Duncan Grant in Berlin  


Duncan Grant in Berlin
von Douglas Blair Turnbaugh
Herausgegeben in Die Andere Welt, September 1997

Pas de Trois


uncan Grant gehört zu den wenigen schwulen Helden der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Er wuchs im Viktorianischen Zeitalter auf. Er wurde 1885 in Schottland geboren, in einer Umwelt, die darauf aus war, Schwule zu terrorisieren. Trotzdem ist er schwul, stolz darauf, und "out" gewesen. Zugegeben, er hatte sehr feine Manieren und hat nicht die Pferde verschreckt,[1] was eine grundlegende Forderung der englischen höheren Gesellschaftsschicht war. Duncan hatte keine psychologischen Probleme mit seiner Homosexualität - außer seiner anfänglichen Ungeduld damit, daß er immer noch Jungfrau war, voller Kraft und darauf brannte, endlich ein aktives sexuelles Leben zu beginnen. Er hatte davon gehört, daß man in Londons Nationalgalerie Homosexuelle treffen könnte. Und dort hatte er auch seine ersten Kontakt, und zwar vor dem Gemälde von Bronzinos ,,Venus und Cupido" (Damals glaube ich, war Cupidos frecher Arsch mit rotem Stoff übermahlt, der inzwischen beseitigt wurde.)

Von diesem Zeitpunkt an war er mutig, aber nicht  waghalsig, wie er sein offenes, unverborgenes schwules Leben führte. ,,Schäme dich nie!" sagte er. Frühe Liebhaber waren Studenten von Cambridge, einschließlich seines berühmten Cousins, Lytton Strachey, und des noch berühmteren Ökonomen John Maynard Keynes. An seinem Lebensabend reiste er zwischen seinem Londoner Studio und seinem Landhaus in Sussex hin und her und traf junge Männer im Zug, die ihm oft nach Hause begleiteten.

In den zwanziger Jahren war Duncan Grant möglicherweise der berühmteste britische Maler. Er malte nicht nur auf Leinwand, er betätigte sich auch als Künstler auf jeder Oberfläche, die ihm unter die Hände kam. Er gestaltete Stoffe, Porzellan, Möbel, Zimmerwände, Mauern von Kirchen und entwarf das Dekor für Bühnen und Kostüme für Theater und Ballett. Er hatte eine gesellschaftliche und künstlerische Stellung ähnlich wie David Hockney heute. Der Graf von Devonshire sagte mal: "Es war sehr leicht zu verstehen, warum so viele Leute, Männer wie Frauen, ihn liebten." Er war der Lieblingsmaler von Elizabeth, der Königin-Mutter von England.

Sein Ruf als Künstler ist etwas abgeflaut, da es schwierig, wenn nicht nahezu unmöglich ist, seine Arbeit zu sehen. Nach seinem Tod hat eine Frau, die behauptete, seine Tochter zu sein, und seine Erbin ist, die Genehmigung zur Reproduktion seiner Werke einfach verweigert. Mit dem Resultat, daß seine Werke in Vergessenheit geraten sind und irgendwo herumstehen, bis das Copyright ausläuft. Es gibt auch starke Hinweise, daß jemand nach seinem Tod in sein Studio gegangen ist und, in einer Orgie der Zerstörung, viele seiner erotischen Werke verbrannt hat.

Kreuz

Duncan war verschwenderisch in seiner Großzügigkeit, ein Mensch, der es liebte, anderen eine Freude zu bereiten, ob mit seinem Geist, seinem Körper oder seiner Kunst, in einem Bett oder außerhalb davon. Obwohl gänzlich schwul in seiner Orientierung, trieb er es mit Vanessa Bell - da sie darum bat. Er löste sich bald von diesem Zwang; sie blieben jedoch lebenslang Freunde.

Duncan verschenkte seine Bilder an Leute, die sie mochten. Er sagte mir, daß ein berühmter Kunstkritiker ihm Bilder geklaut hat, und auch ein reicher amerikanischer Sammler, nahm etwas rnit, aber Duncan war es zu unangenehm zu sagen, daß er es bemerkt hatte. In einer kuriosen Art und Weise war er geschmeichelt, daß sie die Bilder so gern haben wollten. Und ganz gewiß schuf Duncan - wie alle echten Künstler - Erotika für sein eigenes aphrodisiakisches Vergnügen und das seiner Freunde dafür bekommen hätte. Er hatte jedoch einen ausgeprägten Sinn für Humor, was besonders in seinen erotischen Zeichnungen deutlich wird. Paul Roche, ein ehemaliger Priester, bat Duncan um ein Bild der Kreuzigung. Er unternahm einen Versuch – und der Effekt war ein tanzender Junge mit ausgebreiteten Armen. Eine andere Malerei zeigt einen sinnlichen Jungen mit weit ausgebreiteten Armen, vor einen stilisierten Kreuz schwebend, mit einem siegreichen Ständer. In allen Erotika von Duncan herrscht ein Gefühl von Sinnlichkeit, Einvernehmlichkeit, Freude und  überschwenglicher Schwellung.

    Douglas Blair Tumbaugh

[1] Ein Ausdruck für Salonfähigkeit

 

Die Bilder

Drei Beispiele seiner Erotika, die der Rachefurie des Feuers entgangen waren, waren in der großartigen Ausstellung "100 Jahre Schwul" zu sehen (Berlin, 1997). Es sind eloquente Argumente gegen die "Gedanken-Polizei", die die Erotika verurteilten. Es gibt keine Verherrlichung von Vergewaltigung, keine Zufügung von Schmerzen, keine Dominanz, keine Unterwerfung, keine brutale Machtausübung. Duncan war in der Tat unfähig, Schmerz zu malen, selbst wenn er einen Auftrag e von ihnen waren "Borstal boys" -junge Männer,

Kreuzabnahme:
Sogar im Rahmen der christlichen Theologie und Ikonographie der Renaissance symbolisierte eine Erektion die Auferstehung und die Erneuerung des Lebens.

Pas de Trois:
Hier machte Duncan guten gebrauch von Kubismus oder der Idee, gleichzeitig verschiedene Sichten auf das gleiche Objekt zu zeigen. Unter dem Haufen von Körpern zeigt er eine blonde Hand, die einen schwarzen Penis masturbieren.

Steam Bath:
Diese Gemälde ist eine Hommage an Cezanne, aber anstatt uns einen Apfel als Versuchung im Paradies anzubieten, benutzt Duncan atemberaubenden Farben, um ein Fest von Pobacken darzustellen, die gewiß mehr einladend sind, als je ein Ganymedarsch in der Geschichte der Kunst.

 

Douglas Blair Turnbaugh

Douglas Blair Turnbaugh ist Autor von Duncan Grant and the Bloomsbury Group, Bloomsbury Publishing (1987, ISBN 0 7475 0103 3); Private: the Erotic Art of Duncan Grant (1989); Strip Show: Paintings by Patrick Angus, hrg von Editions Aubrey Walter (Gay Mens Press), London 1992.

Ausserdem veröffentlichte er einen Beitrag in Ecrits sur Nijinski (1992), und ist Mitglied der Komitee Nijinsky und des führenden Komitee des Conseil International de la Danse – Unesco.

 
 
Homepage: www.erato-net.de deutsch counter
© 2000 Douglas Blair Turnbaugh