„Peter
Iljitsch hätte gern mit den beiden würdigen, erfahrenen Musikern
geplaudert; aber der langen hageren Dame, die sich nahte, war
nicht zu entrinnen. Ihr sportlich graues Kostüm - eine Art von
Knapp geschnittenem Jagdkleid - wollte nicht in das Bild der bürgerlich-ernsthaft
geputzten Gesellschaft passen. An einer kurzen Lederleine führte
sie einen schmalrückigen, böse schauenden Windhund hinter sich
her.“
„Sind Sie
Herr Tschaikowski?“ fragte sie angriffslustig; an ihrem ersten
deutschen Wort war zu erkennen, daß sie Engländerin war. Very
interesting! Ich kenne zwar Ihre Kompositionen nicht, aber man
hat mir von Ihnen erzahlt. Ich bin Miss Smyth, eine Kollegin von
Ihnen - ja, auch ich mache Musik."
So beschrieb Klaus Mann in „Symphonie Pathetique“ das erste Zusammentreffen
Peter Tschaikowskis mit Ethel Smyth.
Sie selbst schrieb:
„Da
ich meine eigenen Opern dirigierte, Schäferhunde liebe; da ich
normalerweise Tweeds trage, und diese auch zuweilen bei winterlichen
Nachmittagskonzerten beim Dirigieren trug; da ich eine militante
Suffragette war und die Gelegenheit wahrnahm, von meinem Fenster
im Holloway-Gefängnis aus den Takt zum ,Marsch der Frauen' mit
meiner Zahnbürste zu schlagen ... und mich nicht immerzu vergewisserte,
daß mein Hut richtig sitzt - aus diesem und anderen passenden
Gründen bin ich in gewissem Sinne gut bekannt.“
Ethel Smyth wird in Sidcup in der Grafschaft
Kent am 23. April 1858 geboren. Sie wächst auf in der Nahe von Aldershot,
wo ihr Vater, ein General der Royal Army, stationiert ist. Dieser
beherrscht seine Frau und die acht Kinder als seien diese ein Regiment.
Früh läßt Ethel die Eltern ihren Widerstand dagegen Spüren. was
ihr Schläge, oft auch auf die Ohren einbringt - eine Ursache ihrer
späteren Taubheit.
Mit neun Jahren bekommt sie eine deutsche
Gouvernante, die in Leipzig Musik studiert hat und ihr Klavierunterricht
gibt. So lernt sie die Musik von Schumann. Schubert und Beethoven
kennen und entscheidet sich schon mit zwölf Jahren, Musik zu studieren
- sehr zum Leidwesen des Generals.
Nach mehrjährigen Internatsaufenthalten
wieder zu Hause, bekommt sie Unterricht in Kompositionslehre und
Literatur durch eine befreundete Familie, die ihre Begabung erkannt
hat. Damals ist sie kurzzeitig mit dem Bruder Oscar Wildes verlobt.
Nach Konzertbesuchen in London tritt sie, 19 Jahre alt, schließlich
in den Hungerstreik, um das väterliche „Ja“ zum Studium in Leipzig
zu erzwingen. - Mit Erfolg. Das Studium indes enttäuscht sie: unterdessen
aber wird sie wie eine Tochter in die Familie von Herzogenberg aufgenommen,
wo sie durch Heinrich von Herzogenberg privaten Kompositionsunterricht
bekommt.
In den Folgejahren stoßt Ethel Smyth
immer wieder auf Menschen, die ihrer Musik jegliche Qualität absprechen,
nur, weil sie eine Frau ist. Dieses Problem verfolgt sie ihr gesamtes
Leben - und darüber hinaus. Doch sucht sie weiter ihren eigenen
Stil, in der Arbeit wie im Privaten.
1882 trifft sie in Florenz auf den Schriftsteller
und Philosophen Henry Brewster, der großen Einfluss auf sie gewinnt
und später einige Libretti für sie schreibt. Tschaikowski, der
– im Gegensatz zu Brahms - ihre Musik ernst nimmt und ihr Chancen
für eine große Karriere einräumt, unterweist sie 1887/88 im Orchestrieren.
Nach einem „Fehlstart“ bei der Aufführung
ihrer kammermusikalischen Werke hat sie 1890 ihren ersten Erfolg
als Komponistin in England. Inzwischen ist sie auch befreundet mit
Kaiserin Eugene, die als Sympathisantin der Frauenbewegung gilt
und Smyth’ Arbeit an einer Messe mit Geld unterstützt. Diese „Messe
in D“ 1893 in der Royal Albert Hall uraufgeführt, begründet ihren
Ruf als größte englische Komponistin.
Kein Geringerer als George Bernhard
Shaw schreibt: „Es gibt mehrere Passagen, in denen ihr Sinn
für das Reizvolle und Richtige sich zu gefühlvoller Inbrunst vertieft
... Die Messe hat großartige Stellen, die alle Menschen rühren,
in denen überhaupt noch Glaube oder Hoffnung lebt ...“
Die Anregung zu dieser Messe stammte
im übrigen von einer Frau, in die Ethel Smyth sich verliebt hatte:
Pauline Treveyan. Ihre andere Liebe - eben die Kaiserin Eugene -
schlägt der Komponistin auch das Thema für ihre komische Oper „Fantasio“
vor, die, 1898 aufgeführt, jedoch so schlechte Kritiken erntet,
daß die Smyth, überzeugt von der schlechten Qualität, alle Noten
verbrennt und mit der Asche ihren Garten düngt.
Ihre zweite Oper „Der Wald', inspiriert von Wagners Musik, wird
zumeist erfolgreich in Berlin. London und New York aufgeführt, doch
der Durchbruch gelingt ihr auch damit nicht.
Erst 1904 wird sie bekannter durch ihre
dritte Oper „The Wreckers", die vielbeachtete Aufführung unter
so namhaften Dirigenten wie Bruno Walter und Sir Thomas Beecham
erlebt.
Auch wenn sie sich sehr bewußt mit Frauenthemen
der Zeit befasst, bleibt sie doch der Suffragettenbewegung fern.
Bis zum Besuch eines Meetings, auf dem 1910 Emmeline Pankhurst von
der militanten „Women's Social and Political Union“ eine leidenschaftliche
Rede hält. Auf der Stelle beschließt die 52jahrige, sich für die
nächsten zwei Jahre jener Bewegung anzuschließen, und danach an
ihre Arbeit zurückzugehen. Es entsteht ein Marsch, der zur Hymne
der Suffragetten wird. Ethel, einst im Hungerstreik für ihr Studium
scheut sich Jahre später auch nicht, an Demonstrationen und Straßenkämpfen
teilzunehmen; als aktive Sportlerin unterweist sie die Pankhurst
gar im Zielwurf mit Pflastersteinen! Im März 1912 wird sie dabei
ertappt, wie sie die Fenster im Hause eines Ministers einwirft und
geht für drei Wochen in Holloway-Gefängnis. Dies ist ihrer Gesundheit
abträglich; nach mehreren Kuren geht sie für längere Zeit nach Ägypten
und beginnt dort mit der Arbeit an „The Boatswains Mate', ihrer
vierten Oper, diesmal mit feministischem Sujet.
Nach dem Ersten Weltkrieg - Ethel Smyth
pflegte im Krieg in Frankreich Verwundete - werden ihre Werke häufiger
aufgeführt, in England wie im Ausland. Oft steht sie dabei selbst
am Pult, bekleidet mit ihre Doktorrobe (die Doktorwürde hatte ihr
1910 die Universität Durham verliehen).
1922 wird sie zur „Dame“ - weibliches
Pendant zum „Sir“ - geschlagen;
Mit 72 dirigiert sie 1930 ein Polizeiorchester
(!) beim ,Marsch der Frauen' anläßlich der Enthüllung eine Statue
von Emmeline Pankhurst, die zwei Jahre zuvor gestorben war und in
deren Todesjahr die meisten Frauen in England das Wahlrecht erhalten
hatten.
Im Alter nahezu taub, verlässt Ethel
Smyth die Musik und widmet sich dem Schreiben.
Sie schreibt sehr offen auch über ihre Liebe zu Frauen. Mit 70
Jahren erlebt sie eine letzte große Liebe - zu Virginia Woolf. Die
Woolf: „Ich schätze, Sapphos alte Feuer lodern zum letzten
Male auf. In ihren besten Tagen war sie sicher eine formidable Frau.“
Ethel Smyth stirbt, 86jährig, am 8.
Mai 1944.
Colin de la Motte-Sherman
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