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Professor Karl Brunner, Zensor von Berlin, dem Tucholsky sein Gedicht
"Der Hosenschnuffler" widmete, in den späten Zehner oder
frühen zwanziger Jahren ins Kino oder Theater ging, war ein handfester
Skandal nicht weit. Noch vierzig Jahre nach dem Ereignis im Frühsommer
des Jahres 1919 erinnerte sich der Regisseur Richard Oswald an die
zweite Vorführung seines Films "Anders als die Anderen"
vor geladenen Gäste. Im Kinosaal saßen u.a. der Minister Gustav
Stresemann und der Arzt Ferdinand Sauerbruch.
"Während der Film lief, stand mitten in der Vorstellung ein
Herr auf und rief: "wenn man diese Schweinerei sieht ...".
Ich (Oswald - d.A.) stoppte sofort die Vorführung, in dem ich meine
Hand erhob und schrie: "Wenn einer diesen Film als Schweinerei
bezeichnet, soist er selbst ein Schwein, Herr Professor Brunner."
..."Dieser verbale Schlagabtausch galt dem ersten Film, der
engagiert gegen den § 175 des Strafgesetzbuches polemisierte. Oswald
erzählte behutsam die Geschichte eines homosexuellen Musikers, der
Opfer einer Erpressung wird, in die Mühlen der Justiz gerät und
angesichts eines gesellschaftlichen Klimas von Intoleranz und Vorurteilen
den Freitod wählt.
Der Film war unter aktiver Mitarbeit des Sexualforschers Magnus
Hirschfeld entstanden, der Oswald nicht nur beratend zur Seite stand,
sondern in diesem Streifen selbst mitspielte. Als Arzt informierte
er durch einen in die Handlung des Streifens eingebundenen Vortrag
über Natürlichkeit der Homosexualität, verglich deren Verfolgung
mit den Hexenprozessen im Mittelalter. Nach der Beisetzung des Musikers
Paul Körners forderte er: "Wie für einen kämpfte, der unschuldig
im Gefängnis schmachtete, so gilt es hier, vielen Tausenden vor
uns, mit uns und nach uns Recht und Ehre wieder zu geben. Durch
die Wissenschaft zur Gerechtigkeit.". Doch die Wissenschaft
war bei jenen, die gegen den Film antraten nicht gefragt. Die Diskussion
um diesen Film wurde von seinen Gegnern unter starken antisemitischen
Vorzeichen geführt, waren doch Oswald, Hirschfeld und Reinhold Schünzel,
der Darsteller des Erpresser, Juden.
"Anders als die Anderen" war Wasser auf die Mühlen jener,
die eine schelle Beendigung des zensurfreien Zustandes zu Beginn
der Weimarer Republik forderten. Hinter den lautstark aufgetragenen
Debatten gegen die sogenannten Aufklärungsfilme verbarg sich der
Kampf gegen eine Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft.
Die Akzeptanz des Aufrufes um Toleranz gegenüber einer anderen Form
zu lieben hätte das Eingeständnis von sexueller Lust bedeutet. Ein
solches Eingeständnis hätte aber die Institution der Ehe in Frage
gestellt, in deren Zusammenhang Sexualität stets nur im Kontext
von Fortpflanzung und Erhalt der Gesellschaft eine Rolle spielen
durfte. Die Auflösung der Ehe als Institution fürchtete aber gerade
die von der Proletarisierung bedrohten Mittelschicht, für die Familienstrukturen
häufig die ökonomische Basis waren. In einem Bericht der Kölner
"Volksgemeinschaft zur Wahrung von Anstand und guter Sitte"
über den Film "Anders als die Anderen" heißt es: "Nicht
Saft, nicht Mark noch Kraft war mehr in diesen Jungen: Wenn sie
ihm einen Spaten gegeben hätten `hier grab die Erde um! Er wäre
nach zwei Minuten auf der Nase gelegen - wie ein bleisüchtiges Mädchen.".
Direkter werden die Forderungen des Münchner Oberlehrers Franz H.
Schönhuber: "Um es ganz eindeutig zu sagen: Wir müssen den
Mut haben, die Beziehung zu gesunden, kräftigen (nicht vor der Zeit
verbrauchten!) Lenden zu fordern, wenn unser Volk die geraubte Kraft
aus sich selber wiedert erzeugen soll ... Ein Mittel dazu, daß heute
von allen Einsichtigen gefordert wird, ist die Wiedereinführung
einer strengen Filmzensur."
Im Sprachgebrauch der Zensurbefürworter und Gegner von Oswalds
Film findet sich genau jenes Vokabular, das die faschistische Bewegung
als Codierung ihres Kampfes gegen ein lustbetontes Leben ins Feld
führte: weibisch, krankhaft, verbrecherisch, jüdisch.
Die konservative Opposition konnte im April 1920 in der deutschen
Nationalversammlung mit der Annahme des Reichslichtspielgesetzes
eine frühen Sieg verzeichnen. Am Ende stand die Beseitigung der
parlamentarischen Demokratie von Weimar, Rassengesetze, die Jagd
auf Juden, Homosexuelle, politisch religiös Andersdenkende,
Hauptdarsteller des Films war Conrad Veidt. Die künstlerische Laufbahn
des am 22. Januar 1893 in Berlin geborenen Veidt hatte bereits
1913 am Deutschen Theater des Theaterzaubers Max Reinholdt begonnen.
1918 mit dem Film Das Tagebuch einer Verlorenen" die Zusammenarbeit
mit Richard Oswald, der Veidt in seinen Sitten- und Aufklärungsfilm
aufbaut. Sein Aufstieg zum Star fiel in eine der kreativsten Epochen
des deutschen Films - den Filmexpressionismus. Mit der Rolle des
Somnambulen Cesare in Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari"
(1919) wurde er über die Grenzen Deutschlands bekannt, und zugleich
auf einen Typ festgelegt, wozu seine markante äußere Erscheinung
ebenso wie sein expressiver, in der Schauspielerauffassung der frühen
zwanziger Jahre verwurzelten Darstellungsstil beitrugen. In vielen
der frühen Filme verkörperte Veidt Negativfiguren, so u.a. Dr. Warren
und Mr. O´Connel in Murnaus Film "Januskopf, eine Version von
"Dr. Jekyll und Dr. Hyde". Er war ein wahnsinniger, die
Methoden der physischen und psychischen Folter beherrschender Iwan
der Schreckliche in Paul Lenis Episodenfilm "Das Wachsfigurenkabinett".
Dieser Film des Schreckens und des Grauens, ein Charakteristikum
des deutschen Films der Jahre 1919 - 1924, begründeten Conrad Veidts
Ruf als Dämon des deutschen Stummfilms. Er war auch der elegante
gewissenlose Verführer, der Frauen kein Glück brachte und selbst
an den Krankheiten der Lust zugrunde ging. Diese Rollen gestaltete
er mit äußerster Intensität, aber seine Darstellung des Bösen und
Leichtsinnigen wirkte bei ihm - ästhetisch nie abstoßend oder denunzierend.
Eine der wenigen Gestalten jenseits dieses Rollenklischees war der
Musiker Paul Körner in "Anders als die Anderen".
Die Entwicklungen im deutschen Film zu Beginn der zweiten Hälfte
der 20er Jahre, dessen inhaltliche und ästhetischen Stagnation,
die für den Künstler Conrad Veidt nur noch wenige interessante Rollen
bereithielten, führten dazu, daß sich Veidt in ausländischen Ateliers
umtat. So arbeitete er zwischen 1927 und 1929 auch in Hollywood.
Im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern der Stummfilmzeit
schaffte er den Sprung zum Tonfilm ohne nennenswerte Probleme. Von
seinem ersten deutschen Tonfilm "Die letzte Kompanie",
1929/30 existiert nur noch die englisch - sprachige Version. Ein
Film, dessen Inhalt beim Wissen um den Werdegang deutscher Geschichte
peinlich berührt, der aber für die damalige Zeit beachtenswerte
Synthesen von Bild und Ton enthält. Auf Grund seiner perfekten Englischkenntnisse
spielte Veidt in englischen Fassungen deutscher Filme wie z.B. "F.P.1",
der als englische Fassung von dem deutschen Hans Albers "F.P.1
antwortet nicht" entstand. Aber ebenso wird er als Darsteller
in deutschen Fassungen englischer Filme geschätzt. Unter den 10
Filmen, die er zwischen 1929 und 1933 in Deutschland drehte, war
kein Film, der in herausragender Weise in die Filmgeschichte einging.
Ausnahmen waren Robert Siodmaks anspruchsvoller Kriminalfilm "Dermann.
der einen Mord beging" und Heinz Pauls Antikriegsfilms "Die
andere Seite". Die Gestaltung des Fürsten Metternich durch
Conrad Veidt ist es wert, daß man sich des Films "Der Kongreß
tanzt" erinnert. 1933 drehte Veidt in Großbritannien. Nach
seiner Verpflichtung von "The Wandering Jew" kehrte er
noch einmal nach Deutschland zurück. Um seiner Verpflichtung gegenüber
der Ufa gerecht zu werden, spielte er den Geßler in "Wilhelm
Tell". Danach ging er erneut nach Großbritannien, um die Rolle
des Josepf Süß Oppenheimer in Lothar Mendes Feuchtwanger Verfilmung
"Jud Süß" zu spielen. Veidt wurde 1933 noch in der Reichsfilmkammer
aufgenommen, aber nach "Jud Süß" sprach der "Völkische
Beobachter" am 23.11.1934 den Bann über ihn. Der sensible Künstler
Conrad Veidt lehnte die Nazis ab. Hinzu kam, daß seine Frau Lilly
durch ihre jüdische Herkunft in Deutschland gefährdet war. Sein
schauspielerisches Talent und seine sprachlichen Fähigkeiten ließen
ihn schnell zu einem beliebten Darsteller werden. Sein Name ist
auch eng verbunden mit einem der berühmtesten Antinazi - Filmen
Hollywoods - "Casablanca". Als Major Strasser war er Humphry
Bogarts Gegenspieler. Das Duell das sich die beiden Männer in Ricks
Café liefern, gehört zu den berühmtesten Szenen der Filmgeschichte.
Veidt hat das Ende des Krieges nicht erlebt. Erst fünfzigjährig
verstarb er am 3. April 1943 in Hollywood. In seinem Buch schrieb
Erich Pommer, wie Veidt im amerikanischen Exil,: "Schwer zu
entscheiden, was an ihm mehr zu bewundern war, sein Künstlertum
oder seine Menschlichkeit.".
Von den Mitwirkenden an "Anders als die Anderen" hatten
Richard Oswald, Reinhold Schünzel und Magnus Hirschfeld Deutschland
nach 1933 ebenso verlassen ...
Dr. Almuth Püschel
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