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Filmmelodram „Vingarne“ basiert auf dem Roman des dänischen
Schriftstellers Hermann Bang „Mikael" (1904), einer modernen
Version des antiken Ganymed-Mythos. Der Film ist der erste schwedische
und möglicherweise der erste Spielfilm überhaupt, der ein homoerotisches/homosexuelles
Thema behandelt.
Bangs Roman erzählt, ebenso wie Stillers Film, wie der „Meister“,
ein Maler und eingeschworener Junggeselle, den jungen, gutaussehenden
und talentierten Mikael in sein Haus aufnimmt und ihn schließlich
adoptiert. Ähnlichkeiten zu den weit verbreiteten alt griechischen
Meister-Schüler-Beziehungen sind nicht zu übersehen.

GANYMED ist ein so schöner Jüngling gewesen, daß er
in Homers „Illias" der „Schönste“, der je unter
den Sterblichen geboren wurde, genannt wird. Zeus,
der Göttervater, verliebte sich so in Ganymed, daß er
sich in einen Adler verwandelte und mit ihm auf den
Berg Olymp flog, wo Ganymed Zeus als Mundschenk diente.
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Da es 1916 nicht ohne weiteres möglich war, einen Film mit einem
homosexuellen Thema zu produzieren, erhielt der Film nicht etwa
den Untertitel .“Dies ist eine moderne Erzählung der klassischen
Geschichte von „Ganymed', sondern beginnt mit einem irreführenden
Prolog über Ikarus. Aber der Meister steht auf dem Hügel (wie Zeus)
und schaut ins Tal hinunter zu Mikael und breitet seine Arme aus
wie ein Adler. Silverstolpe dazu: „Es wäre ohne das irreführende
Vorwort über Ikarus unmöglich gewesen..., das die Filmemacher
vor homophobischen Angriffen schützte.
Diese von Stiller benutzte ,,Kodierung" ist schon als solche
ein Teil Kulturgeschichte. Manche Kritiker haben sich dadurch irreleiten
lassen und glaubten, der Film wäre ein heterosexuelle Drama über
einen Generationskonflikt. Dies bezeichnet Silverstolpe als „im
wesentlichen eine Beleidigung der zwei Männer hinter dem Film -
Mauritz Stiller und Drehbuchautor Axel Esbensen. Beide waren
schwul oder bisexuell, und ihr Versuch, ein klassisches homoerotisches
Thema zu behandeln, hat Anerkennung verdient.
In der Beziehung zwischen dem “Meister" und seinem Schüler
läuft zunächst alles gut, bis sich Mikael in die Gräfin Lucia, eine
Bekannte des Meisters, verliebt. Lucias extravaganter Lebensstil
bringt sie an den Rand des Ruins. Um Lucia zu helfen, verkauft Mikael
ein Geschenk des Meisters, ein Kunstwerk, wofür er selbst Modell
gestanden hat. Dadurch Bericht er sein dem Meister gegebenes Ehrenwort,
dieses Geschenk nie zu verkaufen.
Das verkaufte Meisterstück spielt eine große symbolische Rolle
im Roman und im Film. In Bangs Roman war das Meisterstück ein Gemälde
mit dem Titel „Victor“ (Sieg). Laut Silverstolpe könnte ein Vorbild
für dieses Kunstwerks Max Kruses Statue „Sieg bei Marathon"
gewesen sein, von der sich eine Kopie damals in vielen Wohnungen
befand - nicht am wenigsten in schwulen Kreisen. Vielleicht hat
Bang auch gleichzeitig Michelangos Skulptur “Sieg" im Sinn
gehabt, die den Sieg eines jungen Mannes über einen älteren darstellt.
Im Film wird das Gemälde durch die Skulptur “Vingarne“ von Carl
Milles ersetzt. Sie ist vielen Stockholmern gut bekannt, da sie
erst jahrelang neben der Skeppsholm-Brücke stand und sich jetzt
vor dem Eingang des Nationalmuseums befindet. Um sich vor homophobischen
Angriffen zu schützen, widmete Mille die Skulptur seiner Frau, obwohl
er gar keine hatte. Die Skulptur wurde dann durch Ikarus ausgewechselt,
um einen homoerotischen Inhalt nicht zuzulassen.
Daß der Ganymed-Mythos unter gebildeten schwedischen Bürgern bekannt
war, wird schon allein dadurch deutlich, daß z.B. August Strindberg
ihn in seiner kurzen Geschichte der “Verbrechernatur" benutzte,
um die Kriminalisierung von Homosexualität zu kritisieren. Es ist,
schreibt Silverstolpe, kaum ein Zufall, daß in Stillers Film das
Gesicht des Meisters Ähnlichkeiten zu Strindberg aufweist, obwohl
es möglicherweise nicht Stillers Absicht war, Strindberg als homophil
zu bezeichnen.
Im Film ist der Meister deprimiert, als er erfährt, daß Mikael
das Kunstwerk – sein Geschenk an ihn - verkauft hat. Aber dies hat
mehr mit dem von Mikael persönlich begangenen Verrat und seiner
Beziehung zu Lucia zu tun, als mit dem Kunst selbst. Der Sachverhalt
wird ganz deutlich, der Meister Lucia aufsucht und sie um die Rückgabe
von Mikael und nicht um des Kunstwerkes bittet. „Gib mir mein Kind
zurück!" flieht er sie an. Aber Mikael ist kein Kind. Als Lucia
antwortet: „Sie sind alt und verstehen nicht, was wirkliche Liebe
ist", wird durch die Reaktion des Meisters ganz deutlich, daß
seine Gefühle andere als väterlich sind. Er weiß besser als viele
andere, was wirkliche Liebe ist. Aber im Gegensatz zu Lucia und
Mikael muß er seine Gefühle verstecken.
Am Ende des Films wie auch des Romans wird der Meister ernsthaft
krank, während Mikael sich mit Lucia vergnügt. Im Roman ignoriert
Mikael die ihm überbrachte Botschaft, daß der Meister im Sterben
liegt. Mit anderen Worten, die Liebe zwischen Mann und Frau triumphiert
über die Liebe des Meisters zu Mikael.
Im Film jedoch eilt Mikael nach Hause und findet den toten Meister.
Als Lucia kommt, um ihn zu trösten, schiebt zur Seite und geht.
Er ist für sie endgültig verloren. Vielleicht war Stiller dieses
Ende zu provokativ. In einem Epilog fragt der Schauspieler, der
den Mikael spielt, Lucia: „Wie könnte Mikael Dich denn verlassen?“
und versucht sich in der nächsten Szene zu erschießen, als die Schauspielerin
seine Liebe ablehnt. Der Meister verhindert das, und alles endet
glücklich – ein Zugeständnis an das allgemeine Publikum, sowie an
die Zensurbehörden.
| Dieser
Beitrag ist teils eine Übersetzung, teils eine Berarbeitung
eines Beitrages von Frederik Silverstolpe, erschienen in der
Februar-Ausgabe 1988 von CHAPLIN, der unabhängigen Zeitschrift
des Schwedischen Filminstitute (SFI). In der jetzigen Form liegt
die Verantwortung für den Beitrag bei mir. |
Colin de la Motte-Sherman
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