Susie Byrne über das irische GLEN  


Veränderungen in Irland - Interview mit Susie Byrne
GLEN - Gay and Lesbian Equality Network
Interview: 16.10.1994.
herausgegeben: Die Andere Welt, Dezember 1994, Seiten 16/17

C.M-S.:  Wie ist heute das Leben für Lesben und Schwulen in Irland?

Susie: Wir sind immer noch dabei, die Abschaffung der Kriminalisierung von Homosexualität auszuwerten. Aber es gibt viele andere aufregende Dinge zur Zeit und es kommen noch mehr dazu- Ein neues Asylrecht wird eingebracht, das Lesben und Schwule aus Ländern, in denen Homosexualität verfolgt wird, in Irland Asyl beantragen können –und bekommen.

C.M-S.: Es ist z.. Z.  aber nur eine Gesetzesvorlage?

Susie:   Ja .Die Wörter, „sexuelle Orientierung“ werden möglicherweise direkt erwähnt, aber sie wollen bestimmte soziale Gruppierungen berücksichtigen. Sie haben uns versichert, daß wir auf jeden Fall eingeschlossen werden.

   Gleichberechtigungsstatus -  das heißt, ein Antidiskriminierungsgesetz sollte im Parlament innerhalb von sechs Monaten beschlossen werden. Das geschah durch das Kabinett Anfang Oktober. Wir haben schon ein Gesetz gegen ungerechte Entlassung, das Arbeitsplätze im öffent­lichen Dienst und bei privaten Arbeitgebern betrifft.

C.M-S.: Jetzt wollen sie die anti-Diskriminierung der Nicht-Arbeitswelt einführen...

Susie:    Das würde z.B. Unterkunft, Dienstleistungen und Bildung betreffen, aber nicht nur für Lesben und Schwule, sondern auch für Zigeuner, Behinderte, Frauen und Kinder, die unter unterschiedlichen Elternschaftsbedingungen leben (,uneheliche" und Kinder von Alleinstehenden),sowie nach dem ethnischen Status. Wir haben schon einen Minister mit

Kabinettstatus, der für Gleichberechtigung und Gesetzesreform zuständig ist. Er hat schon viel erreicht. Es ist ein schwieriges Gesetz – alle die anderen Ministerien haben protestiert, wegen der zusätzlichen Arbeit, die es ihnen  bringen wird – aber die Vorlage wurde trotzdem im Kabinett verabschiedet.


Gesetzesänderungskampagne

C.M-S.: Wie ist das alles möglich in einem Land, in dem die katholische Kirche so großen Einfluss hat?

Susie: Du darfst nicht vergessen, dass die irische Bevölkerung 800 Jahre lang diskriminiert worden ist, Die Zeit war reif nach so vielen Jahren Kampf durch Senator David Norris (Norris hatte ein Prozeß vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die irische Regierung gewonnen.) Wir haben auch eine Allianz aufgebaut zwischen verschiedenen Gruppen. Von GLEN (Gay and Lesbian Equality Network) die Lobbyarbeit durchführt, und von anderen Gruppen unterstützt wird, Gewerkschaftsorganisationen, Vereine für Behinderte, Frauenorganisationen - und wir haben die Unterstützung durch einen großen Teil der irischen Gesellschaft, von NGOs (Nicht Regierungs-Organisationen), sogar manche kirchliche Gruppen.

Am Ende hat die katholische Kirche auch nicht viel Widerstand geleistet. Sie hat entschieden, sie könnte nicht länger auf diesem Gebiet kämpfen, da die Regierung so entschlossen war, die Entkriminalisierung durchzuführen. Sie sind bekannt für ihre Arbeit für soziale Gerechtigkeit, gegen Arbeitslosigkeit, für Missionärsarbeit und Entwicklungshilfe. Es ist ihr klar gemacht worden, daß die Entkriminalisierung eine Frage von Menschenrechten ist. Ich glaube auch, daß die katholische Kirche an Einfluss  verliert. Jetzt haben sie nur direkte Kontrolle über die Schule, und sie werden auch die in einigen Jahren verlieren.

Wir haben eine wirksame (Koalitionsregierung der traditionellen Mitte-Links-Partei (Fianna Fail) und der Labour-Partei. Entkriminalisierung war ein Versprechen der Justizministerin, Ms. Quinn, die sagte, es werde der erste Schritt sein, den sie nach ihrem Amtsantritt in Angriff nehmen wollte- und das tat sie auch. 

  Andere Gesetze waren schon geplant unabhängig von der Entkriminalisierung. Der Beweiß wurde immer wieder dadurch erbracht, daß Lesben und Schwulenbewegen ihrer Sexualität entlassen wurden. Die Ministerin, die das Gesetz gegen ungerechten Entlassungen durch­brachte, erläutete  auch, warum sie das Gesetz unterstützte. Die Regierung hat inzwischen fest zugesagt, die Gleichberechtigung einzuführen. Das ist sehr wichtig. Sie weI~3 auch, daß sie es in der GLEN mit ,Profis" zu tun haben, wenn es um die Vertretung der Interesse von Lesben und Schwulen geht. Wir haben starke Verbindungen – auch zu einigen MPs - und wenn das Gesetz in Gefahr wäre,  hätten wir MPs, die wir überzeugen könnten gegen ihre Partei zu stimmen.

Nicht zu unterschätzen ist auch die enorme Unterstützung durch die ILGA und die Protestbriefe-Kampagne, die sie organisiert hat. Die letzte ähnliche Kampagne war phantastisch. Das Büro des Taiseoch (irischer Premierminister) hatte die Flut von Briefen über. Ich kann mich an den Brief von Eurem DAW Verein erinnern. (Susie lacht.) [Wahr­scheinlich weil wir haben den großen irischen Patrioten, Sir Roger Casement, erwähnten, der schwul war und von den Engländern enthauptet, und weil wir meinten, er wurde aus dem Grab steigen, wenn er wusste, wie seine schwulen Landsleute behandelt werden – C.M-S.]

Die Kampagne war sehr erfolgreich. Da Irland immer als „guter“ Europäer angesehen werden möchte.. Und weil der Menschenrechtsgerichtshof gedrängt hatte und das Minister­komitee des Europarat es alle sechs Monaten nachfragte: „Warum ist denn das Gesetzt nicht geändert?" Es brachte sie in Verlegenheit. Jetzt ist England  in Verlegenheit, weil unsere Gesetzgebung besser ist als ihre.

Andere positive Änderungen sind die, da wir jetzt präventive AIDS-Arbeit machen können mit Unterstützung durch das Ministerium für Gesundheit. Vorher haben sie es abgelehnt. da, „Sodomie“ verboten war. Jetzt finden sie keine Ausrede mehr, und sind bereitwillig, diese Arbeit zu finanzieren.


Mit oder ohne Gewalt?

   Jetzt sind wir dabei, die Armut unter Schwulen und Lesben zu untersuchen - mit Finanzen von der Regierung. Es ist echte Qualitätsarbeit und wird die Diskriminierung in Schulen zeigen sowie am Arbeitsplatz. Lesben und Schwulen sind nicht so gut darauf nicht so gut, angepasst" wie die Armen unter Heterosexuellen; sie sind psychologisch benachteiligt. Aber die interessantesten Ergebnissen kamen von den Leuten die jemanden kennen, der zusammen­geschlagen worden ist wegen seiner sexuellen Orientierung. Etwa 78 Prozent der Befragten kennen jemand, der zusammengeschlagen wurde, und etwa 46 Prozent sind entweder verbal oder physisch diskriminiert worden wegen ihre sexuellen Orientierung. Das stellt die ganze Politik der Polizei im Zusammenhang mit Lesben und Schwulen in Frage.

  Wir warten jetzt auf einen Brief von der Ministerin über ihre Politik gegenüber Lesben und Schwulen auf diesen Gebiet. - Die Antworten der Polizeipressestelle waren positiv, wenn danach gefragt wurde. ... Es wird kaum über anti-schwule Taten berichtet. Selbst die, die in der schwul-lesbischen Gemeinschaft tätig sind, wissen kaum etwas darüber.

C.M-S.: Habt ihr ein Überfalltelefon oder was ähnliches ?

Susie:  Nein. Wir haben ein Switchboard in Hirschfeld-Zentrum, und die rufen mich wenn es größeres Probleme gibt.  Aber meistens geht es um Diskriminierung bei der Lebens­versicherung – ein großes Problems bei uns zur Zeit. Oder die Probleme derjenigen die beim Cruising aufgegriffen wurden, und Beratung suchen und ein schwulen-freundlichen Rechtsanwalt vermittelt haben wollen. Das Problem von Gewalt ist nicht auf der Tagesordnung der Lesben und Schwulen.

C.M-S.: Heißt das, Menschen werden nicht zusammengeschlagen oder  wird nur nicht darüber berichtet ?

Susie:  Beides. Obwohl die Taten nicht berichtet oder gemeldet werden, bei der kleinen schwulen Szene in Dublin wurden wir davon erfahren, wenn es geschieht. In Wirklichkeit gibt es keine Szene in Dublin - nur zwei Kneipen und zwei Saunen. Es scheint kein großes Problem zu sein, lch habe nur von drei oder vier Fällen In den letzten zwölf Monaten gehört.

C-M-S.: Kann das daran liegen, daß nicht so viele Lesben und Schwule, offen leben wie in      Deutschland?

Susie:  Das kann sein. Ich denke schon, daß es damit zu tun hat, weil die Leute nicht so offen sind.

C-M-S.: Und keine Parks?

Susie:   Wir haben viele große Parks in Dublin, auch rnit Cruising areas, und fast alle wissen davon – aber es ist sehr ruhig.

Mehr und mehr Leute machen jetzt ihr Coming out. Die Zahl der Leute, die Kontakt mit der Jugendgruppe aufnehmen, wachst. Sie hat sich im letzten Jahr auf etwa 70 verdoppelt. Aber das wechselt ständig. Sie kommen ein paar Mal zur Jugendgruppe, finden einen Freund und basta. Sie sind glücklich. Sie können immer wieder kommen, wenn sie Hilfe brauchen.


Lesbische Sichtbarkeit

1994 wird als Jahr der lesbischen Sichtbarkeit in die irische Geschichte eingehen.

Es gibt sehr wenig bekannte und sichtbare Lesben in Irland. Es gab auch große Probleme in der Zusammenarbeit zu zwischen Lesben und Schwulen, aber in diesem Jahr haben die lesbischen Gruppen Geld bekommen von der Regierung, um Führungsprogramme durchzuführen sowie ein Projekt für Arbeitslose. Lesbische “chic“ kam auch nach Irland in diesem Jahr – und wurde sehr eloquent verteidigt und angegriffen durch die Lesben. Jetzt brauchen sie ihre Finger, um die Lesben zu zählen, die im Fernsehen auftreten und was sagen werden.

C.M-S.: Was ist diese lesbische “chic”?

Susie:    Das, was ganz groß im letzten Jahr in den Vereinigten Staaten lief mit k. d. lang und Cindy Crawford auf der Titelseite von „Vanity Fair“, wie sie sich gegenseitig rasiert ·hatten. Sie haben sich Fein gemacht –als ,lipstick-lesben" .Die Medien haben festgestellt, daß die Lesben schon seit langem da sind. Warum sind sie nicht so sichtbar wie Schwule gewesen?

Irische Frauen sind an die Küche angekettet gewesen! Heiraten und Kinderkriegen. Lesbisch-Sein war nicht vorgesehen. Die haben auch gesehen, wie die schwulen Männer behandelt wurden irn Zusarnrnenhang mit Kriminalisierung und obwohl lesbischer Sex nie so behandelt wurde, war er als sehr negativ angesehen.

C-M-S.: Du erwähntest vorhin, daß Du im Fernsehen aufgetreten bist ...

Susie: Ja. Seit der Entkriminalisierung hat es einen Schneeballeffekt gegeben mit Veröffentlichungen zu lesbischen und schwulen Themen. Die Verlage streiten darüber, wer für sie ein Buch schreiben soll.  Ich selbst und Junior Larkin  wurden vom Verlag Martello beauftragt, das erste irische Buch über Coming out zu schreiben. Es ist vor zwei Wochen herausgekommen und beinhaltet persönliche Geschichten, einen Ratgeber, Erklärungen zur schwul-lesbischen Kultur, Sexualität, Safe Sex, Religion, Kontakt-Adressen, und eine Bibliographie. Es zieht die Medien an, da das Problem „Wie man die Eltern darüber informiert“ sie zu faszinieren scheint.

Junior und Ich waren 20 Minuten land im Fernsehen  zur „Prime Time“ zu sehen und wir gaben sieben Radiosendungen plus zwei Interviews für landesweite Zeitungen.

Es gibt mindesten fünf anderen Bücher zum Thema, die bis Frühjahr 1995 veröffentlicht werden sollen. Eins hat den Titel „Es gibt einen in jeder Familie“ – für Eltern und Familien. Es gibt auch Pläne für eine Radioprogramm im nationalen Radio-Netzwerk.


Politik und die Zukunft

C-M-S.: Ist die Entwicklung im Zusammenhang mit Nordirland hoffnungsvoll?

Susie:  Sehr. Ich hatte nie gedacht, das Ich das erleben würde. Die Wunsche aller müssen berücksichtigt werden, natürlich.  Ich glaube nicht, daß ich ein vereinigten Irland noch erleben werde: ich will es nicht gegen die den Willen der Mehrheit der Nordiren. Es wird lange dauern, viele Gespräche geben, und die britische Regeierung muß anerkennen, dass die katholische Minderheit diskriminiert worden ist, aber die Nationalisten müssen auch die Ängste der Loyalists (Die Wiedervereinigungsgegner) in Betracht ziehen. Es gibt aber auch hier eine Bedeutung von Lesben und Schwulen in Nordirland. Es ist eine sehr große Frage, ob das Sektenturn die lesbisch-schwulen Gemeinschaft dort getrennt hat. Ein junger Man mit dem ich letzte Woche sprach,  er ist  Protestant - erzählte mir, er hätte seinem Vater erzählt, daß er schwul sei.  Der Vater hätte nur erwidert, “Lieber schwul als mit einem katholischen Mädchen ausgehen.  Der Junge hat seinem Vater verschwiegen daß sein Freund Katholik sei. Natürlich existiert das Sektenturn auch in der nord-irischen schwul-lesbischen Gemeinschaft

   Der Rev. Ian Paisley (religiöser Gegner der Wiedervereinigung, rechts-orientierte Priester führte eine Kampagne zum Thema „Rettet Irland vor der Sodomie!" durch, und Nordirland wurdet; tatsächlich von der britischen Teilreforrn 1967 ausgeschlossen. Es wäre ein diesem Jahr beinahe wieder passiert bei der Abstimmung über ein einheitliches Schutzalter für Homo-  und Heterosexuelle. Schwulen Lobbyisten in London hatten Angst, daß die Nordirland-Lobby es mit ihren Stimmen verhindern könnte.

   Die Royal Ulster Constabulary (RUC) Polizei in des nordirischen Provinz} haben die größte Homophobie in ganz Groß Britannien. Für Schwule ist das ein große Problem für die mög­liche Friedenszeit. Die RUC wird nicht so viel zu tun haben, und muß die Kriminalstatistik  hochhalten. In den letzten drei Monaten gab es schon vier Selbstmorde (zwei Lehrer, ein Priester, ein Polizist) von Männern, die angeklagt waren wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, nachdem sie von Polizisten auf der Klappe aufgegriffen wurden. Die RUC hat ihre „Überraschungen“ dort verstärkt und die Gemeinschaft ist sehr besorgt darüber.

C. de la Motte-Sherman

 
 
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