Federico Garcia Lorca  


Qualen eines Schriftstellers - Federico Garcia Lorca
herausgegeben:
in Die Andere Welt, Ausgabe 7/8 1991.


„Oberflächlich betrachtet schien er lebhaft, sogar fröhlich zu sein. Was mich dennoch bedrückte, war der traurige Ausdruck seiner Augen, eine Art zu blicken, die man bei Tieren sieht, nicht da sie verletzt sind oder unter etwas genauer zu Bezeichnendem leiden. Vielmehr erschien es als die elementare Trauer um die Natur des Lebens." (ein amerikanischer Literaturkritiker über Lorca)

efolgsleute des faschistischen Generals Franco erschoss  ihn, zusammen mit zwei unbekannten Toreros am 19. August 1936 in dem unweit Granadas gelegenen Ort Ainadamar, was auf arabisch soviel wie 'Brunnen der Tranen" heißt. In seinen 38 Lebens Jahren schuf er Theaterstücke und Gedichte, die seine Kritiker veranlassten, ihn in eine Reihe mit den größten Dichtern seiner Heimat Spanien zu stellen.

Geboren wurde Federico Garcia Lorca am 5. Juni 1898 als ältester Sohn eines Gutsbesitzers und einer hochgebildeten Lehrerin in einem kleinen Dorf in der Nähe Granadas. Er hatte einen jüngeren Bruder und zwei Schwestern. Im Gegensatz zur Mehrheit der damaligen andalusischen Gutsbesitzer war die streng katholische Famille Garcia Lorca (Garcia war der Name des Vaters. Lorca der der Mutter) jedoch liberal in ihren politischen und sozialen Ansichten.

Die Provinz Andalusien prägte Lorca. Sie ist jener Teil Spaniens, der als letzter von den Mauren zurückerobert wurde. 1492 war nicht nur das Jahr, in welchem Columbus Amerika entdeckte; in diesem Jahr fiel auch die letzte arabische Festung in Südwesteuropa, die Stadt Granada, an Kastilien. Nicht nur Gebäude wie die berühmte Alhambra zeugen bis heute vom Einfluss des Islam, sondern auch Musik und Kunst des einfachen spanischen Volkes, zu der sich Garcia Lorca sehr hingezogen fühlte. Eine andere wichtige kulturelle Strömung brachten die Zigeuner mit in diese Gegend. Diese faszinierten bereits den kleinen Federico. In seiner Jugend besuchte er oft die Höhle von Sacromonte, in der häufig Zigeuner lagerten, und befreundete sich mit Sängern und Tänzern. Nicht zuletzt aus diesen Begegnungen heraus entstanden später seine berühmten „Zigeunerromanzen“, die nach ihrem Erscheinen im Juli 1928 vom renommierten Kunst-Kritiker des 'El Sol, der damals führenden spanischen Tageszeitung, hoch gelobt wurden.

Der junge Lorca zeigte ein frühes Interesse für Musik und dabei speziell das Klavier, aber auch für das Theater. Überliefert ist, daß er, selbst noch ein Kind, die Heilige Messe so gekonnt nachahmte, daß er damit die anderen Kinder zu tränen rührte. Die Mutter hatte Federicos musische Begabungen frühzeitig erkannt und gefördert, doch nach dem Willen des Vaters sollte er einen „vernünftigen“ Beruf erlernen, und so fand sich Federico im Jahre 1919 als Student an  der juristischen Fakultät der Madrider Universität wieder.

Die Semesterferien allerdings verbrachte er bei seiner Familie, und bei einem dieser Besuche in Granada lernte er den Komponisten Manuel de Falla kennen. Dieser lebte seit 1920 in der Stadt. Beide, der zu dieser Zeit schon berühmte 48jährige de Falla,  und der junge Garcia Lorca, organisierten im Juni 1922 gemeinsam das 'Cante Jondo', ein Fest des Flamenco, mit dem sie dieser im Volke fest verwurzelten traditionellen, unter „ernsthaften“ Musikern jedoch verpönten Musik huldigten.

1922 traf Federico den erst 18 Jahre alten Maler Salvador Dali. Er verliebte sich in Dali und  es entstand eine sehr enge Freundschaft. Lorca versuchte offenbar, sich Dali noch sehr viel stärker zu nähern.  Doch dieser; dem als Ursache seiner späteren paranoiden Tendenzen Konflikte im Umgang mit seinen eigenen homoerotischen Gefühlen nachgesagt wurden, wies ihn zurück. Leide ging fast der gesamte Briefwechsel zwischen den beiden verloren. Zwei Briefe jedoch haben die Zeit überdauert, zeigen die Enge ihrer Beziehungen. Darin entschuldigt sich Lorca unter anderem dafür, Dali zu nähe getreten zu sein. Davon, das Lorca Dali ebenfalls nicht ganz gleichgültig war, zeugt auch die Tatsache, daß in einer Ausstellung Anfang 1927 allein vier von 27 Bildern Lorca zeigten. Kritiker sprechen, wenn es um die damalige Phase in Dalis Schaffen geht, noch heute zuweilen von dessen  'Lorca-Zeit'. Die engen Bindungen zwischen beiden blieben bestehen, bis Dali  nach Paris übersiedelte.

Das erste von Lorcas erhalten gebliebenen Stücken heißt  „Die Tragikomödie von Don Cristobal und Senorita Rosita“.  In dem zu seinen Lebzeiten erfolgreichsten  Stück –„Die wundersame Schustersfrau“, es  entstand zur selben Zeit wie die Zigeunerromanzen - geht es um einen älteren Mann, der mit einer sehr jungen Frau verheiratet ist. Wie dieses, so beinhalten viele Lorcas Werken den Kampf des einzelnen gegen die Doppelmoral des bürgerlichen Spießertums, aber auch den mit sich selbst und seinen Schuldgefühlen. Häufig war für Lorca die verbotene Liebe zentrales Thema, wie etwa im romantischen Schauspiel „Mariana Pineda“, das seine Uraufführung am 29. April 1929 in Barcelona erlebte. Wie viele andere, so basiert diese Stück auf historischen Ereignissen: Die Volksheldin Mariana Pineda wurde 1831 unter dem repressiven Regime König Ferdinands VIII. hingerichtet, weil sie einen Liberalen liebte und für dessen Gruppe eine Fahne genäht hatte. „Sie wurde eine Martyrerin für die Freiheit,  aber eigentlich war sie ein Opfer ihres verliebten, durchgedrehten Herzens“, schrieb Lorca über seine Titelgestalt.

Emilio Aladren, ein Bildhauer, „sehr hübsche, mit schwarzem Haar, feinen Gesichtszügen und großen Augen, mit einem orientalischen Hauch und leidenschaftlichen Temperament“, wie eine Zeitgenosse schrieb, wurde am Ausgang der 20er Jahre Federicos große Liebe. Ein enger Freund Lorcas berichtet: 'Lorca nahm Aladren immer mit, stellte ihn jedem vor und fand in ihm für einige Jahre eine Quelle des Glücks' ... bis Aladren heiratete.

Lorcas Stimmungen konnten sehr wechselhaft sein. Einerseits berichten Freunde davon, daß er für ausgelassene „Vorstellungen“ berühmt war und es schon einmal passieren konnte, daß Lorca auf einem großen Platz im Zentrum des nächtlichen Madrids in ausgelassener Gin-Laune den Löwenbändiger und sein Freund Aladren laut brüllend den dazugehörenden,  sich im Staub wälzenden Löwen spielte.

Auf der anderen Seite deuten Briefe an ihm nahestehende Menschen sein gequältes Inneres an:

„Ich befinde mich gerade in einem der schmerzlichsten Zustände meines Lebens. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie es ist, nächtelang am offenen Fenster zu stehen, über das nächtliche Granada zu blicken, das für mich leer ist und ohne den geringsten Trost ... Ich versuche ständig zu vermeiden, daß meine Gefühle in meine Gedichte  einfliesen, denn das würde mein Intimstes offenbaren, gerade für jene, die es nie sehen sollten.“

Die Proklamation der spanischen Republik 1931 brachte Lorca, der, obgleich parteilos und einer sexuellen Minderheit zugehörig, Freunde bis in die Führungsspitzen der Republikanischen und linker Parteien hatte, neue Aufgaben. Zu jener Zeit war ein Drittel der spanischen Bevölkerung Analphabeten und die Regierung betrachtete die Bildung als eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Lorca war hell begeistert von der Idee, etwas für die Bildung der armen Bauernschaft zu tun. Gemeinsam mit Studenten der Madrider Universität gründete er die „La Barraca“, ein Wandertheater, das Bildung und Unterhaltung verbinden sollte. Im August 1931 eröffnete er in seiner Heimatstadt eine Bibliothek, in der er sehr verschiedene Autoren führte, die, wie er in seiner Eröffnungsrede sagte, die gemeinsame Liebe für die Menschheit  verband, darunter Tolstoi, Nietzsche und Marx.

In dieser Zeit entstanden mehrere vielbeachtete Stücke, so die lyrische Tragödie „Bluthochzeit“, welche wiederum auf einem authentischen Fall beruht: Eine Braut wird von ihrem Cousin ermordet, ihrem Liebhaber, als sie noch minderjährige war.

Ein weiteres Stück, 'Das Publikum", schrieb er während eines Aufenthaltes auf Kuba. Es galt al! revolutionär in mehrerer Hinsicht.  Beeinflusst vom neuen Stil des Surrealismus, war es „vor allem ein bitteres sogar böses Stück, in welchem wir die Qualen eines Schriftstellers spüren, der von einer ungerechten Gesellschaft dazu verurteilt ist, sein wahres Selbst zu verbergen." Die einzige Figur in diesem Stück, die nicht heuchelt, ist Gonzalo. 

Immer wieder verurteilt Gonzalo die Doppelzüngigkeit, die Menschen daran hindert, sie selbst zu sein und die es ihnen unmöglich macht, ihre Sexualität auszuleben. Gonzalo wird gekreuzigt ...


Colin de la Motte-Sherman

Erschienen in DIE ANDERE WELT, Ausgabe 7/8 1991.

Jeder weitere Abdruck nur mit Genehmigung des Autors

 

Other source:

(1) Federico Garcia Lorca, von Karl Heinrich Ruppel, Berliner Hefte für geistiges Leben; 1948                         

(2) On the Trail of Lorca, by Gaby Macphedran, Gay Times, April 1997

(3) The wounded rose; Douglas Dunn, The Guardian (UK);  1996 (?)

(4) Hundred years war: A celebration of Federico Garcia Lorca; George De  Stefano; The Washington Blade, 30-10-1999

(5)   Federico Garcia Lorca,  Ian Gibson, Faber

(6)   In the Green Morning, Francisco Garcia Lorca, (trans. Christopher Maurer), Peter Owen.

 
 
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