Frauen an der Heimatfront  

Frauen an der Heimatfront
Im früheren Jugoslawien herrscht (1992) Krieg. Von Kriegen, die fast immer Männer anzetteln, sind Frauen stets in besonders harter Weise betroffen.

Colin de la Motte-Sherman sprach über die gegenwärtige (1992!) Situation der Frauen im zerfallenden Vielvölkerstaat mit der Serbin Maria, die in den letzten zehn Jahren in feministischen Gruppen mitwirkte. Mit der Belgrader Lesben- und Schwulengruppe "Arkadia" gehört.

Herausgegeben: Die Andere Welt, Juni 1992

C.M-S: Könnten Sie kurz den Ursprung der feministischen Bewegung im ehemaligen Jugoslawien schildern?

Maria: Historisch gesehen hat sich die Gruppe der Feministinnen - man kann kaum von Bewegung reden – in Belgrad entwickelt. Es begann vor etwa zehn Jahren mit Gesprächsrunden und öffentlichen Diskussionen. Nachher gab es Aktivitäten auf der Straße,  Protestbriefaktionen und dergleichen. Das war zwischen 1980 und 1990. Doch dann sagten wir uns, daß wir mehr tun sollten als reden, etwas Konkretes unternehmen. So entschied sich die Feministische Gruppe 1990, ein Hilfstelefon einzurichten für Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind. Eine ähnliche Gruppe bestand schon seit zwei Jahren in Zagreb und hat doch einiges erreicht. Wir wurden durch deren Arbeit stimuliert. Eine Unterkunft fanden wir in einem Jugendhaus, wo man uns ein Zimmer gab, welches wir am Nachmittag benutzen durften, wenn sie es nicht brauchten. Seit nunmehr zwei Jahren ist das Hilfstelefon täglich für vier Stunden, Sonntags zwei Stunden, besetzt.

Aus der feministischen Gruppe sind auch andere Gruppen hervorgegangen einschließlich einer, die Frauenstudien betreibt und Kurse zur Frauengeschichte und zu Frauenfragen vom feministischen Standpunkt aus anbietet.

C.M-S: Das Hilfstelefon haben Sie ja offenbar gestartet, weil Sie es für nötig erachtet haben. Worin hat sich ihnen dieses Bedürfnis dokumentieren?

Maria: Wir wussten von Beginn an, daß Gewalt etwas ist womit die meisten Frauen in irgendeiner Weise konfrontiert sind, eigentlich alle Frauen. Das Hilfstelefon war ein Weg, all diese Frauen zu erreichen. Etwa sechs Monate nach dem Start war uns klar, daß das Problem doch viel ernster ist als wir dachten. Unsere Statistiken zeigten, daß 30 Prozent der Frauen, die uns anriefen, ernsthafte Verletzung erlitten hatten.

C.M-S: Welcher Art waren diese Verletzungen?

Maria: Knochenbrüche, auch schwere Kopfverletzungen. Ein Drittel der Frauen erwähnte sogar Todesdrohungen mit Messern oder anderen Waffen. Sätze wie „Ich  werde dir die Kehle durchschneiden“. Wir waren ziemlich schockiert.

In 90 Prozent der Fälle geht die Gewalt von einem anderen Familienmitglied aus -  Ehemann, Partner, Partner, Sohn. manchmal dem Vater. Kaum erwähnen die Frauen Gewalt, die von Unbekannten ausgeht. Am meisten gefährdet sind die Frauen im eigenen Haus.

C.M-S: Wie ist das in Vergleich zu anderen Ländern?

Maria: Wir haben gute Kontakte zu SOS-Gruppen in Zagreb und Ljubljana gehabt, bis der Krieg begann. Wir glauben, die Lage ist vergleichbar mit der in anderen Ländern. Aber mit Beginn des Krieges ist es zu einer Veränderung der Situation gekommen: die Frauen berichten weit häufiger von Bedrohungen mit oder dem direkten Gebrauch von Waffen. Die Frauen sagen zum Beispiel: "Seit er von der Front zurück ist, schläft er mit der Pistole neben dem Bett, und er bedrohte mich damit.“

Die sexuelle Gewalt in den Familien, die Bedrohung mit Messern, sogar mit Maschinenpistolen, sind angestiegen. Eine andere Entwicklung seit Kriegsausbruch ist Gewalt mit nationalistischem Hintergrund: Männer sehen die nationalistische Hasspropaganda im Fernsehen, die bei ihnen Frust aufbaut. Vor einigen Monaten war es in Kroatien sehr schlimm. Da zeigten sie Bilder von Leichen und kommentierten, dieser Menschen seien von Faschisten umgebracht worden. Die Männer sehen so etwas, regen sich auf und schlagen ihre Frau, da sie „zur Hand" ist. Der Mann denkt vielleicht an seine Verwandten in Kroatien und wird gewalttätig gegen seine eigene Frau, obwohl sie die gleiche Nationalität er selbst hat.

Es gibt natürlich auch Anrufe von Frauen, die in einer gemischt nationalen Ehe leben, wo die Frau die Trennung will, weil die Situation den Haß zwischen den nationalen Gruppen so sehr schürt, daß die Ehe unmöglich weiterbestehen kann. Es war uns möglich, einigen Frauen zu helfen nach Zagreb zurückzukehren.

C.M-S: Können Sie uns vielleicht im Ansatz erklären, woraus sich dieser Hilfe entwickelt hat?

Maria: Da gibt es natürlich verschiedene Standpunkte. Eine Antwort, in der die meisten sicher übereinstimmen werden, ist, daß nationalistische Politik von Politikern betrieben wurde, um Macht zu bekommen. Nach dem Ende der kommunistischen Regimes - auch in anderen östlichen Ländern - gab es eins, worauf sich die Politiker verlassen konnten: nationalistische Gefühle. In Serbien beispielsweise basieren beide Parteien - Regierung und Opposition – auf Nationalismus, und das, obwohl sie einander bekämpfen. Die Opposition in Serbien ist zu 90 Prozent nationalistisch, nur Parteien,  die klein sind, sind dies nicht. Dieser Haß wurde geschürt von serbischen und kroatischen Politikern, die Macht haben wollten.

Es ist immer möglich, die Geschichte zu  durchforsten, um zu beweisen, diese oder jene nationale Gruppe hätte etwas gegen uns. Das ist immer möglich, nicht nur zwischen Serben und Kroaten. Man kann immer etwas finden. wenn man will.

Als Tito an der Macht war, wollte er das nicht und sprach von einer Brüderlichkeit der Bevölkerungs­gruppen, von der Einheit der verschiedenen Nationalitäten. Er verdeckte alle bisherigen Konflikte, und dies ist heute für viele Leute eine Erklärung dafür, daß jetzt alles so schlimm gekommen ist.

C.M-S: Wie trifft die Frauen der Krieg insgesamt?

Maria: Der Krieg hat zu vermehrter Gewalt auf allen Ebenen geführt, auch zwischen Männern. In Belgrad sind die Tötungsverbrechen Im Januar 1992 gegenüber 1991 auf das Doppelte gestiegen. Die Zahl war immer relativ gering im Vergleich mit westeuropäischen Großstädten. Und jetzt hat sie sich in nur zwölf Monaten verdoppelt. Die Männer kommen zurück aus dem Krieg, gehen in die Cafes, spielen mit den Pistolen in der Öffentlichkeit herum - manche der Todesfalle sind unbeabsichtigt. Aber es gibt zumindest vier paramilitärische Gruppen in Belgrad, die einander zuweilen bekämpfen.

Und natürlich steigt die Männer-Gewalt gegen Frauen. Vergewaltigungen finden statt, wenn die Soldaten an der Front sind, und wenn sie zurückkommen. vergewaltigt sie die Frauen im eigenen Dorf. Sie vergewaltigen nicht nur Frauen einer Nationalität. die sie hassen, sondern die Frauen. die sie finden.

Dann ist da die Prostitution, die man kaum so nennen kann, da die Frauen dazu gezwungen werden. Sie würden so gering bezahlt. da~ man es eine Art von Sklaverei nennen muß. Manche unter ihnen sind aus Russland und Polen, natürlich auch aus Serbien.

C.M-S: Sie meinen die organisierte Prostitution?

Maria: Ja. die organisierte. Eine paramilitärische, sehr sadistische und terroristische Belgrader Gruppe - ihr Anführer heißt Arkan - hat sie organisiert,  unter anderem für die Männer an der Front. Es gibt auch Nachtclubs in Belgrad dafür.

Charakteristisch für die Vergewaltigung im Krieg ist, daß sie in der Öffentlichkeit stattfindet, auf den Straßen. Ein weiteres Charakteristikum sind Gruppen -Vergewaltigungen: ein Mann berichtete in einer Zeitung, er erinnere sich nur, daß die Frau hässlich, er der zwanzigste und die Frau voller Sperma gewesen sei. Deshalb habe er sie getötet. Das ist die dritte Besonderheit: daß sie zur Tötung der Frau führen.

C.M-S: Das sind bestimmt nicht alle Probleme ...

Maria: Es gibt auch das Flüchtingsproblem - seit Beginn des Krieges etwa eine halbe Million. Zuerst gingen sie nach Bosnien, jetzt sehen sie von dort nach Kroatien, Serbien und Slowenien. Das Flüchtlingsproblem wird meist von den Frauen getragen. Normaleweise ist es die Frauen, die versuchen müssen,  alle zu versorgen.

Dann gibt es auch die Arbeitslosigkeit. In den letzten Monaten ist sie sehr schlimm geworden. Häufig sind es Frauen und Alleinstehende, die ihren Job verlieren - das schließt natürlich Lesben und Schwule ein. Ein Freund von mir ist vor einer Woche arbeitslos geworden. Er ist Zahnarzt. Wir haben einen „technologischen Überschuss“. Er war auch davon betroffen.

Das eigentliche Problem ist, daß das Geld nicht reicht um die Leute zu bezahlen.

Viele Einrichtungen gehörten dem Bund: ihnen wurde das Geld gekürzt, da Bundes­einrichtungen auch in Serbien nicht mehr den Status von früher haben. Viele Intellektuelle, die Freunde oder Verwandte in Frankreich, England oder sonst wo hatten, sind deswegen ausgereist.

C.M-S: Die schwierigste Frage von allen: Sehen Sie einen Ausweg?

Maria: Ich muß sagen, ich habe absolut kein Vertrauen In das serbische Parlament. Wie ich und einige meiner Freunde in der Friedensbewegung dies beurteilen, sind Gehorsam und nationalistische Haltung die Kriterien des Präsidenten bei der Ernennung neuer Parlamentsmitglieder. Vor drei Monaten wechselte die Hälfte der Parlamentarier, aber kaum jemand hat von den neuen Leuten etwas gehört. Das gleiche gilt für neue Minister - sie verstehen wenig von ihrem Ressort. Das macht es fast unmöglich, sich vorzustellen, solche Leute könnten zur Verbesserung der Lage beitragen. Die Politik des Präsidenten läßt sich etwa so beschreiben: Man stellt ihm die· Frage: „Ist dieses Buch grün oder rot?“ und er antwortet: „Es existiert nicht.“ Der bosnische Präsident fordert den Abzug der serbischen paramilitärischen Verbände, und der serbische Präsident sagt: "Wir haben keine dort.' Ein Dialog ist unter diesen Bedingungen überhaupt nicht möglich.

C.M-S: Sind unter diesen Verhältnissen lesbisch-schwule Aktivitäten überhaupt noch denkbar?

Maria: Kaum, aber Belgrad hat das Privileg, daß es der Krieg bisher nicht erreicht hat, im Gegensatz zu den meisten Teilen des Landes: Zagreb, Ljubljana und Bosnien sind bereits erfaßt. Alle irgendwie alternativen Gruppen in Kroatien haben Ihre Aktivitäten auf Friedensarbeit umgeschaltet. Auch Arkadia in Belgrad machte während des Krieges in Kroatien "nur" Friedensarbeit. Es ist gänzlich unmöglich, zum Publikum zu gehen und mit ihm über Schwule und Lesben zu reden, während das alles hier passiert. Wir haben allerdings unsere Protestschreiben weitergeführt, da in dieser Situation jede Bevölkerungsgruppe, die anders ist, zum Feind gestempelt wird - wie Kroaten und Albaner, so sind es jetzt noch mehr als früher auch Juden und natürlich auch Homosexuelle. „Arkadia" protestierte deshalb gegen einige Aussagen von Vertretern des öffentlichen Lebens.

Wir haben ja noch immer den Absatz im serbischen Strafgesetz. der homosexuelle Beziehungen erwachsener Männer kriminalisiert. Wir haben dahingehend unsere Plane, wollen aber warten, bis sich die Kriegslage entspannt. Doch jetzt lodert das Feuer in Bosnien gerade wieder hoch.

Die Lage ist so tragisch, daß es manchmal unmöglich ist, zu denken. Das Gehirn kann es nicht mehr begreifen. Manchmal sagen wir uns. man muß weitermachen, aber man kann das einfach nicht, da man an die Freunde denken muß in Kroatien oder Bosnien, die hungern oder sich wegen die Schießereien in der Mitte des Gebäudes verschanzen oder - in Kellern leben müssen, oder an jene. die gestorben sind. Es ist frustrierend und sehr traurig.

Dennoch planen wir mit den oppositionellen Parteien links von der Mitte zu reden. zum Beispiel mit der Demokratischen Partei. Wir haben absolut kein Geld, weshalb wir den Plan für ein Bulletin immer wieder verschieben müssen. Wir konnten momentan nicht mal ein kopiertes Bulletin herausgeben. Das ist entmutigend, aber in den letzten Monaten konnten wir wenigstens eine schwul-lesbische Radiosendung innerhalb des Studentenprogramms eines unabhängigen Senders machen, der nur in Belgrad empfangen werden kann. Übrigens der einzige Sender, der gegen den Krieg ist - er ist kein Staatssender. Aus privaten, personellen Gründen wurde aber die Sendereihe beendet.

C.M-S: Gibt es nationalistische Vorbehalte auch in der Homosexuellenbewegung?

Maria: „Arkadia" gibt es erst seit Oktober 1990 - aber die Lesben haben schon vordem innerhalb verschiedener Frauengruppen gearbeitet. Jedes Jahr halten wir unsere landesweiten Treffen: in Zagreb, Belgrad oder Ljubljana, und immer gab es auch einen Lesben-Workshop.

Natürlich ist die Lage unklar, aber wir haben, unsere Treffen fortführen können. Das Problem ist, daß auch einige Frauen - wie die Männer - sich von nationalistischen Emotionen leiten lassen und damit die lesbisch-schwule Solidarität unterdrücken. Einige haben einfach gesagt, sie wollten keinen Kontakt mehr mit uns haben. Dasselbe findet unter den feministischen Gruppen statt. Es gibt feministisch-kroatische Gruppen, zu denen der Kontakt sehr schwierig ist, seit sie uns Serbierinnen als Aggressoren sehen. Obwohl ich glaube, alle Feministinnen in Belgrad sind gegen den Krieg und sicherlich gegen die Regierung, werden wir dennoch als Aggressoren betrachtet. Es ist schwierig für uns, die Schuld, die uns gegeben wird, zu überwinden, und schwierig für sie, uns nicht als Angreifer zu sehen.

Für mich ist das persönlich sehr kompliziert, denn ich selbst identifiziere mich zuerst als Frau, dann als Lesbe und kaum als Serbin. Wahr ist jedoch, daß wir hier immer ein privilegiertes Leben hatten, da Belgrad die Hauptstadt war und Serbien immer der größte Staat Jugoslawiens.

Es stimmt auch, daß die Bundesarmee Menschen in Slowenien und Kroatien und jetzt auch Muslime und Kroaten m Bosnien bombardiert und erschossen hat. Serbien hat immer die Regierungsmacht in Jugoslawien gehabt. Ich muß das in Betracht ziehen, wenn ich heute mit Frauen aus Kroatien rede. Trotzdem: Viele Frauen und Lesben wollen die Solidarität zwischen uns aufrechterhalten.

C-M-S: Ich bedanke mich für das Gespräch.

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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