Rebecca Seville  


Portrait in eigenen Worten: Rebecca Seville, Generalsekretärin der ILGA, Lima, Peru
herausgegeben: Februar 1993


ls ich noch zur Schule ging, verliebte ich mich in meine Lehrerin und auch noch in andere Frauen meiner Oberschule. Aber das war nur eine Art Spiel. Ich war mir bewußt, daß ich sehr viele "Anti-Haltungen" in mir hatte. Als Kinder beispielsweise haben wir "Familie" gespielt, Sie wissen schon, mit Vater und Mutter. Ein Kind spielte die Rolle der Mutter, von der man erwartete, daß sie Kinder bekam. Ich habe diesen Part nie akzeptiert. Am häufigsten spielte ich den Vater oder den Arzt der Familie. Auch meine Kleider waren sozusagen "anti-familiär", ich lehnte die "weibliche Rolle" ab. Ich glaube, ich hatte vielleicht so etwas wie ein "lesbisches Feedback", weil ich oft die Sachen meines Bruders trug, seine Hemden. Meine Großmutter versuchte einmal, mich zum Tragen sehr femininer Kleidung zu zwingen, aber ich entgegnete "Nein, das will ich nicht. Das ist mein Körper und ich trage, was ich will! Wenn Du mich nicht so mit zur Party nehmen willst, wie ich bin, dann okay."

Ich hatte meine Wahl getroffen. Es gab viele Kinder in der Familie, ich war das jüngste. In der Schule machte ich keine Schwierigkeiten. Was das betrifft, war ich wohl ganz gut. Ich glaube, das hat mein Selbstbewußtsein gestärkt. Meine Mutter war ziemlich liberal, na, vielleicht ist "liberal" nicht das richtige Wort. Wir waren nämlich so viele Kinder, daß meine Mutter Kinder über hatte, und vielleicht ließ sie mich deshalb sein, wie ich wollte.

Meine Familie gehörte zur unteren Mittelschicht. Als ich älter wurde, stellte ich fest, daß es sehr schwierig war, eine Lesben-Gruppe in meiner Gesellschaftsschicht zu finden. Ebenso schwer war für mich zu ertragen, daß ich zwar das Leben als Lesbe sehr mochte auch das Zusammenleben mit einer Frau , diese aber sehr "versteckt" und voneinander isoliert im Untergrund existierten. Ich wurde mir darüber klar, daß dies Teil das realen Leben einer Lesbe in Lima war, aber ich wollte dagegen kämpfen. Ich versuchte, Verbindungen mit einigen feministischen Gruppen aufzunehmen, auch mit Homosexuellen, damit ich selbst nicht auch so isoliert war. Von Beginn an wurde ich in diesen Gruppen aktiv, habe ich versucht, meine Isolierung zu durchbrechen.

Ich hatte keine Ahnung von Lesbianismus, aber meine erste Partnerin war sehr eingeschüchtert, lebte sehr versteckt. Sie wollte nicht, daß zu irgendjemandem über meine Liebe, meine Beziehung zu ihr sprach. Dabei fühlte ich mich sehr unbehaglich. Ich dachte: "Wenn das lesbischer Lebensstil sein soll, dann bin ich keine Lesbe." Ich denke, vielen Frauen erging es ebenso wie mir, und vor zehn Jahren war es noch viel schwieriger. Man konnte über diese Dinge einfach nicht sprechen. Die Leute, meine Freunde, meine Familie hätten mich abgelehnt. Es war ein sehr heimliches und romanhaftes Leben. Wir wußten beide nicht, wohin wir gehen sollten, wir hatten kein Zuhause. Doch es war auch eine sehr wichtige Erfahrung.

Nicht nur lesbische Frauen wußten nicht, wohin sie gehen sollten. Die meisten Frauen bei uns leben in ihren Familien und verlassen sie erst, wenn sie heiraten. Der Mangel an ökonomischer Unabhängigkeit hindert vor allem die jüngeren Frauen daran, ein eigenes Leben zu führen. Das gilt vor allem für Lesben. Sie brauchen einen Ort, wo sie allein und unter sich sein können. Selbst in der Hauptstadt gibt es für niemanden genügend Platz.

Überhaupt ist es in unserer Gesellschaft sehr schwer, als Frau allein zu leben. Sie wird sofort als "leichtes Mädchen" abgestempelt. So erging es auch mir, als ich mit meiner ersten Partnerin zusammenwohnte. Manchmal kamen Freundinnen zu einer kleinen Party, darunter auch Lesben, Freundinnen meine Partnerin. Wir wurden für Prostituierte gehalten, da alle in der Nacht nach Hause gingen oder eben für Lesben. Ob wir nun Huren oder Lesben waren in jedem Falle war es nichts Gutes für die Nachbarschaft, wie uns erzählt wurde.

Zu dieser Zeit enstand eine Krise in unserer Beziehung, ich wohnte dort nicht mehr ständig, sondern lebte im Haushalt meiner Schwester. Ich war sehr durcheinander. Sie hat mich nicht dazu gezwungen, aber immer dieser Druck, alles geheimzuhalten ich habe es nicht ausgehalten. Ich weinte, sprach mit meiner Schwester und meinen Freunden über mein Leben und meine Gefühle, und sie haben mir sehr geholfen. Ich war so konfus, daß ich nicht mehr wußte, was die Wahrheit ist. So begann ich eine Art Therapie, bekam auch psychologische Hilfe. Ich hatte in meinem bisherigen Leben viele Wandlungen durchgemacht: Ich hatte mein Studium abgebrochen, angefangen zu arbeiten, auf mich selbst gestellt zu leben; ich hatte eine lesbische Beziehung begonnen, mein Zuhause verlassen ... Mit so vielen verschiedenen Gefühlen mußte ich allein fertig werden.

In der Therapie sprachen wir über meine Sexualität und darüber, wie ich wieder "normal" werden könnte. Ich fühlte mich ganz normal. Ob ich Probleme in meinen Beziehungen zu Männern hatte? Ich sagte, daß ich meiner Meinung nach ganz gute Beziehungen zu Männern hätte. In der Universität war ich die einzige Frau in einer männlichen Seminargruppe. In einer so konservativen Gesellschaft wie der in Peru sind die meisten Studentinnen nur an der Universität, um sich einen Mann zu suchen. Sie studieren zwar, aber nicht, weil sie später wirklich einen Beruf ausüben wollen. Ich haßte diesen Frauentyp: sehr konservativ, sehr formell. Ich suchte nach einem anderen Weg, mit meiner Weiblichkeit, meiner Sexualität in einem so konservativen Land zu leben.

Die Lesben- und Schwulenbewegung existierte zu diesem Zeitpunkt schon, die feministische war noch sehr klein. Auch in der Linkspartei, wo ich damals Mitglied war, ging es sehr männlich und sexuell sehr konservativ zu. Ich hatte bis dahin nur die Beziehung mit dieser einen Frau gehabt und dachte mir, na ja, dann bin ich wahrscheinlich keine Lesbe. Ich begann eine Beziehung zu einem Mann, versuchte, den "normalen" Weg zu gehen. Aber nach zwei Jahren hatte ich ein neues Verhältnis  zu einer lesbischen Frau, das zweite in meinem Leben. Dann sagte ich mir, daß diese ganze Therapie Blödsinn ist, ich in Wirklichkeit völlig normal bin und alles andere Nonsens ist.

Ich studierte Ökonomie an einer katholischen Universität, als gute Studentin, als gute Tochter der Familie. Bis zu meiner dritten Liaison mit einer Frau und meinem stärkeren Engagement in sozialen Bewegungen. Zu der Zeit herrschte eine Art Diktatur in Lima. Eine Feministinnengruppe, zu der ich 1983 engere Verbindung aufgenommen hatte, schickte mich zu einer Konferenz, an der etwa 200 bis 300 Frauen teilnahmen. In einer kleinen Arbeitsgruppe die nicht Teil des offiziellen Programms sein durfte wurde über Lesbianismus diskutiert. Das hat mich ebenso verwirrt wie die Konferenz selbst. Meine Gefühle als Lesbe waren etwa die: 'So viele schöne Frauen diskutieren hier intensiv über Frauenthemen und sind sehr glücklich dabei. Wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten sie haben ...' Der Versuch jedoch, herauszubekommen, welche Lesbe ist und welche nicht, schlug fehl. 'Oh', habe ich gedacht, 'was passiert hier schon wieder mit dir', und ich fühlte mich etwas unbehaglich in meiner Haut, weil ich mich in so viele Frauen verliebte. Ich habe mit Ihnen geflirtet, nun, und das war dann wohl der Beginn meiner politischen Aktivistenzeit.

1984/85 begannen die Lesben und Schwulen, sich gemeinsam zu organisieren. Wir wußten nichts voneinander die Frauen nichts von den Männern und umgekehrt. Die Männerorganisation hatte etwa zwei Jahre nach ihrem Start schon ein wenig Geld und konnte sich einen Treffpunkt leisten. Ich arbeitete immer noch bei der feministisch-lesbischen Gruppe, die in bezug auf Ökonomie, Subventionen und all das radikaler war. Ich dachte, es sei Unsinn, nicht zusammenzuarbeiten, und versuchte, die Unterstützung der Feministinnen für eine Kooperation zu bekommen. Das war meine Art des Engage­ments für Lesben in einer Gesellschaft, wo das Leben der Frauen so traurig und so schwierig ist. Eine Lesbengruppe aufzubauen war zwar gut, nicht aber eine separate Gruppe in unserer Finanzkrise. Wir brauchten Geld, um unser eigenes Leben führen zu können, aber Geld für eine Gruppe zu bekommen, war noch weitaus schwieriger. Veranstaltungen für Frauen müssen sehr niedrige Preise haben, sonst können sie nicht daran teilnehmen.

Nachdem zwei Jahren in der Lesbengruppe bin ich zu einer "Männergruppe" übergewechselt. Ich dachte, wenn sie sich als "gemischt" betrachten, sollten sie das auch sein. Ich arbeite jetzt seit fünf Jahren offiziell mit ihnen, der Beginn meiner internationalen Tätigkeit ist auch ihnen zu verdanken. Sie schickten mich zur ILGA-Konferenz, ich erhielt immer mehr Unterstützung, und immer mehr Lesben schlos­sen sich uns an, so daß wir jetzt ein Geschlechterverhältnis von etwa 50 zu 50 in der Führung und 60 zu 40 bei der Mitgliedschaft haben.

Wir treten heute in TV-Programmen auf, erscheinen in Magazinen und Zeitungen. Wir zeigen ein anderes als das von den Leuten erwartete Gesicht. Oscar, unser Vorsitzender, kleidet sich ganz unauffällig. Wenn die Leute ihn sehen, müssen sie ihre Meinung revidieren. Wir sprechen auch nicht nur über Sexualverhalten. sondern über Menschenrechte, Armut, das Gesundheits­wesen, über Frauenrechte, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Der Gedanke der Menschenrechte liegt unseren gesamten Aktivitäten zugrunde. Bei Gesprächen über diese Themen setzen wir uns sehr für Frieden, die Achtung vor den Menschen und für ihr Lebensrecht ein. Und das in einem Land wie Peru, in dem in den letzten zehn Jahren 25.000 Menschen in einem von vielen geleugneten Bürgerkrieg getötet wurden, einem Bürgerkrieg, der Realität ist. Über all das sprechen wir; wir haben sowohl die Exzesse des "Leuchtenden Pfades" kritisiert, der behauptet, daß er eine besserer Welt schaffen will, als auch die der Regierungskräfte. Wir bekommen große Unterstützung von verschieden Gruppen, die unsere Zielsetzung und Ansichten respektieren, und das auch, weil wir die Unterschiede zwischen Menschen akzeptieren.

Genauso tun wir es in der Homosexuellensphäre mit Transsexuellen, Transvestiten, Bisexuellen und Frauen. Manche Frauen sind so durcheinander, daß sie nicht mehr wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Wir bieten unsere Hilfe allen an, auch den Heterosexuellen. Wir müssen zusammenarbeiten und stellen Platz zur Verfügung, wo andere Räume zu teuer sein würden. Jeder kann sich bei uns treffen, vorausgesetzt, er respektiert die anderen, die da sind. Wir schicken auch Fachleute in Schulen und Universitäten.

Die Einstellung zu Lesben hat sich in Peru langsam verbessert, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte für die "Frau, die ein Verhältnis mit einer Frau hat". Die meisten jedoch betrachten sich selbst nicht als lesbisch. Sie mögen das Wort nicht. Wann immer etwas schief geht auf dem Gebiet der Menschenrechte, sich irgendetwas, wie sie meinen, gegen Lesben richtet, so nehmen sie das als eine Art gerechte Strafe hin. Auch in bezug auf das Gesetz glauben die Leute, daß der Einsatz der Polizei legal ist, dann sie wissen nicht genügend über ihre eigenen Rechte. Und das schließt natürlich auch die Lesben und Schwulen ein. Sie fühlen sich nicht als gleichberechtigte Bürger. Sie glauben, daß die Polizei das Recht hat, eine Bar zu überfallen und Verhaftungen vorzunehmen und lassen es zu. Wir versuchen, diese Einstellung dahingehend zu verändern, daß die Leute fragen: "He, was ist hier los, warum nehmen Sie mich fest? Was habe ich getan?"

Vor Jahren gab es sehr viele Polizeiübergriffe. Dazu muß man wissen, daß die Gesetze Homosexualität nur als einen Scheidungsgrund kennen, sonst nichts, aber die moralische Kriterien sind sehr stark. Natürlich auch die Vorurteile der Richter. Wenn jemand, der schwul zu sein scheint, vor Gericht steht, wird er anders behandelt. Das passiert auch mit Lesben, wenn sie einem Job suchen. Viele Arbeitgeber verlangen, daß man in formeller Frauenkleidung erscheint. In diesem Sinne werden Leute in den Untergrund gezwungen, werden genötigt, eine Rolle zu spielen, jene Rollen, die die Heteros von ihnen erwarten "aktiv" und "passiv". Offensichtlich ist es nach zehnjährigem Kampf der Lesben und Schwulen leichter, "modern" zu sein. Wir benutzen das Wort "modern", um zu zeigen, daß man sowohl aktiv als auch passiv sein kann und keine Rolle spielen muß. Die meisten Peruaner haben noch immer ein Bild von einem Homosexuellen, das dem eines Transvestiten entspricht, da solche Menschen leicht erkennbar sind. Auch diese Ansichten ändern sich langsam.

Als wir anfingen, hatten wir nur zwei oder drei Diskotheken für Lesben und Schwule. Jetzt sind es in Lima vierzehn. Die bringen uns das so dringend benötigte Geld, da wir keine anderen Quellen haben. Zu Beginn waren es nur wenige Diskotheken geheim. Jetzt sind sie ganz offiziell, da Homosexuellen nicht mehr ganz so erschreckend für einige Leute sind. Und die Polizei überfallt die Diskos auch nicht mehr, da sie von unserer Existenz Kenntnis hat, und wir bei Bedarf legale Aktionen gegen Sie organisieren können. In zwei Fälle haben wir über die ILGA eine internationale Aktion gestartet und die Regierenden erhielten hunderte von Protestbriefen. Inzwischen haben sie ihre Strategie überarbeitet; manchmal ändern sie ihre Taktik und warten, bis ein Paar die Disko allein verläßt. Dann berauben sie es, und falls es Lesben sind, wird versucht, sie zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Auf alle Fälle verhält sich die Polizei noch immer sehr feindselig gegenüber Homosexuellen, aber auch anderen Gruppen, beispielsweise Prostituierten. Wir setzen unsere Leute unter Druck, solche Fälle anzuzeigen, weil das der einzig legale Weg ist, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Wir wollen sie überzeugen, daß auch Homosexuelle keine Angst haben dürfen und sie etwas unternehmen müssen, um die Ungerechtigkeit in ihrem Leben zu beenden. Wir respektieren die Angelegenheiten der anderen und stellen fest, daß wir langsam mehr Unterstützung bekommen. In der Homosexuellengemeinschaft gewinnt man langsam das Selbstvertrauen.

In einem Land aber, in dem in den letzten zehn Jahren 25.000 Menschen aus politischen Gründen getötet wurden, geht man mit Menschenrechten nicht eben sensibel um; der Wert eines Menschenlebens wird sehr gering geschätzt. In den letzten vier Jahren gab es zahlreiche Morde im Zusammenang mit radikalen Parteien. In den Jahren 1986/87 wurden mehr als 125 Homosexuelle ermordet. Zwei von den in Lima Ermordeten waren mit einer Botschaft des linksextre­misti­schen "Leuchtenden Pfades" versehen. Bei 2.000 Toten in einem Jahr sind die Leute über einen getöten Homosexuellen nicht sehr betroffen.

Die Menschen haben Angst vor dem Leuchtenden Pfad, aber wir meinen, zu schweigen ist viel schlimmer; wir müssen uns zu Wort melden, auch in bezug auf die anderen Linksparteien. Wir sagen, wenn das ihre Methode ist, sich mit gegensätzlichen Ideologien auseinanderzusetzen, so wollen wir davon nichts wissen. Homosexualität ist keine ideologischer Grund, jemanden zu bestraften. Sie haben kein moralisches Recht dazu. Wir sind gegen alles, wodurch man sein Leben verlieren kann, nur weil man menschlich zu sein versucht.

Colin de la Motte-Sherman (1993)

 
 
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