C.M-S.: Würden Sie sich bitte vorstellen?
Jill P.: Ich bin Fotografin und lebe in
San Francisco. Ich habe gerade - zusammen mit Susie Bright, die
auch in Berlin gut bekannt ist - ein Buch beendet. Wir haben gerade
das Buch Nur ein Mädchen fertig gemacht, die Porträts
von Lesben, die wir als eine gültige Kollektion Iesbischer erotischer
Fotografien von den Mitt-70ern an bis zum heutigen Tage betrachten.
Natürlich ist es nichts Endgültiges, da einige wunderbare Fotografinnen,
- z.B. Christa Bernstein - nicht in dem Buch zu finden sind, weil
ich sie nicht erreichen konnte.
Eine Sammlung von 165 Fotografien
Tatsächlich konzentriert es sich hauptsächlich auf Amerikanerinnen
und einigen Englãnderinnen. Es ist eine Sammlung von 165 Fotografen
sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiß - mit ganz neuen Essays
von Susie und einer wunderbaren Einführung. Ihre Auffassung über
das Zustandekommen lesbischer Erotika, über die Pioniere und wie,
- ohne daß die Gesellschaft es bemerkt, - die lesbische imagery
in den Mainstream integriert wurde.
Madonnas Sex-Bücher zum Beispiel, Susie und Ich sind völlig einer
Meinung, und diese Buch hätte nie erscheinen können, ohne die Grundlage
lesbische Sex-Fotografie der letzten 20 Jahre, die Leute wie Madonna
beeinflusst haben. Die C.Crawford/k.d.lang Vanity Fair Titelseite
wäre gar nicht möglich gewesen, ohne die Pioniere lesbische Fotografie;
dieser Art von satirische Sicht auf lesbisches Leben.
Susies Sicht auf die Dinge ist ganz und gar unüblich, und so sind
es auch die Essays, in denen sie die Kapitel im Buch nach Dyke,
Butch, Cunt, Sex einteilt, ein größeres Essay zu Beginn. Alles neues
Material. Das alles zeigt ihren Sinn für das Medium. Ich sammelte
die Fotografien als Herausgeberin, was ich nicht oft tue, meistens
rnache ich etwas Eigen es dies war ganz neu für mich - und
es ist ein großartiges Buch.
Pioniere der Frauenfotografie
C.M-S.: Nach welchem Prinzip haben Sie
die Bilder ausgewählt?
Jill P.: Da wir On Our Backs herausgaben,
und ich war die Fotoredakteurin einige Jahre lang - wußte ich, wen
wir mochten. Das erste, worüber wir uns klar wurden, war die Frage,
wer waren die Pioniere.
Wer waren die Frauen, die das Boot zum schwanken brachten? Wir stießen
auf Frauen wie T. Korren, deren frühe Fotografien aus den 70er Jahren
- doppelte Bilder von Cunt, auf eine Landschaft aufgelegt - einige
der frühesten Iesbischen Sex-Fotografien dieser Zeit waren.
Natürlich gab es so etwas schon früher, aber dies war ein neues,
feministische gefärbtes Bewusstsein für Lesben. Wir dachten an Frauen
wie Morgan Gwellmould, deren Bilder die Titelseiten von Büchern
und Magazinen zierten. Man merkt gar nicht, daß man Morgan Gwellmould
anschaut, weil sie so allgegenwärtig ist, und weiß gar nicht, daß
man ihre Arbeiten anschaut, bis man den Namen erkennt und sieht,
daß es ein Morgan Gwellmould ist. Oder Della Grace, die sowohl die
feministischer als auch die lesbische Szene völlig schockiert hat,
indem sie immer weiter geforscht hat, bis zu ihrer eigenen Sexualität,
die immer perverser und wurde, je tiefer sie grub - Sie ist eine
aufregende Fotografin.
Honey Lie Catrell kennt niemand, wir also Pioniere ausgesucht; wir
gingen Heft für Heft von On Our Backs durch und fanden die,
die uns zusagten. Wir richteten auch Bitten an die Leute, uns Vorschläge
für die von ihnen Bevorzugten einzusenden. Außerdem sahen wir uns
neue noch unveröffentlichte Fotos an, wozu wir 18 Monate brauchten.
Wir suchten nach Arbeit, die uns was bedeutete. Aus den Tausenden
von Fotos kamen wir schließlich zu diese 165.
Sanft bis seriös pornographisch
Ich meine, das ist der Beweis: Wen ich heute das Buch durchsehe
- die Druckfahnen -, kann ich auch nicht einen Fehler entdecken.
Jedes einzelne Foto ruft noch immer- eine Reaktion hervor. Und
die Fotos reichen von ganz einfachen sanften bis zu seriösen pornographischen.
Für uns gab es da gar keine Frage: Wir konnten keine falsche Einteilungen
zwischen pornographischen und erotischen vornehmen. Das muß jeder
selbst für sich entscheiden. Manchen Leuten behagen die SM Bilder
nicht, aber ich glaube, daß wir ohne dieser
Bilder in dem Buch der Sache der lesbischen Sexualität einen Bärendienst
erwiesen hätten. Beim Durcharbeite wurde dann klar, daß für Lesben
der Geschlechtsakt nicht die Hauptsache ist. Anders als bei der
männlichen Pornografie - für uns war wichtig, was vorher passiert,
das Küssen, die Blicke, die Kleidung, die Symbole Iesbischer Sexualität.
Der männliche schwule Akt
C.M-S.: Wie würden Sie den Unterschied
zwischen lesbischer und schwuler Fotografie beschreiben?
Jill P.: Wenn ich von männlichen Schwülen
gemachte Aktfotos ansehe, habe ich immer den Eindruck eines austauschbaren
Standpunktes. Viele schöne Körper - meistens jung, oft Farbige,
aber fast immer schön - in der Natur oder- Bett. Oft keine Gansfotos,
sondern Dreiviertel-Aufnahmen. Ich mache hier wahrscheinlich einen
Riesenfehler, da ich auch männliche schwule Fotografen kenne, die
nicht so arbeiten. Danny Nicoletta (San Francisco), der einige der
früheren Fotos von Harvey Milk machte.
Oder nehmen Sie Act-Up-Fotografen, die Act-Up dokumentieren, aber
ich meine, wenn es zu Sex kommt, habe schwule Männer eine viel deutlichere
Vision. Für lesbische Fotografinnen kann das erotischste ein Butch
Dyke sein, im Halbschatten, gerade noch mit einer Lederjacke an,
mit einer sehr leichten Andeutung ihrer Scheide. Das zeigt das Spannungsfeld
zwischen dem weiblichen und dem männlichern und der femme",
die Andeutung dieser verborgenen Welt, in der die Lesben immer gelebt
haben.
Vielleicht ist gerade, daß so reizvoll für lesbische Fotografinnen.
So sehen sich also manche Leute das Buch an und denken: Das
sind doch keine Sex-Fotos es wird nur ganz wenig Geschlechtsverkehr
gezeigt - es gibt einige - aber es gibt mehr, in denen es um Identität
geht. Ich glaube, das ist das Ziel von Lesben-Fotos, selbst von
den erotischen.
Der himmelweite Unterschied
C.M-S.: Persönlich finde ich viele Fotos
ohne mehr erotisch als die mit einem Penis.
Jill P.: Richtig. Wenn Sie in einen Fotoladen
gehen und sehen sich die für Männer und die für Frauen an, ist das
ein himmelweiter Unterschied. Das sind eben die Dinge, über die
wir sprachen, die aber in einer Diskussion etwas unbequem sind -
die Unterschiede, wie wir durch unsere Sexualität zum Ausdruck bringen.
Das heißt aber nicht, daß Frauen nicht auch sehr intensiv mit ihrer
Sexualität umgehen - sie konzentriert.. Bei Tom of Finnland z.B.
- ist es ganz, geradezu und springt dir ins Auge.
Manchmal sieht man den Körper leicht angewinkelt, die Beine gespreizt,
einen schönen Penis oder schöne Pobacken. Bei Frauenfotos findet
man Frauen über 40 oder 50; Frauen, die eben nicht jung und schön
sind, Fotos von Dicken werden als nicht so schöne empfunden, aber
es existieren auch solche. Katie Niles (Seattle, USA) macht z.B.
sehr lustige Selbstporträts..
Die Frauen sind immer groß, ganz sicherlich über 35 oder 40, das
ist für die Jüngeren sicher nicht sehr attraktiv, aber sie sind
ja nicht die einzigen, die erregt werden sollen. Ich sehe nur ganz
selten ein männliches Sex-Foto, das nicht dem körperlichen Schönheitsideal
entspricht - und dieser Narzissmus ist es eben - das Konzept eines
schönen Körpers -, das die Männer stark beschäftigt. Für viele Männer
ist das sehr komplex und schwierig.
Es wird zwei Ausgaben geben
C.M-S.: Ich bin noch nicht dazu gekommen
es zu lesen, aber dieses Cassell-Buch Der perfektbare Körper
scheint sehr interessant zu sein.
Jill P.: Ich weiß nicht, wie lange es
dauern wird, bis dir großen Bosse von Cassell ein Buch als kontrovers
ablehnen werden. Es gab Diskussionen über einigen Bilder in unserem
Buch und es wird zwei Ausgaben geben - eine völlig unzensiert amerikanische
und eine vielleicht auch in Europa erhältlich britische,
in der vier Fotos fehlen, von denen man glaubt, daß sie die Zensur
unterlegen wurde.
Es sind aber die unverschämtesten, eins von Della, eins von mir,
eins von Morgan Gwellmould und ein hier in Berlin veröffentlichtes
von Claudia Gerken, eine sehr aufregende Foto, das Probleme
des SM innerhalb einer lesbischen Familie zeigt. Es ist natürlich
interessant, das man gerade dieses nicht zeigen wollte, und wir
mussten sehr kämpfen um die amerikanische Ausgabe mit diesem Foto
herausbringen zu können. Aber ich bin sicher das Cassell in den
vergangenen Jahren einige der aufregendsten schwul-lesbischen Bücher
veröffentlicht hat.
Wir hoffen, daß unsere Buch erscheinen kann es ist noch
im Druck (Anfang November 1995) und wir könnten auch noch
Probleme bekommen. Möglicherweise sagen sie, daß sie so etwas nicht
drucken. Man weiß nie wann das Schwert fallen wird...! Wir nennen
es ein gültiges Buch, aber das ist es natürlich nicht. Es gab schon
vorher Bücher mit lesbische Sex-Fotografie. Della Grace hat ihre
Bücher veröffentlicht, auch Christa Bernstein. Aber diese unglaubliche
von uns zusammengestellte Kollektion ist, meine ich, und hoffe ich,
das die Leute sie mögen werden.
C.M-S.: Ist es nun lesbische Fotografie
weil es lesbische Sex darstellt, oder weil sie von lesbischen Fotografinnen
gemacht wurde?.
Jill P.: Das ist ein uralte Frage. Es
gibt einige Frauen, die nicht in dem Buch erscheinen wolle, weil
es sich Die unverschämtesten lesbischen Bilder nennt.
. Ich bin Fotografin. Die Tatsache daß ich lesbischen Sex Fotografiert
habe hat keine Bedeutung für den Hauptrichtung meiner Arbeit Ich
arbeite für Zeitungen oder mache Dokumentarfotografie. Ich glaube.
wenn man sich nicht als Lesbe definiere will, heißt das auch, daß
sich nicht als lesbische Künstlerin definiert.
C.M-S.: Danke für das Gespräch
Colin de la Motte-Sherman
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