Christopher
Marlowe, geboren am 6. Februar 1564, gilt bis heute als der bedeutendste
englische Dramatiker vor Shakespeare. Von seiem halben Dutzend
Dramen sind einige noch heute bekannt, so unter anderem "Dr.
Faustus", "Der Jude von Malta" oder "Edward
II.". In seinem Werk spiegelt sich das Lebensgefühl der Renaissance
wider. Kennzeichnend für Marlowes Stücke ist vor allem, daß er
darin pathetisch und metaphernreich mit Leidenschaft nach Macht
strebende Charaktere zeichnet. Im realen Leben es währte keine
30 Jahre dürften ihm solche Menschen keinesfalls fremd gewesen
sein. Mit unserem Beitrag erinnern wir an den Todestag des berühmten
Dichters und Stückeschreibers, der sich am 30. Mai zum 400. Male
jährt.
Marlowe zahlte die Zeche
n
einem Gasthaus in Deptford, einem Vorort und damals Hafen von London,
spielt Christopher Marlowe mit Bekannten Karten: An seinem Tisch
sitzen Ingram Frizer, Robert Poley und Nicholas Skeres. Nach dem
Abendessen flammt ein Disput auf. "Der besagte Ingram bangte
um sein Leben und versetzte mit einem Dolch im Werte von zwölf Pennys
dem besagten Christopher über dem rechten Auge eine tödliche Wunde
mit einer Tiefe von zwei und einer Breite von einem Zoll."
So spielte sich der offiziellen "Meldung" nach die Todesszene
Christopher Marlowes ab, des Autoren jenes berühmt gewordenen Dramas
Edward II, welches die Theaterwissenschaft später als erstes
"schwules" Theaterstück in englischer Sprache verzeichnen
sollte.
Marlowe starb der Überlieferung nach auf der Stelle vor 400 Jahren,
am frühen Abend des 30. Mai 1593. Die oben beschriebene Szene, für
sich betrachtet, könnte als das blutige Ende eines Streites unter
Zechbrüdern abgetan werden. Ob sie dies in der Tat gewesen ist,
werden wir wahrscheinlich nie erfahren, aber Zweifel sind angebracht,
zumal die Umstände von Marlowes Tod höchst merkwürdig sind.
Wenige Jahre später, 1598, werden Ingram Frizer und Nicholas Skeres
eines Betruges angeklagt, den sie im Jahre 1593, kurz nachdem ihnen
die Königin die Strafe für die Ermordung Marlowes erlassen hatte,
begangen haben sollen. Robert Poley und Nicolas Skeres stehen damals
nachweislich in Diensten des königlichen "Nachrichtendienstes".
Zwei Wochen nach Marlowes Tod erhält Robert Poley 30 Pfund
von der Schatzkanzlei ausgezahlt, und zwar "für die Beförderung
von Post der Königin in besonderen und geheimen Affären von großer
Wichtigkeit ... vom 8. Mai bis 8. Juni war (Poley) die
ganze Zeit im Dienste Ihrer Majestät." Das heißt dann aber
auch, im Dienst der Majestät in der Zeit, als Marlowe in Deptford
starb.
Damals ist ganz Europa durch Kämpfe, Kriege und religiöse Auseinandersetzungen
zerrissen. In dieser Zeit politisch-religiöser Konflikte und Kriege,
in der jeder einen Freund oder Familienangehörigen kannte, der
für seinen Glauben gefoltert wurde oder starb, verläßt im Dezember
1580 der fast 17 Jahre alte Christopher Marlowe sein heimatliches
Canterbury und geht nach Cambridge, um dort zu studieren.
Während seines Studiums in Cambridge wird Marlowe ein enger Freund
des ebenfalls gerade 17jährigen Thomas Walsinghams, der schon in
diesem jugendlichen Alter geheimdeinstlich tätig ist. Er ist enger
Freund, Schutzherr und gleichzeitig mit hoher Wahrscheinlichkeit
auch der Liebhaber Marlowes.
Die Indizien, daß auch Marlowe ein Agent wurde heute würde man
vielleicht "Informeller Mitarbeiter" sagen , verdichten
sich zum Frühjahr 1585 hin. Er gibt plötzlich, für seinen Umgebung
spürbar, viel mehr Geld aus, als er es sich als Student, der nur
auf ein Stipendium angewiesen ist, eigentlich leisten könnte.
Es kommen Gerüchte auf, daß Marlowe die Absicht hätte, nach Reims
zu gehen, und er deshalb seinen Doktortitel nicht bekommen soll.
Im französischen Reims werden in jenen Jahren katholische Priester
ausgebildet, die dann heimlich nach England zurückkehren. Ein 1587
aufgesetzter Brief des Königlichen Geheimrats an die Universitätsbehörden
von Cambridge attestiert Marlowe: "... In allen seinen Aktivitäten
verhielt er sich richtig und diskret, wobei er der Königin gute
Dienste leistete ... Es erfreut die Königin ganz und gar nicht,
daß jemand (wie Marlowe C.M-S.), der mit Dingen befaßt ist, die
seinem Land Vorteile bringen sollen, dafür diffamiert wird ...
"
Kurz nachdem er Cambridge verlassen hat man schreibt das Jahr 1587
, wird Marlowes Stück Timur der Große uraufgeführt. In einer
Broschüre beschreibt ein Rivale Marlowe in einer Kritik als "Atheisten
und Zauberer" beides damals schwerwiegende Anschuldigungen.
Aber der Erfolg des Stückes ist so groß, das bereits im Herbst des
selben Jahres Timur II aufgeführt wird.
Wahrscheinlich verdankt Marlowe diese Erfolge seinem "Schutzengel"
Thomas Walsingham. Dieser jedoch ist nicht allein Marlowes Vertrauter,
sondern auch der von Ingram Frizer. Und vor allem ist er einn Cousin
des Spionagechefs der Königin, Sir Frances Walsingham. Letzterer
galt eigentlich als der "Außenminister" der Königin. Als
Geheimdienstchef jedoch befehligte er Außenstellen in ganz Europa,
was sich vor allem gegen den Katholizismus richtete: die Angehörigen
der katholischen Minderheit in England wurden folglich als "Agenten
einer fremden Macht" betrachtet. Der Geheimdienst von Sir Frances
Walsingham war allerdings nicht der einzige in England. Lord Burghley,
seines Zeichens Königlicher Schatzkanzler und Chefberater, sowie
der Earl of Leicester als Militärchef besaßen ebenfalls ihre eigenen
Geheimdienste.
Damals mußten "geheime Nachrichten" aufgeschrieben werden
oder man mußte sie sich ins Gedächtnis eingeprägen. Sie wurden zu
Fuß oder zu Pferd überbracht. Daraus ergab sich eine hohe Rate von
mißglückten "Nachrichtenübermittlungen" z. B. bei
den Botschaften an Maria Stuart, Königin von Schottland, die in
England im Gefängnis saß. Ihre Post wurde häufig abgefangen.
Man hatte damals schon Bücher über Chiffrierung, und Thomas Phelippes,
Frances Walsinghams Chiffrier-Experte, kam eine Schlüsselrolle zu
bei der Aufdeckung der Babington-Verschwörung von 1586, ebenjenem
Komplott, das zur Hinrichtungen Maria Stuarts führte. Thomas Walsingham,
seit 1584 gut mit Robert Poley bekannt, war gleichfalls in die Aufdeckung
des "Babington Plot" verwickelt, ebenso wie Nicholas Skeres,
der als Agent-Provocateur tätig wurde.
Als am 6. April 1590 Sir Frances Walsingham stirbt, entsteht ein
Machtvakuum. Zwei konkurrierende Netzwerke entwickeln sich, als
verschiedene Fraktionen versuchen, den Geheimdienst unter ihre Kontrolle
zu bringen.
1591 teilt Marlowe in London ein Zimmer mit dem Dichter und Stückeschreiber
Thomas Kyd. Beide wie auch Shakespeare schreiben Stücke für die
Lord Stranges Men, die berühmteste Schauspieltruppe jener
Tage. Ihr Leiter, Lord Strange, ist jedoch als Nachkomme einer katholischen
Familie, die sogar entfernt mit der königlichen Familie verwandt
ist, suspekt. Und er gilt als eine mögliche Alternative zur protestantischen
Königin Elisabeth. Seine Nähe zum Kreis um Lord Strange versetzt
Christopher Marlowe in die delikate Lage, ihn zu observieren und
darüber zu berichten können. Lord Strange seinerseits scheint aber
etwas von Marlowes verdeckten Aktivitäten geahnt zu haben, worauf
eine spätere Aussage von Thomas Kyd hindeutet: "... Niemals
konnte My Lord seinen Namen oder das Gesicht (Marlowes C. S.)
ertragen."
Im Januar 1592 hält sich Christopher Marlowe in der damals in englischem
Besitz befindlichen Stadt Flushing (Niederlande) auf. Marlowe wird
dort beschuldigt, falsche Schillinge gemünzt und verräterische Absichten
gehegt zu haben. Er wird nach London gebracht und muß Lord Burghley
höchstselbst Rede und Antwort stehen. Es ist bis heute nicht ganz
klar, ob Marlowe überhaupt dafür zur Rechenschaft gezogen wird.
Jedenfalls befindet er sich im Mai 1592 auf freiem Fuß. Was auch
insofern verwunderlich ist, als Falschmünzerei den damals geltenden
Gesetzen zufolge mit dem Tode zu bestrafen ist. Wird er von oben
geschützt? Wie auch immer, Marlowe wird einmal mehr in den "Dienst
der Königin" genommen, möglicherweise um ein "katholisches
Komplott" in der Gruppe um Lord Strange zu beobachten.
Doch Marlowes Verwicklungen reißen nicht ab. Im Mai 1593 ist Marlowe
in einen Skandal um eine ausländerfeindliche Parole involviert,
die auf der Außenwand einer Londoner Kirche angebracht war. Marlowes
"familiärer Freund", Thomas Kyd, wird als Unruhestifter
verdächtigt , sein Zimmer wird durchsucht, und Kyd wird im Gefängnis
von Brideswell gefoltert. Unter den Qualen der Folter sagt Kyd aus,
daß er von Christopher Marlowe ein Dokument erhalten habe, das "ketzerische
Ideen gegen die Heiligkeit Jesu Christi" zum Inhalt gehabt
habe. Kyd bestätigt das Bild Marlowes als das eines Propagandisten
gegen die Religion: "Er pflegte bei Tisch oder auch sonst Witze
über die Heilige Schrift zu erzählen und sich über Gebete lustig
zu machen ." Auch homosexuelle Gotteslästerungen sollen laut
Kyd über Marlowes Lippen gekommen sein: "St. Johannes, der
Evangelist, war ein Bettfreund von Jesus und trieb es mit ihm wie
die Sünder von Sodom." Dies wurde am 27. Mai 1593 drei Tage
vor Marlowes Tod durch zwei Spione bestätigt, die noch hinzufügten:
"Alle Christen sollten es sich angelegen sein lassen, einem
solchen gefährlichen Menschen den Mund zu stopfen."
Am 28. Juni 1593, also bereits nach Marlowes Tod, wird ein enger
"Freund" und Verfechter von Marlowes Ideen, Richard Cholmeley,
festgenommen. Marlowe und seine Gefolgschaft werden des Atheismus
und der Unruhestiftung angeklagt. Die in dem Bericht darüber erwähnten
Mitglieder der Aufrührergruppe aber sind alle irgendwann in geheimdienstlichen
Aktivitäten verwickelt gewesen!
Richard Cholmeley gibt an, daß Marlowe den Dichter und Abenteurer
Sir Walter Raleigh "atheistisch beeinflußt" habe. Raleigh,
der im Parlament gegen die Niederländer sprach, sich auch gegen
eine Verschärfung der religiösen Intoleranz stark machte und zudem
ohne Erlaubnis eine Hofdame der Königin geheiratet hatte, wurde
daraufhin unter Hausarrest gestellt. Vom Militärchef, dem bereits
erwähnten Earl of Essex, ist zudem überliefert, daß er über Jahre
hinweg Raleighs bitterster Feind gewesen sei.
Über Christopher Marlowe wird postum eine Kampagne entfacht. Er
wird als Bedrohung für Religion und Gesellschaft geschildert. Seine
Stücke, so die Anklagen, hätten den Pöbel in Aufruhr gebracht, seine
"atheistischen" Ideen den Staat gefährdet. Es steht kaum
im Zweifel, daß diese Kampagne ihren Ursprung in höfischen Intrigen
hat. Hinzu kommt der Umstand, daß Richard Cholmeley einer der Hauptagenten
des Earl of Essex ist und Nicholas Skeres auch zu des Earls Männern
gehörte. Essex und Ralegh fanden übrigens gleichermaßen auf den
Richtblock ihr Ende.
Häufig wird gesagt, daß Marlowe in einer Taverne bei einem Streit
über die zu zahlende Zeche umgebracht wurde. Doch dem ist sicherlich
nicht so gewesen. Mrs. Bull, die Wirtin des Gasthofes, war die
Witwe eines örtlichen Beamten, Nachkommin einer angesehenen Familie
und mit dem königlichen Schatzkanzler Lord Burghley bekannt. Aller
Wahrscheinlichkeit nach ist ihr Haus keine Kneipe, sondern eine
Pension gewesen, und den Indizien nach ist Marlowe in voller Absicht
durch Mitglieder eines Geheimdienstes ermordet worden, da er zu
"unbequem" wurde. Die strittige "Zeche" war
von einer gänzlich anderen Art und ganz wo anders aufgestellt. Marlowe
mußte sie mit seinem Leben bezahlen.
"Marlowe war nicht der erste und nicht der letzte Schriftsteller,
die sich mit einem Geheimdienst einließ. Von Geoffrey Chaucer
(Canterbury Tales), über, Daniel Defoe (Robinson Crusoe), Somerset
Maugham, Rudyard Kipling (Das Dschungelbuch) bis Graham Greene
(Unser Mann in Havanna) reicht diese kurze Liste allein der Engländer.
Schriftsteller waren eben "dran", sie beherrschten die
internationale Sprache Latein, und wollten die
Welt sehen ..." (Charles Nicholl)
Colin de la Motte-Sherman
April 1993
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