DAW: Würdet Ihr Euch bitte kurz vorstellen?!
Harald: Mein Name ist Harald Großer.
Ich bin 25 Jahre und arbeite zur Zeit in der Gastronomie.
Jochen: Ich bin der Jochen. Ebenfalls 25
Jahre und Soziologiestudent an der Humboldt-Universität Berlin.
DAW: Ihr habt das Archiv des ehemaligen
KZ Sachsenhausen zur Thematik Homosexualität und damit Verurteilungen
wegen § 175 durchgesehen. Wie kam es dazu?
Harald: Die Idee stammt nicht von uns,
sondern der Anlaß waren die Bemühungen von Leipziger
Arbeitsgruppen in Buchenwald, zu dieser Thematik eine Vergangenheitsbewältigung
in der DDR zu beginnen. Wir haben in Anlehnung daran in der AG ,,Courage"[2]
überlegt, inwieweit wir im Raum Berlin daran anknüpfen
können, da es auch hier KZ's der Faschisten gab, in denen Homosexuelle
umkamen. Und so wurde begonnen, das Archiv in Sachsenhausen zu dieser
Thematik durchzusehen. Die geschichtliche Aufarbeitung war bisher
sehr einlästig, das heißt, sehr stark auf das Gebiet
der Kommunisten bezogen. Wir stellen uns zur Aufgabe, auch die 175er
mit einzubeziehen.
DAW: Gab es Probleme bei den Bemühungen
in die Akten des Archivs Einsicht zu nehmen und aufzuarbeiten?
Harald: Zum damaligen Zeitpunkt - September
1989 - war es ziemlich schwer. Es gab erste Versuche, aber diese
wurden auf bestimmten Ebenen abgeblockt. Wir hatten auch keinen
vollen Zugang zum Archiv. Aber im Zuge der Wende wurde es uns möglich,
alle Materialien zu sichten.[3]
DAW: Die § 175er werden oft auch
als die Rosa-Winkel-Häftlinge bezeichnet. Was hat es damit
auf sich?
Jochen: Die Faschisten haben die Häftlinge
in den Lagern katalogisiert. Das heißt, daß für
jeden Aufseher nach außen hin erkennbar war, warum der jeweilige
Häftling interniert war. So gab es den bekannten gelben Winkel
für die Juden, den grünen für Berufsverbrecher und
für die 175er den rosa Winkel, der auf die Bekleidung angenäht
werden musste.
DAW: Verschiedene Quellen sprechen von
50 000[4]
oder mehr 175ern, die Opfer der ZK's geworden sind. Könnt Ihr
etwas dazu sagen?
Harald: Es ist schwer, gerade über
Zahlen zu sprechen, denn bis heute gibt es keine gesicherten Zahlen.
Man stützt sich zur Zeit auf Berichte von ehemaligen Häftlingen,
bzw. auf Schätzungen. Deshalb bin ich sehr vorsichtig mit Zahlen.
Ich glaube, hier in der DDR entstand ein großer Mythos von
Zahlen der Schwulen, daß hunderttausende von Homosexuellen
in KZ's umgebracht worden sind. Dieser Mythos ist aus meiner bisherigen
Sicht, und auch aus der Sicht des Archivs in Sachsenhausen, falsch.
Man muß realistisch werden und mit den Zahlen heruntergehen.
DAW: Ich habe zu hören bekommen,
daß Nazis oft selber homosexuell waren. Ist das wahr?
Harald: Das entspricht dem zweiten Mythos,
der auch durch die Antifaschisten hier in der DDR getragen wird.
Es wird durch sie gesagt, ,,eigentlich brauchen wir diese Thematik
nicht aufzuarbeiten, da hauptsächlich die Faschisten selbst
als 175er in den KZ's inhaftiert waren." In Sachsenhausen haben
wir bisher nachweislich zwei ehemalige Nazis gefunden, die dort
als 175er eingegliedert waren. Die anderen 175er waren Häftling,
die zum "Schütz" in sogenannte Internierungs- bzw.
Isolierlager (Konzentrationslager) gebracht worden sind. Also diese
These, daß fast nur Nazis 175er waren halte ich für falsch.
DAW: Wie läuft die Arbeit und wie
viel (Akte) habt Ihr durchgesehen ?
Jochen: Zugänglich ist inzwischen
das gesamte Material, das im Archiv von Sachsenhausen gelagert ist.
Dieser Bestand entspricht ca. 10-12% der gesamten Akten, die den
Krieg überlebt haben. Wir haben größtenteils mit
Kopien von in der Sowjetunion gelagerten Akten gearbeitet. Das sind
etwa 13 000 Blatt. Der große Rest von ca. 100 000 Blättern
liegt noch in Moskau. Die Mitarbeiter des Archivs von Sachsenhausen
bemühen sich um Einsichtnahme in diese Akten. Sie haben einen
Antrag an Moskau gestellt, aber es ist noch nicht sicher, ob diesem
stattgegeben wird. Die in Sachsenhausen gelagerten Materialien sind
hauptsächlich Stärkemeldungen vom Lager, Akten des Krankenbaus,
die Zugänge, Abgänge und Todesfälle von Häftlingen
enthalten.
DAW: Gibt es erste Ergebnisse?
Harald: Wir haben Sachen herausgefunden,
die bis jetzt verschwiegen worden sind, und die durch einfaches
Lesen der Akten offensichtlich werden. Wir haben herausgefunden,
daß die §175er ab Mitte 1941 in einem Extrabau, Baracke
14, untergebracht waren. Vor dem waren sie in einem sogenannten
Isolierungsbereich zusammen mit Bibelforschern, Rückfälligen
und Berufsverbrechern zusammen gebracht. Das waren vier Baracken,
die durch Stacheldrahtzaun extra gegliedert waren. Wir nehmen an,
daß die Zahl der 175er so groß geworden ist, daß
sie ab Mitte 1941 in diesem Block 14 extra untergebracht worden
sind. Aus diesem Zeitraum gibt es auch ungefähre Zahlen über
Todesfälle von 175ern. Zur Zeit können wir nachweislich
von fast 500 Toten zwischen 1940 und 42 sprechen. Dabei sind noch
nicht die Toten erfasst, die durch eine Massenaktion im Klinkerwerk
umgebracht worden sind. Gerade in diesem Klinkerwerk wurde ein Sonderarbeitskommandos
aus Homosexuellen zusammengestellt, die dort systematisch umgebracht
worden sind. Darüber gibt es auch einen Augenzeugenbericht.
Des weiteren wissen wir, daß medizinische Experimente an Rosa-Winkel-Häftlingen
durchgeführt wurden.
DAW: Könnt Ihr etwas Näheres
über das Klinkerwerk sagen?
Jochen: Das Lager Sachsenhausen hatte in
der Nähe von Oranienburg ein weiteres Außenlager - das
Klinkerwerk. Dort wurde ein Hafenbecken ausgehoben und Ton gewonnen[5].
Dieser Ton musste mit Hilfe von Loren auf Schienen bewegt werden.
Das heißt, drei Häftlinge mussten die Lore schieben.
Dies war eine sehr schwere Arbeit. Dieses Gleis vertief genau auf
der Grenze des Außenlagers. Diese Grenze war abgesichert mit
einer Postenkette. Während der besagten Vernichtungsaktion
1942 ist immer wieder der gleiche Ablauf von Überlebenden bezeugt
worden.
Ein Aufseher von der SS hat einer Häftling auf die Mittelseite
gestoßen, so daß er gegen den anderen Häftling
neben sich fiel. Und dieser stieß wiederum unwillkürlich
den äußeren beiseite. Dieser mußte zur Wahrung
seines Gleichgewichts die Postenkette übertreten. Da die Postenkette
direkt am Schienenstrang verlief, wurde diese Übertretung als
Fluchtversuch gewertet und mit dem Tod bestraft. Dazu war auf der
davor fahrenden Lore oder ganz in der Nähe ein SS-Man, der
den Häftling sofort tötete. Manche haben vielleicht den
Tod selbst gesucht. Durch den Bericht eines Häftlings, der
im Krankenbau gearbeitet hat, weiß man auch, wie diese Häftlinge
ausgesehen haben.
Harald: Ich hätte gern Rudi Wunderlich
zitiert: ,,die Leiche sah furchtbar aus. Einschuss Schulterblatt
- Ausschuss Kehlkopf-Kinn. Der Ganze Hals und die Gesichtpartie
waren zerfetzt. Man richtete die Leiche notdürftig her und
brachte sie in eine Garage der Kommandantur Die Angehörigen
machten einen furchtbaren Skandal. Der Ermordete war der Bruder
eines hohen Nazis, der ihn acht Tage vorher auf dem Alex gesehen
hatte. Daher wusste die Familie, daß der Häftling unmöglich
an Schwindsucht gestorben sein könnte, wie es auf dem Totenschein
vermerkt stand. Schon einen Tag später wurden der Vorarbeiter
abgelöst und ins große Lager gebracht. (Daraus wird erkennbar,
daß die Leute nicht nur von der SS erschossen wurden, sondern
sich auch Berufsverbrecher, die mehrmals wegen Mord angeklagt waren
und als Vorarbeiter arbeiteten, daran beteiligten.) Ein Name der
immer wieder auftaucht, ist BOGDALLE. Er war damals der Kommandierende
vom Klinkerwerk, der auch nachweislich oder durch Aussagen, selbst
Leute dort erschoss, oder die Befehle gab, Leute zu erschießen.
DAW: In unserem Gespräch wird immer
wieder das Jahr 1942 erwähnt. Ist dies ein besonderes Jahr,
wenn es um die Vernichtung von Homosexuellen geht?
Harald: Wir können nachweisen, daß
diese Vernichtungsaktion im Klinkerwerk in diesem genannten Jahr
lief. Inwieweit dies eine ,,angeordnete Maßnahme" von
oben war oder zufällig eine Lagerentscheidung, ist bis jetzt
noch nicht klar. Hier müssen vergleichende Untersuchungen mit
anderen KZ' geführt werden. Wir wissen aber auch, daß
zu diesem Zeit punkt nicht nur die deutschen § 175er hier waren
- so fanden wir auch Akten über Polen, Holländer und auch
einen Chinesen.
DAW: Es ist oft berichtet worden, daß
die Behandlung der § 175er viel schlechter war als die der
anderen. Habt Ihr dazu etwas herausgefunden?
Harald: Ich möchte hier Harry Naujoks
zitieren, der Lagerältester in Sachsenhausen war und 1976 auf
eine ähnliche Frage von der Universität in Trier folgendes
geschrieben hat: ,,Der soziale Abstieg war nicht so extrem wie in
anderen Lagern wie z B. in Außenlagern wie Flossenberg."
Er sagt hier eindeutig, daß ihm nichts bekannt war, daß
in Sachsenhausen dieses Klischee, die § 175er standen in der
untersten Klasse, zutreffen würde.
DAW: Könntest Du mir sagen, wie es
weitergeht und ob ihr etwas veröffentlichen wollt?
Jochen: Wir werden einen Bericht abfassen
über das, was wir herausbekommen haben. Das wird vermutlich
bis Mitte der Jahres soweit sein und wird dann veröffentlicht
werden. Spezielle Fragen müssen jedoch erst eindringlicher
erforscht werden. So z. B., ob solche Vernichtungsaktionen wie im
Klinkerwerk, von der Führungsspitze angeordnet wurden oder
spontane Aktionen der Lager-SS waren.
Harald: In unserer Vorarbeit haben wir
bisher erst 13 000 Dokumente gesichtet. Die Ergebnisse der Durchsicht
sind Indizien, dei bestätigt werden müssen. Wir haben
erst Einzelbeispiele vorliegen und müssen noch weitere Unterlagen
durchforsten. Wir wollen auch mit anderen Gruppen in der DDR versuchen,
ein realistisches Bild zu geben. Von der Seite des Lagers besteht
Interesse an einer extra Broschüre, die sich ;auf unsere Studien
aufbaut. Persönlich hege ich die Hoffnung, daß wir es
schaffen, an die Stelle des ehemaligen Block 14[6]
eine kleine Gedenktafel aufzustellen, wo jedem Besucher deutlich
wird, daß nicht nur Kommunisten und Sozialdemokraten, sondern
auch §175er Opfer des Naziterrors wurden.
Jochen: Wir möchten betonen, daß
wir die 175er Thematik nicht isoliert betrachten wollen. Es geht
um eine Gesamtausleuchtung der Verhältnisse in Sachsenhausen.
Nicht nur Rosa-Winkel-Häftlinge waren die Opfer. Es gilt die
sozialen Verhältnisse, die Lebensumstände jeder Häftlingsgruppe
zu ergründen. Vielleicht ist auch der Anfang gemacht, daß
sich ehemalige 175er melden, aufmerksam machen und ihr Leidensweg
uns mahnt. Zu schnell kann man vergessen. Ihr Tod soll nicht umsonst
gewesen sein. Schweigen heißt Tod - und viel zu lange haben
wir geschwiegen.
Colin de la Motte-Sherman
1 Ursprünglich stand [falscherweise] 1934
2 AG Courage war eine Abspaltung von Sonntags-Club.
Der Bruch kam 1988, da für die die das S-C verliessen, es nicht
politisch aktiv genug war. Courage überlebte die Wende nur
etwa 18 Monate, aber seine "Tochter", Die Andere Welt,
wird noch veröffentlicht.
3 Die Geschichte vom Kampf der Courage Mitglieder
um Erlaubnis die Akten einzusehen ist noch zu erzählen. Joachim
Muller, (aus West Berlin) der früh mit Recherche zu Homos &
KZs anfing hatte auch Probleme. Versuche, Kränze in KZs niederzulegen,
waren von der Stasi oder ihren Anhängern verhindert worden.
4 Inzwischen ist 10 bis 15 Tausend akzeptiert für
Homo-Opfer die ins KZ kamen.
5 Für Backsteine um Germania - die neue Nazi
Berlin - zu bauen
6 Dies geschah aber bestand nur zeitweilig. Jetzt
ist ein Plaque an einer anderen Stelle im Sachsenhausen.
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