Eine Scheinehe wird eingegangen  

Eine Scheinehe wird eingegangen

„Ich lebte schon seit Jahren mit meiner Freundin zusammen.... Als das Dritte Reich ausbrach, hieß es dann bösartig: 'Die haben doch etwas zusammen!' Eines Tages kam unserer Chefredakteur zu mir ins Atelier und sagte ungeduldig, ich müsse endlich heiraten oder:.. Wir beschlossen dann mit einem schwulen Pärchen zusammenzuleben... Wieder war es der Hauswart mit dem Parteiabzeichen, der zu uns sagte: 'Sie können doch nicht in wilder Ehe leben, das ist nicht im Sinne des Führers...' Also beschlossen wir zwei Frauen, unsere zwei Freunde zu heiraten.“

Man schreibt das Jahr 1938.

Herausgegeben in Die Andere Welt, January 1993


ie Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung (Hannover) veranstaltete vom 13. bis 15. November ein Wochenendeseminar zum Thema ‚Homosexuelle unter dem Nationalsozialismus’ auf dem Gelände des ehemaligen KZs Bergen-Belsen.

Ein ehemaliges Konzentrationslager (Sachsenhausen)

Unter den etwa 25 Teilnehmern waren Geschichtsforscher auf diesem Gebiet, wie Prof. Dr. Lautmann (Bremen), Dr. Burkhard Jellonek (Saarbrücken), Claudia Schoppmann und Prof. Dr. Ilse Kokula (Berlin). Auch Vertreter der Gedenkstätten Bergen-Belsen, Buchenwald und Neuengamme sowie Rainer Hoffschild, dessen Buch über Homosexuelle in Hannover „Olivia“ demnächst erscheint. und Jürgen Müller von einem Kölner Verein, der schwule Geschichte erforscht. Nach da Eröffnung durch Wilfried Wiedermann für die Landeszentrale hielt Burkhard Jellonek einen wissenschaftlichen Vortrag, der sich eng an sein Buch „Homosexuelle unterm Hakenkreuz“ anlehnte.

Durch den Ausfall eines Referenten hatten die Teilnehmer das Glück, Dr. Günther Grau zu hören, der mit einem Beitrag über die Rolle der HJ bei der Verfolgung Homosexueller ansprach. Zitat:

Ein HJ-Führer, der es unterlässt, homosexuelle Verfehlungen innerhalb der Hitlerjugend zu melden, handelt disziplinlos und ist unfähig ein Jugendführer zu sein. – Seit der sogenannten Machtergreifung im Jahre 1933 ist nachzuweisen, daß die Naziführung bemüht war, in der Staatsjugend eine Reihe von Methoden anzuwenden, um das durchzusetzen, was sie unter Ausmerzung der Homosexualität verstand. ... Für etliche Millionen Mädchen und Jungen ist - neben der Familie und Schule – die Hitlerjugend die entscheidende Sozialisationsinstanz gewesen, und die HJ galt als Garant der Zukunft. ... Der Dienst in der HJ sollte die heranwachsende Generation möglichst restlos an die Leitbilder des NS Systems binden... Die große Mehrheit wurde während der 12jahrigen Dauer des Dritten Reiches von der HJ-Erziehung erfasst. Die ‚Reinerhaltung’ der deutschen Jugend erforderte schärfste Abwehr gleichgeschlechtlicher Verfehlungen. Sie kõnnten vernichten. was die Erziehungs- arbeit aufbaut. (···) Es ging um die Unfãhigkeit bzw. die Verweigerung zur Zeugung von Nachkommen: die Gefahr der Verführung Jugendlicher und mögliche sogenannte seuchenartige Ausbreitung der Homosexualität; die Neigung zur Cliquenbildung  in jedem Homosexuellen wurde ein potentieller Oppositioneller vermutet und damit ein Feind des bürgerlichen Gemeinwesens: eine Gefahrdung der öffentlichen Sittlichkeit.

„Sie wissen selbst, daß das keine national sozialistischen Vorurteile sind. Sie lassen sich weit zurückverfolgen. und natürlich nach 1945,“ kommentierte Grau und fuhr weiter fort: „Die homosexuellen Männer wurden als eine unmittelbare Gefahr für das Volkswachstum angesehen. Sie wurden mitverantwortlich gemacht beispielsweise für die geringen Geburtenraten. Es wurde die Notwendigkeit optimale Ausnutzung der Zeugungskraft des männlichen Teils der Bevölkerung propagiert... Von Anfang  an gab es eine sehr enge Beziehung zum NS Sicherheitsdienst."

Am anschaulichsten war jedoch ein Beitrag von Jürgen Müller (Köln) mit der Beschreibung von Razzien. V-Männern und dem Versuch eines schwulen Nazis,  homosexuelle Männer vor seinen eigenen Machtbeessenen Parteigenossen zu schützen.

Wie aus dem Seminar zu entnehmen war, gab es wesentliche Unterschiede in der Lage von Schwulen und Lesben in dieser Zeit, die nicht zuletzt mit dem §175 zu tun hatten, der - trotz Diskussion in dieser Richtung unter Nazi Juristen - nicht auf die weibliche Homosexualität ausgedehnt wurde.


Die Zeit der Maskierung

Für lesbische Frauen begann die Zeit der Maskierung... auch im privaten Leben.

Die ‚Unsichtbarkeit’ der Lesben wird noch deutlicher durch die Beiträge von Claudia Schoppmann und Ilse Kokula; ‚Unsichtbar,’ da Lesben häufig in ein KZ als Asozial  (u. a. Kriegsdienstverweigerer) oder als Prostituierte eingeliefert wurden. Obwohl es das Ziel der Nazis war, die Homosexualität auszurotten. Und sie zielgerichtet versucht haben, ein­schlägigen Cafes und Kneipen dicht zu machen, hatte Ilse Kokula Augenzeugen gefunden, die bestätigten. daß es sogar während des Krieges nicht ganz gelungen war, alle Treffpunkte zu schließen.

Dr. Kokula:.

„Ich habe die Vermutung, daß man als lesbische Frau überleben konnte, wenn Frau weder dem Führer noch dem kleinen Führerkreis widersprach und dem damals gefragten Typ des blonden Gretchens entsprach. ... Andere verließen allein oder zu zweit Berlin, um sich in Orten niederzulassen, an denen sie unbekannt waren. Die Homosexuellen Organisationen wurden (...) nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verboten. So konnte 1938 der Jurist Klare jubeln, daß „mit der Zerschlagung der Verbände der Frauenbewegung und den anderen Organisationen der Tribaden (...) die Möglichkeit der Einwirkung auf politische Entscheidungen entfallen ist“. ...

1935 verlangte der stellvertretenden Reichsführer der SS, der Chef der Gestapo, Heydrich, die Abschaffung der FKK Strände. ... Er vermutete, daß das Nacktbaden von Personen des gleichen Geschlechts‚  als Vorbereitungshandlung zu Vergehen gegen §175 Strafgesetzbuch anzusehen ist.“  Die zeitweilige intensive Verfolgung der homosexueller Männer strahlte auf die Frauen liebende Frauen aus. Keine der zahlreichen von mir befragten Frauen berichtete von Verfolgungen lesbischer Frauen liebende Frauen aufgrund der Homosexualität, obgleich heute bekannt ist, daß lesbische Frauen unter dem Vorwand angebliche Asozialität, Kriminalität, Wehrkraftzersetzung oder Verführung Minderjähriger in Konzentrationslager eingeliefert wurden.“


Das Schicksal eines lesbischen Paares

Frau Dr. Kokula weiter:

‚Als eine die Zudringlichkeiten ihres Vorgesetzten zurückwies .... wurden beide Frauen ... wegen Wehrhaftzersetzung vor ein Kriegsgericht gestellt... und in das KZ Butzow in Mecklenburg gebracht. ... Dort kamen sie mit sechs anderen Lesben in einen Extrablock. ... Dazu muß man wissen, daß in der Nazizeit der Intimverkehr zwischen deutschen Frauen und Ausländern strafrechtlich verfolgt wurde. Die SS-Posten hetzten zunächst russische und französische Kriegsgefangene auf die gefangenen Lesben. um sie‚ mal richtig durchzuficken'.

Es gehört zum historischen Paradox, daß einige lesbische Frauen die NS-Zeit trotz der Unterdrückung in guter Erinnerung hatten. Die Zeit der Arbeitslosigkeit war vorbei, sie waren größtenteils in die Rüstungsindustrie und den Wehrmacht­s­apparat integriert... und waren aufgrund des eigenen Einkommens unabhängig. Die grausamen Bedingungen der KZs, medizinische Experimente und Versuche, Schwule. ‚umzuerziehen'  (die Idee spukt immer noch herum. 50 Jahre später - C.M-S) prägten damals das Leben von über 10.000 Lesben und Schwulen. Lange wurde es totgeschwiegen, aber vergessen werden darf es nie.

Die Tagungsreader und ein weiteres Seminar sind geplant mit dem Ziel, mehr über diese „vergessenen und verdrängten“ Minderheiten, die so gut wie nie „Entschädigung“ bekommen haben, ans Tageslicht zu bringen.

Colin de la Motte-Sherman

1/1993 S. 16

 
 
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