C.M-S.: Sie haben in Kanada dieses strenge
Anti-Porno-Gesetz, trotzdem produzieren Sie so viele lesbisch-schwule
Filme?
D. A: Ja. Das betrifft total verschiedene
Abteilungen der Regierung. Es gibt Widersprüche in jeder Gesellschaft.
"Sexuelle Orientierung" ist in unserer Menschenrechts-
und Freiheits-Charta noch immer kein Grund für den Schutz vor
Diskriminierung - obwohl das Oberste Gericht behauptet, sie sehen
es als vorhanden an.
Es gibt da ein älteres Schwulenpaar, das 46 Jahre zusammen
gelebt hat und sie prozessieren vor dem Obersten Gericht, um als
anerkannt zu werden. Eine der Männer, James Egan, will daß
sein Partner Rentenvorteile erhalten soll, ich glaube sie werden
den Fall gewinnen. Wäre das der Fall, werden alle anderen betreffenden
Gesetze verfassungswidrig sein. Egan ist ein sehr wichtige Mensch
in der Geschichte der Schwulenbewegung in Kanada. Er war einer der
Menschen, die schon früh Änderungen in diesen Gesetzen
gekämpft haben.
Es ist nicht überraschend, daß es diesen öffentlichen
Aufruhr gegen Kindesmißbrauch und Kinderpornographie gibt,
wenn die Regierung Gesetze verabschiedet, die das Thema behandeln.
Leider passiert es, daß solche Zensurlegislatur gegen die
homosexuelle Gemeinschaft benutzt wird.
Zollbeamte und Polizei sind Regierungsabteilungen, die sehr homophobischen
Einrichtungen sind. Es gibt aber große Debatten in der Gemeinschaft
- insbesondere über Kinderpornographie. Viele Leute sind sehr
unglücklich darüber, daß Kinder in Pornozeitschriften
abgebildet werden.
Geld für Filme über Lesben und Schwule wird bereitgestellt,
da einige Menschen in Institutionen wie dem National Film Board
der Meinung sind, daß Filme zu solchen Themen gemacht werden
sollten. Die haben das schon gemacht, lange bevor eine Regierung
entschieden hat, die Gemeinschaft zu unterstützen.
C.M-S.: Zu eurem Film. Sind Sie zufrieden
gewesen mit der Rezeption des Films bei der Aufführung hier?
Ich denke. die Frage- und Antwortzeit war gut.
D.A: Es gab einige interessante Fragen
und auch eine gute Diskussion.
C.M-S.: Ist das der erste Film der produziert
wurdre die kanadische Jugend beim Coming out?
D. A: Es gibt nichts, das verbreitet benutzt
werden konnte in Schulen, und die Leute haben etwas in dieser Richtung
gesucht. Viele der Videos - die gemacht worden sind, richten sich
an schwule Zuschauer und nehmen bestimmte Sympathien der Zuschauer
an, und gerade das macht dieser Film nicht. Es ist ein schwieriger
Seiltanz, da ich ein breiteres Publikum erreichen will - breiter
als die Gay-Gemeinschaft, aber diese eingeschlossen.
Sonst ergibt sich kein Sinn für den Film, da ich Menschen erreichen
will, die Bildung zu diesem Thema benötigen. Aber ich wollte
keinen Film machen, der sich in seiner Aussage kompromittieren läßt.
Ich habe versucht, einen Film zu machen, der stark und fest in der
Aussage ist: Hier sind wir und wollen akzeptiert werden für
das, was wir sind. Er soll das aber nicht in einer Weise tun, die
Menschen bedroht oder entfremdet. Ich will ein breiteres Publikum
erreichen und. daß es an der Diskussion teilnimmt.
C.M-S.: Sie habe einige Male die Notwendigkeit
positiver Rollen betont. Haben Sie selbst Probleme gehabt in dieser
Richtung ?
D. A: Ich denke, ich habe die gleichen
Probleme gehabt, wie andere schwule oder lesbische Jugendliche auch
- den allgemeinen Mangel an Zugang zu irgendeiner sachlichen Information
über Homosexualität oder Schwulsein und was das bedeutet.
Mit Sicherheit gab es sehr wenig positive Informationen. Es gibt
nicht viele Filme, die die Erfahrungen beim Aufwachsen und dem Coming
out als Teenager behandeln. Ich wusste aus eigener Erfahrung, daß
ein Film wie dieser sehr wichtig wäre. Wie wir wissen, begehen
dreimal so viele schwule Jugendliche Selbstmordversuche wie Heteros.
Das hangt alles mit der Kultur im allgemeinen zusammen sowie mit
der homophobischen, negativen Atmosphäre, der die Jungs ausgesetzt
sind. Ich will gegen diese Atmosphäre ankämpfen. Hoffentlich
wird der Film auch von schwulen Jugendlichen angesehen, vielleicht
auch in Schule eingesetzt. Es wird den Jungen helfen, einzusehen,
daß sie nicht allein sind und ein gesundes und freudiges Leben
führen können.
C.M-S.: In ihrem Film zeigen sie Homophobie,
aber kein direktes Beispiele eines negativen Coming outs...
D. A.: Es gibt Beispiele, obwohl sie vor
der Kamera nur als Berichte erzählt werden - als Ereignisse,
die geschehen sind. Z. B., als Patrick mit seiner Mutter über
sein Coming out redet - es ist lustig, wie Sie darüber reden,
aber eigentlich auch sehr ergreifend.
C.M-S.: Sie haben von ihrem eigenen Coming
out gesprochen - Wie war das?
D. A: Mein eigenes Coming out ist langweilig.
Meine Eltern haben mein Schwulsein eher gesehen als ich! Im Grunde
haben sie bloß daraufgewartet, daß ich darüber
spreche. Sie haben dann gesagt: "Du bist unser Sohn. Wir lieben
dich nach wie vor." Ich habe viele Unterstutzung von meiner
Familie bekommen. Ich habe auch das Glück, bei der Arbeit "out"
zu sein - wie könnte es auch anders sein, wenn man Filme zu
diesem Thema beim National
Film Board herstellt.
C.M-S.: Haben Sie Rollenmodelle in ihrem
Filmschaffen?
D. A: Den größten Einfluß
haben auf mich einige schwule Dokumentarfilme gemacht, die in den
letzten zehn Jahren produziert worden sind, wie "Word is out",
"The Times of Harvey Milk", "Before Stonewall",
"Stories from the Quilt". "Harvey Milk" ist
einer der ersten schwulen Dokumentarfilme, die ich sah. Ich haben
ihn gesehen, als ich gerade mein Coming out hatte, als ich an der
Universität in Toronto studierte, und es war für mich
ein sehr kraftvoller Film. Die Filme, die ich erwähnte, benutzen
im Schnitt ziemlich konventionelle Dokumentartechniken, sind aber
wirkungsvoll, da sie direkt Berichte und Erfahrungen von homosexuellen
Menschen auf die Leinwand bringen. Das ist es, was ich mit diesem
Film auch machen wollte. Das unterscheidet ihn von Kunst-Videos
und Kunstfilmen. Mein Film hält sich eigentlich nicht an diese
Tradition, aber ich glaube, er ist fest verwurzelt in der anderen
schwulen Filmtradition - bei den Dokumentarfilmen.
C.M-S.: Wie sehen Ihre Zukunftspläne
aus?
D. A: Zur Zeit habe ich zwei Projekte,
woran ich gern arbeiten würde - beides Dokfilme. Einer ist
ein Film über den Produzenten Silva Basmajian, den ich vor
einigen Jahren begann - über Homosexualität und die christliche
Kirche. Wir haben schon einiges gedreht und jetzt arbeitet ich daran,
um das zu Ende zu führen. Der Film handelt im Grunde genommen
von den Zusammenhangen zwischen Religion - Christentum besonders
- und Homophobie und versucht herauszufinden, inwieweit die heutige
religiöse Homophobie auf der christlichen Lehre basiert und
welche Rolle gesellschaftliche Vorurteile spielen.
C.M-S.: Ich bedanke mich für das
Gespräch.
Colin de la Motte-Sherman
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