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ich noch zur Schule ging, verliebte ich mich in meine Lehrerin und
auch noch in andere Frauen meiner Oberschule. Aber das war nur eine
Art Spiel. Ich war mir bewußt, daß ich sehr viele "Anti-Haltungen"
in mir hatte. Als Kinder beispielsweise haben wir "Familie"
gespielt, Sie wissen schon, mit Vater und Mutter. Ein Kind spielte
die Rolle der Mutter, von der man erwartete, daß sie Kinder bekam.
Ich habe diesen Part nie akzeptiert. Am häufigsten spielte ich den
Vater oder den Arzt der Familie. Auch meine Kleider waren sozusagen
"anti-familiär", ich lehnte die "weibliche Rolle"
ab. Ich glaube, ich hatte vielleicht so etwas wie ein "lesbisches
Feedback", weil ich oft die Sachen meines Bruders trug, seine
Hemden. Meine Großmutter versuchte einmal, mich zum Tragen sehr
femininer Kleidung zu zwingen, aber ich entgegnete "Nein, das
will ich nicht. Das ist mein Körper und ich trage, was ich will!
Wenn Du mich nicht so mit zur Party nehmen willst, wie ich bin,
dann okay."
Ich hatte meine Wahl getroffen. Es gab viele Kinder in der Familie,
ich war das jüngste. In der Schule machte ich keine Schwierigkeiten.
Was das betrifft, war ich wohl ganz gut. Ich glaube, das hat mein
Selbstbewußtsein gestärkt. Meine Mutter war ziemlich liberal, na,
vielleicht ist "liberal" nicht das richtige Wort. Wir
waren nämlich so viele Kinder, daß meine Mutter Kinder über hatte,
und vielleicht ließ sie mich deshalb sein, wie ich wollte.
Meine Familie gehörte zur unteren Mittelschicht. Als ich älter
wurde, stellte ich fest, daß es sehr schwierig war, eine Lesben-Gruppe
in meiner Gesellschaftsschicht zu finden. Ebenso schwer war für
mich zu ertragen, daß ich zwar das Leben als Lesbe sehr mochte auch
das Zusammenleben mit einer Frau , diese aber sehr "versteckt"
und voneinander isoliert im Untergrund existierten. Ich wurde mir
darüber klar, daß dies Teil das realen Leben einer Lesbe in Lima
war, aber ich wollte dagegen kämpfen. Ich versuchte, Verbindungen
mit einigen feministischen Gruppen aufzunehmen, auch mit Homosexuellen,
damit ich selbst nicht auch so isoliert war. Von Beginn an wurde
ich in diesen Gruppen aktiv, habe ich versucht, meine Isolierung
zu durchbrechen.
Ich hatte keine Ahnung von Lesbianismus, aber meine erste Partnerin
war sehr eingeschüchtert, lebte sehr versteckt. Sie wollte nicht,
daß zu irgendjemandem über meine Liebe, meine Beziehung zu ihr sprach.
Dabei fühlte ich mich sehr unbehaglich. Ich dachte: "Wenn das
lesbischer Lebensstil sein soll, dann bin ich keine Lesbe."
Ich denke, vielen Frauen erging es ebenso wie mir, und vor zehn
Jahren war es noch viel schwieriger. Man konnte über diese Dinge
einfach nicht sprechen. Die Leute, meine Freunde, meine Familie
hätten mich abgelehnt. Es war ein sehr heimliches und romanhaftes
Leben. Wir wußten beide nicht, wohin wir gehen sollten, wir hatten
kein Zuhause. Doch es war auch eine sehr wichtige Erfahrung.
Nicht nur lesbische Frauen wußten nicht, wohin sie gehen sollten.
Die meisten Frauen bei uns leben in ihren Familien und verlassen
sie erst, wenn sie heiraten. Der Mangel an ökonomischer Unabhängigkeit
hindert vor allem die jüngeren Frauen daran, ein eigenes Leben zu
führen. Das gilt vor allem für Lesben. Sie brauchen einen Ort, wo
sie allein und unter sich sein können. Selbst in der Hauptstadt
gibt es für niemanden genügend Platz.
Überhaupt ist es in unserer Gesellschaft sehr schwer, als Frau
allein zu leben. Sie wird sofort als "leichtes Mädchen"
abgestempelt. So erging es auch mir, als ich mit meiner ersten Partnerin
zusammenwohnte. Manchmal kamen Freundinnen zu einer kleinen Party,
darunter auch Lesben, Freundinnen meine Partnerin. Wir wurden für
Prostituierte gehalten, da alle in der Nacht nach Hause gingen oder
eben für Lesben. Ob wir nun Huren oder Lesben waren in jedem Falle
war es nichts Gutes für die Nachbarschaft, wie uns erzählt wurde.
Zu dieser Zeit enstand eine Krise in unserer Beziehung, ich wohnte
dort nicht mehr ständig, sondern lebte im Haushalt meiner Schwester.
Ich war sehr durcheinander. Sie hat mich nicht dazu gezwungen, aber
immer dieser Druck, alles geheimzuhalten ich habe es nicht ausgehalten.
Ich weinte, sprach mit meiner Schwester und meinen Freunden über
mein Leben und meine Gefühle, und sie haben mir sehr geholfen. Ich
war so konfus, daß ich nicht mehr wußte, was die Wahrheit ist. So
begann ich eine Art Therapie, bekam auch psychologische Hilfe. Ich
hatte in meinem bisherigen Leben viele Wandlungen durchgemacht:
Ich hatte mein Studium abgebrochen, angefangen zu arbeiten, auf
mich selbst gestellt zu leben; ich hatte eine lesbische Beziehung
begonnen, mein Zuhause verlassen ... Mit so vielen verschiedenen
Gefühlen mußte ich allein fertig werden.
In der Therapie sprachen wir über meine Sexualität und darüber,
wie ich wieder "normal" werden könnte. Ich fühlte mich
ganz normal. Ob ich Probleme in meinen Beziehungen zu Männern hatte?
Ich sagte, daß ich meiner Meinung nach ganz gute Beziehungen zu
Männern hätte. In der Universität war ich die einzige Frau in einer
männlichen Seminargruppe. In einer so konservativen Gesellschaft
wie der in Peru sind die meisten Studentinnen nur an der Universität,
um sich einen Mann zu suchen. Sie studieren zwar, aber nicht, weil
sie später wirklich einen Beruf ausüben wollen. Ich haßte diesen
Frauentyp: sehr konservativ, sehr formell. Ich suchte nach einem
anderen Weg, mit meiner Weiblichkeit, meiner Sexualität in einem
so konservativen Land zu leben.
Die Lesben- und Schwulenbewegung existierte zu diesem Zeitpunkt
schon, die feministische war noch sehr klein. Auch in der Linkspartei,
wo ich damals Mitglied war, ging es sehr männlich und sexuell sehr
konservativ zu. Ich hatte bis dahin nur die Beziehung mit dieser
einen Frau gehabt und dachte mir, na ja, dann bin ich wahrscheinlich
keine Lesbe. Ich begann eine Beziehung zu einem Mann, versuchte,
den "normalen" Weg zu gehen. Aber nach zwei Jahren hatte
ich ein neues Verhältnis zu einer lesbischen Frau, das zweite in
meinem Leben. Dann sagte ich mir, daß diese ganze Therapie Blödsinn
ist, ich in Wirklichkeit völlig normal bin und alles andere Nonsens
ist.
Ich studierte Ökonomie an einer katholischen Universität, als gute
Studentin, als gute Tochter der Familie. Bis zu meiner dritten Liaison
mit einer Frau und meinem stärkeren Engagement in sozialen Bewegungen.
Zu der Zeit herrschte eine Art Diktatur in Lima. Eine Feministinnengruppe,
zu der ich 1983 engere Verbindung aufgenommen hatte, schickte mich
zu einer Konferenz, an der etwa 200 bis 300 Frauen teilnahmen. In
einer kleinen Arbeitsgruppe die nicht Teil des offiziellen Programms
sein durfte wurde über Lesbianismus diskutiert. Das hat mich ebenso
verwirrt wie die Konferenz selbst. Meine Gefühle als Lesbe waren
etwa die: 'So viele schöne Frauen diskutieren hier intensiv über
Frauenthemen und sind sehr glücklich dabei. Wenn man bedenkt, welche
Schwierigkeiten sie haben ...' Der Versuch jedoch, herauszubekommen,
welche Lesbe ist und welche nicht, schlug fehl. 'Oh', habe ich gedacht,
'was passiert hier schon wieder mit dir', und ich fühlte mich etwas
unbehaglich in meiner Haut, weil ich mich in so viele Frauen verliebte.
Ich habe mit Ihnen geflirtet, nun, und das war dann wohl der Beginn
meiner politischen Aktivistenzeit.
1984/85 begannen die Lesben und Schwulen, sich gemeinsam zu organisieren.
Wir wußten nichts voneinander die Frauen nichts von den Männern
und umgekehrt. Die Männerorganisation hatte etwa zwei Jahre nach
ihrem Start schon ein wenig Geld und konnte sich einen Treffpunkt
leisten. Ich arbeitete immer noch bei der feministisch-lesbischen
Gruppe, die in bezug auf Ökonomie, Subventionen und all das radikaler
war. Ich dachte, es sei Unsinn, nicht zusammenzuarbeiten, und versuchte,
die Unterstützung der Feministinnen für eine Kooperation zu bekommen.
Das war meine Art des Engagements für Lesben in einer Gesellschaft,
wo das Leben der Frauen so traurig und so schwierig ist. Eine Lesbengruppe
aufzubauen war zwar gut, nicht aber eine separate Gruppe in unserer
Finanzkrise. Wir brauchten Geld, um unser eigenes Leben führen zu
können, aber Geld für eine Gruppe zu bekommen, war noch weitaus
schwieriger. Veranstaltungen für Frauen müssen sehr niedrige Preise
haben, sonst können sie nicht daran teilnehmen.
Nachdem zwei Jahren in der Lesbengruppe bin ich zu einer "Männergruppe"
übergewechselt. Ich dachte, wenn sie sich als "gemischt"
betrachten, sollten sie das auch sein. Ich arbeite jetzt seit fünf
Jahren offiziell mit ihnen, der Beginn meiner internationalen Tätigkeit
ist auch ihnen zu verdanken. Sie schickten mich zur ILGA-Konferenz,
ich erhielt immer mehr Unterstützung, und immer mehr Lesben schlossen
sich uns an, so daß wir jetzt ein Geschlechterverhältnis von etwa
50 zu 50 in der Führung und 60 zu 40 bei der Mitgliedschaft haben.
Wir treten heute in TV-Programmen auf, erscheinen in Magazinen
und Zeitungen. Wir zeigen ein anderes als das von den Leuten erwartete
Gesicht. Oscar, unser Vorsitzender, kleidet sich ganz unauffällig.
Wenn die Leute ihn sehen, müssen sie ihre Meinung revidieren. Wir
sprechen auch nicht nur über Sexualverhalten. sondern über Menschenrechte,
Armut, das Gesundheitswesen, über Frauenrechte, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.
Der Gedanke der Menschenrechte liegt unseren gesamten Aktivitäten
zugrunde. Bei Gesprächen über diese Themen setzen wir uns sehr für
Frieden, die Achtung vor den Menschen und für ihr Lebensrecht ein.
Und das in einem Land wie Peru, in dem in den letzten zehn Jahren
25.000 Menschen in einem von vielen geleugneten Bürgerkrieg getötet
wurden, einem Bürgerkrieg, der Realität ist. Über all das sprechen
wir; wir haben sowohl die Exzesse des "Leuchtenden Pfades"
kritisiert, der behauptet, daß er eine besserer Welt schaffen will,
als auch die der Regierungskräfte. Wir bekommen große Unterstützung
von verschieden Gruppen, die unsere Zielsetzung und Ansichten respektieren,
und das auch, weil wir die Unterschiede zwischen Menschen akzeptieren.
Genauso tun wir es in der Homosexuellensphäre mit Transsexuellen,
Transvestiten, Bisexuellen und Frauen. Manche Frauen sind so durcheinander,
daß sie nicht mehr wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.
Wir bieten unsere Hilfe allen an, auch den Heterosexuellen. Wir
müssen zusammenarbeiten und stellen Platz zur Verfügung, wo andere
Räume zu teuer sein würden. Jeder kann sich bei uns treffen, vorausgesetzt,
er respektiert die anderen, die da sind. Wir schicken auch Fachleute
in Schulen und Universitäten.
Die Einstellung zu Lesben hat sich in Peru langsam verbessert,
nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte für die
"Frau, die ein Verhältnis mit einer Frau hat". Die meisten
jedoch betrachten sich selbst nicht als lesbisch. Sie mögen das
Wort nicht. Wann immer etwas schief geht auf dem Gebiet der Menschenrechte,
sich irgendetwas, wie sie meinen, gegen Lesben richtet, so nehmen
sie das als eine Art gerechte Strafe hin. Auch in bezug auf das
Gesetz glauben die Leute, daß der Einsatz der Polizei legal ist,
dann sie wissen nicht genügend über ihre eigenen Rechte. Und das
schließt natürlich auch die Lesben und Schwulen ein. Sie fühlen
sich nicht als gleichberechtigte Bürger. Sie glauben, daß die Polizei
das Recht hat, eine Bar zu überfallen und Verhaftungen vorzunehmen
und lassen es zu. Wir versuchen, diese Einstellung dahingehend zu
verändern, daß die Leute fragen: "He, was ist hier los, warum
nehmen Sie mich fest? Was habe ich getan?"
Vor Jahren gab es sehr viele Polizeiübergriffe. Dazu muß man wissen,
daß die Gesetze Homosexualität nur als einen Scheidungsgrund kennen,
sonst nichts, aber die moralische Kriterien sind sehr stark. Natürlich
auch die Vorurteile der Richter. Wenn jemand, der schwul zu sein
scheint, vor Gericht steht, wird er anders behandelt. Das passiert
auch mit Lesben, wenn sie einem Job suchen. Viele Arbeitgeber verlangen,
daß man in formeller Frauenkleidung erscheint. In diesem Sinne werden
Leute in den Untergrund gezwungen, werden genötigt, eine Rolle zu
spielen, jene Rollen, die die Heteros von ihnen erwarten "aktiv"
und "passiv". Offensichtlich ist es nach zehnjährigem
Kampf der Lesben und Schwulen leichter, "modern" zu sein.
Wir benutzen das Wort "modern", um zu zeigen, daß man
sowohl aktiv als auch passiv sein kann und keine Rolle spielen muß.
Die meisten Peruaner haben noch immer ein Bild von einem Homosexuellen,
das dem eines Transvestiten entspricht, da solche Menschen leicht
erkennbar sind. Auch diese Ansichten ändern sich langsam.
Als wir anfingen, hatten wir nur zwei oder drei Diskotheken für
Lesben und Schwule. Jetzt sind es in Lima vierzehn. Die bringen
uns das so dringend benötigte Geld, da wir keine anderen Quellen
haben. Zu Beginn waren es nur wenige Diskotheken geheim. Jetzt sind
sie ganz offiziell, da Homosexuellen nicht mehr ganz so erschreckend
für einige Leute sind. Und die Polizei überfallt die Diskos auch
nicht mehr, da sie von unserer Existenz Kenntnis hat, und wir bei
Bedarf legale Aktionen gegen Sie organisieren können. In zwei Fälle
haben wir über die ILGA eine internationale Aktion gestartet und
die Regierenden erhielten hunderte von Protestbriefen. Inzwischen
haben sie ihre Strategie überarbeitet; manchmal ändern sie ihre
Taktik und warten, bis ein Paar die Disko allein verläßt. Dann berauben
sie es, und falls es Lesben sind, wird versucht, sie zu sexuellen
Handlungen zu zwingen. Auf alle Fälle verhält sich die Polizei noch
immer sehr feindselig gegenüber Homosexuellen, aber auch anderen
Gruppen, beispielsweise Prostituierten. Wir setzen unsere Leute
unter Druck, solche Fälle anzuzeigen, weil das der einzig legale
Weg ist, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Wir wollen sie überzeugen,
daß auch Homosexuelle keine Angst haben dürfen und sie etwas unternehmen
müssen, um die Ungerechtigkeit in ihrem Leben zu beenden. Wir respektieren
die Angelegenheiten der anderen und stellen fest, daß wir langsam
mehr Unterstützung bekommen. In der Homosexuellengemeinschaft gewinnt
man langsam das Selbstvertrauen.
In einem Land aber, in dem in den letzten zehn Jahren 25.000 Menschen
aus politischen Gründen getötet wurden, geht man mit Menschenrechten
nicht eben sensibel um; der Wert eines Menschenlebens wird sehr
gering geschätzt. In den letzten vier Jahren gab es zahlreiche Morde
im Zusammenang mit radikalen Parteien. In den Jahren 1986/87 wurden
mehr als 125 Homosexuelle ermordet. Zwei von den in Lima Ermordeten
waren mit einer Botschaft des linksextremistischen "Leuchtenden
Pfades" versehen. Bei 2.000 Toten in einem Jahr sind die Leute
über einen getöten Homosexuellen nicht sehr betroffen.
Die Menschen haben Angst vor dem Leuchtenden Pfad, aber wir meinen,
zu schweigen ist viel schlimmer; wir müssen uns zu Wort melden,
auch in bezug auf die anderen Linksparteien. Wir sagen, wenn das
ihre Methode ist, sich mit gegensätzlichen Ideologien auseinanderzusetzen,
so wollen wir davon nichts wissen. Homosexualität ist keine ideologischer
Grund, jemanden zu bestraften. Sie haben kein moralisches Recht
dazu. Wir sind gegen alles, wodurch man sein Leben verlieren kann,
nur weil man menschlich zu sein versucht.
Colin de la Motte-Sherman (1993)
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