Marlowe zahlte die Zeche  


Marlowe zahlte die Zeche
Christopher Marlowe (1564-1593)

Herausgegeben: April 1993


Christopher Marlowe, geboren am 6. Februar 1564, gilt bis heute als der bedeutendste englische Dramatiker vor Shakespeare. Von seiem halben Dutzend Dramen sind einige noch heute bekannt, so unter anderem "Dr. Faustus", "Der Jude von Malta" oder "Edward II.". In seinem Werk spiegelt sich das Lebensgefühl der Renaissance wider. Kennzeichnend für Marlowes Stücke ist vor allem, daß er darin pathetisch und metaphernreich  mit Leidenschaft nach Macht strebende Charaktere zeichnet. Im realen Leben es währte keine 30 Jahre dürften ihm solche Menschen keinesfalls fremd gewesen sein. Mit unserem Beitrag erinnern wir an den Todestag des berühmten Dichters und Stückeschreibers, der sich am 30. Mai zum 400. Male jährt.


Marlowe zahlte die Zeche

n einem Gasthaus in Deptford, einem Vorort und damals Hafen von London, spielt Christopher Marlowe mit Bekannten Karten: An seinem Tisch sitzen Ingram Frizer, Robert Poley und Nicholas Skeres. Nach dem Abendessen flammt ein Disput auf. "Der besagte Ingram bangte um sein Leben und versetzte mit einem Dolch im Werte von zwölf Pennys dem besagten Christo­pher über dem rechten Auge eine tödliche Wunde mit einer Tiefe von zwei und einer Breite von einem Zoll." So spielte sich der offiziellen "Meldung" nach die Todesszene Christopher Marlowes ab, des Autoren jenes berühmt gewordenen Dramas Edward II, welches die Theaterwissenschaft später als erstes "schwules" Theaterstück in englischer Sprache verzeichnen sollte.

Marlowe starb der Überlieferung nach auf der Stelle vor 400 Jahren, am frühen Abend des 30. Mai 1593. Die oben beschriebene Szene, für sich betrachtet, könnte als das blutige Ende eines Streites unter Zechbrüdern abgetan werden. Ob sie dies in der Tat gewesen ist, werden wir wahrscheinlich nie erfahren, aber Zweifel sind angebracht, zumal die Umstände von Marlowes Tod höchst merkwürdig sind.

Wenige Jahre später, 1598, werden Ingram Frizer und Nicholas Skeres eines Betruges angeklagt, den sie im Jahre 1593, kurz nachdem ihnen die Königin die Strafe für die Ermordung Marlowes erlassen hatte, begangen haben sollen. Robert Poley und Nicolas Skeres stehen damals nachweislich in Diensten des königlichen "Nachrichtendienstes". Zwei Wochen nach Marlowes Tod erhält Robert Poley 30 Pfund von der Schatzkanzlei ausgezahlt, und zwar "für die Beförderung von Post der Königin in besonderen und geheimen Affären von großer Wichtigkeit ... vom 8. Mai bis 8. Juni war (Poley) die ganze Zeit im Dienste Ihrer Majestät." Das heißt dann aber auch, im Dienst der Majestät in der Zeit, als Marlowe in Deptford starb.

Damals ist ganz Europa durch Kämpfe, Kriege und religiöse Auseinandersetzungen zerrissen. In dieser Zeit politisch-religiöser Konflikte und Kriege, in der jeder einen Freund oder Famili­enangehörigen kannte, der für seinen Glauben gefoltert wurde oder starb, verläßt im Dezember 1580 der fast 17 Jahre alte Christopher Marlowe sein heimatliches Canterbury und geht nach Cambridge, um dort zu studieren.

Während seines Studiums in Cambridge wird Marlowe ein enger Freund des ebenfalls gerade 17jährigen Thomas Walsinghams, der schon in diesem jugendlichen Alter geheimdeinstlich tätig ist. Er ist enger Freund, Schutzherr und gleichzeitig mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Liebhaber Marlowes.

Die Indizien, daß auch Marlowe ein Agent wurde heute würde man vielleicht "Informeller Mitarbeiter" sagen , verdichten sich zum Frühjahr 1585 hin. Er gibt plötzlich, für seinen Umgebung spürbar, viel mehr Geld aus, als er es sich als Student, der nur auf ein Stipendium an­gewiesen ist, eigentlich leisten könnte.

Es kommen Gerüchte auf, daß Marlowe die Absicht hätte, nach Reims zu gehen, und er des­halb seinen Doktortitel nicht bekommen soll. Im französischen Reims werden in jenen Jahren katholische Priester ausgebildet, die dann heimlich nach England zurückkehren. Ein 1587 aufgesetzter Brief des Königlichen Geheimrats an die Universitätsbehörden von Cambridge attestiert Marlowe: "... In allen seinen Aktivitäten verhielt er sich richtig und diskret, wobei er der Königin gute Dienste leistete ... Es erfreut die Königin ganz und gar nicht, daß jemand (wie Marlowe C.M-S.), der mit Dingen befaßt ist, die seinem Land Vorteile bringen sollen, dafür diffamiert wird ... " 

Kurz nachdem er Cambridge verlassen hat man schreibt das Jahr 1587 , wird Marlowes Stück Timur der Große uraufgeführt. In einer Broschüre beschreibt ein Rivale Marlowe in einer Kritik als "Atheisten und Zauberer" beides damals schwerwiegende Anschuldigungen. Aber der Erfolg des Stückes ist so groß, das bereits im Herbst des selben Jahres Timur II aufgeführt wird.

Wahrscheinlich verdankt Marlowe diese Erfolge seinem "Schutzengel" Thomas Walsingham. Dieser jedoch ist nicht allein Marlowes Vertrauter, sondern auch der von Ingram Frizer. Und vor allem ist er einn Cousin des Spionagechefs der Königin, Sir Frances Walsingham. Letzterer galt eigentlich als der "Außenminister" der Königin. Als Geheimdienstchef jedoch befehligte er Außenstellen in ganz Europa, was sich vor allem gegen den Katholizismus richtete: die Ange­hörigen der katholischen Minderheit in England wurden folglich als "Agenten einer fremden Macht" betrachtet. Der Geheimdienst von Sir Frances Walsingham war allerdings nicht der einzige in England. Lord Burghley, seines Zeichens Königlicher Schatzkanzler und Chefberater, sowie der Earl of Leicester als Militärchef besaßen ebenfalls ihre eigenen Geheimdienste.

Damals mußten "geheime Nachrichten" aufgeschrieben werden oder man mußte sie sich ins Gedächtnis eingeprägen. Sie wurden zu Fuß oder zu Pferd überbracht. Daraus ergab sich eine hohe Rate von mißglückten "Nachrichtenübermittlungen" z. B. bei den Botschaften an Maria Stuart, Königin von Schottland, die in England im Gefängnis saß. Ihre Post wurde häufig abgefangen.

Man hatte damals schon Bücher über Chiffrierung, und Thomas Phelippes, Frances Walsinghams Chiffrier-Experte, kam eine Schlüsselrolle zu bei der Aufdeckung  der Babington-Verschwörung von 1586, ebenjenem Komplott, das zur Hinrichtungen Maria Stuarts führte. Thomas Walsingham, seit 1584 gut mit Robert Poley bekannt, war gleichfalls in die Aufdeckung des "Babington Plot" verwickelt, ebenso wie Nicholas Skeres, der als Agent-Provocateur tätig wurde.

Als am 6. April 1590 Sir Frances Walsingham stirbt, entsteht ein Machtvakuum. Zwei konkur­rierende Netzwerke entwickeln sich, als verschiedene Fraktionen versuchen, den Geheimdienst unter ihre Kontrolle zu bringen.

1591 teilt Marlowe in London ein Zimmer mit dem Dichter und Stückeschreiber Thomas Kyd. Beide wie auch Shakespeare schreiben Stücke für die Lord Stranges Men, die berühmteste Schauspieltruppe jener Tage. Ihr Leiter, Lord Strange, ist jedoch als Nachkomme einer katholischen Familie, die sogar entfernt mit der königlichen Familie verwandt ist, suspekt. Und er gilt als eine mögliche Alternative zur protestantischen Königin Elisabeth. Seine Nähe zum Kreis um Lord Strange versetzt Christopher Marlowe in die delikate Lage, ihn zu observieren und darüber zu berichten können. Lord Strange seinerseits scheint aber etwas von Marlowes verdeckten Aktivitäten geahnt zu haben, worauf eine spätere Aussage von Thomas Kyd hindeutet: "... Niemals konnte My Lord seinen Namen oder das Gesicht (Marlowes C. S.) ertragen."

Im Januar 1592 hält sich Christopher Marlowe in der damals in englischem Besitz befindlichen Stadt Flushing (Niederlande) auf. Marlowe wird dort beschuldigt, falsche Schillinge gemünzt und verräterische Absichten gehegt zu haben. Er wird nach London gebracht und muß Lord Burghley höchstselbst Rede und Antwort stehen. Es ist bis heute nicht ganz klar, ob Marlowe überhaupt dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Jedenfalls befindet er sich im Mai 1592 auf freiem Fuß. Was auch insofern verwunderlich ist, als Falschmünzerei den damals geltenden Gesetzen zufolge mit dem Tode zu bestrafen ist. Wird er von oben geschützt? Wie auch immer, Marlowe wird einmal mehr in den "Dienst der Königin" genommen, möglicherweise um ein "katholisches Komplott" in der Gruppe um Lord Strange zu beobachten.

Doch Marlowes Verwicklungen reißen nicht ab. Im Mai 1593 ist Marlowe in einen Skandal um eine ausländerfeindliche Parole involviert, die auf der Außenwand einer Londoner Kirche an­gebracht war. Marlowes "familiärer Freund", Thomas Kyd, wird als Unruhestifter verdächtigt , sein Zimmer wird durchsucht, und Kyd wird im Gefängnis von Brideswell gefoltert. Unter den Qualen der Folter sagt Kyd aus, daß er von Christopher Marlowe ein Dokument erhalten habe, das "ketzerische Ideen gegen die Heiligkeit Jesu Christi" zum Inhalt gehabt habe. Kyd bestätigt das Bild Marlowes als das eines Propagandisten gegen die Religion: "Er pflegte bei Tisch oder auch sonst Witze über die Heilige Schrift zu erzählen und sich über Gebete lustig zu machen ." Auch homosexuelle Gotteslästerungen sollen laut Kyd über Marlowes Lippen gekommen sein: "St. Johannes, der Evangelist, war ein Bettfreund von Jesus und trieb es mit ihm wie die Sünder von Sodom." Dies wurde am 27. Mai 1593 drei Tage vor Marlowes Tod durch zwei Spione bestätigt, die noch hinzufügten: "Alle Christen sollten es sich angelegen sein lassen, einem solchen gefährlichen Menschen den Mund zu stopfen."

Am 28. Juni 1593, also bereits nach Marlowes Tod, wird ein enger "Freund" und Verfechter von Marlowes Ideen, Richard Cholmeley, festgenommen. Marlowe und seine Gefolgschaft werden des Atheismus und der Unruhestiftung angeklagt. Die in dem Bericht darüber erwähnten Mitglieder der Aufrührergruppe aber sind alle irgendwann in geheimdienstlichen Aktivitäten verwickelt gewesen!

Richard Cholmeley gibt an, daß Marlowe den Dichter und Abenteurer Sir Walter Raleigh "atheistisch beeinflußt" habe. Raleigh, der im Parlament gegen die Niederländer sprach, sich auch gegen eine Verschärfung der religiösen Intoleranz stark machte und zudem ohne Erlaubnis eine Hofdame der Königin geheiratet hatte, wurde daraufhin unter Hausarrest gestellt. Vom Militärchef, dem bereits erwähnten Earl of Essex, ist zudem überliefert, daß er über Jahre hinweg Raleighs bitterster Feind gewesen sei.

Über Christopher Marlowe wird postum eine Kampagne entfacht. Er wird als Bedrohung für Religion und Gesellschaft geschildert. Seine Stücke, so die Anklagen, hätten den Pöbel in Aufruhr gebracht, seine "atheistischen" Ideen den Staat gefährdet. Es steht kaum im Zweifel, daß diese Kampagne ihren Ursprung in höfischen Intrigen hat. Hinzu kommt der Umstand, daß Richard Cholmeley einer der Hauptagenten des Earl of Essex ist und Nicholas Skeres auch zu des Earls Männern gehörte. Essex und Ralegh fanden übrigens gleichermaßen auf den Richtblock ihr Ende.

Häufig wird gesagt, daß Marlowe in einer Taverne bei einem Streit über die zu zahlende Zeche umgebracht wurde. Doch dem ist sicherlich nicht so gewesen. Mrs. Bull, die Wirtin des Gast­hofes, war die Witwe eines örtlichen Beamten, Nachkommin einer angesehenen Familie und mit dem königlichen Schatzkanzler Lord Burghley bekannt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist ihr Haus keine Kneipe, sondern eine Pension gewesen, und den Indizien nach ist Marlowe in voller Absicht durch Mitglieder eines Geheimdienstes ermordet worden, da er zu "unbequem" wurde. Die strittige "Zeche" war von einer gänzlich anderen Art und ganz wo anders aufgestellt. Marlowe mußte sie mit seinem Leben bezahlen.

"Marlowe war nicht der erste und nicht der letzte Schriftsteller, die sich mit einem Geheim­dienst einließ. Von Geoffrey Chaucer (Canterbury Tales), über, Daniel Defoe (Robinson Crusoe), Somerset Maugham, Rudyard Kipling (Das Dschungelbuch) bis Graham Greene (Unser Mann in Havanna) reicht diese kurze Liste allein der Engländer. Schriftsteller waren eben "dran", sie beherrschten die internationale Sprache Latein, und wollten die Welt sehen ..." (Charles Nicholl)


Colin de la Motte-Sherman
April 1993

 
 
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