Schwarze Tulpen in Amsterdam  

Schwarze Tulpen in Amsterdam


„Amnesty International hat Entwicklungen wie die Erweiterung der visuellen Kultur vorausgesehen. Zusätzlich zum Filmfestival hat amnesty auch eine grosse audiovisuelle Abteilung. ... Die Anwendung von audiovisueller Methoden führt zu guten und starken Kampagnen.“ So antwortete mir eine Vertreterin des Filmfestivals auf die Frage, warum amnesty ein Filmfestival braucht. Es sind gute Gründe dafür, ein Filmfestival für die Zwecke von amnesty international zu schaffen.

Das Film Festival wurde 1995 zum erstenmal in Amsterdam von dem niederländischen Sektion ohne direkte Hilfe vom Internationalen Sekretariat organisiert. Das 4. Internationale Filmfest fand vom 28. März bis zum 1. April statt.


as Filmfestival war in vielerlei Hinsicht erfolgreich – mit etwa 35 Gästen, die mehr als 40 Filme vertraten, viele davon interessante und lehrreiche. Trotzdem war es für mich etwas deprimierend – mit einigen wenigen Ausnahmen schien es eher so,  dass die Filme mehr über Unrecht und Grausamkeiten berichteten, als über die Arbeit zu den Menschenrechten. Obwohl ich keine Clownereien bei einem solchen Filmfest erwarte, will ich doch die Frage stellen, gibt es denn so wenig „Menschenrechts“-Filme mit etwas Hoffnung, oder die einen Erfolg darstellen können?

Deshalb habe ich auch gefragt, „Was sind die Kriterien für die Auswahl der Filme?“  – „Weniger die ästhetischen Qualitäten als die emotionale Tiefe und der Eindruck auf die Zuschauer sowie der universelle Charakter des Films ist entscheidend“, kam das Antwort, sowie „wie überzeugend die Handlung des Films ist, und was die Filmemacher/Innen für Visionen haben und was sie zum Schicksal des Opfers und zur Rolle des Täters. sagen wollten.“

Also hatte ich etwas Pech, das ich gerade die Filme schon gesehen hatte, die weniger erbarmungslos waren und Erfolge zeigten, wie – Botin de Guerra (über verschwundene Kinder in Argentinien), Kalama Sutta (über Menschenrechtsverletzungen und die Lage in Myanmar) und Vivre Après (über die Bemuhungen bosnischer Frauen, mit dem Massaker an ihren Männern zurechtzukommen) - diese Filme sind vielleicht bekannt von früheren Berichten; Long Nights Journey into Day, der auch in Berlin gezeigt wurde, gefiel mir gerade deshalb, da er die schändliche Geschichte Südafrikas zeigt, aber auch etwas Hoffnung dafür, dass die Geschichte überwunden werden kann.

Unter den durch das Festival erfassten Themen waren Vergessene Geschichten, (auch dabei Geschichten, die deshalb erzählt werden müssen, damit sie sich nie wiederholen sollen); Rand der Menschheit (Asylsuchende oder diejenigen, die am Rand vom Krieg und Unterdrückung leben); Nochmal in die Hölle, (Erinnerungen aus der Hölle) und Im Namen von Gott und der Ehre (über Menschen, die durch gemeinsamen Werte, Gott, Ehre oder „gesunde“ Sexualität zu Opfer werden.)



Die angeschauten Tulpen

Au nom de l’humanité – Le tribunal de la Haye

Im Mai 1993, organisierten die Vereinigten Nationen das Tribunal für das ehemalige Jugoslawien mit dem Zweck, Justiz zu schaffen, neue Menschenrechtsstraftaten zu verhindern und den Aufbau eines dauerhaften Friedens zu unterstützen. In diesem kritischen Dokfilm fordern Frauen aus Bosnien die Vertreter des Tribunals heraus wegen ihres Leidens und des begrenzten Erfolges im Prozess. Die Frauen sind (verständlicherweise) teilweise ungeduldig und zeigen Unverständnis gegenüber den - eigentlich sehr neuen – auf internationaler Ebene begrüßenswerten Entwicklungen; die „Beamten“ sind etwas blasé.

Unter anderem reden Beamte des Tribunals wie Staatsanwälte und Richter über Anklagen, und Augenzeugenschutzmassnahmen, und gesetzliche Feinheiten. Richter Fouad Riad sagt, “Das menschliche Gedächtnis ist sehr kurz, und alles wird bald vergessen sein. Die primär Aufgabe unseres Tribunals ist  es, das Gedächtnis der internationalen Gemeinschaft zu erhalten (und) ihr Gewissen zu wecken...”  Fest steht, das beide - die Frauen und das Tribunal - internationale Unterstützung brauchen, im Interesse unserer gemeinsamen Zukunft. Filmszene aus Bosnien und die Vergangenheit machen den Film interessanter, aber es bleibt etwas „trocken“ und ist mit 96 Minuten – viel zu lang geworden.


Frauen – Im Name von Gott und die Ehre

Women in the Sun (Palestina).

Die Frauen, die  für eine bessere, gewaltfreie Zukunft in der Familie arbeiten, und die als Selbstmord getarnten „Honor-Killings“ ans Licht brachten, haben einen Ruckschlag erleiden müssen und auch die Feindseligkeiten gerade mancher der Frauen die sie helfen wollten. Der Film ist drei Jahre alt, zeigt aber die Schwierigkeiten, die sogenannten „westlich“ orientierte, hochgebildete Frauen überrollen kann. Aber ein Volk, das die Hälfte seiner Bevölkerung unterjocht, wird nie wirklich frei sein.

Licence to Kill (Pakistan) – noch erschreckender, da alles als selbstverständlich dargestellt wird, sind die Zustände für Frauen in Pakistan. Wo eine Frau dafür bestraft wird, dass sie vergewaltigt worden ist, ist alles nur Erdenklich möglich. Es wird u.a. von einem 19-jährigen berichtet, der sein Mutter, da sie nicht auf seinen Befehl hin geheiratet hatte und außerdem auf den Markt ging, ein bisschen Geld zu verdienen - ermordet hat. Der Sohn ist nie bestraft worden, er hält seine Tat für richtig. Eine Frau wird in der Kanzlei ihrer Rechtsanwältin ermordet – scheinbar auf Befehl ihrer Familie. Die Männer-Mafia schützt die Täter und ihre Hintermänner. So ist es keine Überraschung, dass auch die Kinder-„Sklaverei“ dort weit verbreitet ist und die „Aufmüpfigen“ umgebracht werden.

Bread and Roses behandelt einen Streik unter Latino Immigranten, die Reiniger und Hausmeister in einer Glas-Palast-Firma in Los Angeles sind. Ich empfand den Film als filmisch gut, aber mit einer etwas sehr vereinfachten Handlung. Streiks laufen selten so glatt ab.

Bei der ersten Aufführung und Premiere von Homophobie in den Niederlanden war nicht nur der leitende britische schwule Vertreter der zivil Ungehorsams, Peter Tatchell, dabei, der neulich versucht hat, Robert Mugabe in Belgien festzunehmen, sondern auch AI-IS Mitarbeiter Tor-Hugne Olssen. Tatchell, der wie er mir verriet, wöchentlich mehrere Morddrohungen bekommt, wird in dem Film zum Thema interviewt. Olssen kam neulich von einer Mission in süd Afrika zurück, und erwähnte die schwierige Lage für Homosexuelle und amnesty-Arbeit dort.
Der Film ist fast wie ein Nachschlagewerk, so allumfassend ist er und zeigt, wie Beschimpfungen und Intoleranz zu Angriffen und Mord führen, durch die Atmosphäre, die damit gezeigt und geschaffen wird. Der Regisseur Lionel Bernard für einen Film zu danken, der sehr nützlich sein kann.


Nochmall in die Hölle

Chile: Torturers running free und Tortionnairre.

In Chile bleiben die meisten der Folterer und Mörder unbestraft, trotz 2.000 dokumentierter Fälle von politischen Mord und Verschwundenen. Manchmal erkennen die Opfer ihre Peiniger auf der Strasse, oder stellen fest, dass sie im gleichen Hochhaus wohnen. Die Folterer beteuern ihre Unschuld oder laufen einfach weg. Die Opfer  fragen sich, ob das der Preis für eine neue demokratische Gesellschaft ist. Der Film ist durchaus interessant und zeigt die Probleme insbesondere der Opfer bei einem Versuch, einen gewaltfreien Machtwechsel durchzuführen.

Tortionairre ist m. E. noch interessanterer und für amnesty-Zwecke leichter einzusetzen. Der Film zeigt ehemalige Folterer in Argentinien, Südafrika, Frankreich und Israel, die darüber reden, wie sie Folterer geworden sind und wir sie das fertig bringen konnten, ohne sich Fragen zu stellen. Zusätzliche erklärt ein Opfer - ein Psychiater -, wie ausgeklügelt und raffiniert Folter geworden ist.


Vom Rand der Menschheit

Die  neuesten  Nachrichten über Schiffe voller afrikanischer Kinder-Sklaven, hat dem Film  Death of a Slaveboy über teppichwebende Sklaven in Pakistan ein besondere Bedeutung gegeben. Iqbal, fing mit fünf Jahren als Teppichknüpfer an. Bald wurde er ein geknechtete Arbeiter und musste sechs Tage in der Woche von früh Morgens bis späten Abend arbeiten. Als er endlich befreit war, hat er begonnen, für die Befreiung von anderen Kindern einzusetzen. Er träumte davon, eines Tages Rechtsanwalt zu werden. Er wurde April 1995 getötet. Der Täter ist nicht gefasst worden. Ein zutiefst bewegender Film.

Hillbrow Kids (S. Afrika) ist einer der deprimierendsten Filme, die je ich gesehen habe. Gerade diejenigen – die Kinder und Jugendlichen - die eine neue Zukunft mit besseren Perspektiven im „neuen“ Südafrika, in Johannesburg haben sollten, versinken in einem Teufelskreis von Armut, Alkoholismus, Klebstoff-Schnüffeln und Brutalität. Living in Hell wäre auch ein für den Film angebrachter Title.

Justice (Madagaskar) Stellt die unglaublichen von Polizei und Richterlicher benutzten Methoden dar gegenüber jugendlichen Kleinkriminellen in Atanarivo, Hauptstadt von Madagaskar und die verhängten schweren Strafen für fast Nichts. Zwei Jugendliche wurden  durch verbale Beschimpfungen und Misshandlungen dazu gebracht, ein Geständnis abzulegen. Sie wurden in ein Jugendgefängnis (obwohl nicht so genannt) für ein Jahr geschickt, um auf einen Prozess zu warten, der immer wieder verschoben wird. Mangelnde Hygiene und Ernährung führen jeden zweiten Tag zum Tode eines jugendlichen Gefangenen.


Vergessene Geschichte

La Historia Official (Argentinien) bekam einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film in 1986 (!) und trotz der bleibenden Aktualität und einer hohen Qualität als Spielfilm, hat es mich überrascht, dass er als Eröffnungsfilm gewählt wurde. Eine Frau, eine Lehrerein, erzieht eine adoptiertes Kind. Nach dem Ende des  Militärregimes, sagen ihr ihre Studenten dass sie die offizielle Geschichte ihres Landes nicht glauben. Sie beginnt in der Vergangenheit ihrer Tochter zu forschen, und ihre Welt fängt an zu schwanken.

Maximum Penalty (Dänemark) Ein erschütternder Film, der zeigt, wie leicht jemand zwischen die Mühlsteine einer Diktatur geraten kann. Arne Munch-Petersen ist  1937 in der UdSSR verschwunden. Es fehlt jede Spur. Es wird vermutet, dass er zu den 30.000 Ausländern gehört, die Stalin foltern und als „Volksverräter“ ermorden ließ. Der Film bringt Interviews, die den Schleier der über den ganzen Wortverdrehungen liegt, der es Diktaturen ermöglicht, die Menschenrechte mit Füßen zu treten, zur Seite ziehen.

Three Days & Never Again (Russland)  Auch heute sind russische Bürger Opfer der jahrhundertlangen,  offenen und verdeckten Diktaturen ihrer Geschichte. Wie in so vielen Ländern des Globus entbehrt das sogenannte Justizsystem jede Hoffnung auf eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, jeden Sinn für Menschlichkeit. Unter den zum Tode verurteilten Kriminellen ist Biryukov, der einen Offizier erschossen hat, nachdem ihn dieser sexuelle Belästigt hatte. In einigen Passagen etwas langweilig, zeigt der Film den letzten Besuch der Mutter vor der geplanten Hinrichtungen. Ein erschütternder Film, der laut dem Regisseur nach der öffentliche Vorführung des Filmes dazu geführt hat, dass die Hinrichtung nicht vollstreckt wird.

Stolen Generations (Australien). In diesem Film - der zumindest einen Engländer staunen läßt und der ihm beschämt - wird gezeigt, wie bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts Kinder regelmäßig und massenweise ihren Eltern weggenommen wurden – da sie Aborigines waren. Über zweihundert Jahre lang wurde dieser Prozess vom Gesetzt gefördert, um die Ureinwohner zu eliminieren. Überlebende beschreiben, wie sie von ihren Familien brutal weggerissen, und bis an andere Ende des Kontinents transportiert wurden, aber auch Geschichten von Widerstand werden gezeigt. Historiker erzählen die Fakten und entlarven dabei die offizielle australische Propaganda.


Festival-Preis “Goldene Streichholze” / "Golden Matchstick"

Bei der Auswahl des Filmes der den Festival-Preis “Goldene Streichholze” bekommen sollte, schrieb die Jury in ihrem Bericht: „Es war aufregend und ein Zeichen von Hoffnung, dass mit allem Schmerz und mit allen Grausamkeiten, die sie sich  mit bringt, die neue Technologie immer effizientere Waffen gegen Ungerechtigkeit bietet. Das Molotovcocktail ist altmodisch geworden. Der Film The Making of the Revolution zeigt, wie ein Laptop Computer, ein Handy oder eine kleine Kamera zusätzlich zu den üblichen Bannern und Fahne in einer Wahlkampagne - wo Otpor! das Milosevic Regime zum Einsturz brachte - eine effektive Rolle spielen. Gefilmt mit einer Digitalkamera, ist es ein inspirierendes Beispiel, wie ein moderne Kamera  „“ unter schwierige Bedingungen überlebt. Die gesamte Dreharbeit wurde ‘from the inside’ mit einem Voice-over gemacht. Das Endergebnis ist  exzellent.“

Zwei andere Filme wurden erwähnt - Vivre après – Paroles des femmes, bewegende und intime Porträts von Frauen, die im bosnischen Krieg durch die  Ermordung ihrer Männer stark gelitten haben, und Children of the Secret State, der geheime Szenen von hungernden Kindern in Nord-Korea zeigt. Beide Dokfilme benutzen die neuen Kameratechniken, wodurch Menschenrechtsarbeit immer weniger von „offiziellen“ Medien und ihren Mängeln abhängig sein wird. Es wird bald für alle möglich sein Menschenrechtsarbeit auf Film zu dokumentieren. MR Verletzungen wird immer schwieriger zu verbergen sein.

Der Film, dem der Festival Preis Golden Matchstick durch die Jury geliehen wurde, ist  La Terre des Ames errantes / The Land of the wandering Souls von Kambodschanischen Regisseur Rithy Pahn. “Die Jury wurde durch die poetische Form, den Sinn für tägliches Leben, seine Überzeugung dass eine Generation nach der anderen leidet, wenn Menschenrechts­verletzungen nicht geahndet werden, überwältigt. Die Jury ist kaum weniger beeindruckt gewesen durch das Botschaft, dass Zärtlichkeit, Freude und der Zauber von  Ritualen unzerstörbar sind und innerliche Ruhe bringen. Es ist eine Metapher für den schmerzhaften und endlosen Prozess des Umgrabens und Ausgrabens. Es zeigt Menschenrechte im weitesten Sinne des Wortes – nicht nur zivil und politische Rechte, sondern auch das Recht auf Lebensunterhalt (livelihood), auf Überleben, und menschliche Würde.“

Die Jury – die bestand aus Film-Experten - empfahl  alle neun Filme als entweder gut oder hervorragend, insbesondere an Fernsehenskanäle und Kinos in Niederlande und Ausland. Die Wirksamkeit dieser Filme sollte nicht auf ein Festival beschränkt bleiben, sondern auch dem Kinopublikum zugänglich gemacht werden.

 

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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