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Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung (Hannover)
veranstaltete vom 13. bis 15. November ein Wochenendeseminar zum
Thema Homosexuelle unter dem Nationalsozialismus auf
dem Gelände des ehemaligen KZs Bergen-Belsen.
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Ein
ehemaliges Konzentrationslager (Sachsenhausen)
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Unter den etwa 25 Teilnehmern waren Geschichtsforscher auf diesem
Gebiet, wie Prof. Dr. Lautmann (Bremen), Dr. Burkhard Jellonek (Saarbrücken),
Claudia Schoppmann und Prof. Dr. Ilse Kokula (Berlin). Auch Vertreter
der Gedenkstätten Bergen-Belsen, Buchenwald und Neuengamme sowie
Rainer Hoffschild, dessen Buch über Homosexuelle in Hannover Olivia
demnächst erscheint. und Jürgen Müller von einem Kölner Verein,
der schwule Geschichte erforscht. Nach da Eröffnung durch Wilfried
Wiedermann für die Landeszentrale hielt Burkhard Jellonek einen
wissenschaftlichen Vortrag, der sich eng an sein Buch Homosexuelle
unterm Hakenkreuz anlehnte.
Durch den Ausfall eines Referenten hatten die Teilnehmer das Glück,
Dr. Günther Grau zu hören, der mit einem Beitrag über die Rolle
der HJ bei der Verfolgung Homosexueller ansprach. Zitat:
Ein HJ-Führer, der es unterlässt, homosexuelle Verfehlungen
innerhalb der Hitlerjugend zu melden, handelt disziplinlos und
ist unfähig ein Jugendführer zu sein.
Seit der sogenannten Machtergreifung im Jahre 1933 ist nachzuweisen,
daß die Naziführung bemüht war, in der Staatsjugend eine Reihe
von Methoden anzuwenden, um das durchzusetzen, was sie unter Ausmerzung
der Homosexualität verstand. ... Für etliche Millionen Mädchen
und Jungen ist - neben der Familie und Schule die Hitlerjugend
die entscheidende Sozialisationsinstanz gewesen, und die HJ galt
als Garant der Zukunft. ... Der Dienst in der HJ sollte die heranwachsende
Generation möglichst restlos an die Leitbilder des NS Systems
binden... Die große Mehrheit wurde während der 12jahrigen Dauer
des Dritten Reiches von der HJ-Erziehung erfasst. Die Reinerhaltung
der deutschen Jugend erforderte schärfste Abwehr gleichgeschlechtlicher
Verfehlungen. Sie kõnnten vernichten. was die Erziehungs- arbeit
aufbaut. (···) Es ging um die Unfãhigkeit bzw. die Verweigerung
zur Zeugung von Nachkommen: die Gefahr der Verführung Jugendlicher
und mögliche sogenannte seuchenartige Ausbreitung der Homosexualität;
die Neigung zur Cliquenbildung in jedem Homosexuellen wurde ein
potentieller Oppositioneller vermutet und damit ein Feind des
bürgerlichen Gemeinwesens: eine Gefahrdung der öffentlichen Sittlichkeit.
Sie wissen selbst, daß das keine national sozialistischen
Vorurteile sind. Sie lassen sich weit zurückverfolgen. und natürlich
nach 1945, kommentierte Grau und fuhr weiter fort: Die
homosexuellen Männer wurden als eine unmittelbare Gefahr für das
Volkswachstum angesehen. Sie wurden mitverantwortlich gemacht
beispielsweise für die geringen Geburtenraten. Es wurde die Notwendigkeit
optimale Ausnutzung der Zeugungskraft des männlichen Teils der
Bevölkerung propagiert... Von Anfang an gab es eine sehr enge
Beziehung zum NS Sicherheitsdienst."
Am anschaulichsten war jedoch ein Beitrag von Jürgen Müller (Köln)
mit der Beschreibung von Razzien. V-Männern und dem Versuch eines
schwulen Nazis, homosexuelle Männer vor seinen eigenen Machtbeessenen
Parteigenossen zu schützen.
Wie aus dem Seminar zu entnehmen war, gab es wesentliche Unterschiede
in der Lage von Schwulen und Lesben in dieser Zeit, die nicht zuletzt
mit dem §175 zu tun hatten, der - trotz Diskussion in dieser Richtung
unter Nazi Juristen - nicht auf die weibliche Homosexualität ausgedehnt
wurde.
Die Zeit der Maskierung
Für lesbische Frauen begann die Zeit der Maskierung... auch im
privaten Leben.
Die Unsichtbarkeit der Lesben wird noch deutlicher
durch die Beiträge von Claudia Schoppmann und Ilse Kokula; Unsichtbar,
da Lesben häufig in ein KZ als Asozial (u. a. Kriegsdienstverweigerer)
oder als Prostituierte eingeliefert wurden. Obwohl es das Ziel der
Nazis war, die Homosexualität auszurotten. Und sie zielgerichtet
versucht haben, einschlägigen Cafes und Kneipen dicht zu machen,
hatte Ilse Kokula Augenzeugen gefunden, die bestätigten. daß es
sogar während des Krieges nicht ganz gelungen war, alle Treffpunkte
zu schließen.
Dr. Kokula:.
Ich habe die Vermutung, daß man als lesbische Frau
überleben konnte, wenn Frau weder dem Führer noch dem kleinen
Führerkreis widersprach und dem damals gefragten Typ des blonden
Gretchens entsprach. ... Andere verließen allein oder zu zweit
Berlin, um sich in Orten niederzulassen, an denen sie unbekannt
waren. Die Homosexuellen Organisationen wurden (...) nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten verboten. So konnte 1938
der Jurist Klare jubeln, daß mit der Zerschlagung der Verbände
der Frauenbewegung und den anderen Organisationen der Tribaden
(...) die Möglichkeit der Einwirkung auf politische Entscheidungen
entfallen ist. ...
1935 verlangte der stellvertretenden Reichsführer der SS,
der Chef der Gestapo, Heydrich, die Abschaffung der FKK Strände.
... Er vermutete, daß das Nacktbaden von Personen des gleichen
Geschlechts als Vorbereitungshandlung zu Vergehen gegen
§175 Strafgesetzbuch anzusehen ist. Die zeitweilige intensive
Verfolgung der homosexueller Männer strahlte auf die Frauen liebende
Frauen aus. Keine der zahlreichen von mir befragten Frauen berichtete
von Verfolgungen lesbischer Frauen liebende Frauen aufgrund der
Homosexualität, obgleich heute bekannt ist, daß lesbische Frauen
unter dem Vorwand angebliche Asozialität, Kriminalität, Wehrkraftzersetzung
oder Verführung Minderjähriger in Konzentrationslager eingeliefert
wurden.
Das Schicksal eines lesbischen Paares
Frau Dr. Kokula weiter:
Als eine die Zudringlichkeiten ihres Vorgesetzten
zurückwies .... wurden beide Frauen ... wegen Wehrhaftzersetzung
vor ein Kriegsgericht gestellt... und in das KZ Butzow in Mecklenburg
gebracht. ... Dort kamen sie mit sechs anderen Lesben in einen
Extrablock. ... Dazu muß man wissen, daß in der Nazizeit der Intimverkehr
zwischen deutschen Frauen und Ausländern strafrechtlich verfolgt
wurde. Die SS-Posten hetzten zunächst russische und französische
Kriegsgefangene auf die gefangenen Lesben. um sie mal richtig
durchzuficken'.
Es gehört zum historischen Paradox, daß einige lesbische
Frauen die NS-Zeit trotz der Unterdrückung in guter Erinnerung
hatten. Die Zeit der Arbeitslosigkeit war vorbei, sie waren größtenteils
in die Rüstungsindustrie und den Wehrmachtsapparat integriert...
und waren aufgrund des eigenen Einkommens unabhängig. Die grausamen
Bedingungen der KZs, medizinische Experimente und Versuche, Schwule.
umzuerziehen' (die Idee spukt immer noch herum. 50 Jahre
später - C.M-S) prägten damals das Leben von über 10.000 Lesben
und Schwulen. Lange wurde es totgeschwiegen, aber vergessen werden
darf es nie.
Die Tagungsreader und ein weiteres Seminar sind geplant mit dem
Ziel, mehr über diese vergessenen und verdrängten Minderheiten,
die so gut wie nie Entschädigung bekommen haben, ans
Tageslicht zu bringen.
Colin de la Motte-Sherman
1/1993 S. 16
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