C.M-S.: Wie ist heute das Leben für Lesben
und Schwulen in Irland?
Susie: Wir sind immer noch dabei, die
Abschaffung der Kriminalisierung von Homosexualität auszuwerten.
Aber es gibt viele andere aufregende Dinge zur Zeit und es kommen
noch mehr dazu- Ein neues Asylrecht wird eingebracht, das Lesben
und Schwule aus Ländern, in denen Homosexualität verfolgt wird,
in Irland Asyl beantragen können und bekommen.
C.M-S.: Es ist z.. Z. aber nur eine Gesetzesvorlage?
Susie:
Ja .Die Wörter, sexuelle Orientierung werden möglicherweise
direkt erwähnt, aber sie wollen bestimmte soziale Gruppierungen
berücksichtigen. Sie haben uns versichert, daß wir auf jeden Fall
eingeschlossen werden.
Gleichberechtigungsstatus - das heißt, ein Antidiskriminierungsgesetz
sollte im Parlament innerhalb von sechs Monaten beschlossen werden.
Das geschah durch das Kabinett Anfang Oktober. Wir haben schon ein
Gesetz gegen ungerechte Entlassung, das Arbeitsplätze im öffentlichen
Dienst und bei privaten Arbeitgebern betrifft.
C.M-S.: Jetzt wollen sie die anti-Diskriminierung
der Nicht-Arbeitswelt einführen...
Susie:
Das würde z.B. Unterkunft, Dienstleistungen und Bildung betreffen,
aber nicht nur für Lesben und Schwule, sondern auch für Zigeuner,
Behinderte, Frauen und Kinder, die unter unterschiedlichen Elternschaftsbedingungen
leben (,uneheliche" und Kinder von Alleinstehenden),sowie nach
dem ethnischen Status. Wir haben schon einen Minister mit
Kabinettstatus, der für Gleichberechtigung und Gesetzesreform zuständig
ist. Er hat schon viel erreicht. Es ist ein schwieriges Gesetz
alle die anderen Ministerien haben protestiert, wegen der zusätzlichen
Arbeit, die es ihnen bringen wird aber die Vorlage wurde
trotzdem im Kabinett verabschiedet.
Gesetzesänderungskampagne
C.M-S.: Wie ist das alles möglich in einem
Land, in dem die katholische Kirche so großen Einfluss hat?
Susie: Du darfst nicht vergessen, dass die irische
Bevölkerung 800 Jahre lang diskriminiert worden ist, Die Zeit war
reif nach so vielen Jahren Kampf durch Senator David Norris (Norris
hatte ein Prozeß vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die irische
Regierung gewonnen.) Wir haben auch eine Allianz aufgebaut zwischen
verschiedenen Gruppen. Von GLEN (Gay and Lesbian Equality Network)
die Lobbyarbeit durchführt, und von anderen Gruppen unterstützt
wird, Gewerkschaftsorganisationen, Vereine für Behinderte, Frauenorganisationen
- und wir haben die Unterstützung durch einen großen Teil der irischen
Gesellschaft, von NGOs (Nicht Regierungs-Organisationen), sogar
manche kirchliche Gruppen.
Am Ende hat die katholische Kirche auch nicht viel Widerstand geleistet.
Sie hat entschieden, sie könnte nicht länger auf diesem Gebiet kämpfen,
da die Regierung so entschlossen war, die Entkriminalisierung durchzuführen.
Sie sind bekannt für ihre Arbeit für soziale Gerechtigkeit, gegen
Arbeitslosigkeit, für Missionärsarbeit und Entwicklungshilfe. Es
ist ihr klar gemacht worden, daß die Entkriminalisierung eine Frage
von Menschenrechten ist. Ich glaube auch, daß die katholische Kirche
an Einfluss verliert. Jetzt haben sie nur direkte Kontrolle über
die Schule, und sie werden auch die in einigen Jahren verlieren.
Wir haben eine wirksame (Koalitionsregierung der traditionellen
Mitte-Links-Partei (Fianna Fail) und der Labour-Partei. Entkriminalisierung
war ein Versprechen der Justizministerin, Ms. Quinn, die sagte,
es werde der erste Schritt sein, den sie nach ihrem Amtsantritt
in Angriff nehmen wollte- und das tat sie auch.
Andere Gesetze waren schon geplant unabhängig von der Entkriminalisierung.
Der Beweiß wurde immer wieder dadurch erbracht, daß Lesben und Schwulenbewegen
ihrer Sexualität entlassen wurden. Die Ministerin, die das Gesetz
gegen ungerechten Entlassungen durchbrachte, erläutete auch, warum
sie das Gesetz unterstützte. Die Regierung hat inzwischen fest zugesagt,
die Gleichberechtigung einzuführen. Das ist sehr wichtig. Sie weI~3
auch, daß sie es in der GLEN mit ,Profis" zu tun haben, wenn
es um die Vertretung der Interesse von Lesben und Schwulen geht.
Wir haben starke Verbindungen auch zu einigen MPs - und wenn
das Gesetz in Gefahr wäre, hätten wir MPs, die wir überzeugen könnten
gegen ihre Partei zu stimmen.
Nicht zu unterschätzen ist auch die enorme Unterstützung durch
die ILGA und die Protestbriefe-Kampagne, die sie organisiert hat.
Die letzte ähnliche Kampagne war phantastisch. Das Büro des Taiseoch
(irischer Premierminister) hatte die Flut von Briefen über.
Ich kann mich an den Brief von Eurem DAW Verein erinnern. (Susie
lacht.) [Wahrscheinlich weil wir haben den großen irischen Patrioten,
Sir Roger Casement, erwähnten, der schwul war und von den Engländern
enthauptet, und weil wir meinten, er wurde aus dem Grab steigen,
wenn er wusste, wie seine schwulen Landsleute behandelt werden
C.M-S.]
Die Kampagne war sehr erfolgreich. Da Irland immer als guter
Europäer angesehen werden möchte.. Und weil der Menschenrechtsgerichtshof
gedrängt hatte und das Ministerkomitee des Europarat es alle sechs
Monaten nachfragte: Warum ist denn das Gesetzt nicht geändert?"
Es brachte sie in Verlegenheit. Jetzt ist England in Verlegenheit,
weil unsere Gesetzgebung besser ist als ihre.
Andere positive Änderungen sind die, da wir jetzt präventive AIDS-Arbeit
machen können mit Unterstützung durch das Ministerium für Gesundheit.
Vorher haben sie es abgelehnt. da, Sodomie verboten
war. Jetzt finden sie keine Ausrede mehr, und sind bereitwillig,
diese Arbeit zu finanzieren.
Mit oder ohne Gewalt?
Jetzt sind wir dabei, die Armut unter Schwulen und Lesben zu
untersuchen - mit Finanzen von der Regierung. Es ist echte Qualitätsarbeit
und wird die Diskriminierung in Schulen zeigen sowie am Arbeitsplatz.
Lesben und Schwulen sind nicht so gut darauf nicht so gut, angepasst"
wie die Armen unter Heterosexuellen; sie sind psychologisch benachteiligt.
Aber die interessantesten Ergebnissen kamen von den Leuten die jemanden
kennen, der zusammengeschlagen worden ist wegen seiner sexuellen
Orientierung. Etwa 78 Prozent der Befragten kennen jemand, der zusammengeschlagen
wurde, und etwa 46 Prozent sind entweder verbal oder physisch diskriminiert
worden wegen ihre sexuellen Orientierung. Das stellt die ganze Politik
der Polizei im Zusammenhang mit Lesben und Schwulen in Frage.
Wir warten jetzt auf einen Brief von der Ministerin über ihre
Politik gegenüber Lesben und Schwulen auf diesen Gebiet. - Die Antworten
der Polizeipressestelle waren positiv, wenn danach gefragt wurde.
... Es wird kaum über anti-schwule Taten berichtet. Selbst die,
die in der schwul-lesbischen Gemeinschaft tätig sind, wissen kaum
etwas darüber.
C.M-S.: Habt ihr ein Überfalltelefon oder
was ähnliches ?
Susie:
Nein. Wir haben ein Switchboard in Hirschfeld-Zentrum, und die rufen
mich wenn es größeres Probleme gibt. Aber meistens geht es um Diskriminierung
bei der Lebensversicherung ein großes Problems bei uns zur
Zeit. Oder die Probleme derjenigen die beim Cruising aufgegriffen
wurden, und Beratung suchen und ein schwulen-freundlichen Rechtsanwalt
vermittelt haben wollen. Das Problem von Gewalt ist nicht auf der
Tagesordnung der Lesben und Schwulen.
C.M-S.: Heißt das, Menschen werden nicht
zusammengeschlagen oder wird nur nicht darüber berichtet ?
Susie:
Beides. Obwohl die Taten nicht berichtet oder gemeldet werden, bei
der kleinen schwulen Szene in Dublin wurden wir davon erfahren,
wenn es geschieht. In Wirklichkeit gibt es keine Szene in Dublin
- nur zwei Kneipen und zwei Saunen. Es scheint kein großes Problem
zu sein, lch habe nur von drei oder vier Fällen In den letzten zwölf
Monaten gehört.
C-M-S.: Kann das daran liegen, daß nicht
so viele Lesben und Schwule, offen leben wie in Deutschland?
Susie: Das
kann sein. Ich denke schon, daß es damit zu tun hat, weil die Leute
nicht so offen sind.
C-M-S.: Und keine Parks?
Susie: Wir
haben viele große Parks in Dublin, auch rnit Cruising areas, und
fast alle wissen davon aber es ist sehr ruhig.
Mehr und mehr Leute machen jetzt ihr Coming out. Die Zahl der Leute,
die Kontakt mit der Jugendgruppe aufnehmen, wachst. Sie hat sich
im letzten Jahr auf etwa 70 verdoppelt. Aber das wechselt ständig.
Sie kommen ein paar Mal zur Jugendgruppe, finden einen Freund und
basta. Sie sind glücklich. Sie können immer wieder kommen, wenn
sie Hilfe brauchen.
Lesbische Sichtbarkeit
1994 wird als Jahr der lesbischen Sichtbarkeit in die irische Geschichte
eingehen.
Es gibt sehr wenig bekannte und sichtbare Lesben in Irland. Es
gab auch große Probleme in der Zusammenarbeit zu zwischen Lesben
und Schwulen, aber in diesem Jahr haben die lesbischen Gruppen Geld
bekommen von der Regierung, um Führungsprogramme durchzuführen sowie
ein Projekt für Arbeitslose. Lesbische chic kam auch
nach Irland in diesem Jahr und wurde sehr eloquent verteidigt
und angegriffen durch die Lesben. Jetzt brauchen sie ihre Finger,
um die Lesben zu zählen, die im Fernsehen auftreten und was sagen
werden.
C.M-S.: Was ist diese lesbische chic?
Susie:
Das, was ganz groß im letzten Jahr in den Vereinigten Staaten lief
mit k. d. lang und Cindy Crawford auf der Titelseite von Vanity
Fair, wie sie sich gegenseitig rasiert ·hatten. Sie haben
sich Fein gemacht als ,lipstick-lesben" .Die Medien haben
festgestellt, daß die Lesben schon seit langem da sind. Warum sind
sie nicht so sichtbar wie Schwule gewesen?
Irische Frauen sind an die Küche angekettet gewesen! Heiraten und
Kinderkriegen. Lesbisch-Sein war nicht vorgesehen. Die haben auch
gesehen, wie die schwulen Männer behandelt wurden irn Zusarnrnenhang
mit Kriminalisierung und obwohl lesbischer Sex nie so behandelt
wurde, war er als sehr negativ angesehen.
C-M-S.: Du erwähntest vorhin, daß Du im
Fernsehen aufgetreten bist ...
Susie: Ja. Seit der Entkriminalisierung
hat es einen Schneeballeffekt gegeben mit Veröffentlichungen zu
lesbischen und schwulen Themen. Die Verlage streiten darüber, wer
für sie ein Buch schreiben soll. Ich selbst und Junior Larkin
wurden vom Verlag Martello beauftragt, das erste irische Buch über
Coming out zu schreiben. Es ist vor zwei Wochen herausgekommen und
beinhaltet persönliche Geschichten, einen Ratgeber, Erklärungen
zur schwul-lesbischen Kultur, Sexualität, Safe Sex, Religion, Kontakt-Adressen,
und eine Bibliographie. Es zieht die Medien an, da das Problem Wie
man die Eltern darüber informiert sie zu faszinieren scheint.
Junior und Ich waren 20 Minuten land im Fernsehen zur Prime
Time zu sehen und wir gaben sieben Radiosendungen plus zwei
Interviews für landesweite Zeitungen.
Es gibt mindesten fünf anderen Bücher zum Thema, die bis Frühjahr
1995 veröffentlicht werden sollen. Eins hat den Titel Es gibt
einen in jeder Familie für Eltern und Familien. Es
gibt auch Pläne für eine Radioprogramm im nationalen Radio-Netzwerk.
Politik und die Zukunft
C-M-S.: Ist die Entwicklung im Zusammenhang
mit Nordirland hoffnungsvoll?
Susie: Sehr. Ich hatte nie gedacht, das
Ich das erleben würde. Die Wunsche aller müssen berücksichtigt werden,
natürlich. Ich glaube nicht, daß ich ein vereinigten Irland noch
erleben werde: ich will es nicht gegen die den Willen der Mehrheit
der Nordiren. Es wird lange dauern, viele Gespräche geben, und die
britische Regeierung muß anerkennen, dass die katholische Minderheit
diskriminiert worden ist, aber die Nationalisten müssen auch die
Ängste der Loyalists (Die Wiedervereinigungsgegner) in Betracht
ziehen. Es gibt aber auch hier eine Bedeutung von Lesben und Schwulen
in Nordirland. Es ist eine sehr große Frage, ob das Sektenturn die
lesbisch-schwulen Gemeinschaft dort getrennt hat. Ein junger Man
mit dem ich letzte Woche sprach, er ist Protestant - erzählte
mir, er hätte seinem Vater erzählt, daß er schwul sei. Der Vater
hätte nur erwidert, Lieber schwul als mit einem katholischen
Mädchen ausgehen. Der Junge hat seinem Vater verschwiegen daß sein
Freund Katholik sei. Natürlich existiert das Sektenturn auch in
der nord-irischen schwul-lesbischen Gemeinschaft
Der Rev. Ian Paisley (religiöser Gegner der Wiedervereinigung,
rechts-orientierte Priester führte eine Kampagne zum Thema Rettet
Irland vor der Sodomie!" durch, und Nordirland wurdet; tatsächlich
von der britischen Teilreforrn 1967 ausgeschlossen. Es wäre ein
diesem Jahr beinahe wieder passiert bei der Abstimmung über ein
einheitliches Schutzalter für Homo- und Heterosexuelle. Schwulen
Lobbyisten in London hatten Angst, daß die Nordirland-Lobby es mit
ihren Stimmen verhindern könnte.
Die Royal Ulster Constabulary (RUC) Polizei in des nordirischen
Provinz} haben die größte Homophobie in ganz Groß Britannien. Für
Schwule ist das ein große Problem für die mögliche Friedenszeit.
Die RUC wird nicht so viel zu tun haben, und muß die Kriminalstatistik
hochhalten. In den letzten drei Monaten gab es schon vier Selbstmorde
(zwei Lehrer, ein Priester, ein Polizist) von Männern, die angeklagt
waren wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, nachdem sie von Polizisten
auf der Klappe aufgegriffen wurden. Die RUC hat ihre Überraschungen
dort verstärkt und die Gemeinschaft ist sehr besorgt darüber.
C. de la Motte-Sherman
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