BM: Ich bin in
der Öffentlichkeitsarbeit für London Lighthouse tätig - ein Wohn-und
Sportzentrum für Menschen, die HIV-positiv oder an AIDS erkrankt
sind. Hauptsächlich bin ich hier als Repräsentant unseres Teams
für Öffentlichkeitsarbeit, um zu versuchen aufzunehmen, was vor
sich geht, und um Verbindungen mit Leuten herzustellen, von denen
ich einige vorher nie getroffen habe - selbst solche aus London-,
mit dem Ziel, unsere Arbeit ebenso wie die Beziehungen zu verbessern.
C.M-S: Erzähle mir etwas
über Lighthouse.
BM: Ich glaube, es war die
erste Organisation dieser Art in der Welt. Sie hat sich bemüht,
Menschen, die mit HIV leben oder von AIDS betroffen sind, ein breites
Spektrum von Fürsorge zu bieten. Jetzt gibt es ähnliche Zentren
überall in Europa.
Wir können all das medizinische Zeug verstehen oder mit einigen
der Krankheiten umgehen, die Menschen während ihres Lebens mit HIV
bekommen können. Was wir aber machen wollen ist, auf die seelischen
Bedürfnisse zu schauen - wie ein Mensch innerlich fühlt. Also es
geht darum, daß Menschen Informationen und Wissen und ein Gefühl
von Sicherheit erhalten- HIV-Positive sollen mit unserer Hilfe selbst
herausfinden, was sie brauchen könnten, um in der Lage zu sein,
ihr Leben voll zu leben.
C.M-S: Welche
praktische Hilfe könnt Ihr ihnen geben?
BM: Mehr als die auf der
Hand liegenden Dinge wie Beratung, Unterstützungsgruppen - wir haben
Wohnmöglichkeiten und Tagesfürsorge. Wir haben auch kreative Therapien
und Ergänzungstherapien, die allein oder in Verbindung mit konventionelleren
Behandlungsmethoden wie AZT oder DDI angewandt werden können.
Da nehmen Menschen Kontakt mit uns auf, die vielleicht gerade eine
positve HIV-Diagnose erfahren haben. Sie wissen nicht wirklich,
was sie wollen. Möglicherweise durchleben sie eine Krise. Wir versuchen
durch Gespräche, ihnen zu helfen herauszufinden, was sie wirklich
wünschen. Ob sie etwas sehr Spezifisches wie Beratung oder Hilfe
im Haushalt oder ob sie nur einen Ort brauchen, wo sie "mal
reinschauen" können. Wir können sie auch an ein Sortiment von
Ergänzungstherapien wie Homöopathie, Akupunktur, Massage usw. heranführen.Wir
versuchen, ein "Versorgungspaket" zu schnüren, das aus
einem oder mehreren Komponenten von Dienstleistungen besteht, die
wir in den Räumen unseres Gebäudes anbieten können - oder auch Hilfe
zu Hause.
C.M-S: Wie sieht
das aus?
BM:
Unsere Hilfe zu Hause ähnelt dem Buddying-System der
Terrence-Higgins-Stiftung. Wir haben Freiwillige, die ausgebildet
sind, Menschen in deren eigener Wohnung Unterstützung, auch durch
ein "offenes Ohr", zu geben. Sie arbeiten in Gruppen im
ganzen Londoner Raum. Im Grunde verbringen sie ein paar Stunden
in der Woche - das wird vorher festgelegt - mit den Menschen, vielleicht
nur, um mit ihnen zu plaudern. Es kann praktische Hilfe sein -
Hausarbeit, Einkaufen mit oder für jemanden oder auch mit ihnen
auf einen "drink" ausgehen. Das Niveau der Unterstützung
kann sich in dem Maße erhöhen oder verringern, wie sich ihr Zustand
verschlechtert oder verbessert. Wir tun das in Abstimmung mit anderen
Einrichtungen wie Terrence Higgins oder mit dem staatlich gestützten
Sektor - Distriktkrankenschwestern usw.. Wir leisten keine direkte
medizinische Hilfe in der Wohnung.
Tagesbetreuung ist ein Mittelding zwischen der Betreuung zu Hause
und der 24-Stunden- Betreuung in unserem Wohnzentrum. Einige Menschen
leiden unter neurologischen Beeinträchtigungen - durch AIDS verursachten
Schwachsinn - ,was bedeutet, daß sie Zeiten der Verwirrung, des
Gedächtnisverlustes usw. haben. Wir wollen ihnen einen Ort zur Verfügung
stellen, wo sie tagsüber hingehen können. Wir müssen sie mit dem
Auto herbringen, anders ist es ihnen nicht möglich. Während des
Tages können wir Beschäftigungstherapie und andere Behandlungen
anbieten; sie erhalten eine Mahlzeit, da die Ernährung sehr wichtig
ist. Sie können auch Beratung in diesen Fragen erhalten, so daß
sie Kraft für die Zeit bekommen, wenn sie zu Hause sind. Die Tagesbetreuung
läuft von Montag bis Freitag. Sie steht nicht nur denen zur Verfügung,
die unter Neuro-Schwachsinn leiden, sondern auch solchen mit psychlogischen
Problemen, die nicht direkt von HIV herrühren. Sie durchleben vielleicht
eine Zeit der Krise und des Bedarfs an tiefgehender persönlicher
Zuwendung und Hilfe. Die können wir geben.
C.M-S: Wie steht
es um die finanzielle Situation?
BM:
Im letzten Finanzjahr kostete die Unterhaltung des gesamten
Projekts ca. 4,3 Mio Pfund (DM 10,75 Mio). Das schließt alle Gehälter
und Dienstleistungen ein. Wir sind glücklich, nicht für das Gebäude
zahlen zu müssen, denn es gehört uns. In dieser Hinsicht sind wir
sehr glücklich - nicht vielen geht es so.Wir müssen nun mit mit
den örtlichen Behörden ebenso wie mit den Regional- und Bezirksgesundheitsbehörden
verhandeln, um Mittel für die Dienste zu erhalten - sei es die Betreuung
zu Hause oder seien es die "Betten-Tage" - d.h., wieviele
Tage Betten von Personen belegt werden.Wir bekommen Gelder direkt
von der Regierung und spezielle Zuwendungen. Nur ca. 3/4 oder 2/3
unserer Gelder kommen aus öffentlichen Quellen. So müssen wir 1
Million Pfund durch Beiträge, Wohltätigkeitsveranstaltungen und
Spenden aufbringen. Wir sind dazu in der Lage, da wir solide Leistungen
bringen. Es ist leichter, Mittel dafür zu bekommen, als wenn wir
lediglich ein Beratungszentrum oder eine kleinere Organisation wären.
Und weil wir Mittel für Betten bekommen - das ist fast kein Problem,
weil es abrechenbar ist. Aus diesem Grunde haben wir uns von den
pharmazeutischen Unternehmen ferngehalten, aber wir kommentieren
es nicht, wenn andere das nicht tun wollen.
C.M-S:
Wie würdest Du antworten, wenn Leute sagen, solch eine
Einrichtung wie "Leuchtfeuer" führt zur Ghettoisiering?
BM: Wie aus Gesprächen mit
Leuten hervorgeht, die versuchen, "Leuchtfeuer" in Hamburg
zu etablieren, gibt es da das Problem der weiteren Ghettoisierung
oder des An-den-Rand- Drückens der HIV-Positiven. Unser Prinzip
ist, daß Menschen, die an chronischen Hungersyndromen, an Krebs
oder an der Hodgkins-Krankheit leiden, natürlich versorgt werden
müssen. Aber wie wir es gegenwärtig einschätzen, brauchen wir ein
AIDS-spezifisches Projekt, weil wir diese Stigmaisierung und das
An-den-Rand-Drücken von Menschen mit HIV haben. Und Menschen mit
HIV kommen in der Regel aus sozialen Gruppen, die sich an den Rand
gedrückt oder diskriminiert fühlen und es auch sind - Frauen, Schwarze,
Sexworker,Drogenbenutzer und Schwule. Deshalb brauchen wir einen
Platz, wohin diese Menschen gehen können und nicht das Gefühl haben,
von Leuten, die Hilfe anbieten, unter Druck gesetzt oder beurteilt
zu werden. Langfristig hoffen wir, daß dieses Projekt integriert
wird und daß Menschen mit chronischen Erkrankungen - sei es HIV
oder Parkinsonsche Krankheit oder was auch immer - , daß es machbar
wird, organisatorische Unterstützung unter einer Schirmherrschaft
zur Verfügung zu stellen. Aber im Augenblick, da es Vorurteile und
Brandmarkung gibt, ist es angemessen, daß wir eine HIV-/AIDS-Organisation
für Menschen mit HIV und AIDS haben.
Colin de la Motte-Sherman
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