Geschichte lesbischer und schwuler Jugend  


Interview mit David Adkin
David Adkin ist ein unabhängiger kanadischer Regisseur, 33 Jahre alt, und arbeitet seit sechs Jahren für das National Film Board of Canada an Bildungsvideos mit. Er hat auch Ideen für Dokfilme zu schwul-lesbischen Themen entwickelt und brachte zur Berlinale 1994 sein erstes Dokfilm-Feature mit: "OUT - Geschichte lesbischer und schwuler Jugend".

Erschienen: Die Andere Welt, Mai/Juni 1994

C.M-S.: Sie haben in Kanada dieses strenge Anti-Porno-Gesetz, trotzdem produzieren Sie so viele lesbisch-schwule Filme?
D. A: Ja. Das betrifft total verschiedene Abteilungen der Regierung. Es gibt Widersprüche in jeder Gesellschaft. "Sexuelle Orientierung" ist in unserer Menschenrechts- und Freiheits-Charta noch immer kein Grund für den Schutz vor Diskriminierung - obwohl das Oberste Gericht behauptet, sie sehen es als vorhanden an.

Es gibt da ein älteres Schwulenpaar, das 46 Jahre zusammen gelebt hat und sie prozessieren vor dem Obersten Gericht, um als anerkannt zu werden. Eine der Männer, James Egan, will daß sein Partner Rentenvorteile erhalten soll, ich glaube sie werden den Fall gewinnen. Wäre das der Fall, werden alle anderen betreffenden Gesetze verfassungswidrig sein. Egan ist ein sehr wichtige Mensch in der Geschichte der Schwulenbewegung in Kanada. Er war einer der Menschen, die schon früh Änderungen in diesen Gesetzen gekämpft haben.

Es ist nicht überraschend, daß es diesen öffentlichen Aufruhr gegen Kindesmißbrauch und Kinderpornographie gibt, wenn die Regierung Gesetze verabschiedet, die das Thema behandeln. Leider passiert es, daß solche Zensurlegislatur gegen die homosexuelle Gemeinschaft benutzt wird.
Zollbeamte und Polizei sind Regierungsabteilungen, die sehr homophobischen Einrichtungen sind. Es gibt aber große Debatten in der Gemeinschaft - insbesondere über Kinderpornographie. Viele Leute sind sehr unglücklich darüber, daß Kinder in Pornozeitschriften abgebildet werden.

Geld für Filme über Lesben und Schwule wird bereitgestellt, da einige Menschen in Institutionen wie dem National Film Board der Meinung sind, daß Filme zu solchen Themen gemacht werden sollten. Die haben das schon gemacht, lange bevor eine Regierung entschieden hat, die Gemeinschaft zu unterstützen.

C.M-S.: Zu eurem Film. Sind Sie zufrieden gewesen mit der Rezeption des Films bei der Aufführung hier? Ich denke. die Frage- und Antwortzeit war gut.
D.A: Es gab einige interessante Fragen und auch eine gute Diskussion.

C.M-S.: Ist das der erste Film der produziert wurdre die kanadische Jugend beim Coming out?
D. A: Es gibt nichts, das verbreitet benutzt werden konnte in Schulen, und die Leute haben etwas in dieser Richtung gesucht. Viele der Videos - die gemacht worden sind, richten sich an schwule Zuschauer und nehmen bestimmte Sympathien der Zuschauer an, und gerade das macht dieser Film nicht. Es ist ein schwieriger Seiltanz, da ich ein breiteres Publikum erreichen will - breiter als die Gay-Gemeinschaft, aber diese eingeschlossen.
Sonst ergibt sich kein Sinn für den Film, da ich Menschen erreichen will, die Bildung zu diesem Thema benötigen. Aber ich wollte keinen Film machen, der sich in seiner Aussage kompromittieren läßt. Ich habe versucht, einen Film zu machen, der stark und fest in der Aussage ist: Hier sind wir und wollen akzeptiert werden für das, was wir sind. Er soll das aber nicht in einer Weise tun, die Menschen bedroht oder entfremdet. Ich will ein breiteres Publikum erreichen und. daß es an der Diskussion teilnimmt.

C.M-S.: Sie habe einige Male die Notwendigkeit positiver Rollen betont. Haben Sie selbst Probleme gehabt in dieser Richtung ?
D. A: Ich denke, ich habe die gleichen Probleme gehabt, wie andere schwule oder lesbische Jugendliche auch - den allgemeinen Mangel an Zugang zu irgendeiner sachlichen Information über Homosexualität oder Schwulsein und was das bedeutet. Mit Sicherheit gab es sehr wenig positive Informationen. Es gibt nicht viele Filme, die die Erfahrungen beim Aufwachsen und dem Coming out als Teenager behandeln. Ich wusste aus eigener Erfahrung, daß ein Film wie dieser sehr wichtig wäre. Wie wir wissen, begehen dreimal so viele schwule Jugendliche Selbstmordversuche wie Heteros. Das hangt alles mit der Kultur im allgemeinen zusammen sowie mit der homophobischen, negativen Atmosphäre, der die Jungs ausgesetzt sind. Ich will gegen diese Atmosphäre ankämpfen. Hoffentlich wird der Film auch von schwulen Jugendlichen angesehen, vielleicht auch in Schule eingesetzt. Es wird den Jungen helfen, einzusehen, daß sie nicht allein sind und ein gesundes und freudiges Leben führen können.

C.M-S.: In ihrem Film zeigen sie Homophobie, aber kein direktes Beispiele eines negativen Coming outs...
D. A.: Es gibt Beispiele, obwohl sie vor der Kamera nur als Berichte erzählt werden - als Ereignisse, die geschehen sind. Z. B., als Patrick mit seiner Mutter über sein Coming out redet - es ist lustig, wie Sie darüber reden, aber eigentlich auch sehr ergreifend.

C.M-S.: Sie haben von ihrem eigenen Coming out gesprochen - Wie war das?
D. A: Mein eigenes Coming out ist langweilig. Meine Eltern haben mein Schwulsein eher gesehen als ich! Im Grunde haben sie bloß daraufgewartet, daß ich darüber spreche. Sie haben dann gesagt: "Du bist unser Sohn. Wir lieben dich nach wie vor." Ich habe viele Unterstutzung von meiner Familie bekommen. Ich habe auch das Glück, bei der Arbeit "out" zu sein - wie könnte es auch anders sein, wenn man Filme zu diesem Thema beim National
Film Board herstellt.

C.M-S.: Haben Sie Rollenmodelle in ihrem Filmschaffen?
D. A: Den größten Einfluß haben auf mich einige schwule Dokumentarfilme gemacht, die in den letzten zehn Jahren produziert worden sind, wie "Word is out", "The Times of Harvey Milk", "Before Stonewall", "Stories from the Quilt". "Harvey Milk" ist einer der ersten schwulen Dokumentarfilme, die ich sah. Ich haben ihn gesehen, als ich gerade mein Coming out hatte, als ich an der Universität in Toronto studierte, und es war für mich ein sehr kraftvoller Film. Die Filme, die ich erwähnte, benutzen im Schnitt ziemlich konventionelle Dokumentartechniken, sind aber wirkungsvoll, da sie direkt Berichte und Erfahrungen von homosexuellen Menschen auf die Leinwand bringen. Das ist es, was ich mit diesem Film auch machen wollte. Das unterscheidet ihn von Kunst-Videos und Kunstfilmen. Mein Film hält sich eigentlich nicht an diese Tradition, aber ich glaube, er ist fest verwurzelt in der anderen schwulen Filmtradition - bei den Dokumentarfilmen.

C.M-S.: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
D. A: Zur Zeit habe ich zwei Projekte, woran ich gern arbeiten würde - beides Dokfilme. Einer ist ein Film über den Produzenten Silva Basmajian, den ich vor einigen Jahren begann - über Homosexualität und die christliche Kirche. Wir haben schon einiges gedreht und jetzt arbeitet ich daran, um das zu Ende zu führen. Der Film handelt im Grunde genommen von den Zusammenhangen zwischen Religion - Christentum besonders - und Homophobie und versucht herauszufinden, inwieweit die heutige religiöse Homophobie auf der christlichen Lehre basiert und welche Rolle gesellschaftliche Vorurteile spielen.

C.M-S.: Ich bedanke mich für das Gespräch.


Colin de la Motte-Sherman

 
 
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