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ihre Zeit heran war, fuhr Jennie nach Lawrence (nahe Boston, Massachussets)
zu ihrer Mutter, wo am 25. August 1918 Louis Bernstein geboren wurde.
Louis bekam seinen Name von der willensstarken Großmutter, die die
Ehe der Eltern arrangiert hatte. Da aber die Eltern lieber "Leonard"
als Namen für ihren Erstgeborenen hatten, mußte "Louis"
seinen Namen später gesetzlich ändern.
Die Eltern waren als Teil der Flut von Juden, die vor den Pogromen
im zaristischen Rußland fliehen mußten, nach Amerika gegangen. Fast
die Hälfte seines Lebens mußte sich Leonard gegen das Verhältnis
seines Vaters gegenüber Musikern stemmen, da er an der Vorstellung
vom armen Dorfmusiker festhielt - der Nichtsnutz, der Fiddler auf
dem Dach oder in noblen Cafés.
Wie so oft die Mutter verstand den Sohn am besten.
Als Leonard noch an einem der ältesten Gymnasien (Boston Latin)
des gesamtem amerikanischen Kontinents studierte, staunten Lehrer
und Studenten über Bernsteins Fähigkeit, Noten und Partituren zu
lesen, eine Melodie in verschiedenen Stilen zu spielen sowie über
seinen "Charme, seine Ausstrahlung und Aggressivität".
Sein Leben lang hatte er mit Asthma zu kämpfen.
Zusätzlich zu den gewöhnlichen Herumtreibereien der Studenten spielte
er mit 19 Jahren mit dem Boston Symphony Orchester Ravels Klavierkonzert
und komponierte während seines Studiums an der Harvard Universität,
die er nach seinem eigenen Verständnis als Pianist verließ. Eine
seiner Lieblings- Beschäftigungen in Harvard war, den Professor
für Philosophie David Prall zu besuchen. Prall, der homosexuell
war, schenkte Bernstein sein eigenes Piano.
Während seiner Harvard-Zeit traf er den Dirigenten Dimitri Mitropoulos
und die Komponisten Aaron Copland, David Diamond und Marc Blitzstein
(alles Schwule) sowie William Schuman und Irving Fine.
Bernstein schaute zu bei einige Proben von Mitropoulos zu, aß mit
ihm, sah, wie dieser bei Konzerten immer wieder auf die Bühne gerufen
wurde, und war beeindruckt. James Dixon, Dirigent und später Liebhaber
von Mitropoulos: "Bernsteins Manerismen, seine dramatische
Herangehensweise, die persönliche Beziehung zur Musik, in die er
fast wie in einen Traumzustand eingeht, stammen alle von Mitropoulos."
In 1939 schuf Bernstein, beeinflußt auch durch Blitzsteins linke
politische Haltung, "Die Wiege wird schaukeln", ein satirisches
Plädoyer für die Gewerkschaften: -- es handelte von einem Streik
von Stahlarbeitern. Dessen Umgangssprache und musikalische Formen
flossen später auch in Bernsteins eigene Theaterstücke ein. Blitzsteins
Einfluß auf Bernsteins Musik ist an einigen Stellen von "On
the Town" and "West Side Story" spürbar.
Nach dem Krieg waren mehre Freunde und Bekannte Bernsteins von
der Hetzkampagne McCarthys gegen Andersdenkende in den USA betroffen.
Hans Eisler z.B. ist aus den USA ausgewiesen worden. Der Dramatiker
Clifford Odets sowie die Komponisten David Diamond und Leonard Bernstein
nahmen an einem Benefizkonzert für ihn teil, damit er die nötigen
Mittel erhielt, um nach Hause fahren zu können.
Das Namensproblem (Louis/Leonard) ist vielleicht kennzeichnend
für den gespaltenen Charakter Bernsteins, der immer wieder zerrissen
war zwischen Dirigieren, Komponieren und dem Wunsch, Konzertpianist
zu werden, zwischen dem jüdischen Glauben und der "realen"
Welt, zwischen "leichter" und "klassischer"
Musik, zwischen Homo- und "Heterosexualität".
David Diamond, Komponist, erzählt: "Damals war ein Homosexueller
ein "fruitcake" (Verrückter) oder "pansy" (Tunte).
... Einmal, als Bernstein in mein Zimmer kam, und ich dort mit
meinem Partner im Bett lag, legte sich Lenny zu uns." Diamond
verlor einen Liebhaber. Ende der 40er Jahre fing Bernstein fing
eine Freundschaft mit Harvey Probber an, einem heterosexuellen
Jungen, und fuhr mit ihm nach Key West (schon damals lange bekannt
als ein "schwules Nest"!), um in die Unterwelt der Bars
zu tauchen. Probber machte ein Frau an, nur um zu entdecken, daß
sie eine Lesbe war. Bernstein verschwand für anderthalb Stunden
mit einem Jungen im Auto . Als er zurückkam, redete mit Probber
über das Erlebnis, aber auch über seinen Selbsthaß, darauf, daß
er war, wie er war.
Im Jahre 1943 bekam Bernstein die Stelle des stellvertretenden
Dirigenten des New Yorker Philharmonieorchesters, wo Artur
Rodzinski Dirigent war. Bernstein hatte so gut wie keine Chance,
als Dirigent hervorzutreten. Im Prinzip war er der Laufbursche für
Rodzinski. Aber wie es das Schicksal wollte, als die bekannte französische
Sopranistin und Freundin Bernsteins, Jennie Tourel, darauf bestand,
sein Stück "I hate Music" bei einem ihrer Konzerte zu
singen, erfuhr Lenny, daß er unvorbereitet das Symphonieorchester
übernehmen mußte, da ein Gastdirigent krank war. Bernstein dazu:
"... die Leute haben getrampelt und gejubelt,
und ich mußte mich vorstellen. Dann gab Jennie eine Party ...
und wir haben alle wie verrückt bis die Dämmerung gefeiert. Ich
war gerade ins Bett gegangen, als es klingelte, was meinen Schädel
fast spaltete. Ich bekam einen Anruf, daß ich um 15.00 Uhr dirigieren
mußte - ohne Probe."
Mit Bernsteins von Kindheit an bemerkenswerter Begabung, Noten
auf Sicht zu spielen, tritt Bernstein vor, für ein Konzert, das
auch live im Funk gesendet wurde. Nächster Tag: die New York Times
auf der Titelseite: "Es ist eine gute amerikanische Erfolgsgeschichte.
Der herzliche, freundliche Triumph füllte die Carnegie Hall und
verbreitete sich auch über die Funkwellen." Rodzinski war über
den Erfolg seines "Lehrlings" gekränkt.
Eheschließung:
Im September 1951 fand in einer Synagoge die zeremonielle Eheschließung
von Leonard und Felicia, die wahrscheinlich Bernsteins weitere Karriere
möglich machte, statt. Er blieb ihr Frauen gegenüber wahrscheinlich
treu, aber mit noch größerer Sicherheit war er ihr in Bezug auf
Männer untreu.
Obwohl er sich zu Hause "benahm" , war Bernstein in Europa
und sonstwo weniger vorsichtig.
Felicia verläßt ihn in Chile, während einer Tournee durch den amerikanischen
Kontinent, da sie es nicht mehr aushalten kann, wie Leonard mit
Männern flirtet.
Karriere als Komponist
Der Komponist der West Side Story (1957), der ständig
zerrissen war zwischen "Pop" und "Klassik",
schrieb zwei Musicals oder Opern - On the Town (1944);
und Wonderful Town (1953). Die Eröffnungsnummer heißt
"Christopher Street". Auf Candide, einen
Kassenflop, folgt kurz danach die West Side Story (1957).
Im gleichen Jahr 1957 wird Bernstein als der musikalische Chef des
New York Philharmony Orchestra eingestellt.
Seine Konzertstücke reichen von Jeremiah (1. Symphonie
- 1942); The Age of Anxiety (Symphonie Nr. 2. - 1949);
bis Songfest (1976 und Concerto für Orchester
(1989).
Tanglewood, Massachusetts, ist seit 1936 die Sommerheimat des Bostoner
Symphonieorchesters . Im Jahre 1940 fing Dirigent Serge Koussevitzky
mit dem Lehrbetrieb in der dortigen Musikschule an. Koussevitzky
bestimmte alles, ob es die Lehrer oder die Studenten betraf. Lenny
besorgte sich Empfehlungsbriefe u.a.von Aaron Copland, um seine
Teilnahme zu sichern, und war überaus glücklich, als der berühmte
Dirigent zusagte, Bernstein könne sogar an seinem persönlichen Dirigentenlehrkurs
teilnehmen. Von Tanglewood. über Fernsehprogramme -- wofür er mehre
"Emmys" bekam -- bis zum Schleswig-Holstein Musikfestival
behielt Bernstein stets ein starkes Interesse an Musikerziehung
- besonders außerhalb der traditionellen Bildungsbereiche.
Unglücklich
Er hatte eine sagenhafte Fähigkeit, Freunde, Bekannte sowie "Konkurrenten"
zu verletzen. Manche halten dies für eine Widerspiegelung der "Unmenschlichkeiten",
die er aus dem Munde seines Vaters erlebte. Dieses schlechte Verhältnis,
daß er zu älteren Männern hatte, findet sich auch in einigen seiner
Werke.
Im Jahre 1960 erhält Leonard Bernstein den Albert-Einstein-Preis
für den Dienst am Frieden durch Kunst; trotzdem waren die 60er Jahre
für ihm ziemlich von Unglück gezeichnet. 1962, bei der Eröffnung
des Lincoln Centre In New York, küßte Bernstein die Frau des Präsidenten
und verursachte dadurch öffentliches Ärgernis. Zeitungskommentare:
"Widerlich".
Einem langjährigen Freund, David Diamond, schrieb er im November
1962, er könne nicht zur Uraufführung seiner 7. Symphonie erscheinen,
da er Skilaufen sei.
Am 22. Januar 1964 starb sein langjähriger Freund Marc Blitzstein
auf Martinique, nachdem er von Seemännern zusammengeschlagen worden
war.
Bernsteins Kaddish (3. Symphonie) wurde in Tel Aviv
uraufgeführt. In den USA fand sie auch eine gemischte Aufnahme.
Sie ist John F. Kennedy gewidmet, der kurz davor ermordet worden
war. Bernstein verletzte den Dirigenten Charles Ormandy vor dem
ganzen Orchester. Sein Mentor Dimitri Mitropoulos, der Dirigent,
starb in diesem unglückseligen Jahr.
Bernstein war wegen seiner Leitung des New Yorker Philharmonieorchesters
ständig im Kreuzfeuer. 1966 kündigte er seinen Rücktritt ab Ende
der Saison 1968/69 an.
Trotz seiner Hilfe beim Aufbau des Israelischen Symphonieorchesters
wurde er angegriffen, weil er ein Benefizkonzert für die Black Panther
Party (BPP) und für einige Mitglieder, die (fälschlicherweise?)
im Gefängnis saßen, unterstützte. Er betrachtete dies als eine Frage
der Meinungsfreiheit. Vor seiner Wohnung wurden Protestaktion durchgeführt,
da die BPP angeblich Beziehungen zu arabischen Terroristenorganisationen
habe.
Sein Kaddish (3. Symphonie) wird von vielen religiösen Juden
als Gotteslästerung angesehen. Sein "Mass" unterstützte
die Demonstranten gegen den Vietnamkrieg und wurde als antikirchlich
betrachtet.
Am 30. April 1969 starb Bernsteins Vater.
Kurz nach dem Tode seines Vaters dirigierte er Beethovens Missa
Solemnis in einem sehr erfolgreichen Konzert zur Feier des 100.
Geburtstags der Wiener Philharmonie. Er reiste durch die Welt um
zu dirigieren, Aufnahmen zu machen und Fernsehprogramme zu gestalten.
In den 70er und 80er Jahren konnte er sich unter anderem bei den
Schallplattengesellschaften durchsetzen. Er ließ es arrangieren,
das bei seinen Aufführungen "automatisch" Videoaufnahmen
gemacht waren. Er begann, weltweit ein Schallplatten- und Fernsehstar
zu werden. Als Jude bekannt, entwickelte er ein Liebesverhältnis
zu Wien, bekannt für seinen Antisemitismus.
Nachdem sich die Gay Literatin Bewegung entwickelte, fand er den
Mut, er selbst zu sein. Im Jahre 1976 trennte sich Bernstein von
seine Frau. Er bemerkte dazu: "Es kommt eine Zeit im Leben,
wenn ein Mann sein muß, wie er ist." Er ließ sich mit einem
Freund in einem Hotel nieder. Als er ernsthaft krank wurde, zog
er sich zurück. Nach dem Tode seiner Frau etwa ein Jahr später hatte
er häufig schöne junge Männer um sich.
Unter dem Motto "Ode an die Freiheit" dirigierte er nach
der Maueröffnung am 24.Dezember 1989 im Schauspielhaus am Berliner
Gendarmenmarkt Beethovens Neunte Symphonie. Das Konzert wurde weltweit
im Fernsehen übertragen und auf Schallplatte aufgenommen. Kurz
vor seinem 72. Geburtstag dirigierte er wieder in Tanglewood, wo
er vor 50 Jahre unter Serge Kousevitsky angefangen hatte zu dirigieren.
Am 14. Oktober 1990 starb Leonard Bernstein.
Colin de la Motte-Sherman (1993)
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