mnesty International hat im Sommer 1993 ein Bericht zum Thema Menschenrechte
in Rumänien herausgegeben. Der Inhalt ist schockierend, aber
auch Beweis dafür, daß "besonders schützende"
Menschenrechte für Minderheiten nicht nur ein Interesse dieser
Minderheit sein sollten. Meine Menschenrechte sind auch deine... und
umgekehrte.
Menschenrechte gelten für alle
Auszüge aus dem Bericht: an amnesty international über
schwere Menschenrechtsverletzungen in Rumänien reißen
nicht ab. :
... Mitglieder ethnischen Minderheiten erlitten...
offensichtlich aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit - Folter
und Misshandlungen durch Polizeibeamte und Soldaten der Streitkräfte.
... Polizisten folterten und mißhandelten Festgenommene,
oft mit dem Ziel, Geständnisse zu erzwingen. Auch machten
sie häufig in eine Weise von Schusswaffen Gebrauch, die nicht
in Einklang mit international anerkannten Rechtsgrundsätzen
steht:
... Rumänischen Gerichte stützen ihre
Beweisführung in mehreren Fällen auf Geständnisse,
die von den Angeklagten später zurückgezogen worden
mit der Begründung, die Aussagen seien unter Folter erpresst
worden:
... Artikel 200 Absatz 1 des rumänischen StGB
ist noch immer gültig: danach werden Personen die sexuellen
Beziehungen zu einer Person gleichen Geschlechts unterhalten,
mit Gefängnis zwischen einem Jahr und Fünf Jahren bestraft.
Hintergrund
Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im September/Oktober
1992 führten zur Wiederwahl von Präsident Ion Iliescu
und zur erneuten Machtübernahme durch die Demokratische Front
zur Nationalen Rettung (DFNR), die nach einer Fusion mit kleineren
Parteien in Rumänien (PSDR) umbenannt wurde.
Die DFNR erhielt den Auftrag, die Regierung zu bilden. Nicolae Vacaroiu
wurde als Premier Minister berufen, er stützte seine Macht
auf die Zustimmung kleinerer linksgerichteter und rechter nationalistischer
Parteien. Mit den Schwierigkeiten, die steigenden Inflation und
die wachsenden Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, wächst
die Unzufriedenheit im ganzen Land.
Obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung rumänische
Herkunft ist, (89,4 Prozent laut die Volkszählung 1992) rücken
die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen immer mehr
in den Blickpunkt. In Rumänien leben 1.620.000 Menschen ungarische
Abstammung, überwiegend in den Siebenbürgen im Nordwestern
des Landes. ... Im Zuge der neuen Freiheiten und politische Rechte
entstandenen Organisationen, die für eine nationalistische
und fremdenfeindlichen Politik eintreten. Als Folge davon kam es
zu steigenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen in
Siebenbürgen... Die kleineren Parteien, welche die Regierung
Vacaroliu stützen, hetzen offen zu nationalistischer Intoleranz
auf. ... Die nationalistischen Parteien schüren den Haß
gegen die ungarische Minderheiten: Sie beschuldigen sie, Siebenbürger
an Ungarn angliedern zu wollen ...
Als Präsidentschaftskandidat der PUNR (Partei der Nationalen
Einheit Rumäniens) gründete Gheorghe Funar (Bürgermeister
von Cluj-Napoca) seine Wahlkampagne -. Mit Anwürfen wie: "Wir
müssen immer auf der Hut sein. Diese Barbaren aus Asien sind
seit tausend Jahren hier aber immer noch nicht zivilisiert und zu
jedem Verrat fähig."
Die Regierung ist offensichtlich nicht willens, die interethnischen
Spannungen zu vermindern; sie machten dies im März 1993 deutlich
durch die Ernennung rumänischen Präfekten für den
Kreis Harghita und Covasna, die Mehrheitliche von Ungar bewohnt
sind. Diese Maßnahmen bezeichnete die Demokratische Union
der Ungarn (UDMR) als ein Beispiel für die fortgesetzte Diskriminierung
des ungarischen Bevölkerungsteils.
Das Klima nationaler Intoleranz berührt auch andere Minderheiten,
ganz besonders die der Roma. ... Die letzte Volkszählung beziffert
sie sich auf rund 450.000 Mitglieder, es wird allgemein davon ausgegangen,
daß ihre tatsächliche Zahl fast zwei Millionen beträgt,
womit die Roma Rumäniens die größte Gruppe dieses
Volkes in Europa darstellen. ... Eine Untersuchung, die kürzlich
von einem Forschungsteam der Universität Bukarest durchgeführt
wurde, untermauert den allgemeine Ausdruck, daß diese Minderheit
völlig untragbareren sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen
unterworfen ist: Diese sind Eindrücke eine lange Geschichte,
die von Rassenvorurteilen und eine Vernachlässigung der Bedürfnisse
diese Gruppe geprägt ist; das gilt nicht nur für Rumänien
sonder für die gesamte Region. Die genannte unabhängige
Studie bezifferte die Zahl der Roma, die keine Ausbildung haben,
auf 80 Prozent, nur 23% haben einen Arbeitsplatz. Nicht mehr als
50% der Roma Kinder besuchen die Schulen regelmäßig.
Rassenvorurteile und eine höhere Anteil an kriminellen Delikten
bei Roma haben auch dazu beigetragen, daß gewalttätige
Angriffe auf diese Minderheit erfolgten. ... Die meisten Überfälle
auf Roma werden von rumänischen Mitbürgen verübt,
die in einigen Fällen sogar von Roma andere sozialen Schichten
unterstützt wurden. Das Angehörige der Roma-Minderheit
Gefahr laufen, von Polizisten allein wegen ihrer Volkszugehörigkeit
gefoltert und misshandelt zu werden, wird in Berichten über
entsprechende Vorfälle deutlich.
Die Gesetzesreform ist ein wichtiger Schwerpunkt der parlamentarischen
Arbeit in Rumänien, vor allem im Hinblick auf das Bestreben
des Landes, Mitglied des Europarates zu werden und zu dem Unterzeichner
der Europäischen Konvention zum Schutz fundamentaler Freiheiten
und Menschenrechte zu gehören. ... Der Reformprozeß im
Bereich von Justiz und Polizei ist in Rumänien - nach unabhängiger
Einschätzung - unzureichend. .... Richterliche Entscheidungen,
auch in der höchsten Instanz, sind Ausdruck von Praktiken,
die unvereinbar mit den international anerkannten Regeln des fair-trial
sind. Amnesty international hat Fälle registriert, bei denen
das Urteil auf Geständnissen fu~3te, die unter Folter erzwungen
und später widerrufen worden waren. ...
14jähriger· durch Polizei mißhandelt
Der 14jährige Petrica Poteras wurde festgenommen, nachdem
die Polizei seinen Vater, den sie des Diebstahls verdächtigte,
nicht hatte finden können. Der Junge wurde zum Polizeirevier
in Pascani gebracht, wo ihn Beamte mit Fußtritten traktierten,
um ihn dahin zu bringen, die Schuld seines Vaters zuzugeben: Petrica
weigerte sich jedoch, den Forderungen der Polizisten nachzukommen.
Als diese wenig später das Elternhaus. durchsuchten, fanden
sie kein Belastungsmaterial, stießen aber auf den gesuchten
Vater... Fünf Tage lang wurde Mihai Poteras in Polizeigewahrsam
von Pascani immer wieder brutal verprügelte und gestand schließlich
den ihm angelasteten Diebstahl, um sich vor weitere Schlage zu retten.
Mißhandlung Homosexueller
ai hat kürzlich Berichte erhalten, denen zufolge homosexuelle
Männer oder Personen, die der Homosexualität verdächtigt
werden, in Polizeigewahrsam und Haftanstalten gefoltert und misshandelt
werden. ...
Ein Monat nach seinem 19. Geburtstag wurde Doru Marian Beldie
am 16. Juni 1992 in Bukarest verhaftet und auf dem Polizeirevier
des 17. Bezirks mehrere Stunden lang mit Gummiknüppeln auf
die Handflächen und Fußsohlen geschlagen. Er sollte das
Geständnis ablegen, zu einem Minderjährigen strafbare
sexuelle Beziehungen unterhalten und somit gegen Artikel 200 Absatz
2 des rumänischen Gesetzbuches verstoßen zu haben.
Doru Marian Beldie war nicht vorbestraft und besuchte zum Zeitpunkt
seiner Verhaftung eine Technikerschule, wo er Ausbildung zum Mechaniker
absolvierte. Zur Zeit verbüßt er im Gefãngnis
Jilava/Bukarest eine Gefängnisstrafe von vier Jahren und sechs
Monaten.
Marcel Brosca, ein 20jähriger Student, wurde am 7. März
1992 in Tecuci verhaftet. Er hatte die Nacht im Wartesaal des Bahnhofs
verbracht und war von vier Polizisten geweckt worden. In ihre Begleitung
befand sich ein 17jähriger Junge, der ihnen bestätigte,
daß Marcel Brosca der Mann sei, den sie gesucht hatten. Daraufhin
wurde der Student in die Polizeistation des Bahnhofs gebracht, wo
er drei bis vier Stunden brutal verprügelt wurde. Man zog ihn
an den Haaren und schlug seinen Kopf mit den Schläfen und dem
Hinterkopf gegen den Tisch und die Wände, bis ihm das Blut
über das Gesicht lief; seine Arme wurden umgedreht, und er
wurde mit Gummiknüppeln auf die Fußsohlen geschlagen.
Während der ersten beiden Stunden der Verhöre hatte er
keinerlei Vorstellung darüber, was man ihm anlastete. Schließlich
lasen ihm die Polizeibeamten eine schriftliche Aussage des oben
erwähnten Minderjährigen vor, der angeblich von einem
Fremden zu oralem Sex gezwungen worden war. Als Täter hatte
er Marcel Brosca identifiziert. Um ein Geständnis zu erzwingen,
setzten die Polizisten die brutale Gewaltanwendung fort, bis das
Opfer ein willigte,, eine Erklãrung niederzuschreiben, die
ihm von den Polizisten diktiert wurde.
Das Kreisgericht in Galati verhängte eine Strafe von fünf
Jahren Haft auf der Grundlage des Artikels 200 Absatz 1 und 2. Marcel
Brosca sitzt derzeit im Gefängnis von Galati ein.
Keine fairen Gerichtsverfahren
Viorel Baciu war am 24. Oktober 1988 verhaftet und vom Kreisgericht
Suseava... wegen Mord, Vergewaltigung, Raubüberfalls, Schlagerei
und Körperverletzung zu 17 Jahren Haft verurteilt worden. Gegen
diesen Richterspruch legte er Berufung beim Obersten Gerichtshof
ein, der die Strafe in seiner Entscheidung vom 23. 4. 1990 auf zehn
Jahre Gefängnis senkte.
Der Generalstaatsanwalt betrachtete die Anschuldigungen gegen Viorel
Baciu insgesamt als unbegründet; er beantragte Revision des
Urteils und setze den Strafvollzug außer Kraft. Am 6. April
1991 wies der Oberstgerichtshof den Antrag des Generalstaatsanwalts
auf Aufhebung des früheren Urteils jedoch als unbegründet
zurück, und ordnete die Fortsetzung des Strafvollzugs an.
Amnesty International geht davon aus, das die Zugehörigkeit
des Vaters zur religiösen Gruppe der Zeugen Jehovas ausschlaggebend
für das Fehlurteil gegen den Sohn waren. ...
... Viorels Vater Ion Baciu stand
seit 1969 unter dem Druck der örtlichen Behörden. ...
Auch der Sohn, Viorel Baciu, der den Glauben der Zeugen Jehovas
teilt, aber nicht bei ihnen Mitglied ist, wurde immer wieder über
die Aktivitäten seines Vaters verhört. ... Ein Häftling
berichtete: ,Der Junge ist jung und stark, aber... wie er gefoltert
und mißhandelt wird, wird er nicht lange aushalten. Ich habe
ihn mit zerschmetterten Händen gesehen. blutüberströmt,
in Ketten gelegt und geschlagen, viele Tage hintereinander.' ...
wahrend der Hauptverhandlung widerrief Viorel Baciu sein Geständnis
und betonte, daß es erpreßt worden sei.".
Ein deutsches Gericht
Ein deutsches Gericht hat den Asyl-Antrag eines Homosexuellen
abgelehnt:
"Die Frage, ob sich entgegen der Annahme des
Verwaltungsgerichts in Rumänien Personen aufgrund einer Verurteilung
wegen Art. 200 Abs. 1 des rumänischen Strafgesetzbuches in
Haft befinden, ist nicht entscheidungserheblich... eine homosexuelle
Veranlagung (stellt) nur dann ein asylrelevantes Persönlichkeitsmerkmal
dar, wenn sie nicht mehr unumkehrbar festgelegt (irreversibel)
ist und die dafür drohende Strafe - wie letztlich die Todesstrafe
im Iran - offensichtlich unerträglich hart... ist."
Jedes Kommentar ist überflüssig.
Colin de la Motte-Sherman
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