ie aktuelle Menschenrechtslage in Saudi Arabien ist Grund genug
für eine weitreichende Kampagne.
Zur Menschenrechtslage: Selten werden die schweren und systematischen
Menschenrechtsverletzungen, die in Saudi Arabien stattfinden, genauer
unter die Lupe genommen. Es gibt in Saudi Arabien keine politischen
Parteien, keine Wahlen, keine unabhängige Legislative, keine
Gewerkschaften, keine Anwaltskammer, keine unabhängige Justiz
und keine regierungsunabhängigen Menschenrechtsorganisationen.
Jeder Mensch, der dieses System in Frage zu stellen wagt, muß
mit harten Strafen rechnen. Da der Staat "hinter verschlossenen
Türen" agiert, können Menschen unbegrenzt in Haft
gehalten oder nach unfairen, geheimen Verfahren verurteilt werden.
Folter und Misshandlungen sind an der Tagesordnung; Hinrichtungen,
Auspeitschungen und Amputationen werden vollzogen - unter völliger
Missachtung der grundlegendsten Maßstäbe für faire
Prozesse, aber oft unter großer (erzwungener) Beteiligung
der Bevölkerung. Saudi Arabiens Strafrechtsystem leistet dem
brutalen Vorgehen der Polizei, Folter und Misshandlungen Vorschub.
Zu den Foltermethoden gehören "falaqa" (Schläge
auf die Fußsohlen), Elektroschocks, Verbrennungen durch Zigaretten
und das Ausreißen von Fingernägeln, Vergewaltigung und
Einzelhaft. In vielen Fällen werden Menschen, die eines Verbrechens
beschuldigt werden, vom Augenblick ihrer Festnahme an gefoltert
und misshandelt. Denn das Strafrechtssystem erkennt die Geständnisse,
die die Polizei erfoltert, als Grundlage für Verurteilungen
an. Häftlinge werden gewöhnlich ohne Kontakt zur Außenwelt
festgehalten; sie haben keinen Zugang zu einem Rechtsanwalt oder
einer anderen Person, die im Rechtswesen erfahren ist und sich für
die Inhaftierten einsetzen könnte.
Schläge und Amputationen werden in Saudi Arabien vielfach als
gesetzlich festgelegte Strafen angewandt. Auspeitschungen und Prügelstrafen
werden für Alkoholdelikte, Hurerei und bei Verdacht auf "abweichendes
sexuelles Verhalten" (im Klartext: homosexuelle Handlungen)
verhängt. Richter können sie auch zusätzlich zu anderen
Strafen, z.B. Gefängnis, verhängen. Amputation ist die
Strafe für Diebstahl und Straßenraub. Amputationen sind
eine Form der Folter, und Schläge kommen Folter oder grausamer,
unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung gleich. Beide Strafen
verstoßen gegen die Vorschriften der Konvention gegen Folter
die Saudi Arabien 1997 ratifiziert hat.
Der Zahl der Hinrichtungen in Saudi Arabien gehört zu den höchsten
der Welt, sowohl absolut gesehen als auch in Relation zur Einwohnerzahl.
In Saudi Arabien wird die Todesstrafe für eine große
Anzahl von Vergehen verhängt - von Vergewaltigung und Mord
über Abfall vom Glauben (Apostasie), Missionieren für
das Christentum, sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe und
"Sodomie".
Die Menschenrechte von Frauen werden systematisch verletzt. Sie
werden geschlagen oder festgenommen, wenn sie gegen die streng Kleiderregeln
verstoßen, reisen dürfen sie nur in Begleitung eines
nahen männlichen Verwandten oder mit dessen schriftlicher Erlaubnis.
Regierungen und anderen Staaten kritisieren ungern die erschreckende
Menschenrechtslage in Saudia Arabien. Das Königreich ist eine
gewichtige politische und wirtschaftliche Macht und hat feste strategische
und politische Beziehungen zu anderen Regionen.
Die Kampagne ist keine Aktion gegen das Königreich Saudi Arabien,
nicht gegen den Islam, oder gegen die Shari'ah. Es ist eine Aktion
FÜR den Schutz der in Saudi Arabien lebenden Menschen und ihre
Grundrechte.
Angst vor Auspeitschungen
Neun saudiarabische Staatsangehörige sollen für "abweichendes
sexuelles Verhalten" ausgepeitscht werden (entsprechend einer
Meldung der Associated Press/AP.)
Am 16. April berichtete AP, daß für "abweichendes
sexuelles Verhalten" fünf Personen zu 2.600 Peitschenschlägen
und sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurden vier weitere zu
2.400 Peitschenschlägen und fünf Jahren Gefängnis.
Diese Information stammt augenscheinlich von einem Polizeioffizier,
der sich unter der Bedingung strikter Anonymität äußerte
und keine weiteren Namen oder Details nannte.
Am 19. April schrieb amnesty international an der saudiarabischen
Minister des Inneren und bat um Aufklärung. Gleichzeitig rief
ai dazu auf, die Auspeitschungen auszusetzen. Amnesty international
bat um Details der Strafverhandlung um zu klären, ob es sich
bei den neun Verurteilten um prisoners of conscience handelt. Wie
üblich, hat die Regierung nicht geantwortet und beweist damit
ein weiteres Mal, daß die Opfer von Menschenrechtsverletzungen
in Saudi-Arabien versteckt leiden müssen.
Hintergrundinformation
Auspeitschen ist in Saudi-Arabien eine vorgesehene Strafe für
einige "Delikte", etwa sexueller Art, und kann mit Diskretion
der Richter als alternative oder zusätzliche Strafe verhängt
werden. Die Strafen reichen von zwölf Peitschenschlägen
bishin zu mehreren tausend. Amnesty international erachtet
Auspeitschungen als grausam, unmenschlich und entwürdigend
und im Widerspruch stehend zum Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte, wo es heißt: "Niemand soll Folter
oder grausamen, unmenschlichen und entwürdigenden Behandlungen
oder Strafmaßnahmen ausgesetzt sein."
Colin de la Motte-Sherman
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