Leonard Bernstein (1918 - 1990)  


Porträt posthum: Leonard Bernstein
Leonard Bernstein, US amerikanischer Komponist und Dirigent, am besten bekannt für "West Side Story", wäre am 25 August 1993, 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß bringen wir einige Episoden aus sein Leben.

Herausgegeben: März 1993


ls ihre Zeit heran war, fuhr Jennie nach Lawrence (nahe Boston, Massachussets) zu ihrer Mutter, wo am 25. August 1918 Louis Bernstein geboren wurde. Louis bekam seinen Name von der willensstarken Großmutter, die die Ehe der Eltern arrangiert hatte. Da aber die Eltern lieber "Leonard" als Namen für ihren Erstgeborenen hatten, mußte "Louis" seinen Namen später gesetzlich ändern.

Die Eltern waren als Teil der Flut von Juden, die vor den Pogromen im zaristischen Rußland fliehen mußten, nach Amerika gegangen. Fast die Hälfte seines Lebens mußte sich Leonard gegen das Verhältnis seines Vaters gegenüber Musikern stemmen, da er an der Vorstellung vom armen Dorfmusiker festhielt - der Nichtsnutz, der Fiddler  auf dem Dach oder in noblen Cafés.

Wie so oft die Mutter verstand den Sohn am besten.

Als Leonard noch an einem der ältesten Gymnasien (Boston Latin) des gesamtem amerikanischen Kontinents studierte, staunten Lehrer und Studenten über Bernsteins Fähigkeit, Noten und Partituren zu lesen, eine Melodie in verschiedenen Stilen zu spielen sowie über seinen "Charme, seine Ausstrahlung und Aggressivität". Sein Leben lang hatte er mit Asthma zu kämpfen.

Zusätzlich zu den gewöhnlichen Herumtreibereien der Studenten spielte er mit 19 Jahren mit dem Boston Symphony Orchester Ravels Klavierkonzert und komponierte während seines Studiums an der Harvard Universität, die er nach seinem eigenen Verständnis als Pianist verließ. Eine seiner Lieblings- Beschäftigungen in Harvard war, den Professor für Philosophie David Prall zu besuchen. Prall, der homosexuell war, schenkte Bernstein sein eigenes Piano.

Während seiner Harvard-Zeit traf er den Dirigenten Dimitri Mitropoulos und die Komponisten Aaron Copland, David Diamond und Marc Blitzstein (alles Schwule) sowie William Schuman und Irving Fine. 

Bernstein schaute zu bei einige Proben von Mitropoulos zu, aß mit ihm, sah, wie dieser bei Konzerten immer wieder auf die Bühne gerufen wurde, und war beeindruckt. James Dixon, Dirigent und später Liebhaber von Mitropoulos: "Bernsteins Manerismen, seine dramatische Herangehensweise, die persönliche Beziehung zur Musik, in die er fast wie in einen Traumzustand eingeht, stammen alle von Mitropoulos."

In 1939 schuf Bernstein, beeinflußt auch durch Blitzsteins linke politische Haltung, "Die Wiege wird schaukeln", ein satirisches Plädoyer für die Gewerkschaften: -- es handelte von einem Streik von Stahlarbeitern. Dessen Umgangssprache und musikalische Formen flossen später auch in Bernsteins eigene Theaterstücke ein. Blitzsteins Einfluß auf Bernsteins Musik ist an einigen Stellen von "On the Town" and "West Side Story" spürbar.

Nach dem Krieg waren mehre Freunde und Bekannte Bernsteins von der Hetzkampagne McCarthys gegen Andersdenkende in den USA  betroffen. Hans Eisler z.B. ist aus den USA ausgewiesen worden. Der Dramatiker Clifford Odets sowie die Komponisten David Diamond und Leonard Bernstein nahmen an einem Benefizkonzert für ihn teil, damit er die nötigen Mittel erhielt, um nach Hause fahren zu können.

Das Namensproblem (Louis/Leonard) ist vielleicht kennzeichnend für den gespaltenen Charakter Bernsteins, der immer wieder zerrissen war zwischen Dirigieren, Komponieren und dem Wunsch, Konzertpianist zu werden, zwischen dem jüdischen Glauben und der "realen" Welt, zwischen "leichter" und "klassischer" Musik, zwischen Homo- und "Heterosexualität".

David Diamond, Komponist, erzählt: "Damals war ein Homosexueller  ein "fruitcake" (Verrückter) oder "pansy" (Tunte). ... Einmal, als Bernstein in mein Zimmer  kam, und ich  dort mit meinem Partner im Bett lag, legte sich Lenny zu uns." Diamond verlor einen Liebhaber.  Ende der 40er Jahre fing Bernstein fing eine Freundschaft  mit Harvey Probber an, einem heterosexuellen Jungen, und fuhr mit ihm nach Key West (schon damals lange bekannt als ein "schwules Nest"!), um in die Unterwelt der Bars zu tauchen. Probber machte ein Frau an, nur um zu entdecken, daß sie eine Lesbe war. Bernstein verschwand für anderthalb Stunden  mit einem Jungen im Auto . Als er zurückkam, redete mit Probber über das Erlebnis, aber auch über seinen Selbsthaß, darauf, daß er war, wie er war.

Im Jahre 1943  bekam Bernstein die Stelle des stellvertretenden Dirigenten des New Yorker Philharmonieorchesters, wo Artur Rodzinski Dirigent war. Bernstein hatte so gut wie keine Chance, als Dirigent hervorzutreten. Im Prinzip war er der Laufbursche für Rodzinski. Aber wie es das Schicksal  wollte, als die bekannte französische Sopranistin und  Freundin Bernsteins, Jennie Tourel, darauf bestand,  sein Stück "I hate Music" bei einem ihrer Konzerte zu singen, erfuhr Lenny, daß er unvorbereitet das Symphonieorchester übernehmen mußte, da ein Gastdirigent krank war. Bernstein dazu:

 "... die Leute haben getrampelt und gejubelt, und ich mußte mich vorstellen. Dann gab Jennie eine Party ... und wir haben alle wie verrückt  bis die Dämmerung gefeiert. Ich war gerade ins Bett gegangen, als es klingelte, was meinen Schädel fast spaltete. Ich bekam einen Anruf, daß ich um 15.00 Uhr dirigieren mußte - ohne Probe."

Mit Bernsteins von Kindheit an bemerkenswerter Begabung, Noten auf Sicht zu spielen, tritt Bernstein vor, für ein Konzert, das auch live im Funk gesendet wurde. Nächster Tag: die New York Times auf der Titelseite:  "Es ist eine gute amerikanische Erfolgsgeschichte. Der herzliche, freundliche Triumph füllte die Carnegie Hall und verbreitete sich auch über die Funkwellen." Rodzinski war über den Erfolg seines "Lehrlings" gekränkt.


Eheschließung:

Im September 1951 fand in einer Synagoge die zeremonielle Eheschließung von Leonard und Felicia, die wahrscheinlich Bernsteins weitere Karriere möglich machte, statt. Er blieb ihr Frauen gegenüber wahrscheinlich treu, aber mit noch größerer  Sicherheit war er ihr in Bezug auf Männer untreu.

Obwohl er sich zu Hause "benahm" , war Bernstein in Europa und sonstwo weniger vorsichtig.

Felicia verläßt ihn in Chile, während einer Tournee durch den amerikanischen Kontinent, da sie es nicht mehr aushalten kann, wie Leonard mit Männern flirtet.


Karriere als Komponist

Der Komponist der West Side Story (1957), der ständig zerrissen war zwischen "Pop" und "Klassik", schrieb zwei Musicals oder Opern - On the Town (1944); und Wonderful Town (1953). Die Eröffnungsnummer heißt "Christopher Street". Auf Candide, einen Kassenflop, folgt kurz danach die West Side Story (1957). Im gleichen Jahr 1957 wird Bernstein als der musikalische Chef des New York Philharmony Orchestra eingestellt.

Seine Konzertstücke reichen von Jeremiah (1. Symphonie - 1942); The Age of Anxiety (Symphonie Nr. 2. - 1949); bis Songfest (1976 und Concerto für Orchester (1989).

Tanglewood, Massachusetts, ist seit 1936 die Sommerheimat des Bostoner Symphonieorchesters . Im Jahre 1940 fing Dirigent Serge Koussevitzky mit dem Lehrbetrieb in der dortigen Musikschule an. Koussevitzky bestimmte alles, ob es die Lehrer oder die Studenten betraf. Lenny besorgte sich Empfehlungsbriefe u.a.von Aaron Copland, um seine Teilnahme zu sichern, und war überaus glücklich, als der berühmte Dirigent zusagte, Bernstein könne sogar an seinem persönlichen Dirigentenlehrkurs teilnehmen. Von Tanglewood. über Fernsehprogramme -- wofür er mehre "Emmys" bekam -- bis zum Schleswig-Holstein Musikfestival behielt Bernstein stets ein starkes Interesse an Musikerziehung - besonders außerhalb der traditionellen Bildungsbereiche.


Unglücklich

Er hatte eine sagenhafte Fähigkeit, Freunde, Bekannte sowie "Konkurrenten" zu verletzen. Manche halten dies für eine Widerspiegelung der "Unmenschlichkeiten", die er aus dem Munde seines Vaters erlebte. Dieses schlechte Verhältnis, daß er zu älteren Männern hatte, findet sich auch in einigen seiner Werke.

Im Jahre 1960 erhält Leonard Bernstein den Albert-Einstein-Preis für den Dienst am Frieden durch Kunst; trotzdem waren die 60er Jahre für ihm ziemlich von Unglück gezeichnet. 1962, bei der Eröffnung des Lincoln Centre In New York, küßte Bernstein die Frau des Präsidenten und verursachte dadurch öffentliches Ärgernis. Zeitungskommentare: "Widerlich".

Einem langjährigen Freund, David Diamond, schrieb er im November 1962, er könne nicht zur Uraufführung seiner 7. Symphonie erscheinen, da er Skilaufen sei.

Am 22. Januar 1964 starb sein langjähriger Freund Marc Blitzstein auf Martinique, nachdem er von Seemännern zusammengeschlagen worden war.

Bernsteins Kaddish (3. Symphonie) wurde in Tel Aviv uraufgeführt. In den USA fand sie auch eine gemischte Aufnahme. Sie ist  John F. Kennedy gewidmet, der kurz davor ermordet worden war. Bernstein verletzte den Dirigenten Charles Ormandy vor dem ganzen Orchester. Sein Mentor Dimitri Mitropoulos, der Dirigent, starb in diesem unglückseligen Jahr.

Bernstein war wegen seiner Leitung des New Yorker Philharmonieorchesters ständig im Kreuzfeuer. 1966 kündigte er seinen Rücktritt ab Ende der Saison 1968/69 an.

Trotz seiner Hilfe beim Aufbau des Israelischen Symphonieorchesters wurde er angegriffen, weil er ein Benefizkonzert für die Black Panther Party (BPP) und für einige Mitglieder, die (fälschlicherweise?) im Gefängnis saßen, unterstützte. Er betrachtete dies als eine Frage der Meinungsfreiheit. Vor seiner Wohnung wurden Protestaktion durchgeführt, da die BPP angeblich Beziehungen zu arabischen Terroristenorganisationen habe.

Sein Kaddish (3. Symphonie) wird von vielen religiösen Juden als Gotteslästerung angesehen. Sein "Mass" unterstützte die Demonstranten gegen den Vietnamkrieg und wurde als antikirchlich betrachtet.

Am 30. April 1969 starb Bernsteins Vater.

Kurz nach dem Tode seines Vaters dirigierte er Beethovens Missa Solemnis in einem sehr erfolgreichen Konzert zur Feier des 100. Geburtstags der Wiener Philharmonie. Er reiste durch die Welt um zu dirigieren, Aufnahmen zu machen und Fernsehprogramme zu gestalten. In den 70er und 80er Jahren konnte er sich unter anderem bei den Schallplattengesellschaften durchsetzen. Er ließ es arrangieren, das bei seinen Aufführungen "automatisch" Videoaufnahmen gemacht waren. Er begann, weltweit ein Schallplatten- und Fernsehstar zu werden. Als Jude bekannt, entwickelte er ein Liebesverhältnis zu Wien, bekannt für seinen Antisemitismus.

Nachdem sich die Gay Literatin Bewegung entwickelte, fand er den Mut, er selbst zu sein. Im Jahre 1976 trennte sich Bernstein von seine Frau. Er bemerkte dazu: "Es kommt eine Zeit im Leben, wenn ein Mann sein muß,  wie er ist." Er ließ sich mit einem Freund in einem Hotel nieder. Als er ernsthaft krank wurde, zog er sich zurück. Nach dem Tode seiner Frau etwa ein Jahr später hatte er häufig schöne junge Männer um sich.

Unter dem Motto "Ode an die Freiheit" dirigierte er nach der Maueröffnung am 24.Dezember 1989 im Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt Beethovens Neunte Symphonie. Das Konzert wurde weltweit im Fernsehen übertragen  und auf Schallplatte aufgenommen. Kurz vor seinem 72. Geburtstag dirigierte er wieder in Tanglewood, wo er vor 50 Jahre unter Serge Kousevitsky angefangen hatte zu dirigieren. Am 14. Oktober 1990 starb Leonard Bernstein.

 

Colin de la Motte-Sherman (1993)

 
 
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