Oberflächlich
betrachtet schien er lebhaft, sogar fröhlich zu sein. Was mich
dennoch bedrückte, war der traurige Ausdruck seiner Augen, eine
Art zu blicken, die man bei Tieren sieht, nicht da sie verletzt
sind oder unter etwas genauer zu Bezeichnendem leiden. Vielmehr
erschien es als die elementare Trauer um die Natur des Lebens."
(ein amerikanischer Literaturkritiker über Lorca)
efolgsleute
des faschistischen Generals Franco erschoss ihn, zusammen mit zwei
unbekannten Toreros am 19. August 1936 in dem unweit Granadas gelegenen
Ort Ainadamar, was auf arabisch soviel wie 'Brunnen der Tranen"
heißt. In seinen 38 Lebens Jahren schuf er Theaterstücke und Gedichte,
die seine Kritiker veranlassten, ihn in eine Reihe mit den größten
Dichtern seiner Heimat Spanien zu stellen.
Geboren wurde Federico Garcia Lorca am 5. Juni 1898 als ältester
Sohn eines Gutsbesitzers und einer hochgebildeten Lehrerin in einem
kleinen Dorf in der Nähe Granadas. Er hatte einen jüngeren Bruder
und zwei Schwestern. Im Gegensatz zur Mehrheit der damaligen andalusischen
Gutsbesitzer war die streng katholische Famille Garcia Lorca (Garcia
war der Name des Vaters. Lorca der der Mutter) jedoch liberal in
ihren politischen und sozialen Ansichten.
Die Provinz Andalusien prägte Lorca. Sie ist jener Teil Spaniens,
der als letzter von den Mauren zurückerobert wurde. 1492 war nicht
nur das Jahr, in welchem Columbus Amerika entdeckte; in diesem Jahr
fiel auch die letzte arabische Festung in Südwesteuropa, die Stadt
Granada, an Kastilien. Nicht nur Gebäude wie die berühmte Alhambra
zeugen bis heute vom Einfluss des Islam, sondern auch Musik und
Kunst des einfachen spanischen Volkes, zu der sich Garcia Lorca
sehr hingezogen fühlte. Eine andere wichtige kulturelle Strömung
brachten die Zigeuner mit in diese Gegend. Diese faszinierten bereits
den kleinen Federico. In seiner Jugend besuchte er oft die Höhle
von Sacromonte, in der häufig Zigeuner lagerten, und befreundete
sich mit Sängern und Tänzern. Nicht zuletzt aus diesen Begegnungen
heraus entstanden später seine berühmten Zigeunerromanzen,
die nach ihrem Erscheinen im Juli 1928 vom renommierten Kunst-Kritiker
des 'El Sol, der damals führenden spanischen Tageszeitung, hoch
gelobt wurden.
Der junge Lorca zeigte ein frühes Interesse für Musik und dabei
speziell das Klavier, aber auch für das Theater. Überliefert ist,
daß er, selbst noch ein Kind, die Heilige Messe so gekonnt nachahmte,
daß er damit die anderen Kinder zu tränen rührte. Die Mutter hatte
Federicos musische Begabungen frühzeitig erkannt und gefördert,
doch nach dem Willen des Vaters sollte er einen vernünftigen
Beruf erlernen, und so fand sich Federico im Jahre 1919 als Student
an der juristischen Fakultät der Madrider Universität wieder.
Die Semesterferien allerdings verbrachte er bei seiner Familie,
und bei einem dieser Besuche in Granada lernte er den Komponisten
Manuel de Falla kennen. Dieser lebte seit 1920 in der Stadt. Beide,
der zu dieser Zeit schon berühmte 48jährige de Falla, und der junge
Garcia Lorca, organisierten im Juni 1922 gemeinsam das 'Cante Jondo',
ein Fest des Flamenco, mit dem sie dieser im Volke fest verwurzelten
traditionellen, unter ernsthaften Musikern jedoch verpönten
Musik huldigten.
1922 traf Federico den erst 18 Jahre alten Maler Salvador Dali.
Er verliebte sich in Dali und es entstand eine sehr enge Freundschaft.
Lorca versuchte offenbar, sich Dali noch sehr viel stärker zu nähern.
Doch dieser; dem als Ursache seiner späteren paranoiden Tendenzen
Konflikte im Umgang mit seinen eigenen homoerotischen Gefühlen nachgesagt
wurden, wies ihn zurück. Leide ging fast der gesamte Briefwechsel
zwischen den beiden verloren. Zwei Briefe jedoch haben die Zeit
überdauert, zeigen die Enge ihrer Beziehungen. Darin entschuldigt
sich Lorca unter anderem dafür, Dali zu nähe getreten zu sein. Davon,
das Lorca Dali ebenfalls nicht ganz gleichgültig war, zeugt auch
die Tatsache, daß in einer Ausstellung Anfang 1927 allein vier von
27 Bildern Lorca zeigten. Kritiker sprechen, wenn es um die damalige
Phase in Dalis Schaffen geht, noch heute zuweilen von dessen 'Lorca-Zeit'.
Die engen Bindungen zwischen beiden blieben bestehen, bis Dali
nach Paris übersiedelte.
Das erste von Lorcas erhalten gebliebenen Stücken heißt Die
Tragikomödie von Don Cristobal und Senorita Rosita. In dem
zu seinen Lebzeiten erfolgreichsten Stück Die wundersame
Schustersfrau, es entstand zur selben Zeit wie die Zigeunerromanzen
- geht es um einen älteren Mann, der mit einer sehr jungen Frau
verheiratet ist. Wie dieses, so beinhalten viele Lorcas Werken den
Kampf des einzelnen gegen die Doppelmoral des bürgerlichen Spießertums,
aber auch den mit sich selbst und seinen Schuldgefühlen. Häufig
war für Lorca die verbotene Liebe zentrales Thema, wie etwa im romantischen
Schauspiel Mariana Pineda, das seine Uraufführung am
29. April 1929 in Barcelona erlebte. Wie viele andere, so basiert
diese Stück auf historischen Ereignissen: Die Volksheldin Mariana
Pineda wurde 1831 unter dem repressiven Regime König Ferdinands
VIII. hingerichtet, weil sie einen Liberalen liebte und für dessen
Gruppe eine Fahne genäht hatte. Sie wurde eine Martyrerin
für die Freiheit, aber eigentlich war sie ein Opfer ihres verliebten,
durchgedrehten Herzens, schrieb Lorca über seine Titelgestalt.
Emilio Aladren, ein Bildhauer, sehr hübsche, mit schwarzem
Haar, feinen Gesichtszügen und großen Augen, mit einem orientalischen
Hauch und leidenschaftlichen Temperament, wie eine Zeitgenosse
schrieb, wurde am Ausgang der 20er Jahre Federicos große Liebe.
Ein enger Freund Lorcas berichtet: 'Lorca nahm Aladren immer mit,
stellte ihn jedem vor und fand in ihm für einige Jahre eine Quelle
des Glücks' ... bis Aladren heiratete.
Lorcas Stimmungen konnten sehr wechselhaft sein. Einerseits berichten
Freunde davon, daß er für ausgelassene Vorstellungen
berühmt war und es schon einmal passieren konnte, daß Lorca auf
einem großen Platz im Zentrum des nächtlichen Madrids in ausgelassener
Gin-Laune den Löwenbändiger und sein Freund Aladren laut brüllend
den dazugehörenden, sich im Staub wälzenden Löwen spielte.
Auf der anderen Seite deuten Briefe an ihm nahestehende Menschen
sein gequältes Inneres an:
Ich befinde mich gerade in einem der schmerzlichsten Zustände
meines Lebens. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie es ist, nächtelang
am offenen Fenster zu stehen, über das nächtliche Granada zu blicken,
das für mich leer ist und ohne den geringsten Trost ... Ich versuche
ständig zu vermeiden, daß meine Gefühle in meine Gedichte einfliesen,
denn das würde mein Intimstes offenbaren, gerade für jene, die
es nie sehen sollten.
Die Proklamation der spanischen Republik 1931 brachte Lorca, der,
obgleich parteilos und einer sexuellen Minderheit zugehörig, Freunde
bis in die Führungsspitzen der Republikanischen und linker Parteien
hatte, neue Aufgaben. Zu jener Zeit war ein Drittel der spanischen
Bevölkerung Analphabeten und die Regierung betrachtete die Bildung
als eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Lorca war hell begeistert von
der Idee, etwas für die Bildung der armen Bauernschaft zu tun. Gemeinsam
mit Studenten der Madrider Universität gründete er die La
Barraca, ein Wandertheater, das Bildung und Unterhaltung verbinden
sollte. Im August 1931 eröffnete er in seiner Heimatstadt eine Bibliothek,
in der er sehr verschiedene Autoren führte, die, wie er in seiner
Eröffnungsrede sagte, die gemeinsame Liebe für die Menschheit verband,
darunter Tolstoi, Nietzsche und Marx.
In dieser Zeit entstanden mehrere vielbeachtete Stücke, so die
lyrische Tragödie Bluthochzeit, welche wiederum auf
einem authentischen Fall beruht: Eine Braut wird von ihrem Cousin
ermordet, ihrem Liebhaber, als sie noch minderjährige war.
Ein weiteres Stück, 'Das Publikum", schrieb er während eines
Aufenthaltes auf Kuba. Es galt al! revolutionär in mehrerer Hinsicht.
Beeinflusst vom neuen Stil des Surrealismus, war es vor allem
ein bitteres sogar böses Stück, in welchem wir die Qualen eines
Schriftstellers spüren, der von einer ungerechten Gesellschaft dazu
verurteilt ist, sein wahres Selbst zu verbergen." Die einzige
Figur in diesem Stück, die nicht heuchelt, ist Gonzalo.
Immer wieder verurteilt Gonzalo die Doppelzüngigkeit, die Menschen
daran hindert, sie selbst zu sein und die es ihnen unmöglich macht,
ihre Sexualität auszuleben. Gonzalo wird gekreuzigt ...
Colin de la Motte-Sherman
Erschienen in DIE ANDERE WELT, Ausgabe 7/8 1991.
Jeder weitere Abdruck nur mit Genehmigung des Autors
Other source:
(1) Federico Garcia Lorca, von Karl Heinrich Ruppel, Berliner
Hefte für geistiges Leben; 1948
(2) On the Trail of Lorca, by Gaby Macphedran, Gay Times, April
1997
(3) The wounded rose; Douglas Dunn, The Guardian (UK); 1996
(?)
(4) Hundred years war: A celebration of Federico Garcia
Lorca; George De Stefano; The Washington Blade, 30-10-1999
(5) Federico Garcia Lorca, Ian Gibson, Faber
(6) In the Green Morning, Francisco Garcia Lorca,
(trans. Christopher Maurer), Peter Owen.
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