Ethel Smyth (1858 - 1944)  


Dame, Komponistin, militante Suffragette: Ethel Smyth zum 135. Geburtstag
Vor 135 Jahren ist Ethel Smyth geboren - vor 75 bekamen einige Frauen in GB zum erstenmal das Stimmrecht.
Herausgegeben: März 1993

„Peter Iljitsch hätte gern mit den beiden würdigen, erfahrenen Musikern geplaudert; aber der langen hageren Dame, die sich nahte, war nicht zu entrinnen. Ihr sportlich graues Kostüm - eine Art von Knapp geschnittenem Jagdkleid - wollte nicht in das Bild der bürgerlich-ernsthaft geputzten Gesellschaft passen. An einer kurzen Lederleine führte sie einen schmalrückigen, böse schauenden Windhund hinter sich her.“

 „Sind Sie Herr Tschaikowski?“ fragte sie angriffslustig; an ihrem ersten deutschen Wort war zu erkennen, daß sie Engländerin war. Very interesting! Ich kenne zwar Ihre Kompositionen nicht, aber man hat mir von Ihnen erzahlt. Ich bin Miss Smyth, eine Kollegin von Ihnen - ja, auch ich mache Musik."

So beschrieb Klaus Mann in „Symphonie Pathetique“ das erste Zusammentreffen Peter Tschaikowskis mit Ethel Smyth.

Sie selbst schrieb:

„Da ich meine eigenen Opern dirigierte, Schäferhunde liebe; da ich normalerweise Tweeds trage, und diese auch zuweilen bei winterlichen Nachmittagskonzerten beim Dirigieren trug; da ich eine militante Suffragette war und die Gelegenheit wahrnahm, von meinem Fenster im Holloway-Gefängnis aus den Takt zum ,Marsch der Frauen' mit meiner Zahnbürste zu schlagen ... und mich nicht immerzu vergewisserte, daß mein Hut richtig sitzt - aus diesem und anderen passenden Gründen bin ich in gewissem Sinne gut bekannt.“

Ethel Smyth wird in Sidcup in der Grafschaft Kent am 23. April 1858 geboren. Sie wächst auf in der Nahe von Aldershot, wo ihr Vater, ein General der Royal Army, stationiert ist. Dieser beherrscht seine Frau und die acht Kinder als seien diese ein Regiment. Früh läßt Ethel die Eltern ihren Widerstand dagegen Spüren. was ihr Schläge, oft auch auf die Ohren einbringt - eine Ursache ihrer späteren Taubheit.

Mit neun Jahren bekommt sie eine deutsche Gouvernante, die in Leipzig Musik studiert hat und ihr Klavierunterricht gibt. So lernt sie die Musik von Schumann. Schubert und Beethoven kennen und entscheidet sich schon mit zwölf Jahren, Musik zu studieren - sehr zum Leidwesen des Generals.

  Nach mehrjährigen Internatsaufenthalten wieder zu Hause, bekommt sie Unterricht in Kompositionslehre und Literatur durch eine befreundete Familie, die ihre Begabung erkannt hat. Damals ist sie kurzzeitig mit dem Bruder Oscar Wildes verlobt. Nach Konzertbesuchen in London tritt sie, 19 Jahre alt, schließlich in den Hungerstreik, um das väterliche „Ja“ zum Studium in Leipzig zu erzwingen. - Mit Erfolg. Das Studium indes enttäuscht sie: unterdessen aber wird sie wie eine Tochter in die Familie von Herzogenberg aufgenommen, wo sie  durch Heinrich von Herzogenberg privaten Kompositionsunterricht bekommt.

  In den Folgejahren stoßt Ethel Smyth immer wieder auf Menschen, die ihrer Musik jegliche Qualität absprechen, nur, weil sie eine Frau ist. Dieses Problem verfolgt sie ihr gesamtes Leben - und darüber hinaus. Doch sucht sie weiter ihren eigenen Stil, in der Arbeit wie im Privaten.

1882 trifft sie in Florenz auf den Schriftsteller und Philosophen Henry Brewster, der großen Einfluss auf sie gewinnt und später einige Libretti  für sie schreibt. Tschaikowski, der – im   Gegensatz zu Brahms - ihre Musik ernst nimmt und ihr Chancen für eine große Karriere einräumt, unterweist sie 1887/88 im Orchestrieren.

Nach einem „Fehlstart“ bei der Aufführung ihrer kammermusikalischen Werke hat sie 1890 ihren ersten Erfolg als Komponistin in England. Inzwischen ist sie auch befreundet mit Kaiserin Eugene, die als Sympathisantin der Frauenbewegung gilt und Smyth’ Arbeit an einer Messe mit Geld unterstützt. Diese „Messe in D“ 1893 in der Royal Albert Hall uraufgeführt, begründet ihren Ruf als größte englische Komponistin.

Kein Geringerer als George Bernhard Shaw schreibt: „Es gibt mehrere Passagen, in denen ihr Sinn für das Reizvolle und Richtige sich zu gefühlvoller Inbrunst vertieft ... Die Messe hat großartige Stellen, die alle Menschen rühren, in denen überhaupt noch Glaube oder Hoffnung lebt ...“

Die Anregung zu dieser Messe stammte im übrigen von einer Frau, in die Ethel Smyth sich verliebt hatte: Pauline Treveyan. Ihre andere Liebe - eben die Kaiserin Eugene - schlägt der Komponistin auch das Thema für ihre komische Oper „Fantasio“ vor, die, 1898 aufgeführt, jedoch so schlechte Kritiken erntet, daß die Smyth, überzeugt von der schlechten Qualität, alle Noten verbrennt und mit der Asche ihren Garten düngt.

Ihre zweite Oper „Der Wald', inspiriert von Wagners Musik, wird zumeist erfolgreich in Berlin. London und New York aufgeführt, doch der Durchbruch gelingt ihr auch damit nicht.

Erst 1904 wird sie bekannter durch ihre dritte Oper „The Wreckers", die vielbeachtete Aufführung unter so namhaften Dirigenten wie Bruno Walter und Sir Thomas Beecham erlebt.

Auch wenn sie sich sehr bewußt mit Frauenthemen der Zeit befasst, bleibt sie doch der Suffragettenbewegung fern. Bis zum Besuch eines Meetings, auf dem 1910 Emmeline Pankhurst von der militanten „Women's Social and Political Union“ eine leidenschaftliche Rede hält. Auf der Stelle beschließt die 52jahrige, sich für die nächsten zwei Jahre jener Bewegung anzuschließen, und danach an ihre Arbeit zurückzugehen. Es entsteht ein Marsch, der zur Hymne der Suffragetten wird. Ethel, einst im Hungerstreik für ihr Studium scheut sich Jahre später auch nicht, an Demonstrationen und Straßenkämpfen teilzunehmen; als aktive Sportlerin unterweist sie die Pankhurst gar im Zielwurf mit Pflastersteinen! Im März 1912 wird sie dabei ertappt, wie sie die Fenster im Hause eines Ministers einwirft und geht für drei Wochen in Holloway-Gefängnis. Dies ist ihrer Gesundheit abträglich; nach mehreren Kuren geht sie für längere Zeit nach Ägypten und beginnt dort mit der Arbeit an „The Boatswains Mate', ihrer vierten Oper, diesmal mit feministischem Sujet.

Nach dem Ersten Weltkrieg - Ethel Smyth pflegte im Krieg in Frankreich Verwundete - werden ihre Werke häufiger aufgeführt, in England wie im Ausland. Oft steht sie dabei selbst am Pult, bekleidet mit ihre Doktorrobe (die Doktorwürde hatte ihr 1910 die Universität Durham verliehen).

 

1922 wird sie zur „Dame“ - weibliches Pendant zum „Sir“ - geschlagen;

Mit 72 dirigiert sie 1930 ein Polizeiorchester (!) beim ,Marsch der Frauen' anläßlich der Enthüllung eine Statue von Emmeline Pankhurst, die zwei Jahre zuvor gestorben war und in deren Todesjahr die meisten Frauen in England das Wahlrecht erhalten hatten.

Im Alter nahezu taub, verlässt Ethel Smyth die Musik und widmet sich dem Schreiben.

Sie schreibt sehr offen auch über ihre Liebe zu Frauen. Mit 70 Jahren erlebt sie eine letzte große Liebe - zu Virginia Woolf. Die Woolf: „Ich schätze, Sapphos alte Feuer lodern zum letzten Male auf. In ihren besten Tagen war sie sicher eine formidable Frau.“

Ethel Smyth stirbt, 86jährig, am 8. Mai 1944.


Colin de la Motte-Sherman

 
 
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