C.M-S: Sie sind der Direktor
von „Andere Schafe“. Was ist das? Können Sie sich bitte kurz vorstellen?
Tom H.: Meine
Name ist Tom Hanks - wie der bekannte Schauspieler. Wie soll ich
es sagen - er mag der bessere Schauspieler sein, aber ich bin es
länger. Ich war vierzig Jahre lang „im Schrank“ - und das war genug.
Zum anderen Teil ihrer Frage: Unser Name ist ursprünglich Multikulturelle
Dienste für sexuelle Minderheiten, und als Organisation sind wir
etwa drei Jahre alt. Trotzdem sind wir schon aktiv auf sechs Kontinenten.
Unser Hauptzielgebiet ist Lateinamerika mit unserem Koordinator
John Donor. Er und sein Partner Pepe aus Mexiko haben letztes Jahr
jedes Land in Lateinamerika besucht.
Selbsthilfe Gruppen
Das Resultat ist, daß wir bereits 25 Dokumentationszentren haben
– mindestens eines in jedem Land mit Ausnahme der drei Guyanas.
Allein sieben in Brasilien. Das sind Zentren in Universitäten oder
kirchlichen Fachhochschulen, die ihren Bestand an Informationen
und Büchern zum Thema sexuelle Minderheiten aktualisiert halten
wollen. Andere sind eher isoliert Einzelpersonen wie in Kuba, die
sehr vorsichtig arbeiten müssen. Wir haben uns auf diese Zentren
konzentriert, da unsere Erfahrung zeigt, daß - besonders in Lateinamerika
– sich die örtliche Leitung der Selbsthilfegruppen anfangt zu entwickeln,.
wenn aktuelle Informationen vorhanden sind. Es ist oft gut ausgebildete
Schwule und Lesben an den Universitäten, aber viele haben keinen
Zugang zu aktueller Literatur und können daher nur schwer zurechtkommen
mit Psychologen, die von Homosexuellen behaupten, sie sei krank,
oder mit den Erweckungskirchen der Pfingstler, die sagen, sie seien
Sünder und können durch Exorzismus von der Teufeln befreit werden.
Sobald neuere Literatur zum Thema bekommen, beginnen sich Gruppen
zu entwickeln.
Kürzlich wurde das erste Projekt für Homo-Studien an der Universität
von Buenos Aires gestartet. Ich hoffe wir können mehr internationale
Netzwerkarbeit entwickeln. Ich halte es für sehr wichtig, daß die
Erfahrungen mit der Befreiungstheologie und neuen Einsichten in
schwules und lesbisches Leben und Coming out aus verschiedenen in
dem weitergegeben werden.
Da ich Theologe bin und mein Leben lang Professor an einem kirchlichen
Seminar war, versuche ich, die lesbischen und schwulen Gruppen zu
unterstützen, um den schlimmen Kampagnen aus den traditionelleren
Kirchen – protestantischen wie katholischen - etwas entgegenzusetzen.
Zufluchtsort
C.M-S: Die Rolle der Kirche
ist ziemlich dubiös gewesen die letzten zweitausend Jahre über!
Tom H.: Es stimmt zwar, in
Ländern,. wo die Kirche eine dominante Rolle spielt.
Gibt es eine Menge Homophobie und Unterdrückung sowie Gewalt, andererseits
waren die Kirchen in Ostdeutschland zum Beispiel ein Zufluchtsort
für sexuelle Minderheiten in der Zeit des Kalten Krieges. Wo immer
Menschen sich in einer dominanten, führenden Rolle befinden, neigen
sie dazu, andere zu unterdrücken. In Lateinamerika sind jedoch einige
unserer aktivsten Gruppenleiter katholische oder protestantische
Laien, die nicht mit ihren offiziellen Führern konform gehen.
Politisch gesehen ist es ein großer Fehler, wenn schwule Gruppen
anti-religiös werden, Ich bin gegen die Homophobie in der Religion,
denn man sollte nicht vergessen, daß für viele Menschen dies ihre
Familie ist und ihnen in vielen Fällen besser geholfen wird, wenn
gezeigt wird, daß man religiös sein kann - in jüdischer, christlicher
oder einer anderen Religion - und dennoch NICHT homophobisch.
,,Sex-positives" Buch
C.M-S: Wie würden
Sie die Bibel benutzen, mit der so oft gegen uns argumentiert wird?
Tom H.: Die meisten der Probleme
im Judaismus wie im Christentum stammen nicht aus der Bibel, sondern
aus der religiösen Tradition, die mit Plato und dem Neo-Platonismus
anfängt. Als die jüdisch-christliche Religion sich aus Palästina
in die größere griechisch-römische Welt ausbreitete, herrschten
dort platonische und neoplatonische Ideen vor, insbesondere, daß
die Seele eingekerkert ist in einen bösen, sündhaften Körper. Das
hat gar nichts zu tun mit dem biblischen Bild, wo Gott den Körper
schuf, und der Körper war gut. Es gibt nur ein Kapitel in der Bibel,
in dem die geschlechtliche Liebe behandelt wird, und das ist das
Hohelied Salomos. In unserem Jahrhundert ist fast universell anerkannt,
daß dies ein Sex-Positives“ Buch ist. Im letzten Jahrhundert westliche
Gelehrte arabische Liebesgedichte und erotische Literatur in Arabien
entdeckt und erkannt, daß die gleiche sind wie das Hohelied Salomos
- erotische Dichtung. Im ursprünglichen Text können sie alle sogar
gleichgeschlechtlich interpretiert werden! Hier haben wir das einzige
Buch in der Bibel, daß von der geschlechtlichen handelt, und darin
heißt es, daß gut ist! Es ist nicht einmal „Ehe-positiv“, da die
Ehe nur in einem der Verse wird, und dort ist sie interpretiert
als eine Art Drohung für die Paare die die Gedichte weitererzählen.
Das ist es, wo wir beginnen sollten mit der für Juden und Christen.
Hier basiert sie auf der Bibel und ist nicht durch neo-platonische
Philosophie.
,,Als Bestes galt das Zölibat!“
Zur Zeit des Heiligen August gab es einen Boom zur Förderung des
Zölibats. Augustinus konstruierte für das Geschlechtliche eine kleine
Nische mit der Behauptung, Sex sei innerhalb der Ehe und für den
Zweck der Zeugung in Ordnung, aber das Zölibat ist besser. Die Kirchenlehrer
änderten den „Sex-positiven“ Standpunkt aus dem Hohelied Salomos
zu einem „Ehe-positiven“ Standpunkt der Kirche – und diesen nur
als zweite Wahl! Als Bestes galt das Zölibat!
Während der Reformation hat Luther versucht. zurück zur Bibel zu
gehen. Manche Stellen sind problematisch gegenüber Homosexualität,
aber steht der sexuellen Liebe positiv gegenüber. Das sollten wir
zur Grundlage nehmen für unsere moralischen Standpunkte und hinzunehmen
Gerechtigkeit und Freiheit gemäß der Exodus-Tradition.
Jesus kam, um die Unterdrückten zu befreien. Man soll verständnisvoll
handeln und seinem Nachbarn nicht schaden. Verständnisvoll sein
heißt heutzutage, dem Nachbarn nicht noch mehr Cholesterin aufzuzwingen,
wenn er einen hohen Cholesterinspiegel hat! Das findet man auch
nicht in der Bibel, aber man findet ein Bemühen um Verständnis und
Vermeiden der Sünde wider den Nächsten. Das ist das wirkliche Anliegen
der Bibel, und die Texte, die gegen
Homosexuelle benutzt werden, sind nur ein paar vereinzelte Verse,
die furchtbar fehlinterpretiert wurden, um Gewalt zu schüren.
Bisexuell = Homosexuell?
C.M-S: Religiöse Gruppen,
dir eine „Heilung“ anbieten, scheinen Aufwind zu haben oder ist
das ein falscher Eindruck?
Tom H.: Mit Sicherheit ist
das in Lateinamerika der Fall, wo 80% der Protestanten Pfingstler
sind, und das ist sehr tief in dir Erweckungskirchen in Argentinien
eingedrungen. Abgelehnt wird das durch Leute wie zum Beispiel Ralph
Blair, einen Psychoanalytiker aus New York, der schon vor Jahren
zeigte, daß, solche Gruppen gewöhnlich von wissenschaftlich ungebildeten
Menschen geleitet werden. Die machen keinen Unterschied zwischen
bisexuell- und homosexuell. Wenn jemand eine homosexuelle Erfahrung
gemacht hat wird vorausgesetzt, daß er homosexuell ist! Sie bringen
Leute dazu, eine Beziehung zu Menschen des anderen Geschlechts aufzunehmen,
und wenn sie da sexuelle Erlebnisse haben, behaupten Sie, sie seien
kuriert. Aber der Umstand, daß es mit dem anderen Geschlecht funktioniert,
heiß nicht, daß ihre sexuelle Orientierung geändert ist.
Heilungsfanatiker – „Patienten"
Als mein Coming-out Brief herausgeschickt wurde, kam er auch zu
einem Pastor in San Salvador. Sein bester Freund war schwul, und
er riet ihm, psychologische Hilfe aufzusuchen, - und zu heiraten.
So würde er sich selbst helfen können und alles zum Besten gehen.
Nach einigen Jahren ließ sich sein Freund scheiden - und nahm sich
später das Leben. So stand der Pastor vor meiner Tür und wollte
wissen, ob es nicht einen besseren Rat gäbe, Schwulen zu helfen.
Das Problem mit diesen Heilungsfanatikern ist, das sie nicht sehen,
was mit ihren ,Patienten" fünf oder zehn Jahre später passiert.
Sic treiben Menschen in die Ehe und verlieren den Kontakt nach einer
Weile. Diese Leute, die vorgeben zu heilen, verführen in Wirklichkeit
die Menschen, die sie angeblich kurieren.
Nehmen wir meinen Fall. Ich wusste um meine sexuellen Wünsche und
hatte genug Psychologie studiert, so daß ich meiner zukünftigen
Frau sagte: „Ich bin schwul, aber wir können das heilen!" In
Buenos Aires gibt es immer noch Psychologen, die Schwulen sagen,
daß sie sie kurieren können.
,,Heilungsversprechen"
Es gibt Gays, die fünfzehn Jahre lang in Behandlung sind - die
ihre Vermögen verausgabt haben und schlimmer statt besser dran sind.
Das ist ein Grund dafür, warum wir daran interessiert sind, durch
unsere Dokumentationszentren Informationen in Universitätsbibliotheken
zu bekommen. Psychologen versuchen immer noch, eine schneller Mark
aus Schwulen herauszuschlagen, die glauben, sie konnten durch Psychoanalyse
kuriert werden. Aber sie werden herausfinden, daß das nicht der
richtige Weg ist.
Theologisches Gerüst
Ich wusste seit früher Jugend, daß ich homosexuell war, daß ich
von meinem eigenen Geschlecht angezogen bin. Ich hatte überhaupt
kein Interesse für Frauen. Aber da ich in einer traditionellen protestantischen
Tradition erzogen worden war, war ich überzeugt, daß ich durch Religion
oder eventuell Psychoanalyse kuriert werden könnte.
Nach meinen Universitäts- und Pfarrstudien, während ich mich einer
Psychoanalyse unterzog, habe ich einer Frau erzahlt, daß ich homosexuell
bin, aber durch Behandlung und die richtige Frau geheilt werden
könnte. Mit diesem Verständnis haben wir geheiratet. Nach einem,
Jahr sagte mir der Psychoanalytiker, daß ich weiter daran arbeiten
sollte, aber ich sei „selbständig". Wir haben wahrscheinlich
nicht viel mehr darüber geredet, als daß es schwierig zu behandeln
war.
25 Jahre lang habe ich nicht darüber geredet. So lange hat es
für mich gedauert mir der Bibel zurechtzukommen. Lateinamerikanische
Befreiungstheologie hat mir geholfen, die Methoden ein zusehen,
mit denen die Bibel gegen Homosexuelle missbraucht wurde.
Als ich 1986 nach Buenos Aires fuhr, hatte ich schon meine Probleme
mit der Bibel gelost. Ich habe ein Buch geschrieben über „.Oppression
by Biblical Theology" (Unterdrückung durch biblische Theologie).
So hatte ich das theologische Gerüst, aber keine Coming-out Erfahrung
oder Kontakt mit der Gay Community.
Ich war etwa drei Monate in Deutschland und sprach mit einem Psychologen
der sagte mir:. Mach dir keine Sorgen was die Homosexualität betrifft,
, nimm dich selbst an und genieße das Leben!.. - und er zeigte mir
die Richtung zur nächsten Gay Bar. Aber erst als ich nach Argentinien
gegangen bin, bekam ich häufige Kontakte mit schwulen und lesbischen
Gruppen.
Ich nahm Kontakt mit einer christlichen Schwulengruppe auf, und
musste mich einem Interview unterziehen, um teilnehmen zu können.
Zum ersten Mal habe ich mit christlichen Schwulen gebetet und die
Bibel studiert. Das war eine unglaublich bewegende, emotional umwälzende
Erfahrung für mich. Innerhalb von ein paar Wochen eine Menge meiner
Neurosen weg, einschließlich der Schlaflosigkeit, worunter ich all
die Jahre als Bibelprofessor gelitten hatte, und auch die Depression.
Stunde der Wahl
Es ist mir klar geworden, das ich mit meiner Frau darüber sprechen
muß. Ich habe ihr Bücher zum Thema gegeben und nahm sic mit in
eine Kirche, wo ein schwuler Pfarrer predigte. Danach hatten wir
eine „Stunde der Wahrheit“. Etwa ein Jahr lang hat meine Frau zusammen
mit mir bei den diensten für Schwule und Lesben in Argentinien gearbeitet,
aber sie bekam kein Arbeit in Buenos Aires und ging zurück in die
Staaten und hat dort nochmals geheiratet.
Sofort als sie mich verließ, musste ich als evangelischer Missionar
zurücktreten, da weder Trennung noch Scheidung geduldet wurden.
Ich entschied, wenn ich schon meinen Job verliere und meine Gesundheitsversicherung,
das ich Beste daraus machen werde und mein Coming out als Schwule
machte.
In meinem Brief an das Missionskomitee gab ich meine sexuelle Orientierung
an und, daß ich mich durch Gott gerufen fühlte sexuellen Minderheiten
in Lateinamerika zu dienen. Der Brief wurde in mehreren hundert
Exemplaren und in vier Kontinente geschickt und machte einen Riesenwirbel
bei allen Leuten, die mich gekannt haben.
C.M-S: Sind Sie glücklicher
jetzt?
Tom H.: Ich würde meine sieben
OFFENEN Jahre nicht für den Rest meines gesamten Lebens tauschen!
Ökonomisch ist es schwierig. weil ich jetzt sieben Jahre ohne Gehalt
und Versicherung lebe. Aber wir schaffen vieles und bekommen ein
paar Einladung von Kirchen zu ihnen zu fahren.
Ich würde niemandem raten, es so zu machen wie ich, aber ich würde
meine Kinder nicht „ungeboren“ wünschen. Übrigens, als ich meinem
Sohn von meinem Coming out erzählte, sagte er mir: „Bin ich auch!“
– Das war eine Überraschung!
C.M-S: Danke
für das Gespräch.
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