"Vingarne" (1916)  


Gestutzte Flügel

Im Frühjahr 1987 wurde auf einem Marktverkaufsstand in Oslo (Norwegen) eine Kopie des bisher für verschollen gehaltenen Films  „Vingarne" [„The Wings"] entdeckt. Das Original­negativ des Films wurde während eines Großbrandes in der Svensk Filmindustri/Svenska Bio Filmarchiv zerstört.

In der Filmwelt wurde dieser Film von einigen Kritikern für den besten Spielfilm mit einem schwules Thema gehalten; er wurde 1916 von Mauritz Stiller produziert.

Um die strenge offizielle Moral seiner Zeit zu umgehen, wich Stiller in kulturelle Deutungen und Hinweise aus. Diese Verschlüsselung erschwerte es manchen Leuten - auch Kritikern -, den wahren Inhalt des Films zu erkennen. Außerdem bereitete der Schauspiel- und Filmstil des Stummfilms manchen Zuschauern Probleme. Trotzdem und trotz der Verschlüssel­ungen durch die sich Insider nicht täuschen ließen, hat es der Film nicht verdient vergessen zu werden. 80 Jahre nach der Entstehung des Films wollen wir diesen Teil .,unserer" Film­geschichte in die Erinnerung zurückholen.


Herausgegeben in Die Andere Welt, April 1996


as Filmmelodram „Vingarne“ basiert auf dem Roman des dänischen Schriftstellers Hermann Bang „Mikael" (1904), einer modernen Version des antiken Ganymed-Mythos. Der Film ist der erste schwedische und möglicherweise der erste Spielfilm überhaupt, der ein homo­­­erot­­isches/homosexuelles Thema behandelt.

Bangs Roman erzählt, ebenso wie Stillers Film, wie der „Meister“, ein Maler und ein­geschworener Junggeselle, den jungen, gutaus­sehenden und talentierten Mikael in sein Haus aufnimmt und ihn schließlich adoptiert. Ähnlichkeiten zu den weit verbreiteten alt griechischen Meister-Schüler-Beziehungen sind nicht zu übersehen.


GANYMED ist ein so schöner Jüngling gewesen, daß er in Homers „Illias" der „Schönste“, der je unter den Sterblichen geboren wurde, genannt wird.  Zeus, der Göttervater, verliebte sich so in Ganymed, daß er sich in einen Adler verwandelte und mit ihm auf den Berg Olymp flog, wo Ganymed Zeus als Mundschenk diente.

Da es 1916 nicht ohne weiteres möglich war, einen Film mit einem homosexuellen Thema zu produzieren, erhielt der Film nicht etwa den Untertitel .“Dies ist eine moderne Erzählung der klassischen Geschichte von „Ganymed', sondern beginnt mit einem irreführenden Prolog über Ikarus. Aber der Meister steht auf dem Hügel (wie Zeus) und schaut ins Tal hinunter zu Mikael und breitet seine Arme aus wie ein Adler.  Silverstolpe dazu: „Es wäre ohne das  irre­führende Vorwort über Ikarus unmöglich gewesen..., das die Filmemacher vor homophobischen Angriffen schützte.

Diese von Stiller benutzte ,,Kodierung" ist schon als solche ein Teil Kulturgeschichte. Manche Kritiker haben sich dadurch irreleiten lassen und glaubten, der Film wäre ein heterosexuelle Drama über einen Generationskonflikt. Dies bezeichnet Silverstolpe als „im wesentlichen eine Beleidigung der zwei Männer hinter dem Film - Mauritz Stiller und Dreh­­buch­autor Axel Esbensen. Beide waren schwul oder bisexuell, und ihr Versuch, ein klassisches homoerotisches Thema zu behandeln, hat Anerkennung verdient.

In der Beziehung zwischen dem “Meister" und seinem Schüler läuft zunächst alles gut, bis sich Mikael in die Gräfin Lucia, eine Bekannte des Meisters, verliebt. Lucias extravaganter Lebensstil bringt sie an den Rand des Ruins. Um Lucia zu helfen, verkauft Mikael ein Geschenk des Meisters, ein Kunstwerk, wofür er selbst Modell gestanden hat. Dadurch Bericht er sein dem Meister gegebenes Ehrenwort, dieses Geschenk nie zu verkaufen.

Das verkaufte Meisterstück spielt eine große symbolische Rolle im Roman und im Film. In Bangs Roman war das Meisterstück ein Gemälde mit dem Titel „Victor“ (Sieg). Laut Silverstolpe könnte ein Vorbild für dieses Kunstwerks Max Kruses Statue „Sieg bei Marathon" gewesen sein, von der sich eine Kopie damals in vielen Wohnungen befand - nicht am wenigsten in schwulen Kreisen. Vielleicht hat Bang auch gleichzeitig Michelangos Skulptur “Sieg" im Sinn gehabt, die den Sieg eines jungen Mannes über einen älteren darstellt.

Im Film wird das Gemälde durch die Skulptur “Vingarne“ von Carl Milles ersetzt. Sie ist vielen Stockholmern gut bekannt, da sie erst jahrelang neben der Skeppsholm-Brücke stand und sich jetzt vor dem Eingang des Nationalmuseums befindet. Um sich vor homophobischen Angriffen zu schützen, widmete Mille die Skulptur seiner Frau, obwohl er gar keine hatte. Die Skulptur wurde dann durch Ikarus ausgewechselt, um einen homoerotischen Inhalt nicht zuzulassen.

Daß der Ganymed-Mythos unter gebildeten schwedischen Bürgern bekannt war, wird schon allein dadurch deutlich, daß z.B. August Strindberg ihn in seiner kurzen Geschichte der “Verbrechernatur" benutzte, um die Kriminalisierung von Homosexualität zu kritisieren. Es ist, schreibt Silverstolpe, kaum ein Zufall, daß in Stillers Film das Gesicht des Meisters Ähnlich­keiten zu Strindberg aufweist, obwohl es möglicherweise nicht Stillers Absicht war, Strindberg als homophil zu bezeichnen.

Im Film ist der Meister deprimiert, als er erfährt, daß Mikael das Kunstwerk – sein Geschenk an ihn - verkauft hat. Aber dies hat mehr mit dem von Mikael persönlich  begangenen Verrat und seiner Beziehung zu Lucia zu tun, als mit dem Kunst selbst. Der Sachverhalt wird ganz deutlich, der Meister Lucia aufsucht und sie um die Rückgabe von Mikael und nicht um des Kunstwerkes bittet. „Gib mir mein Kind zurück!" flieht er sie an. Aber Mikael ist kein Kind. Als Lucia antwortet: „Sie sind alt und verstehen nicht, was wirkliche Liebe ist", wird durch die Reaktion des Meisters ganz deutlich, daß seine Gefühle andere als väterlich sind. Er weiß besser als viele andere, was wirkliche Liebe ist.  Aber im Gegensatz zu Lucia und Mikael muß er seine Gefühle verstecken.

Am Ende des Films wie auch des Romans wird der Meister ernsthaft krank, während Mikael sich mit Lucia vergnügt. Im Roman ignoriert Mikael die ihm überbrachte Botschaft, daß der Meister im Sterben liegt. Mit anderen Worten, die Liebe zwischen Mann und Frau triumphiert über die Liebe des Meisters zu Mikael.
Im Film jedoch eilt Mikael nach Hause und findet den toten Meister. Als Lucia kommt, um ihn zu trösten, schiebt zur Seite und geht. Er ist für sie endgültig verloren. Vielleicht war Stiller dieses Ende zu provokativ. In einem Epilog fragt der Schauspieler, der den Mikael spielt, Lucia: „Wie könnte Mikael Dich denn verlassen?“ und versucht sich in der nächsten Szene zu erschießen, als die Schauspielerin seine Liebe ablehnt.  Der Meister verhindert das, und alles endet glücklich – ein Zugeständnis an das allgemeine Publikum, sowie an die Zensurbehörden.

Dieser Beitrag ist teils eine Übersetzung, teils eine Berarbeitung eines Beitrages von Frederik Silverstolpe, erschienen in der Februar-Ausgabe 1988 von CHAPLIN, der unabhängigen Zeitschrift des Schwedischen Filminstitute (SFI). In der jetzigen Form liegt die Verantwortung für den Beitrag bei mir.

Colin de la Motte-Sherman

 
 
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