C.M-S: Könnten
Sie kurz den Ursprung der feministischen Bewegung im ehemaligen
Jugoslawien schildern?
Maria: Historisch
gesehen hat sich die Gruppe der Feministinnen - man kann kaum von
Bewegung reden – in Belgrad entwickelt. Es begann vor etwa zehn
Jahren mit Gesprächsrunden und öffentlichen Diskussionen. Nachher
gab es Aktivitäten auf der Straße, Protestbriefaktionen und dergleichen.
Das war zwischen 1980 und 1990. Doch dann sagten wir uns, daß wir
mehr tun sollten als reden, etwas Konkretes unternehmen. So entschied
sich die Feministische Gruppe 1990, ein Hilfstelefon einzurichten
für Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind. Eine
ähnliche Gruppe bestand schon seit zwei Jahren in Zagreb und hat
doch einiges erreicht. Wir wurden durch deren Arbeit stimuliert.
Eine Unterkunft fanden wir in einem Jugendhaus, wo man uns ein Zimmer
gab, welches wir am Nachmittag benutzen durften, wenn sie es nicht
brauchten. Seit nunmehr zwei Jahren ist das Hilfstelefon täglich
für vier Stunden, Sonntags zwei Stunden, besetzt.
Aus der feministischen Gruppe sind auch andere Gruppen hervorgegangen
einschließlich einer, die Frauenstudien betreibt und Kurse zur Frauengeschichte
und zu Frauenfragen vom feministischen Standpunkt aus anbietet.
C.M-S:
Das Hilfstelefon haben Sie ja offenbar gestartet, weil
Sie es für nötig erachtet haben. Worin hat sich ihnen dieses Bedürfnis
dokumentieren?
Maria: Wir wussten von Beginn an, daß Gewalt etwas
ist womit die meisten Frauen in irgendeiner Weise konfrontiert sind,
eigentlich alle Frauen. Das Hilfstelefon war ein Weg, all diese
Frauen zu erreichen. Etwa sechs Monate nach dem Start war uns klar,
daß das Problem doch viel ernster ist als wir dachten. Unsere Statistiken
zeigten, daß 30 Prozent der Frauen, die uns anriefen, ernsthafte
Verletzung erlitten hatten.
C.M-S:
Welcher Art waren diese Verletzungen?
Maria: Knochenbrüche,
auch schwere Kopfverletzungen. Ein Drittel der Frauen erwähnte sogar
Todesdrohungen mit Messern oder anderen Waffen. Sätze wie „Ich
werde dir die Kehle durchschneiden“. Wir waren ziemlich schockiert.
In 90 Prozent der Fälle geht die Gewalt von einem anderen Familienmitglied
aus - Ehemann, Partner, Partner, Sohn. manchmal dem Vater. Kaum
erwähnen die Frauen Gewalt, die von Unbekannten ausgeht. Am meisten
gefährdet sind die Frauen im eigenen Haus.
C.M-S: Wie ist
das in Vergleich zu anderen Ländern?
Maria:
Wir haben gute Kontakte zu SOS-Gruppen in Zagreb und
Ljubljana gehabt, bis der Krieg begann. Wir glauben, die Lage ist
vergleichbar mit der in anderen Ländern. Aber mit Beginn des Krieges
ist es zu einer Veränderung der Situation gekommen: die Frauen berichten
weit häufiger von Bedrohungen mit oder dem direkten Gebrauch von
Waffen. Die Frauen sagen zum Beispiel: "Seit er von der Front
zurück ist, schläft er mit der Pistole neben dem Bett, und er bedrohte
mich damit.“
Die sexuelle Gewalt in den Familien, die Bedrohung mit Messern,
sogar mit Maschinenpistolen, sind angestiegen. Eine andere Entwicklung
seit Kriegsausbruch ist Gewalt mit nationalistischem Hintergrund:
Männer sehen die nationalistische Hasspropaganda im Fernsehen, die
bei ihnen Frust aufbaut. Vor einigen Monaten war es in Kroatien
sehr schlimm. Da zeigten sie Bilder von Leichen und kommentierten,
dieser Menschen seien von Faschisten umgebracht worden. Die Männer
sehen so etwas, regen sich auf und schlagen ihre Frau, da sie „zur
Hand" ist. Der Mann denkt vielleicht an seine Verwandten in
Kroatien und wird gewalttätig gegen seine eigene Frau, obwohl sie
die gleiche Nationalität er selbst hat.
Es gibt natürlich auch Anrufe von Frauen, die in einer gemischt
nationalen Ehe leben, wo die Frau die Trennung will, weil die Situation
den Haß zwischen den nationalen Gruppen so sehr schürt, daß die
Ehe unmöglich weiterbestehen kann. Es war uns möglich, einigen Frauen
zu helfen nach Zagreb zurückzukehren.
C.M-S:
Können Sie uns vielleicht im Ansatz erklären, woraus
sich dieser Hilfe entwickelt hat?
Maria:
Da gibt es natürlich verschiedene Standpunkte. Eine Antwort,
in der die meisten sicher übereinstimmen werden, ist, daß nationalistische
Politik von Politikern betrieben wurde, um Macht zu bekommen. Nach
dem Ende der kommunistischen Regimes - auch in anderen östlichen
Ländern - gab es eins, worauf sich die Politiker verlassen konnten:
nationalistische Gefühle. In Serbien beispielsweise basieren beide
Parteien - Regierung und Opposition – auf Nationalismus, und das,
obwohl sie einander bekämpfen. Die Opposition in Serbien ist zu
90 Prozent nationalistisch, nur Parteien, die klein sind, sind
dies nicht. Dieser Haß wurde geschürt von serbischen und kroatischen
Politikern, die Macht haben wollten.
Es ist immer möglich, die Geschichte zu durchforsten, um zu beweisen,
diese oder jene nationale Gruppe hätte etwas gegen uns. Das ist
immer möglich, nicht nur zwischen Serben und Kroaten. Man kann immer
etwas finden. wenn man will.
Als Tito an der Macht war, wollte er das nicht und sprach von einer
Brüderlichkeit der Bevölkerungsgruppen, von der Einheit der verschiedenen
Nationalitäten. Er verdeckte alle bisherigen Konflikte, und dies
ist heute für viele Leute eine Erklärung dafür, daß jetzt alles
so schlimm gekommen ist.
C.M-S:
Wie trifft die Frauen der Krieg insgesamt?
Maria: Der Krieg
hat zu vermehrter Gewalt auf allen Ebenen geführt, auch zwischen
Männern. In Belgrad sind die Tötungsverbrechen Im Januar 1992 gegenüber
1991 auf das Doppelte gestiegen. Die Zahl war immer relativ gering
im Vergleich mit westeuropäischen Großstädten. Und jetzt hat sie
sich in nur zwölf Monaten verdoppelt. Die Männer kommen zurück aus
dem Krieg, gehen in die Cafes, spielen mit den Pistolen in der Öffentlichkeit
herum - manche der Todesfalle sind unbeabsichtigt. Aber es gibt
zumindest vier paramilitärische Gruppen in Belgrad, die einander
zuweilen bekämpfen.
Und natürlich steigt die Männer-Gewalt gegen Frauen. Vergewaltigungen
finden statt, wenn die Soldaten an der Front sind, und wenn sie
zurückkommen. vergewaltigt sie die Frauen im eigenen Dorf. Sie vergewaltigen
nicht nur Frauen einer Nationalität. die sie hassen, sondern die
Frauen. die sie finden.
Dann ist da die Prostitution, die man kaum so nennen kann, da die
Frauen dazu gezwungen werden. Sie würden so gering bezahlt. da~
man es eine Art von Sklaverei nennen muß. Manche unter ihnen sind
aus Russland und Polen, natürlich auch aus Serbien.
C.M-S:
Sie meinen die organisierte Prostitution?
Maria: Ja. die organisierte.
Eine paramilitärische, sehr sadistische und terroristische Belgrader
Gruppe - ihr Anführer heißt Arkan - hat sie organisiert, unter
anderem für die Männer an der Front. Es gibt auch Nachtclubs in
Belgrad dafür.
Charakteristisch für die Vergewaltigung im Krieg ist, daß sie in
der Öffentlichkeit stattfindet, auf den Straßen. Ein weiteres Charakteristikum
sind Gruppen -Vergewaltigungen: ein Mann berichtete in einer Zeitung,
er erinnere sich nur, daß die Frau hässlich, er der zwanzigste und
die Frau voller Sperma gewesen sei. Deshalb habe er sie getötet.
Das ist die dritte Besonderheit: daß sie zur Tötung der Frau führen.
C.M-S:
Das sind bestimmt nicht alle Probleme ...
Maria: Es gibt
auch das Flüchtingsproblem - seit Beginn des Krieges etwa eine
halbe Million. Zuerst gingen sie nach Bosnien, jetzt sehen sie von
dort nach Kroatien, Serbien und Slowenien. Das Flüchtlingsproblem
wird meist von den Frauen getragen. Normaleweise ist es die Frauen,
die versuchen müssen, alle zu versorgen.
Dann gibt es auch die Arbeitslosigkeit. In den letzten Monaten
ist sie sehr schlimm geworden. Häufig sind es Frauen und Alleinstehende,
die ihren Job verlieren - das schließt natürlich Lesben und Schwule
ein. Ein Freund von mir ist vor einer Woche arbeitslos geworden.
Er ist Zahnarzt. Wir haben einen „technologischen Überschuss“. Er
war auch davon betroffen.
Das eigentliche Problem ist, daß das Geld nicht reicht um die Leute
zu bezahlen.
Viele Einrichtungen gehörten dem Bund: ihnen wurde das Geld gekürzt,
da Bundeseinrichtungen auch in Serbien nicht mehr den Status von
früher haben. Viele Intellektuelle, die Freunde oder Verwandte in
Frankreich, England oder sonst wo hatten, sind deswegen ausgereist.
C.M-S:
Die schwierigste Frage von allen: Sehen Sie einen Ausweg?
Maria:
Ich muß sagen, ich habe absolut kein Vertrauen In das
serbische Parlament. Wie ich und einige meiner Freunde in der Friedensbewegung
dies beurteilen, sind Gehorsam und nationalistische Haltung die
Kriterien des Präsidenten bei der Ernennung neuer Parlamentsmitglieder.
Vor drei Monaten wechselte die Hälfte der Parlamentarier, aber kaum
jemand hat von den neuen Leuten etwas gehört. Das gleiche gilt für
neue Minister - sie verstehen wenig von ihrem Ressort. Das macht
es fast unmöglich, sich vorzustellen, solche Leute könnten zur Verbesserung
der Lage beitragen. Die Politik des Präsidenten läßt sich etwa so
beschreiben: Man stellt ihm die· Frage: „Ist dieses Buch grün oder
rot?“ und er antwortet: „Es existiert nicht.“ Der bosnische Präsident
fordert den Abzug der serbischen paramilitärischen Verbände, und
der serbische Präsident sagt: "Wir haben keine dort.' Ein Dialog
ist unter diesen Bedingungen überhaupt nicht möglich.
C.M-S: Sind
unter diesen Verhältnissen lesbisch-schwule Aktivitäten überhaupt
noch denkbar?
Maria: Kaum, aber Belgrad hat das Privileg,
daß es der Krieg bisher nicht erreicht hat, im Gegensatz zu den
meisten Teilen des Landes: Zagreb, Ljubljana und Bosnien sind bereits
erfaßt. Alle irgendwie alternativen Gruppen in Kroatien haben Ihre
Aktivitäten auf Friedensarbeit umgeschaltet. Auch Arkadia in Belgrad
machte während des Krieges in Kroatien "nur" Friedensarbeit.
Es ist gänzlich unmöglich, zum Publikum zu gehen und mit ihm über
Schwule und Lesben zu reden, während das alles hier passiert. Wir
haben allerdings unsere Protestschreiben weitergeführt, da in dieser
Situation jede Bevölkerungsgruppe, die anders ist, zum Feind gestempelt
wird - wie Kroaten und Albaner, so sind es jetzt noch mehr als früher
auch Juden und natürlich auch Homosexuelle. „Arkadia" protestierte
deshalb gegen einige Aussagen von Vertretern des öffentlichen Lebens.
Wir haben ja noch immer den Absatz im serbischen Strafgesetz. der
homosexuelle Beziehungen erwachsener Männer kriminalisiert. Wir
haben dahingehend unsere Plane, wollen aber warten, bis sich die
Kriegslage entspannt. Doch jetzt lodert das Feuer in Bosnien gerade
wieder hoch.
Die Lage ist so tragisch, daß es manchmal unmöglich ist, zu denken.
Das Gehirn kann es nicht mehr begreifen. Manchmal sagen wir uns.
man muß weitermachen, aber man kann das einfach nicht, da man an
die Freunde denken muß in Kroatien oder Bosnien, die hungern oder
sich wegen die Schießereien in der Mitte des Gebäudes verschanzen
oder - in Kellern leben müssen, oder an jene. die gestorben sind.
Es ist frustrierend und sehr traurig.
Dennoch planen wir mit den oppositionellen Parteien links von der
Mitte zu reden. zum Beispiel mit der Demokratischen Partei. Wir
haben absolut kein Geld, weshalb wir den Plan für ein Bulletin immer
wieder verschieben müssen. Wir konnten momentan nicht mal ein kopiertes
Bulletin herausgeben. Das ist entmutigend, aber in den letzten Monaten
konnten wir wenigstens eine schwul-lesbische Radiosendung innerhalb
des Studentenprogramms eines unabhängigen Senders machen, der nur
in Belgrad empfangen werden kann. Übrigens der einzige Sender, der
gegen den Krieg ist - er ist kein Staatssender. Aus privaten, personellen
Gründen wurde aber die Sendereihe beendet.
C.M-S:
Gibt es nationalistische Vorbehalte auch in der Homosexuellenbewegung?
Maria: „Arkadia"
gibt es erst seit Oktober 1990 - aber die Lesben haben schon vordem
innerhalb verschiedener Frauengruppen gearbeitet. Jedes Jahr halten
wir unsere landesweiten Treffen: in Zagreb, Belgrad oder Ljubljana,
und immer gab es auch einen Lesben-Workshop.
Natürlich ist die Lage unklar, aber wir haben, unsere Treffen fortführen
können. Das Problem ist, daß auch einige Frauen - wie die Männer
- sich von nationalistischen Emotionen leiten lassen und damit die
lesbisch-schwule Solidarität unterdrücken. Einige haben einfach
gesagt, sie wollten keinen Kontakt mehr mit uns haben. Dasselbe
findet unter den feministischen Gruppen statt. Es gibt feministisch-kroatische
Gruppen, zu denen der Kontakt sehr schwierig ist, seit sie uns Serbierinnen
als Aggressoren sehen. Obwohl ich glaube, alle Feministinnen
in Belgrad sind gegen den Krieg und sicherlich gegen die Regierung,
werden wir dennoch als Aggressoren betrachtet. Es ist schwierig
für uns, die Schuld, die uns gegeben wird, zu überwinden, und schwierig
für sie, uns nicht als Angreifer zu sehen.
Für mich ist das persönlich sehr kompliziert, denn ich selbst identifiziere
mich zuerst als Frau, dann als Lesbe und kaum als Serbin. Wahr ist
jedoch, daß wir hier immer ein privilegiertes Leben hatten, da Belgrad
die Hauptstadt war und Serbien immer der größte Staat Jugoslawiens.
Es stimmt auch, daß die Bundesarmee Menschen in Slowenien und Kroatien
und jetzt auch Muslime und Kroaten m Bosnien bombardiert und erschossen
hat. Serbien hat immer die Regierungsmacht in Jugoslawien gehabt.
Ich muß das in Betracht ziehen, wenn ich heute mit Frauen aus Kroatien
rede. Trotzdem: Viele Frauen und Lesben wollen die Solidarität zwischen
uns aufrechterhalten.
C-M-S: Ich bedanke
mich für das Gespräch.
Colin de la Motte-Sherman
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