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Winkler hat in den letzten Jahren Literaturgeschichte mitgeschrieben,
als Autor allerdings im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben.
Dominantes Leitmotiv aller Texte ist der Antagonismus von Eros und
Thanatos, der Ort ein vom Katholizismus geprägtes österreichisches
Dorf. Winklers Romane umkreisen Sexualität und Gewalt, Liebe und
Tod, Schönheit und Sünde, Unterdrückung und Revolte. Der Schriftsteller
stellt seine Jugend, die für ihn in ein Leben als Außenseiter mündet,
mit schonungsloser Offenheit dar. Die Wahlverwandtschaft zu Jean
Genet bietet sich an.
Der jüngste Text von Josef Winkler ist der Versuch einer Annäherung
an Jean Genet. Auf den ersten Blick ist es ein sekundärer Diskurs,
das heißt, ein Text über einen Text. Winkler ist jedoch weder Germanist,
der den Text eines anderen Autors interpretiert, noch ein Psychologe,
der dessen Leben und Werk deutet. Er inszeniert frühe Leseerfahrungen
als geistiges Abenteuer. Denn davon ist Josef Winkler überzeugt:
sein Leben wäre ohne Jean Genet anders verlaufen. Der Mann Josef
Winkler verdankt dem französischen Dichter seine Sprache. Ohne
die Lektüre Genets hätte der Kärntner Bergbauernsohn nie den Mut
und die Kraft gefunden, sein Leben so niederzuschreiben. Und daß
es die Kraft seiner Sprache ist, welcher der Autor Winkler sein
physisches (Über-)Leben verdankt, daran läßt Josef Winkler keinen
Zweifel aufkommen.
Gewalt und Leidenschaft in einem Kärntner Dorf, weit weg von jeder
Idylle. Josef Winkler ist sprunghaft und verbindet Eindrücke nur
lose miteinander in archaischen Bildern. Genets erotische Visionen
sind für ihn Reliquien. Er hat den Wunsch, an der Legende Genet
mitzuschreiben. Die Sprache der Vorlesung ist kraftvoll, mächtig,
metaphorisch, gleichzeitig aber reduziert und ökonomisch.. Winkler
ist am Mythos Jean Genet interessiert. Er bewundert dessen nicht
domestizierte Homosexualität, wobei Genet viele Entwicklungen der
letzten Jahre literarisch antizipierte, was er selbst wohl nie für
möglich gehalten hätte. Er teilt dessen Vorliebe für Stricher, jugendliche
Kriminelle und Araber (die er in Rom treffen wird) und bewundert
Genets Sympathie für alle Außenseiter der Gesellschaft. Genets Leben
sieht er als exemplarisches Schicksal: ein junger Mensch, der unehelich
geboren und abgeschoben wird, gerät in das Räderwerk der Justiz,
die ihn systematisch zerstört. Genets unbeugsamer Wille ist stärker
als die Macht seiner damaligen Peiniger, die er in seiner Phantasie
zu Objekten seiner Begierde macht. Er entwirft seinen eigenen Mythos,
die Welt der Gefängnisse mit sadistischen Polizisten. Damit entzieht
er sich der Gesellschaft.
Ein Essay von Jean-Paul Sartre machte Jean Genet, lange bevor seine
ersten Werke öffentlich gedruckt wurden, zu einer literarischen
Legende: "Saint Genet, Comédien et Martyr". Sartres Bild
von Genet ist aus heutiger Sicht reine Fiktion, an deren Schöpfung
allerdings Genet ganz wesentlich beteiligt war. Dieser Text legte
das Bild Genets für die Zukunft fest: der Dieb, der Außenseiter,
der Päderast, dessen Verlangen ein Akt der reinen Revolte gegen
das Bürgertum ist.
1988 sind in Frankreich zwei Bücher erschienen, die auch Winklers
Bild von Genet entscheidend beeinflussen. Weitgehend unbekannte
Dokumente aus Genets Jugendzeit, Aussagen von Zeitgenossen, Interviews,
Gerichtsurteile wurden erstmals exakt untersucht. Bisher hatte der
Essay von Jean-Paul Satre genauere Recherchen für Literaturwissenschaftler
überflüssig erscheinen lassen. der Name des großen französischen
Schriftstellers verbürgte auch für den Wahrheitsgehalt seiner Thesen,
die ja durch Genets Selbstzeugnisse bestätigt wurden. Genet war
jedoch keineswegs der Gewaltverbrecher seiner früheren Romane, er
hatte wesentlich weniger Zeit im Gefängnis verbracht, als bisher
angenommen wurde. Auch seine Rolle als Komödiant und Märtyrer, die
ihm eine selbstzufriedene literarische Gesellschaft gerne zugeschrieben
hat, ist zumindest fragwürdig. Er war zwar unehelich geboren und
der öffentlichen "Fürsorge" unterstellt, hatte jedoch
eine liebevolle Ziehmutter, der er die brillante Beherrschung der
französischen "Muttersprache" verdankt. Der frühe Tod
dieser Frau löste die Tragödie in Genets Leben aus. Er geriet ins
Räderwerk der Justiz, weil er die Ungerechtigkeit, als bester Schüler
nur die Alternative zwischen einer Lehre und der Arbeit auf einem
Bauernhof zu haben, nicht verkraften konnte. Er riß aus, wo immer
ihn die Fürsorge unterbrachte. Seine Delikte sind aus heutiger Sicht
geringfügig: kleinere Diebstähle, Schwarzfahrerei - vor allem war
nie körperliche Gewalt im Spiel. Deshalb kam Genet in eine Jugendstrafanstalt,
er meldete sich freiwillig zum Militär, um den Gefängnis zu entkommen,
desertierte, floh durch halb Europa, beging verschiedene Eigentumsdelikte.
Er hatte eine für einen Fürsorgezögling typische Biographie. Winkler
betont gerade diesen Aspekt von Genets Schicksal, das sich auch
heute bei vielen Jugendlichen wiederholt.
Wodurch sich jedoch Genet grundsätzlich von seinen Leidensgenossen
unterscheidet, ist die soziale und sprachliche Konsequenz. In seinen
Werken verherrlicht Genet das Verbrechen als Ausdruck reinster Schönheit.
Im Leben stellte er sich konsequent auf die Seite der Schwachen
der Gesellschaft, der Fremdarbeiter in Frankreich, der Nordafrikaner,
der Palästinenser. Er verteidigt Huren und Strichjungen. Später
unterstützt er die Black Panther Bewegung der Schwarzen Nordamerikas.
Politisches Engagement will er zeitlich begrenzt wissen. "Nur
so lange, als Ihr unterdrückt seid, seid Ihr auch meine Freunde,"
sagt Genet in einem Interview mit Rüdiger Wischenbart in Wien, als
er die Sache der Palästinenser unterstützte.
Winklers Annäherung ist ungewöhnlich. Er beschließt, eine Nacht
im Sterbezimmer von Jean Genet zu verbringen. Er nimmt die Hilfe
der österreichischen Botschaft in Anspruch. "Sie werden sich
doch nicht in Genets Totentanz umbringen?" Sie die bange Frage
einer Angestellten, die fürchtet, in eine peinliche Affäre verwickelt
zu werden. Diese Ängste zerstreut Josef Winkler. Die minuziöse Beschreibung
eines verwahrlosten Hotelzimmers erlaubt den imaginären Einstieg.
Die Angst vor dem Totenbett läßt Josef Winkler lange wach bleiben.
Kindheitsmuster, Vorstellungen von Genets letzten Tagen in dem Zimmer
und Bilder aus Genets Romanen erschienen vor den Augen des Autors,
etwa die Prozession von nackten Knaben aus dem "Wunder der
Rose". Aber der Einstieg in Genets Welt ist ebenso falsch wie
die Riten und Zeremonien in dessen Romanen, etwa die Hochzeit der
Liebenden im "Wunder der Rose" Winkler entdeckt am folgenden
Tag, daß er einem Irrtum erlegen ist. Genet ist in Wirklichkeit
in einem anderen Hotel gestorben, in "Jack's Hotel", da
damals seine übliche Pariser Bleibe von einem "Eiffelturmtouristen"
besetzt war. Winkler korrigiert auch diesen Irrtum und holt die
Nacht in Genets realem Sterbezimmer nach.
Josef Winkler beschwört jene Aspekte von Genets Leben und Werk,
die sich mit seinem Bild decken: die Hochzeitszeremonie aus dem
"Wunder der Rose", in welcher sich Genet durch die suggestive
Kraft seines Wortes in die Braut verwandelt, die Schilderung der
ersten Diebstähle. Er unterläßt jede zusätzliche Deutung des Werkes.
"Ich trage einen Schlachthof in mir, auf den die Poesie wird
antworten müssen". So eignet er sich das aus Genets Biographie
an, was sich einem wissenschaftlichen Diskurs entzieht. Er fährt
zu den Orten des Jean Genet, um auf dessen Spuren zu wandeln. Tatsächlich
entwickelt er durch diese unwissenschaftliche Methode eine neue
Sprache jenseits der Monographien. Winkler hat alle anderen Bücher
nach der ersten Lektüre Genets verschenkt. Er war ständig auf der
Suche nach Bildern des Todes, da ihm der Tod auf jeder Seite entgegentrat.
"Könnte ich nicht mehr schreiben, so wäre ich tot." Dieser
Satz kann sowohl von Genet als auch von Winkler stammen.
Ein Bild durchzieht Winkers Texte. 1976 erhängen sich zwei Jungen
an einem Kalbstrick im Kärntner Dorf Kämering, dem Geburtsort des
Autors, ihre Hände verflechten sich ineinander. Josef Winkler greift
den gebrochenen Blick der beiden Toten auf und gibt diese Erinnerung
an die Leser weiter. Jakob, mit dem er befreundet war, nahm sich
mit seinem Freund Robert das Leben und ließ in mit diesem Trauma
zurück. Ein Zufall verhindert, daß er den beiden Bauernburschen
in den Tod folgt. Die Lektüre von "Notre-Dame-des-Fleurs"
läßt die Sprachlosigkeit seiner Kindheit aufbrechen. Er schleudert
dem Haß seiner Kärntner Landsleute gegen alles Fremde seine Sprache
entgegen. Denn er weiß, daß ihn dieser Haß als Schwuler ebenso treffen
wird wie Fremdarbeiter, Obdachlose und andere Außenseiter. So ist
er plötzlich stolz auf seine homoerotischen Neigungen.
Jean Genet sagte in einem Interview mit Hubert Fichte:" Die
Idee eines Mordes kann sehr schön sein. Ein wirklicher Mord ist
etwas anderes. Leute ohne Gewissen mag ich nicht." Genet betonte,
er hätte seine Bücher mit dreißig Jahren geschrieben, er sei inzwischen
älter geworden. Er unterschied immer zwischen seinen Leben und seinem
Werk. Theater war für Genet ein Totenfest. Sein Lebensziel war es,
nicht zu vergessen und dabei selbst vergessen zu werden. Das sagte
er zu einem Zeitpunkt, als er genau wußte, daß er inzwischen unsterblich
für die abendländische Kultur geworden war. Gegen Ende seines Lebens
hatte er in Frankreich alles erreicht, was ein Schriftsteller nur
erreichen konnte: Auszeichnungen, Literaturpreise, "Le Balcon"
wurde auf der Comédie Francaise gespielt. Hatte er Frankreich vergeben,
einem Land, das ihm, dem Bastard, dem unehelichen Fürsorgezögling,
soviel Schmerz zugefügt hatte? Das demütigende Lachen seiner Mitschüler
hat er wohl nie vergessen. Ein Lehrer hatte seinen Aufsatz in der
Klasse laut vorgelesen, in dem er einen Vater beschrieb, obwohl
seinen eigenen nie kennengelernt hatte.
Erlösung und Vergebung hatten für Genet andere Dimensionen. Er
stellte sich bedingungslos auf die Seite derer, die er für die Entrechteten
hielt, und zwar mit einer Radikalität, wie sie Bischof Jaques Gaillot
heute von engagierten Christen erwartet. Seinen Freunden gegenüber
war er von einer ungeheuren Großzügigkeit. In gefilmten Interviews
versuchte er das Bild des asozialen Schriftstellers hervorzukehren,
nicht unähnlich dem Verhalten von Thomas Bernhard. Wenn er am Ende
seines Lebens Geld brauchte, so war es, um Freunde und deren politische
Ziele zu unterstützen. Der "poète maudit" war zu "ècrivain
engage" geworden? Warum nicht?
Von seinem Kärntner Heimatdorf war Josef Winkler in die Welt von
Jean Genet aufgebrochen. Das erlaubte ihm, sein Dorf, das einmal
völlig niederbrannte und später in Form eines Kruzifixes neu aufgebaut
wurde, zu begraben und in seinen Büchern wiederauferstehen zu lassen.
Einen literarischen Aufbruch aus dieser dörflichen Welt hat er in
seinem "Friedhof der bitteren Orangen" unternommen, als
er nach Italien ging, um dort in Aufbahrungshallen, Friedhöfen und
Kirchen den Toten nahe zu sein. Er will die Toten nicht vergessen
oder verdrängen. Er bleibt den Toten nahe, dort kreisen seine Jugenderinnerungen
immer wieder um den toten Jakob, der ihn zurückließ, als er mit
einem anderen freiwillig in den Tod ging. Dieses Eintauchen in das
Reich der Toten wird überlagert mit Kontakten zu den "ragazzi"
der italienischen Vororte, bei deren Berührungen er immer wieder
Jakob sucht und nicht findet. Winkler scheut nicht, den Kontakt
mit Sperma und Blut niederzuschreiben. Er sucht eine Erlösung in
der Sexualität, die ihm die Religion verweigert hat. Winkler hölt
seine Beobachtungen in einem Straßennotizbuch fest. "Den Selbstmord
schlägst Du Dir aus dem Kopf", das meint auch seine Vermieterin
in Rom, Leontine Fanshawe im "Friedhof". Ich denke, das
hat Winkler schon lange getan. Die Ängste werden bleiben.
"Durch die Sprache arbeite ich gegen den Tod und wahrscheinlich
werde ich mein ganzes Leben gegen den Tod schreiben müssen, um leben
zu können". Das schreibt Winkler in seinem frühen Roman "Muttersprache".
Es ist sein Leben, das Josef Winkler in seine Literatur überführt,
nicht das eines anderen. Auch der Text über Jean Genet ist ein Text
von und über Josef Winkler, der sich absolut den Fremderfahrungen
öffnet. Das Zulassen einer Leseerfahrung in dieser Radikalität ermöglicht
ihm auch, den eigenen Weg zu gehen. Josef Winkler ist weit davon
entfernt, ein Epigone von Jean Genet zu sein. In diesem Text wird
er beiden gerecht, sich selbst und Jean Genet. Die Rollen bleiben
austauschbar.
Der Schriftsteller Josef Winkler ist vielleicht der einzige Schriftsteller
nach Hubert Fichte, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt
und gleichermaßen bei Kritik, Literaturwissenschaft und Lesern Anerkennung
fand. Winklers Texte betreiben eine radikale Form der Geschichtsschreibung
von Österreichs bäuerlicher Welt. Denn nicht nur in den großen urbanen
Zentren werden homosexuelle Geschichten geschrieben. Winkler ist
kompromißlos als Autor: nimmt weder Rücksicht auf sein heterosexuelles
Publikum noch biedert er sich potentiellen homosexuellen Lesern
an, deren Ansprüche von amerikanischer Gebrauchs- und Unterhaltungsliteratur
geprägt sind. Vielleicht macht ihn gerade das zu einem der wichtigsten
Schriftsteller der letzten Jahre.
Peter Jobst
Josef Winkler: Das Zöglingsheft des Jean Genet. Suhrkamp, engl.
Broschur, etwa 120 Seiten, ca.24,-- DM
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