Kein Mangel an lesbischen Filmen  


Das Londoner lesbisch-schwule Filmfestival 1992
herausgegeben: 1992


om 20. bis 31. März (1992) fand im National Film Theatre der britischen Hauptstadt das 6. Londoner lesbisch-schwule Filmfestival statt. Da das Londoner Festival im Gegensatz zu beispielsweise dem in Berlin nicht an ein "großes Hetero-Spektakel" angeschlossen ist, gewinnt es an intimer Atmoshäre und organisatorischer Überschaubarkeit. Auch wird es dadurch möglich, das eigentliche kulturelle Ereignis durch Seminare und Vorträge zu umrahmen.

Diese relative Beschaulichkeit bedeutet nun jedoch keineswegs, daß man/frau so ohne weiteres an  den Vorführungen oder sonstigen Veranstaltungen teilnehmen kann: regelmäßig werden 20 bis 50 BesucherInnen mit der freundlichen aber bestimmten Begründung zurückgewiesen, es seien keine Karten mehr zu haben. Vorbestellungen sind also auch hier nicht nur wünschenswert, sondern absolut notwendig, will man sich unnötige Wege ersparen. Die Kinos in dem Komplex von Betonklötzen, den das National Theatre, die Festival Hall sowie das National Film Theatre am Südufer der Themse bilden, haben eben auch keine durchscheinenden Wände ...

Eröffnet wurde das diesjährige Festival mit der Aufführung von "I´m nothing without you", einer Verfilmung der gleichnamigen Kabarett-Show, die monatelang erfolgreich in New York lief. Für jene, die über ein wenig Hintergrund aus der amerikanischen Politik und der US-Kulturszene verfügen, ist dies ein verrückter, brillianter und  höchst ironischer Film voller beißender Kritik und Selbstverspottung. Für Nicht-Kenner dessen allerdings ist er üner weiter Strecken recht irreführend. Die Autorin, Sandra Bernhard, ist eine exzellente Performerin, und man/frau sollte keine Gelegenheit verpassen, sie auch einmal live zu erleben.


Haupthindernis: technische Qualität

Das Londoner Programm widerlegte massiv den Eindruck, der sich einem auch während der Berlinale aufdrängte, es gäbe einen Mangel an lesbischen Filmen. Ein Problem ist lediglich die sehr differierende technische Qualität - manche sind deshalb nicht öffentlich aufführbar. Andere litten an dem Versuch, in Abgrenzung zum üblichen Strickmuster des großen kommerziellen Films experimentell zu sein, was häufig der Verständlichkeit für das Publikum im Wege stand. Das gilt auch für einige schwule Filme. Es ist jedoch immer schwierig, eine Ballance zu halten zwischen der echten Notwendigkeit, nicht banal zu sein und der, Filme zu machen, deren Inhalt und Aussage nachvollziehbar sind und die nicht nur die ProduzentInnen selbst verstehen können.

Der Film  "A 25-year-old man loses his Virginity to a woman" ("Ein 25jähriger Mann verliert seine Unschuld an eine Frau") des Regisseurs Philip B. Roth ist zwar leicht verständlich, aber nach 22 Minuten und der mehrmals wiederholten Frage des jungen Schwulen, ob er tatsächlich die Klitoris der jungen Frau erregt, fragte ich mich schon, was dies wohl bedeuten solle. Das war für mich nicht weniger langweilig als der Versuch Annette Kennerleys in dem 3-Minuten-Streifen "Let me come in" ("Laß mich rein"), die Perspektive eines Kindes zu imitieren . Und nur um ein Haar ist auch "Reservaat" von Clara van Gool um dieses nicht sehr schmeichelhafte Urteil herumgekommen: Zwei Frauen tanzen im Wald einen Tango. Diese Aussage ist deutlich, aber ob diese Sequenz dem Publikum 9 Minuten lang zuzumuten ist, bleibt zumindest streitbar.

"Star-crossed Lovers" der Dänin Irene Werner Stage ist hingegen wie ein gutes Buch, das man, um den Inhalt ganz zu erfassen, mehrmals lesen muß. Ein schöner, getanzter und mit malerischer Poesie gedrehter Film - eine faszinierende Meditation über Androgynie.


Todernstes mit Komik behandelt

Aus Deutschland kam ein zweiminütiger lobenswert lustiger Film mit ernster Botschaft: "Give AIDS the Freeze" von Cathy Joritz. Schwieriger, aber ebenfalls mit einem gerüttet Maß an Komik versehen, ist der kanadische Streifen "The Making Of Monsters", dessen Titel doppeldeutig ist, da er auf Filmtitel wie "The Making Of Star Wars" anspielt. Die Monster dieses Films sind fünf Teenager, die einen schwulen Lehrer im High Park von Toronto brutal ermorden und binnen drei Jahren wieder auf freiem Fuß sind. Georg Lukasc, der marxistische Kulturtheoretiker, will in dem Streifen ein Fernsehspiel über diesen Fall machen; sein alter Feind Bertolt Brecht soll Regissseur werden. Aus unerfiondlicchen Gründen wird Brecht von einem Catfisch dargestellt .... Der Streit zwischen Lukasc und Brecht gipfelt in der Mordsszene im Park, und auch im Tod des Catfischs, also Brechts. Zugegeben, ein bißchen irritierend, aber dennoch sehenswert.


Keine Spielfilme -Verfilmte Spiele

Jenen, die es vorziehen, sich bei einem Kinobesuch zu entspannen, sei "The Hours and the Times" ("Die Stunden und die Zeit") von Christopher Munch empfohlen. Kein Spielfilm, eher ein verfilmtes Spiel - oder noch besser ein Stierkampf- zwischen Brian Ebstein, dem schwulen Manager der Beatles, und John Lennon. Gezeigt wird, wie manche Hertero-Männer - in diesem Falle John Lennon - vielleicht unbewußt schwule Männer mit ihrem Benehmen, ihrer Körpersprache reizen können. Der Film basiert einzig auf der belegbaren Tatsache, daß Lennon und Ebstein ein gemeinsames Wochenende in Barcelona verbracht hatten. Es entstand eine Studie hetero-schwuler Männerbeziehungen unter günstigen Bedingungen, die manche ZuschauerInnen unter Umständen als oberflächlich und langweilig empfinden könnten, da eigentlich nichts "passiert". In der Tat krankt - wie so viele auch dieser Film - am Mangel rigoroser Schnitte. Dasselbe trifft auf den sonst vortrefflichen Film "American Fabulous" von Reno Dakota zu. Der fabelhafte Amerikaner darin heißt Jeffrey Strouth; er erzählt im Fond seines Autos über sein Leben, den Familienhintergrund mitsamt dem alkoholkranken Vater und der endlichen Erlösung von seiner Armut. Für diejenigen, die nicht vor einer überzeugten Tunte erschrecken, ein echtes Muß. Stouth´ letzte Aussage ist: Kein Mensch hätte sich dies ausdenken können, und wenn doch, wozu?" Der Film wurde auf dem Internationalen Filmfestival von Houston als beste experimentelle Komödie ausgezeichnet. Andere Filme des Londoner Filmfestivals stellten wir bereits in unserer letzten Ausgabe vor; sie liefen wie "Caught Looking", "North of Vortex" sowie "Daddy and the Muscle Academy" bei der Berlinale.


Retrospektiven und Seminare

Das Londoneer Festival schloß auch in diesem Jahr mehrere Vorträge über Lesben und  Schwule in der Kinowelt sowie eine Retrospektive ein. Diese Tradition wendet sich vor allem auch an Jüngere, die so in den Genuß älterter, selten gezeigter Filme kommen können. In diesem Jahr hielt der amerikanische Journalist und Filmhistoriker Daniel Mangin, der auch im Community College von San Francisco eine bahnbrechende Vortragsreihe initiiert hatte, ein Seminar über die Darstellung von Lesben und Schwulen im Film. Mangin machte anhand von Ausschnitten deutlich, daß Homosexuelle von Anfang an auf der Leinwand präsent waren, aber meist als Tunten verspottet, als "Psychokiller" oder durchgedrehte, kranke Frauen und Männer dargestellt wurden. Die Ausnahmen davon wurden nur durch ihre Seltenheit auffällig.

Die Retrospektive zeigte unter anderem den bereits vor sechs Jahren als Fernsehfilm gedrehten Beitrag "Second Serve" ("Zweitter Aufschlag") - in seiner Art ein Meisterwerk. Applaus des Publikums am Ende der Vorstellung. Erzählt wird darin die Geschichte von Renée Richards, die nach vielen Jahren psychischer Qual sich vom Mann zur Frau unwandeln läßt. Die Heldin des Films, der auf einer tatsächlichen Geschichte aus dem Umfeld des Tennis-Stars Martina Navratilova basiert, wird von Vanessa Redgrave ("die rote Vanessa") dargestellt, der wohl besten britischen Schauspielerin der Gegenwart. Den Film anzusehen lohnt sich, nicht nur wegen der Leistung der Redgrave; er ist auch anrührend für ZuschauerInnen, die nicht mit der Materie - in diesem Falle Transsexualität - vertraut sind. Dieses Werk wurde wohl auch deshalb 1986 in Großbritannien in die "Top Ten" der Fernsehsendungen des Jahres gewählt.


Unbehaglich: "Swoon"

Das erwähnte Seminar von Daniel Mangin sowie die aktuellen Proteste, die die Aufführungen von "Basic Instinct" oder "Das Schweigen der Lämmer" in den USA begleiten, haben nur noch mein Unbehagen über den Film "Swoon"  von Tom Kalin verstärkt, der als letzter Beitrag in London aufgeführt wurde. Im Prinzip ist er selbst nicht homophob. Das Problem allerdings ist so alt wie die Kunst selbst: Der oder die KünstlerIn können ihre Verantwortung dafür, wie ihr Werk beim Publikum ankommt und die Denk- und Verhaltensweisen, die es in ihm auslöst, nicht abstreifen wie eine zweite Haut. In zeiten wie diesen, glaube ich, sieht die überwiegende Mehrheit der ZuschauerInnen nnicht, daß es in einem Film wie "Swoon" eigentlich um Macht geht und nicht um Schwule. Doch wird sie dadurch in ihrer krankhaften Angst vor der Homosexualität bestätigt. Kalin nimmt als Regisseur von "Swoon" eine neutrale Position gegemüber dden beiden elitären, jüdischen, verdorbenen Schwulen ein. Ihre Gruppenzugehörigkeit - jüdisch und schwul - ist eigentlich nebensächlich. Warum Kalin sie herausstellt, bleibt mir schleierhaft. Als hätten wir nicht schon genug Probleme mit den Filmen unserer Feinde ...

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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