten Conrad Veidts Ruf als Dämon des deutschen Stummfilms. Er war auch der elegante gewissenlose Verführer, der Frauen kein Glück brachte und selbst an den Krankheiten der Lust zugrunde ging. Diese Rollen gestaltete er mit äußerster Intensität, aber seine Darstellung des Bösen und Leichtsinnigen wirkte bei ihm - ästhetisch nie abstoßend oder denunzierend. Eine der wenigen Gestalten jenseits dieses Rollenklischees war der Musiker Paul Körner in "Anders als die Anderen".

Die Entwicklungen im deutschen Film zu Beginn der zweiten Hälfte der 20er Jahre, dessen inhaltliche und ästhetischen Stagnation, die für den Künstler Conrad Veidt nur noch wenige interessante Rollen bereithielten, führten dazu, daß sich Veidt in ausländischen Ateliers umtat. So arbeitete er zwischen 1927 und 1929 auch in Hollywood.

Im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern der Stummfilmzeit schaffte er den Sprung zum Tonfilm ohne nennenswerte Probleme. Von seinem ersten deutschen Tonfilm "Die letzte Kompanie", 1929/30 existiert nur noch die englisch - sprachige Version. Ein Film, dessen Inhalt beim Wissen um den Werdegang deutscher Geschichte peinlich berührt, der aber für die damalige Zeit beachtenswerte Synthesen von Bild und Ton enthält. Auf Grund seiner perfekten Englischkenntnisse spielte Veidt in englischen Fassungen deutscher Filme wie z.B. "F.P.1", der als englische Fassung von dem deutschen Hans Albers "F.P.1 antwortet nicht" entstand. Aber ebenso wird er als Darsteller in deutschen Fassungen englischer Filme geschätzt. Unter den 10 Filmen, die er zwischen 1929 und 1933 in Deutschland drehte, war kein Film, der in herausragender Weise in die Filmgeschichte einging. Ausnahmen waren Robert Siodmaks anspruchsvoller Kriminalfilm "Dermann. der einen Mord beging" und Heinz Pauls Antikriegsfilms "Die andere Seite". Die Gestaltung des Fürsten Metternich durch Conrad Veidt ist es wert, daß man sich des Films "Der Kongreß tanzt" erinnert. 1933 drehte Veidt in Großbritannien. Nach seiner Verpflichtung von "The Wandering Jew" kehrte er noch einmal nach Deutschland zurück. Um seiner Verpflichtung gegenüber der Ufa gerecht zu werden, spielte er den Geßler in "Wilhelm Tell". Danach ging er erneut nach Großbritannien, um die Rolle des Josepf Süß Oppenheimer  in Lothar Mendes Feuchtwanger Verfilmung "Jud Süß" zu spielen. Veidt wurde 1933 noch in der Reichsfilmkammer aufgenommen, aber nach "Jud Süß" sprach der "Völkische Beobachter" am 23.11.1934 den Bann über ihn. Der sensible Künstler Conrad Veidt lehnte die Nazis ab. Hinzu kam, daß seine Frau Lilly durch ihre jüdische Herkunft in Deutschland gefährdet war. Sein schauspielerisches Talent und seine sprachlichen Fähigkeiten ließen ihn schnell zu einem beliebten Darsteller werden. Sein Name ist auch eng verbunden mit einem der berühmtesten Antinazi - Filmen Hollywoods - "Casablanca". Als Major Strasser war er Humphry Bogarts Gegenspieler. Das Duell das sich die beiden Männer in Ricks Café liefern, gehört zu den berühmtesten Szenen der Filmgeschichte. Veidt hat das Ende des  Krieges nicht erlebt. Erst fünfzigjährig  verstarb er am 3. April 1943 in Hollywood. In seinem Buch schrieb Erich Pommer, wie Veidt im amerikanischen Exil,: "Schwer zu entscheiden, was an ihm mehr zu bewundern war, sein Künstlertum oder seine Menschlichkeit.".

Von den Mitwirkenden an "Anders als die Anderen" hatten Richard Oswald, Reinhold Schünzel und Magnus Hirschfeld Deutschland nach 1933 ebenso verlassen ...

Dr. Almuth Püschel

 
 
Homepage: www.erato-net.de deutsch counter
© 2000 Dr. Almuth Püschel