Jill Posener  

Interview mit Jill Posener, Fotografin


Herausgegeben: Die Andere Welt, Februar 1996

C.M-S.: Würden Sie sich bitte vorstellen?

Jill P.: Ich bin Fotografin und lebe in San Francisco. Ich habe gerade - zusammen mit Susie Bright, die auch in Berlin gut bekannt ist - ein Buch beendet. Wir haben gerade das Buch „Nur ein Mädchen“ fertig gemacht, die Porträts von Lesben, die wir als eine gültige Kollektion Iesbischer erotischer Fotografien von den Mitt-70ern an bis zum heutigen Tage betrachten. Natürlich ist es nichts Endgültiges, da einige wunderbare Fotografinnen, - z.B. Christa Bernstein - nicht in dem Buch zu finden sind, weil ich sie nicht erreichen konnte.


Eine Sammlung von 165 Fotografien

Tatsächlich konzentriert es sich hauptsächlich auf Amerikanerinnen und einigen Englãnderinnen. Es ist eine Sammlung von 165 Fotografen sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiß - mit ganz neuen Essays von Susie und einer wunderbaren Einführung. Ihre Auffassung über das Zustandekommen lesbischer Erotika, über die Pioniere und wie, - ohne daß die Gesellschaft es bemerkt, - die lesbische imagery in den Mainstream integriert wurde.

Madonnas Sex-Bücher zum Beispiel, Susie und Ich sind völlig einer Meinung, und diese Buch  hätte nie erscheinen können, ohne die Grundlage lesbische Sex-Fotografie der letzten 20 Jahre, die Leute wie Madonna beeinflusst haben. Die C.Crawford/k.d.lang Vanity Fair Titelseite wäre gar nicht möglich gewesen, ohne die Pioniere lesbische Fotografie; dieser Art von satirische Sicht auf lesbisches Leben.

Susies Sicht auf die Dinge ist ganz und gar unüblich, und so sind es auch die Essays, in denen sie die Kapitel im Buch nach Dyke, Butch, Cunt, Sex einteilt, ein größeres Essay zu Beginn. Alles neues Material. Das alles zeigt ihren Sinn für das Medium. Ich sammelte die Fotografien als Herausgeberin, was ich nicht oft tue, meistens rnache  ich etwas Eigen es – dies war ganz neu für mich - und es ist ein großartiges Buch.

 

Pioniere der Frauenfotografie

C.M-S.: Nach welchem Prinzip haben Sie die Bilder ausgewählt?

Jill P.: Da wir On Our Backs  herausgaben, und ich war die Fotoredakteurin einige Jahre lang - wußte ich, wen wir mochten. Das erste, worüber wir uns klar wurden, war die Frage, wer waren die Pioniere.

Wer waren die Frauen, die das Boot zum schwanken brachten? Wir stießen auf Frauen wie T. Korren, deren frühe Fotografien aus den 70er Jahren - doppelte Bilder von Cunt, auf eine Landschaft aufgelegt - einige der frühesten Iesbischen Sex-Fotografien dieser Zeit waren.

Natürlich gab es so etwas schon früher, aber dies war ein neues, feministische gefärbtes Bewusstsein für Lesben. Wir dachten an Frauen wie Morgan Gwellmould, deren Bilder die Titelseiten von Büchern und Magazinen zierten. Man merkt gar nicht, daß man Morgan Gwellmould anschaut, weil sie so allgegenwärtig ist, und weiß gar nicht, daß man ihre Arbeiten anschaut, bis man den Namen erkennt und sieht, daß es ein Morgan Gwellmould ist. Oder Della Grace, die sowohl die feministischer als auch die lesbische Szene völlig schockiert hat, indem sie immer weiter geforscht hat, bis zu ihrer eigenen Sexualität, die immer perverser und wurde, je tiefer sie grub - Sie ist eine aufregende Fotografin.

Honey Lie Catrell kennt niemand, wir also Pioniere ausgesucht; wir gingen Heft für Heft von On Our Backs durch und fanden die, die uns zusagten. Wir richteten auch Bitten an die Leute, uns Vorschläge für die von ihnen Bevorzugten einzusenden. Außerdem sahen wir uns neue noch unveröffentlichte Fotos an, wozu wir 18 Monate brauchten. Wir suchten nach Arbeit, die uns was bedeutete. Aus den Tausenden von Fotos kamen wir schließlich zu diese 165.

 

Sanft bis seriös pornographisch

Ich meine, das ist der Beweis: Wen ich heute das Buch durchsehe - die Druckfahnen -, kann ich auch nicht einen Fehler entdecken. Jedes einzelne  Foto ruft noch immer- eine Reaktion hervor. Und die Fotos reichen von ganz einfachen sanften bis zu seriösen pornographischen. Für uns gab es da gar keine Frage: Wir konnten keine falsche Einteilungen zwischen pornographischen und erotischen vornehmen. Das muß jeder selbst für sich entscheiden. Manchen Leuten behagen die SM Bilder nicht, aber ich glaube, daß wir ohne dieser

Bilder in dem Buch der Sache der lesbischen Sexualität einen Bärendienst erwiesen hätten. Beim Durcharbeite wurde dann klar, daß für Lesben der Geschlechtsakt nicht die Hauptsache ist. Anders als bei der männlichen Pornografie - für uns war wichtig, was vorher passiert, das Küssen, die Blicke, die Kleidung, die Symbole Iesbischer Sexualität.

 

Der männliche schwule Akt

C.M-S.: Wie würden Sie den Unterschied zwischen lesbischer und schwuler Fotografie beschreiben?

Jill P.: Wenn ich von männlichen Schwülen gemachte Aktfotos ansehe, habe ich immer den Eindruck eines austauschbaren Standpunktes. Viele schöne Körper - meistens jung, oft Farbige, aber fast immer schön - in der Natur oder- Bett. Oft keine Gansfotos, sondern Dreiviertel-Aufnahmen. Ich mache hier wahrscheinlich einen Riesenfehler, da ich auch männliche schwule Fotografen kenne, die nicht so arbeiten. Danny Nicoletta (San Francisco), der einige der früheren Fotos von Harvey Milk machte.

Oder nehmen Sie Act-Up-Fotografen, die Act-Up dokumentieren, aber ich meine, wenn es zu Sex kommt, habe schwule Männer eine viel deutlichere Vision. Für lesbische Fotografinnen  kann das erotischste ein Butch Dyke sein, im Halbschatten, gerade noch mit einer Lederjacke an, mit einer sehr leichten Andeutung ihrer Scheide. Das zeigt das Spannungsfeld zwischen dem weiblichen und dem männlichern und der „femme", die Andeutung dieser verborgenen Welt, in der die Lesben immer gelebt haben.

Vielleicht ist gerade, daß so reizvoll für lesbische Fotografinnen. So sehen sich also manche Leute das Buch an und denken: „Das sind doch  keine Sex-Fotos“ es wird nur ganz wenig Geschlechtsverkehr gezeigt - es gibt einige - aber es gibt mehr, in denen es um Identität geht. Ich glaube, das ist das Ziel von Lesben-Fotos, selbst von den erotischen.

 

Der  himmelweite Unterschied

C.M-S.: Persönlich finde ich viele Fotos ohne mehr erotisch als die mit einem Penis.

Jill P.: Richtig. Wenn Sie in einen Fotoladen gehen und sehen sich die für Männer und die für Frauen an, ist das ein himmelweiter Unterschied. Das sind eben die Dinge, über die wir sprachen, die aber in einer Diskussion etwas unbequem sind - die Unterschiede, wie wir durch unsere Sexualität zum Ausdruck bringen. Das heißt aber nicht, daß Frauen nicht auch sehr intensiv mit ihrer Sexualität umgehen - sie konzentriert.. Bei Tom of Finnland  z.B. - ist es ganz, geradezu und springt dir ins Auge.

Manchmal sieht man den Körper leicht angewinkelt, die Beine gespreizt, einen schönen Penis oder schöne Pobacken. Bei Frauenfotos findet man Frauen über 40 oder 50; Frauen, die eben nicht jung und schön sind, Fotos von Dicken werden als nicht so schöne empfunden, aber es existieren auch solche. Katie Niles (Seattle, USA) macht z.B. sehr lustige Selbstporträts..

Die Frauen sind immer groß, ganz sicherlich über 35 oder 40, das ist für die Jüngeren sicher nicht sehr attraktiv, aber sie sind ja nicht die einzigen, die erregt werden sollen. Ich sehe nur ganz selten ein männliches Sex-Foto, das nicht dem körperlichen Schönheitsideal entspricht - und dieser Narzissmus ist es eben - das Konzept eines schönen Körpers -, das die Männer stark beschäftigt. Für viele Männer ist das sehr komplex und schwierig.

 

Es wird zwei Ausgaben geben

C.M-S.: Ich bin noch nicht dazu gekommen es zu lesen, aber dieses Cassell-Buch Der perfektbare Körper scheint sehr interessant zu sein.

Jill P.: Ich  weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis dir großen Bosse von Cassell ein Buch als kontrovers ablehnen werden. Es gab Diskussionen über einigen Bilder in unserem Buch und es wird zwei Ausgaben geben - eine völlig unzensiert amerikanische und eine vielleicht auch in Europa erhältlich – britische, in der vier Fotos fehlen, von denen man glaubt, daß sie die Zensur unterlegen wurde.

 Es sind aber die unverschämtesten, eins von Della, eins von mir, eins von Morgan Gwellmould und ein hier in Berlin veröffentlichtes von Claudia Gerken, eine sehr aufregende Foto, das „Probleme“ des SM innerhalb einer lesbischen Familie zeigt. Es ist natürlich interessant,  das man gerade dieses nicht zeigen wollte, und wir mussten sehr kämpfen um die amerikanische Ausgabe mit diesem Foto herausbringen zu können. Aber ich bin sicher das Cassell in den vergangenen Jahren einige der aufregendsten schwul-lesbischen Bücher veröffentlicht hat.

Wir hoffen, daß unsere Buch erscheinen kann – es ist noch im Druck (Anfang November 1995) – und wir könnten auch noch Probleme bekommen. Möglicherweise sagen sie, daß sie so etwas nicht drucken. Man weiß nie wann das Schwert fallen wird...! Wir nennen es ein gültiges Buch, aber das ist es natürlich nicht. Es gab schon vorher Bücher mit lesbische Sex-Fotografie. Della Grace hat ihre Bücher veröffentlicht, auch Christa Bernstein. Aber diese unglaubliche von uns zusammengestellte Kollektion ist, meine ich, und hoffe ich, das die Leute sie mögen werden.

C.M-S.: Ist es nun lesbische Fotografie weil es lesbische Sex darstellt, oder weil sie von lesbischen Fotografinnen gemacht wurde?.

Jill P.: Das ist ein uralte Frage. Es gibt einige Frauen, die nicht in dem Buch erscheinen wolle, weil es sich „Die unverschämtesten lesbischen Bilder“ nennt. . Ich bin Fotografin. Die Tatsache daß ich lesbischen Sex Fotografiert habe hat keine Bedeutung für den Hauptrichtung meiner Arbeit Ich arbeite für Zeitungen oder mache Dokumentarfotografie. Ich glaube. wenn man sich nicht als Lesbe definiere will, heißt das auch, daß sich nicht als lesbische Künstlerin definiert.

C.M-S.: Danke für das Gespräch

 

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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