as
Filmfestival war in vielerlei Hinsicht erfolgreich mit etwa
35 Gästen, die mehr als 40 Filme vertraten, viele davon interessante
und lehrreiche. Trotzdem war es für mich etwas deprimierend
mit einigen wenigen Ausnahmen schien es eher so, dass die Filme
mehr über Unrecht und Grausamkeiten berichteten, als über die Arbeit
zu den Menschenrechten. Obwohl ich keine Clownereien bei einem solchen
Filmfest erwarte, will ich doch die Frage stellen, gibt es denn
so wenig Menschenrechts-Filme mit etwas Hoffnung, oder
die einen Erfolg darstellen können?
Deshalb habe ich auch gefragt, Was sind die Kriterien für
die Auswahl der Filme? Weniger die ästhetischen
Qualitäten als die emotionale Tiefe und der Eindruck auf die Zuschauer
sowie der universelle Charakter des Films ist entscheidend,
kam das Antwort, sowie wie überzeugend die Handlung des Films
ist, und was die Filmemacher/Innen für Visionen haben und was sie
zum Schicksal des Opfers und zur Rolle des Täters. sagen wollten.
Also hatte ich etwas Pech, das ich gerade die Filme schon gesehen
hatte, die weniger erbarmungslos waren und Erfolge zeigten, wie
Botin de Guerra (über verschwundene Kinder in Argentinien),
Kalama Sutta (über Menschenrechtsverletzungen und die Lage
in Myanmar) und Vivre Après (über die Bemuhungen bosnischer
Frauen, mit dem Massaker an ihren Männern zurechtzukommen) - diese
Filme sind vielleicht bekannt von früheren Berichten; Long Nights
Journey into Day, der auch in Berlin gezeigt wurde, gefiel mir
gerade deshalb, da er die schändliche Geschichte Südafrikas zeigt,
aber auch etwas Hoffnung dafür, dass die Geschichte überwunden werden
kann.
Unter den durch das Festival erfassten Themen waren Vergessene
Geschichten, (auch dabei Geschichten, die deshalb erzählt werden
müssen, damit sie sich nie wiederholen sollen); Rand der Menschheit
(Asylsuchende oder diejenigen, die am Rand vom Krieg und Unterdrückung
leben); Nochmal in die Hölle, (Erinnerungen aus der Hölle)
und Im Namen von Gott und der Ehre (über Menschen, die durch
gemeinsamen Werte, Gott, Ehre oder gesunde Sexualität
zu Opfer werden.)
Die angeschauten Tulpen
Au nom de lhumanité Le tribunal de la Haye
Im Mai 1993, organisierten die Vereinigten Nationen das Tribunal
für das ehemalige Jugoslawien mit dem Zweck, Justiz zu schaffen,
neue Menschenrechtsstraftaten zu verhindern und den Aufbau eines
dauerhaften Friedens zu unterstützen. In diesem kritischen Dokfilm
fordern Frauen aus Bosnien die Vertreter des Tribunals heraus wegen
ihres Leidens und des begrenzten Erfolges im Prozess. Die Frauen
sind (verständlicherweise) teilweise ungeduldig und zeigen Unverständnis
gegenüber den - eigentlich sehr neuen auf internationaler
Ebene begrüßenswerten Entwicklungen; die Beamten sind
etwas blasé.
Unter anderem reden Beamte des Tribunals wie Staatsanwälte und
Richter über Anklagen, und Augenzeugenschutzmassnahmen, und gesetzliche
Feinheiten. Richter Fouad Riad sagt, Das menschliche Gedächtnis
ist sehr kurz, und alles wird bald vergessen sein. Die primär Aufgabe
unseres Tribunals ist es, das Gedächtnis der internationalen Gemeinschaft
zu erhalten (und) ihr Gewissen zu wecken... Fest steht, das
beide - die Frauen und das Tribunal - internationale Unterstützung
brauchen, im Interesse unserer gemeinsamen Zukunft. Filmszene aus
Bosnien und die Vergangenheit machen den Film interessanter, aber
es bleibt etwas trocken und ist mit 96 Minuten
viel zu lang geworden.
Frauen Im Name von Gott und die Ehre
Women in the Sun (Palestina).
Die Frauen, die für eine bessere, gewaltfreie Zukunft in der Familie
arbeiten, und die als Selbstmord getarnten Honor-Killings
ans Licht brachten, haben einen Ruckschlag erleiden müssen und auch
die Feindseligkeiten gerade mancher der Frauen die sie helfen wollten.
Der Film ist drei Jahre alt, zeigt aber die Schwierigkeiten, die
sogenannten westlich orientierte, hochgebildete Frauen
überrollen kann. Aber ein Volk, das die Hälfte seiner Bevölkerung
unterjocht, wird nie wirklich frei sein.
Licence to Kill (Pakistan) noch erschreckender,
da alles als selbstverständlich dargestellt wird, sind die Zustände
für Frauen in Pakistan. Wo eine Frau dafür bestraft wird, dass sie
vergewaltigt worden ist, ist alles nur Erdenklich möglich. Es wird
u.a. von einem 19-jährigen berichtet, der sein Mutter, da sie nicht
auf seinen Befehl hin geheiratet hatte und außerdem auf den Markt
ging, ein bisschen Geld zu verdienen - ermordet hat. Der Sohn ist
nie bestraft worden, er hält seine Tat für richtig. Eine Frau wird
in der Kanzlei ihrer Rechtsanwältin ermordet scheinbar auf
Befehl ihrer Familie. Die Männer-Mafia schützt die Täter und ihre
Hintermänner. So ist es keine Überraschung, dass auch die Kinder-Sklaverei
dort weit verbreitet ist und die Aufmüpfigen umgebracht
werden.
Bread and Roses behandelt einen Streik unter Latino
Immigranten, die Reiniger und Hausmeister in einer Glas-Palast-Firma
in Los Angeles sind. Ich empfand den Film als filmisch gut, aber
mit einer etwas sehr vereinfachten Handlung. Streiks laufen selten
so glatt ab.
Bei der ersten Aufführung und Premiere von Homophobie
in den Niederlanden war nicht nur der leitende britische schwule
Vertreter der zivil Ungehorsams, Peter Tatchell, dabei, der neulich
versucht hat, Robert Mugabe in Belgien festzunehmen, sondern auch
AI-IS Mitarbeiter Tor-Hugne Olssen. Tatchell, der wie er mir verriet,
wöchentlich mehrere Morddrohungen bekommt, wird in dem Film zum
Thema interviewt. Olssen kam neulich von einer Mission in süd Afrika
zurück, und erwähnte die schwierige Lage für Homosexuelle und amnesty-Arbeit
dort.
Der Film ist fast wie ein Nachschlagewerk, so allumfassend ist er
und zeigt, wie Beschimpfungen und Intoleranz zu Angriffen und Mord
führen, durch die Atmosphäre, die damit gezeigt und geschaffen wird.
Der Regisseur Lionel Bernard für einen Film zu danken, der sehr
nützlich sein kann.
Nochmall in die Hölle
Chile: Torturers running free und Tortionnairre.
In Chile bleiben die meisten der Folterer und Mörder unbestraft,
trotz 2.000 dokumentierter Fälle von politischen Mord und Verschwundenen.
Manchmal erkennen die Opfer ihre Peiniger auf der Strasse, oder
stellen fest, dass sie im gleichen Hochhaus wohnen. Die Folterer
beteuern ihre Unschuld oder laufen einfach weg. Die Opfer fragen
sich, ob das der Preis für eine neue demokratische Gesellschaft
ist. Der Film ist durchaus interessant und zeigt die Probleme insbesondere
der Opfer bei einem Versuch, einen gewaltfreien Machtwechsel durchzuführen.
Tortionairre ist m. E. noch interessanterer und für
amnesty-Zwecke leichter einzusetzen. Der Film zeigt ehemalige Folterer
in Argentinien, Südafrika, Frankreich und Israel, die darüber reden,
wie sie Folterer geworden sind und wir sie das fertig bringen konnten,
ohne sich Fragen zu stellen. Zusätzliche erklärt ein Opfer - ein
Psychiater -, wie ausgeklügelt und raffiniert Folter geworden ist.
Vom Rand der Menschheit
Die neuesten Nachrichten über Schiffe voller afrikanischer
Kinder-Sklaven, hat dem Film Death of a Slaveboy
über teppichwebende Sklaven in Pakistan ein besondere
Bedeutung gegeben. Iqbal, fing mit fünf Jahren
als Teppichknüpfer an. Bald wurde er ein geknechtete Arbeiter und
musste sechs Tage in der Woche von früh Morgens bis späten Abend
arbeiten. Als er endlich befreit war, hat er begonnen, für die Befreiung
von anderen Kindern einzusetzen. Er träumte davon, eines Tages Rechtsanwalt
zu werden. Er wurde April 1995 getötet. Der Täter ist nicht gefasst
worden. Ein zutiefst bewegender Film.
Hillbrow Kids (S. Afrika) ist einer der deprimierendsten
Filme, die je ich gesehen habe. Gerade diejenigen die Kinder
und Jugendlichen - die eine neue Zukunft mit besseren Perspektiven
im neuen Südafrika, in Johannesburg haben sollten, versinken
in einem Teufelskreis von Armut, Alkoholismus, Klebstoff-Schnüffeln
und Brutalität. Living in Hell wäre auch ein für den Film
angebrachter Title.
Justice (Madagaskar) Stellt die unglaublichen von
Polizei und Richterlicher benutzten Methoden dar gegenüber jugendlichen
Kleinkriminellen in Atanarivo, Hauptstadt von Madagaskar und die
verhängten schweren Strafen für fast Nichts. Zwei Jugendliche wurden
durch verbale Beschimpfungen und Misshandlungen dazu gebracht, ein
Geständnis abzulegen. Sie wurden in ein Jugendgefängnis (obwohl
nicht so genannt) für ein Jahr geschickt, um auf einen Prozess zu
warten, der immer wieder verschoben wird. Mangelnde Hygiene und
Ernährung führen jeden zweiten Tag zum Tode eines jugendlichen Gefangenen.
Vergessene Geschichte
La Historia Official (Argentinien) bekam einen
Oscar für den besten fremdsprachigen Film in 1986 (!) und trotz
der bleibenden Aktualität und einer hohen Qualität als Spielfilm,
hat es mich überrascht, dass er als Eröffnungsfilm gewählt wurde.
Eine Frau, eine Lehrerein, erzieht eine adoptiertes Kind. Nach dem
Ende des Militärregimes, sagen ihr ihre Studenten dass sie die
offizielle Geschichte ihres Landes nicht glauben. Sie beginnt in
der Vergangenheit ihrer Tochter zu forschen, und ihre Welt fängt
an zu schwanken.
Maximum Penalty (Dänemark) Ein erschütternder Film,
der zeigt, wie leicht jemand zwischen die Mühlsteine einer Diktatur
geraten kann. Arne Munch-Petersen ist 1937 in der UdSSR verschwunden.
Es fehlt jede Spur. Es wird vermutet, dass er zu den 30.000 Ausländern
gehört, die Stalin foltern und als Volksverräter ermorden
ließ. Der Film bringt Interviews, die den Schleier der über den
ganzen Wortverdrehungen liegt, der es Diktaturen ermöglicht, die
Menschenrechte mit Füßen zu treten, zur Seite ziehen.
Three Days & Never Again (Russland) Auch heute
sind russische Bürger Opfer der jahrhundertlangen, offenen und
verdeckten Diktaturen ihrer Geschichte. Wie in so vielen Ländern
des Globus entbehrt das sogenannte Justizsystem jede Hoffnung auf
eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, jeden Sinn für Menschlichkeit.
Unter den zum Tode verurteilten Kriminellen ist Biryukov, der einen
Offizier erschossen hat, nachdem ihn dieser sexuelle Belästigt hatte.
In einigen Passagen etwas langweilig, zeigt der Film den letzten
Besuch der Mutter vor der geplanten Hinrichtungen. Ein erschütternder
Film, der laut dem Regisseur nach der öffentliche Vorführung des
Filmes dazu geführt hat, dass die Hinrichtung nicht vollstreckt
wird.
Stolen Generations (Australien). In diesem Film -
der zumindest einen Engländer staunen läßt und der ihm beschämt
- wird gezeigt, wie bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts Kinder
regelmäßig und massenweise ihren Eltern weggenommen wurden
da sie Aborigines waren. Über zweihundert Jahre lang wurde dieser
Prozess vom Gesetzt gefördert, um die Ureinwohner zu eliminieren.
Überlebende beschreiben, wie sie von ihren Familien brutal weggerissen,
und bis an andere Ende des Kontinents transportiert wurden, aber
auch Geschichten von Widerstand werden gezeigt. Historiker erzählen
die Fakten und entlarven dabei die offizielle australische Propaganda.
Festival-Preis Goldene Streichholze / "Golden
Matchstick"
Bei der Auswahl des Filmes der den Festival-Preis Goldene
Streichholze bekommen sollte, schrieb die Jury in ihrem
Bericht: Es war aufregend und ein Zeichen von Hoffnung,
dass mit allem Schmerz und mit allen Grausamkeiten, die sie sich
mit bringt, die neue Technologie immer effizientere Waffen gegen
Ungerechtigkeit bietet. Das Molotovcocktail ist altmodisch geworden.
Der Film The Making of the Revolution zeigt, wie ein
Laptop Computer, ein Handy oder eine kleine Kamera zusätzlich zu
den üblichen Bannern und Fahne in einer Wahlkampagne - wo Otpor!
das Milosevic Regime zum Einsturz brachte - eine effektive Rolle
spielen. Gefilmt mit einer Digitalkamera, ist es ein inspirierendes
Beispiel, wie ein moderne Kamera unter schwierige
Bedingungen überlebt. Die gesamte Dreharbeit wurde from the
inside mit einem Voice-over gemacht. Das Endergebnis ist
exzellent.
Zwei andere Filme wurden erwähnt - Vivre après Paroles
des femmes, bewegende und intime Porträts von Frauen, die
im bosnischen Krieg durch die Ermordung ihrer Männer stark gelitten
haben, und Children of the Secret State, der geheime
Szenen von hungernden Kindern in Nord-Korea zeigt. Beide Dokfilme
benutzen die neuen Kameratechniken, wodurch Menschenrechtsarbeit
immer weniger von offiziellen Medien und ihren Mängeln
abhängig sein wird. Es wird bald für alle möglich sein Menschenrechtsarbeit
auf Film zu dokumentieren. MR Verletzungen wird immer schwieriger
zu verbergen sein.
Der Film, dem der Festival Preis Golden Matchstick durch
die Jury geliehen wurde, ist La Terre des Ames errantes
/ The Land of the wandering Souls von Kambodschanischen
Regisseur Rithy Pahn. Die Jury wurde durch die poetische Form,
den Sinn für tägliches Leben, seine Überzeugung dass eine Generation
nach der anderen leidet, wenn Menschenrechtsverletzungen nicht
geahndet werden, überwältigt. Die Jury ist kaum weniger beeindruckt
gewesen durch das Botschaft, dass Zärtlichkeit, Freude und der Zauber
von Ritualen unzerstörbar sind und innerliche Ruhe bringen. Es
ist eine Metapher für den schmerzhaften und endlosen Prozess des
Umgrabens und Ausgrabens. Es zeigt Menschenrechte im weitesten Sinne
des Wortes nicht nur zivil und politische Rechte, sondern
auch das Recht auf Lebensunterhalt (livelihood), auf Überleben,
und menschliche Würde.
Die Jury die bestand aus Film-Experten - empfahl alle neun
Filme als entweder gut oder hervorragend, insbesondere an Fernsehenskanäle
und Kinos in Niederlande und Ausland. Die Wirksamkeit dieser Filme
sollte nicht auf ein Festival beschränkt bleiben, sondern auch dem
Kinopublikum zugänglich gemacht werden.
Colin de la Motte-Sherman
|
 |