Josef Winkler - Jean Genet: Ein Totenfest  

Josef Winkler - Jean Genet: Ein Totenfest
Josef Winkler: Das Zöglingsheft des Jean Genet. Suhrkamp, engl. Broschur, etwa 120 Seiten, ca.24,-- DM


osef Winkler hat in den letzten Jahren Literaturgeschichte mitgeschrieben, als Autor allerdings im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben. Dominantes Leitmotiv aller Texte ist der Antagonismus von Eros und Thanatos, der Ort ein vom Katholizismus geprägtes österreichisches Dorf. Winklers Romane umkreisen Sexualität und Gewalt, Liebe und Tod, Schönheit und Sünde, Unterdrückung und Revolte. Der Schriftsteller stellt seine Jugend, die für ihn in ein Leben als Außenseiter mündet, mit schonungsloser Offenheit dar. Die Wahlverwandtschaft zu Jean Genet bietet sich an.

Der jüngste Text von Josef Winkler ist der Versuch einer Annäherung an Jean Genet. Auf den ersten Blick ist es ein sekundärer Diskurs, das heißt, ein Text über einen Text. Winkler ist jedoch weder Germanist, der den Text eines anderen Autors interpretiert, noch ein Psychologe, der dessen Leben und Werk deutet. Er inszeniert frühe Leseerfahrungen als geistiges Abenteuer. Denn davon ist Josef Winkler überzeugt: sein Leben wäre ohne Jean Genet anders verlaufen. Der Mann Josef Winkler verdankt dem  französischen Dichter seine Sprache. Ohne die Lektüre Genets hätte der Kärntner Bergbauernsohn nie den Mut und die Kraft gefunden, sein Leben so niederzuschreiben. Und daß es die Kraft seiner Sprache ist, welcher der Autor Winkler sein physisches (Über-)Leben verdankt, daran läßt Josef Winkler keinen Zweifel aufkommen.

Gewalt und Leidenschaft in einem Kärntner Dorf, weit weg von jeder Idylle. Josef Winkler ist sprunghaft und verbindet Eindrücke nur lose miteinander in archaischen Bildern. Genets erotische Visionen sind für ihn Reliquien. Er hat den Wunsch, an der Legende Genet mitzuschreiben. Die Sprache der Vorlesung ist kraftvoll, mächtig, metaphorisch, gleichzeitig aber reduziert und ökonomisch.. Winkler ist am Mythos Jean Genet interessiert. Er bewundert dessen nicht domestizierte Homosexualität, wobei Genet viele Entwicklungen der letzten Jahre literarisch antizipierte, was er selbst wohl nie für möglich gehalten hätte. Er teilt dessen Vorliebe für Stricher, jugendliche Kriminelle und Araber (die er in Rom treffen wird) und bewundert Genets Sympathie für alle Außenseiter der Gesellschaft. Genets Leben sieht er als exemplarisches Schicksal: ein junger Mensch, der unehelich geboren und abgeschoben wird, gerät in das Räderwerk der Justiz, die ihn systematisch zerstört. Genets unbeugsamer Wille ist stärker als die Macht seiner damaligen Peiniger, die er in seiner Phantasie zu Objekten seiner Begierde macht. Er entwirft seinen eigenen Mythos, die Welt der Gefängnisse mit sadistischen Polizisten. Damit entzieht er sich der Gesellschaft.

Ein Essay von Jean-Paul Sartre machte Jean Genet, lange bevor seine ersten Werke öffentlich gedruckt wurden, zu einer literarischen Legende: "Saint Genet, Comédien et Martyr". Sartres Bild von Genet ist aus heutiger Sicht reine Fiktion, an deren Schöpfung allerdings Genet ganz wesentlich beteiligt war. Dieser Text legte das Bild Genets für die Zukunft fest: der Dieb, der Außenseiter, der Päderast, dessen Verlangen ein Akt der reinen Revolte gegen das Bürgertum ist.

1988 sind in Frankreich zwei Bücher erschienen, die auch Winklers Bild von Genet entscheidend beeinflussen. Weitgehend unbekannte Dokumente aus Genets Jugendzeit, Aussagen von Zeitgenossen, Interviews, Gerichtsurteile wurden erstmals exakt untersucht. Bisher hatte der Essay von Jean-Paul Satre genauere Recherchen für Literaturwissenschaftler überflüssig erscheinen lassen. der Name des großen französischen Schriftstellers verbürgte auch für den Wahrheitsgehalt seiner Thesen, die ja durch Genets Selbstzeugnisse bestätigt wurden. Genet war jedoch keineswegs der Gewaltverbrecher seiner früheren Romane, er hatte wesentlich weniger Zeit im Gefängnis verbracht, als bisher angenommen wurde. Auch seine Rolle als Komödiant und Märtyrer, die ihm eine selbstzufriedene literarische Gesellschaft gerne zugeschrieben hat, ist zumindest fragwürdig. Er war zwar unehelich geboren und der öffentlichen "Fürsorge" unterstellt, hatte jedoch eine liebevolle Ziehmutter, der er die brillante Beherrschung der französischen "Muttersprache" verdankt. Der frühe Tod dieser Frau löste die Tragödie in Genets Leben aus. Er geriet ins Räderwerk der Justiz, weil er die Ungerechtigkeit, als bester Schüler nur die Alternative zwischen einer Lehre und der Arbeit auf einem Bauernhof zu haben, nicht verkraften konnte. Er riß aus, wo immer ihn die Fürsorge unterbrachte. Seine Delikte sind aus heutiger Sicht geringfügig: kleinere Diebstähle, Schwarzfahrerei - vor allem war nie körperliche Gewalt im Spiel. Deshalb kam Genet in eine Jugendstrafanstalt, er meldete sich freiwillig zum Militär, um den Gefängnis zu entkommen, desertierte, floh durch halb Europa, beging verschiedene Eigentumsdelikte. Er hatte eine für einen Fürsorgezögling typische Biographie. Winkler betont gerade diesen Aspekt von Genets Schicksal, das sich auch heute bei vielen Jugendlichen wiederholt.

Wodurch sich jedoch Genet grundsätzlich von seinen Leidensgenossen unterscheidet, ist die soziale und sprachliche Konsequenz. In seinen Werken verherrlicht Genet das Verbrechen als Ausdruck reinster Schönheit. Im Leben stellte er sich konsequent auf die Seite der Schwachen der Gesellschaft, der Fremdarbeiter in Frankreich, der Nordafrikaner, der Palästinenser. Er verteidigt Huren und Strichjungen. Später unterstützt er die Black Panther Bewegung der Schwarzen Nordamerikas. Politisches Engagement will er zeitlich begrenzt wissen. "Nur so lange, als Ihr unterdrückt seid, seid Ihr auch meine Freunde," sagt Genet in einem Interview mit Rüdiger Wischenbart in Wien, als er die Sache der Palästinenser unterstützte.

Winklers Annäherung ist ungewöhnlich. Er beschließt, eine Nacht im Sterbezimmer von Jean Genet zu verbringen. Er nimmt die Hilfe der österreichischen Botschaft in Anspruch. "Sie werden sich doch nicht in Genets Totentanz umbringen?" Sie die bange Frage einer Angestellten, die fürchtet, in eine peinliche Affäre verwickelt zu werden. Diese Ängste zerstreut Josef Winkler. Die minuziöse Beschreibung eines verwahrlosten Hotelzimmers erlaubt den imaginären Einstieg. Die Angst vor dem Totenbett läßt Josef Winkler lange wach bleiben. Kindheitsmuster, Vorstellungen von Genets letzten Tagen in dem Zimmer und Bilder aus Genets Romanen erschienen vor den Augen des Autors, etwa die Prozession von nackten Knaben aus dem "Wunder der Rose". Aber der Einstieg in Genets Welt ist ebenso falsch wie die Riten und Zeremonien in dessen Romanen, etwa die Hochzeit der Liebenden im "Wunder der Rose" Winkler entdeckt am folgenden Tag, daß er einem Irrtum erlegen ist. Genet ist in Wirklichkeit in einem anderen Hotel gestorben, in "Jack's Hotel", da damals seine übliche Pariser Bleibe von einem "Eiffelturmtouristen" besetzt war. Winkler korrigiert auch diesen Irrtum und holt die Nacht in Genets realem Sterbezimmer nach.

Josef Winkler beschwört jene Aspekte von Genets Leben und Werk, die sich mit seinem Bild decken: die Hochzeitszeremonie aus dem "Wunder der Rose", in welcher sich Genet durch die suggestive Kraft seines Wortes in die Braut verwandelt, die Schilderung der ersten Diebstähle. Er unterläßt jede zusätzliche Deutung des Werkes. "Ich trage einen Schlachthof in mir, auf den die Poesie wird antworten müssen". So eignet er sich das aus Genets Biographie an, was sich einem wissenschaftlichen Diskurs entzieht. Er fährt zu den Orten des Jean Genet, um auf dessen Spuren zu wandeln. Tatsächlich entwickelt er durch diese unwissenschaftliche Methode eine neue Sprache jenseits der Monographien. Winkler hat alle anderen Bücher nach der ersten Lektüre Genets verschenkt. Er war ständig auf der Suche nach Bildern des Todes, da ihm der Tod auf jeder Seite entgegentrat. "Könnte ich nicht mehr schreiben, so wäre ich tot." Dieser Satz kann sowohl von Genet als auch von Winkler stammen.

Ein Bild durchzieht Winkers Texte. 1976 erhängen sich zwei Jungen an einem Kalbstrick im Kärntner Dorf Kämering, dem Geburtsort des Autors, ihre Hände verflechten sich ineinander. Josef Winkler greift den gebrochenen Blick der beiden Toten auf und gibt diese Erinnerung an die Leser weiter. Jakob, mit dem er befreundet war, nahm sich mit seinem Freund Robert das Leben und ließ in mit diesem Trauma zurück. Ein Zufall verhindert, daß er den beiden Bauernburschen in den Tod folgt. Die Lektüre von "Notre-Dame-des-Fleurs" läßt die Sprachlosigkeit seiner Kindheit aufbrechen. Er schleudert dem Haß seiner Kärntner Landsleute gegen alles Fremde seine Sprache entgegen. Denn er weiß, daß ihn dieser Haß als Schwuler ebenso treffen wird wie Fremdarbeiter, Obdachlose und andere Außenseiter. So ist er plötzlich stolz auf seine homoerotischen Neigungen.

Jean Genet sagte in einem Interview mit Hubert Fichte:" Die Idee eines Mordes kann sehr schön sein. Ein wirklicher Mord ist etwas anderes. Leute ohne Gewissen mag ich nicht." Genet betonte, er hätte seine Bücher mit dreißig Jahren geschrieben, er sei inzwischen älter geworden. Er unterschied immer zwischen seinen Leben und seinem Werk. Theater war für Genet ein Totenfest. Sein Lebensziel war es, nicht zu vergessen und dabei selbst vergessen zu werden. Das sagte er zu einem Zeitpunkt, als er genau wußte, daß er inzwischen unsterblich für die abendländische Kultur geworden war. Gegen Ende seines Lebens hatte er in Frankreich alles erreicht, was ein Schriftsteller nur erreichen konnte: Auszeichnungen, Literaturpreise, "Le Balcon" wurde auf der Comédie Francaise gespielt. Hatte er Frankreich vergeben, einem Land, das ihm, dem Bastard, dem unehelichen Fürsorgezögling, soviel Schmerz zugefügt hatte? Das demütigende Lachen seiner Mitschüler hat er wohl nie vergessen. Ein Lehrer hatte seinen Aufsatz in der Klasse laut vorgelesen, in dem er einen Vater beschrieb, obwohl seinen eigenen nie kennengelernt hatte.

Erlösung und Vergebung hatten für Genet andere Dimensionen. Er stellte sich bedingungslos auf die Seite derer, die er für die Entrechteten hielt, und zwar mit einer Radikalität, wie sie Bischof Jaques Gaillot heute von engagierten Christen erwartet. Seinen Freunden gegenüber war er von einer ungeheuren Großzügigkeit. In gefilmten Interviews versuchte er das Bild des asozialen Schriftstellers hervorzukehren, nicht unähnlich dem Verhalten von Thomas Bernhard. Wenn er am Ende seines Lebens Geld brauchte, so war es, um Freunde und deren politische Ziele zu unterstützen. Der "poète maudit" war zu "ècrivain engage" geworden? Warum nicht?

Von seinem Kärntner Heimatdorf war Josef Winkler in die Welt von Jean Genet aufgebrochen. Das erlaubte ihm, sein Dorf, das einmal völlig niederbrannte und später in Form eines Kruzifixes neu aufgebaut wurde, zu begraben und in seinen Büchern wiederauferstehen zu lassen. Einen literarischen Aufbruch aus dieser dörflichen Welt hat er in seinem "Friedhof der bitteren Orangen" unternommen, als er nach Italien ging, um dort in Aufbahrungshallen, Friedhöfen und Kirchen den Toten nahe zu sein. Er will die Toten nicht vergessen oder verdrängen. Er bleibt den Toten nahe, dort kreisen seine Jugenderinnerungen immer wieder um den toten Jakob, der ihn zurückließ, als er mit einem anderen freiwillig in den Tod ging. Dieses Eintauchen in das Reich der Toten wird überlagert mit Kontakten zu den "ragazzi" der italienischen Vororte, bei deren Berührungen er immer wieder Jakob sucht und nicht findet. Winkler scheut nicht, den Kontakt mit Sperma und Blut niederzuschreiben. Er sucht eine Erlösung in der Sexualität, die ihm die Religion verweigert hat. Winkler hölt seine Beobachtungen in einem Straßennotizbuch fest. "Den Selbstmord schlägst Du Dir aus dem Kopf", das meint auch seine Vermieterin in Rom, Leontine Fanshawe im "Friedhof". Ich denke, das hat Winkler schon lange getan. Die Ängste werden bleiben.

"Durch die Sprache arbeite ich gegen den Tod und wahrscheinlich werde ich mein ganzes Leben gegen den Tod schreiben müssen, um leben zu können". Das schreibt Winkler in seinem frühen Roman "Muttersprache". Es ist sein Leben, das Josef Winkler in seine Literatur überführt, nicht das eines anderen. Auch der Text über Jean Genet ist ein Text von und über Josef Winkler, der sich absolut den Fremderfahrungen öffnet. Das Zulassen einer Leseerfahrung in dieser Radikalität ermöglicht ihm auch, den eigenen Weg zu gehen. Josef Winkler ist weit davon entfernt, ein Epigone von Jean Genet zu sein. In diesem Text wird er beiden gerecht, sich selbst und Jean Genet. Die Rollen bleiben austauschbar.

Der Schriftsteller Josef Winkler ist vielleicht der einzige Schriftsteller nach Hubert Fichte, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt und gleichermaßen bei Kritik, Literaturwissenschaft und Lesern Anerkennung fand. Winklers Texte betreiben eine radikale Form der Geschichtsschreibung von Österreichs bäuerlicher Welt. Denn nicht nur in den großen urbanen Zentren werden homosexuelle Geschichten geschrieben. Winkler ist kompromißlos als Autor: nimmt weder Rücksicht auf sein heterosexuelles Publikum noch biedert er sich potentiellen homosexuellen Lesern an, deren Ansprüche von amerikanischer Gebrauchs- und Unterhaltungsliteratur geprägt sind. Vielleicht macht ihn gerade das zu einem der wichtigsten Schriftsteller der letzten Jahre.

Peter Jobst

Josef Winkler: Das Zöglingsheft des Jean Genet. Suhrkamp, engl. Broschur, etwa 120 Seiten, ca.24,-- DM

 

 
 
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