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Zu lange totgeschwiegen
Vergangenheitsbewältigung wird in der DDR groß geschrieben.
Es scheint, jeder will den anderen überholen, um seine Steine zu verkaufen.

So auch die Homosexuellen in den Lagern des faschistischen Deutschlands. Im Hitler-Faschismus wurden auf der Grundlage der §§ 174 - 176 StGB, Schwule und Lesben als ,,Volksschädlinge" verfolgt. 1935[1] verschärften die Nazis den §175 und haben viele Homosexuelle in Konzentrationslager gebracht, wo sie ihre Liebe mit dem Tod bezahlen mussten. Unser Mitarbeiter Frank sprach mit zwei junge Schwulen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein Kapitel finsterster Geschichte mit aufzuhellen.


Erste Veröffentlichung: Die Andere Welt, Ausgabe 5/90

DAW: Würdet Ihr Euch bitte kurz vorstellen?!
Harald: Mein Name ist Harald Großer. Ich bin 25 Jahre und arbeite zur Zeit in der Gastronomie.
Jochen: Ich bin der Jochen. Ebenfalls 25 Jahre und Soziologiestudent an der Humboldt-Universität Berlin.

DAW: Ihr habt das Archiv des ehemaligen KZ Sachsenhausen zur Thematik Homosexualität und damit Verurteilungen wegen § 175 durchgesehen. Wie kam es dazu?
Harald: Die Idee stammt nicht von uns, sondern der Anlaß waren die Bemühungen von Leipziger Arbeitsgruppen in Buchenwald, zu dieser Thematik eine Vergangenheitsbewältigung in der DDR zu beginnen. Wir haben in Anlehnung daran in der AG ,,Courage"[2] überlegt, inwieweit wir im Raum Berlin daran anknüpfen können, da es auch hier KZ's der Faschisten gab, in denen Homosexuelle umkamen. Und so wurde begonnen, das Archiv in Sachsenhausen zu dieser Thematik durchzusehen. Die geschichtliche Aufarbeitung war bisher sehr einlästig, das heißt, sehr stark auf das Gebiet der Kommunisten bezogen. Wir stellen uns zur Aufgabe, auch die 175er mit einzubeziehen.

DAW: Gab es Probleme bei den Bemühungen in die Akten des Archivs Einsicht zu nehmen und aufzuarbeiten?
Harald: Zum damaligen Zeitpunkt - September 1989 - war es ziemlich schwer. Es gab erste Versuche, aber diese wurden auf bestimmten Ebenen abgeblockt. Wir hatten auch keinen vollen Zugang zum Archiv. Aber im Zuge der Wende wurde es uns möglich, alle Materialien zu sichten.[3]

DAW: Die § 175er werden oft auch als die Rosa-Winkel-Häftlinge bezeichnet. Was hat es damit auf sich?
Jochen: Die Faschisten haben die Häftlinge in den Lagern katalogisiert. Das heißt, daß für jeden Aufseher nach außen hin erkennbar war, warum der jeweilige Häftling interniert war. So gab es den bekannten gelben Winkel für die Juden, den grünen für Berufsverbrecher und für die 175er den rosa Winkel, der auf die Bekleidung angenäht werden musste.

DAW: Verschiedene Quellen sprechen von 50 000[4] oder mehr 175ern, die Opfer der ZK's geworden sind. Könnt Ihr etwas dazu sagen?
Harald: Es ist schwer, gerade über Zahlen zu sprechen, denn bis heute gibt es keine gesicherten Zahlen. Man stützt sich zur Zeit auf Berichte von ehemaligen Häftlingen, bzw. auf Schätzungen. Deshalb bin ich sehr vorsichtig mit Zahlen. Ich glaube, hier in der DDR entstand ein großer Mythos von Zahlen der Schwulen, daß hunderttausende von Homosexuellen in KZ's umgebracht worden sind. Dieser Mythos ist aus meiner bisherigen Sicht, und auch aus der Sicht des Archivs in Sachsenhausen, falsch. Man muß realistisch werden und mit den Zahlen heruntergehen.

DAW: Ich habe zu hören bekommen, daß Nazis oft selber homosexuell waren. Ist das wahr?
Harald: Das entspricht dem zweiten Mythos, der auch durch die Antifaschisten hier in der DDR getragen wird. Es wird durch sie gesagt, ,,eigentlich brauchen wir diese Thematik nicht aufzuarbeiten, da hauptsächlich die Faschisten selbst als 175er in den KZ's inhaftiert waren." In Sachsenhausen haben wir bisher nachweislich zwei ehemalige Nazis gefunden, die dort als 175er eingegliedert waren. Die anderen 175er waren Häftling, die zum "Schütz" in sogenannte Internierungs- bzw. Isolierlager (Konzentrationslager) gebracht worden sind. Also diese These, daß fast nur Nazis 175er waren halte ich für falsch.

DAW: Wie läuft die Arbeit und wie viel (Akte) habt Ihr durchgesehen ?
Jochen: Zugänglich ist inzwischen das gesamte Material, das im Archiv von Sachsenhausen gelagert ist. Dieser Bestand entspricht ca. 10-12% der gesamten Akten, die den Krieg überlebt haben. Wir haben größtenteils mit Kopien von in der Sowjetunion gelagerten Akten gearbeitet. Das sind etwa 13 000 Blatt. Der große Rest von ca. 100 000 Blättern liegt noch in Moskau. Die Mitarbeiter des Archivs von Sachsenhausen bemühen sich um Einsichtnahme in diese Akten. Sie haben einen Antrag an Moskau gestellt, aber es ist noch nicht sicher, ob diesem stattgegeben wird. Die in Sachsenhausen gelagerten Materialien sind hauptsächlich Stärkemeldungen vom Lager, Akten des Krankenbaus, die Zugänge, Abgänge und Todesfälle von Häftlingen enthalten.

DAW: Gibt es erste Ergebnisse?
Harald: Wir haben Sachen herausgefunden, die bis jetzt verschwiegen worden sind, und die durch einfaches Lesen der Akten offensichtlich werden. Wir haben herausgefunden, daß die §175er ab Mitte 1941 in einem Extrabau, Baracke 14, untergebracht waren. Vor dem waren sie in einem sogenannten Isolierungsbereich zusammen mit Bibelforschern, Rückfälligen und Berufsverbrechern zusammen gebracht. Das waren vier Baracken, die durch Stacheldrahtzaun extra gegliedert waren. Wir nehmen an, daß die Zahl der 175er so groß geworden ist, daß sie ab Mitte 1941 in diesem Block 14 extra untergebracht worden sind. Aus diesem Zeitraum gibt es auch ungefähre Zahlen über Todesfälle von 175ern. Zur Zeit können wir nachweislich von fast 500 Toten zwischen 1940 und 42 sprechen. Dabei sind noch nicht die Toten erfasst, die durch eine Massenaktion im Klinkerwerk umgebracht worden sind. Gerade in diesem Klinkerwerk wurde ein Sonderarbeitskommandos aus Homosexuellen zusammengestellt, die dort systematisch umgebracht worden sind. Darüber gibt es auch einen Augenzeugenbericht. Des weiteren wissen wir, daß medizinische Experimente an Rosa-Winkel-Häftlingen durchgeführt wurden.

DAW: Könnt Ihr etwas Näheres über das Klinkerwerk sagen?
Jochen: Das Lager Sachsenhausen hatte in der Nähe von Oranienburg ein weiteres Außenlager - das Klinkerwerk. Dort wurde ein Hafenbecken ausgehoben und Ton gewonnen[5]. Dieser Ton musste mit Hilfe von Loren auf Schienen bewegt werden. Das heißt, drei Häftlinge mussten die Lore schieben. Dies war eine sehr schwere Arbeit. Dieses Gleis vertief genau auf der Grenze des Außenlagers. Diese Grenze war abgesichert mit einer Postenkette. Während der besagten Vernichtungsaktion 1942 ist immer wieder der gleiche Ablauf von Überlebenden bezeugt worden.
Ein Aufseher von der SS hat einer Häftling auf die Mittelseite gestoßen, so daß er gegen den anderen Häftling neben sich fiel. Und dieser stieß wiederum unwillkürlich den äußeren beiseite. Dieser mußte zur Wahrung seines Gleichgewichts die Postenkette übertreten. Da die Postenkette direkt am Schienenstrang verlief, wurde diese Übertretung als Fluchtversuch gewertet und mit dem Tod bestraft. Dazu war auf der davor fahrenden Lore oder ganz in der Nähe ein SS-Man, der den Häftling sofort tötete. Manche haben vielleicht den Tod selbst gesucht. Durch den Bericht eines Häftlings, der im Krankenbau gearbeitet hat, weiß man auch, wie diese Häftlinge ausgesehen haben.
Harald: Ich hätte gern Rudi Wunderlich zitiert: ,,die Leiche sah furchtbar aus. Einschuss Schulterblatt - Ausschuss Kehlkopf-Kinn. Der Ganze Hals und die Gesichtpartie waren zerfetzt. Man richtete die Leiche notdürftig her und brachte sie in eine Garage der Kommandantur Die Angehörigen machten einen furchtbaren Skandal. Der Ermordete war der Bruder eines hohen Nazis, der ihn acht Tage vorher auf dem Alex gesehen hatte. Daher wusste die Familie, daß der Häftling unmöglich an Schwindsucht gestorben sein könnte, wie es auf dem Totenschein vermerkt stand. Schon einen Tag später wurden der Vorarbeiter abgelöst und ins große Lager gebracht. (Daraus wird erkennbar, daß die Leute nicht nur von der SS erschossen wurden, sondern sich auch Berufsverbrecher, die mehrmals wegen Mord angeklagt waren und als Vorarbeiter arbeiteten, daran beteiligten.) Ein Name der immer wieder auftaucht, ist BOGDALLE. Er war damals der Kommandierende vom Klinkerwerk, der auch nachweislich oder durch Aussagen, selbst Leute dort erschoss, oder die Befehle gab, Leute zu erschießen.

DAW: In unserem Gespräch wird immer wieder das Jahr 1942 erwähnt. Ist dies ein besonderes Jahr, wenn es um die Vernichtung von Homosexuellen geht?
Harald: Wir können nachweisen, daß diese Vernichtungsaktion im Klinkerwerk in diesem genannten Jahr lief. Inwieweit dies eine ,,angeordnete Maßnahme" von oben war oder zufällig eine Lagerentscheidung, ist bis jetzt noch nicht klar. Hier müssen vergleichende Untersuchungen mit anderen KZ' geführt werden. Wir wissen aber auch, daß zu diesem Zeit punkt nicht nur die deutschen § 175er hier waren - so fanden wir auch Akten über Polen, Holländer und auch einen Chinesen.

DAW: Es ist oft berichtet worden, daß die Behandlung der § 175er viel schlechter war als die der anderen. Habt Ihr dazu etwas herausgefunden?
Harald: Ich möchte hier Harry Naujoks zitieren, der Lagerältester in Sachsenhausen war und 1976 auf eine ähnliche Frage von der Universität in Trier folgendes geschrieben hat: ,,Der soziale Abstieg war nicht so extrem wie in anderen Lagern wie z B. in Außenlagern wie Flossenberg." Er sagt hier eindeutig, daß ihm nichts bekannt war, daß in Sachsenhausen dieses Klischee, die § 175er standen in der untersten Klasse, zutreffen würde.

DAW: Könntest Du mir sagen, wie es weitergeht und ob ihr etwas veröffentlichen wollt?
Jochen: Wir werden einen Bericht abfassen über das, was wir herausbekommen haben. Das wird vermutlich bis Mitte der Jahres soweit sein und wird dann veröffentlicht werden. Spezielle Fragen müssen jedoch erst eindringlicher erforscht werden. So z. B., ob solche Vernichtungsaktionen wie im Klinkerwerk, von der Führungsspitze angeordnet wurden oder spontane Aktionen der Lager-SS waren.
Harald: In unserer Vorarbeit haben wir bisher erst 13 000 Dokumente gesichtet. Die Ergebnisse der Durchsicht sind Indizien, dei bestätigt werden müssen. Wir haben erst Einzelbeispiele vorliegen und müssen noch weitere Unterlagen durchforsten. Wir wollen auch mit anderen Gruppen in der DDR versuchen, ein realistisches Bild zu geben. Von der Seite des Lagers besteht Interesse an einer extra Broschüre, die sich ;auf unsere Studien aufbaut. Persönlich hege ich die Hoffnung, daß wir es schaffen, an die Stelle des ehemaligen Block 14[6] eine kleine Gedenktafel aufzustellen, wo jedem Besucher deutlich wird, daß nicht nur Kommunisten und Sozialdemokraten, sondern auch §175er Opfer des Naziterrors wurden.
Jochen: Wir möchten betonen, daß wir die 175er Thematik nicht isoliert betrachten wollen. Es geht um eine Gesamtausleuchtung der Verhältnisse in Sachsenhausen. Nicht nur Rosa-Winkel-Häftlinge waren die Opfer. Es gilt die sozialen Verhältnisse, die Lebensumstände jeder Häftlingsgruppe zu ergründen. Vielleicht ist auch der Anfang gemacht, daß sich ehemalige 175er melden, aufmerksam machen und ihr Leidensweg uns mahnt. Zu schnell kann man vergessen. Ihr Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Schweigen heißt Tod - und viel zu lange haben wir geschwiegen.



Colin de la Motte-Sherman


1 Ursprünglich stand [falscherweise] 1934
2 AG Courage war eine Abspaltung von Sonntags-Club. Der Bruch kam 1988, da für die die das S-C verliessen, es nicht politisch aktiv genug war. Courage überlebte die Wende nur etwa 18 Monate, aber seine "Tochter", Die Andere Welt, wird noch veröffentlicht.
3 Die Geschichte vom Kampf der Courage Mitglieder um Erlaubnis die Akten einzusehen ist noch zu erzählen. Joachim Muller, (aus West Berlin) der früh mit Recherche zu Homos & KZs anfing hatte auch Probleme. Versuche, Kränze in KZs niederzulegen, waren von der Stasi oder ihren Anhängern verhindert worden.
4 Inzwischen ist 10 bis 15 Tausend akzeptiert für Homo-Opfer die ins KZ kamen.
5 Für Backsteine um Germania - die neue Nazi Berlin - zu bauen
6 Dies geschah aber bestand nur zeitweilig. Jetzt ist ein Plaque an einer anderen Stelle im Sachsenhausen.

 
 
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