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Somerset Maugham war acht Jahre alt als seine Mutter starb, zu welcher
er eine sehr enge Beziehung hatte. Zwei Jahre später starb auch
sein Vater, Anwalt an der britischen Botschaft in Paris. William,
geboren am 25. Januar 1874 in Paris, konnte sehr wenig Englisch,
mußte aber nach dem Tod des Vaters nach England, wo er bei seinem
Onkel wohnte. Er besuchte die Kings School in unmittelbarer
Nahe von Canterbury Cathedral nicht weit von London. Sein Englisch
hatte einen starken französischen Akzent, zudem stotterte er - denkbar
schlechte Voraussetzungen für den Besuch einer englischen Internatsschule.
Seine dortigen Erlebnisse thematisierte er später in seinem im August
1915 veröffentlichten, stark autobiographischen Werk "Of Human
Bondage" (dt. "Der Menschen Hörigkeit") 189l ging
er zu Studienzwecken nach Deutschland, und zwar in die damals berühmte
Universitätsstadt Heidelberg. Dort begegnete er Ellingham Brooks,
einem schwulen Mann, der später die berühmte lesbische Bildhauerin
Romain Brooks heiratete. Ellingham Brooks versuchte mehrfach sich
Somerset Maugham zu nähern. Dieser allerdings verstand damals offenbar
nicht recht, was Brooks von ihm wollte.
Als Maugham nach neunmonatigem Aufenthalt nach England zurückkehrte,
begann er im St. Thomas Hospital in London Medizin zu studieren.
Bis dahin hatte Maugham ein geschütztes, privilegiertes Leben geführt.
1895 wurde er Praktikant in Lambeth, einem Gebiet südlich der Themse.
Tag und Nacht im Dienst, mußte er zu Häusern und Höfen, wo sich
nicht einmal Polizisten allein hinwagten. 'Liza of Lambeth"
ist auch der Titel seines 1897 erschienenen Buches, in welchem er
ein Tabu antastet - Ehebruch. Ein Mädchen verliebt sich in einen
verheirateten Mann und wird von ihm geschwängert. Sie stirbt während
einer Fehlgeburt. Trotz schlechter Kritiken (Ich fühlte mich, als
hätte ich ein Bad im Dreck einer ganzen Londoner Straße genommen",
schrieb ein Kritiker), wurde das Buch immerhin ein mäßiger Erfolg.
Für Maugham Anlaß genug, nicht mehr als Arzt zu arbeiten.
Die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts waren unter anderem durch
den Prozeß gegen den schwulen Schriftstelle Oscar Wilde geprägt.
Nur ein Jahr nach 'Liza" erschien Wildes 'Ballad of Reading
Gaol" - so war der Name des Gefängnisses, in dem Wilde einsaß.
Durch die Schilderung der Geschehnisse waren viele Schriftsteller
eingeschüchtert. Das war unter anderem ein Grund dafür, daß E.M.
Forster seinen 1914 beendeten Roman 'Maurice" erst nach seinem
Tode veröffentlicht wissen wollte.
Maugham hatte in den folgenden zehn Jahren wenig Glück mit seinen
Werken. Zu der Zeit, als in Südafrika der Burenkrieg tobte, erschien
von ihm der Roman "Der Held". Die Titelfigur bekommt das
Victoriakreuz die höchste britische Auszeichnung für Verdienste
im Kriege - für eine zweifelhafte Ruhmestat verliehen, obwohl dabei
ein anderer sein Leben lassen müsste. Als er aus dem Krieg heimkehrt
konnte der Held nicht zurecht mit der religiösen und sexuellen
Moral eines Landes, das immer noch glaubt, Gott sei ein englischer
Gentleman. Zwei Jahre später verlegte Maugham seinen Wohnsitz
nach Paris, wo ihm das gesellschaftliche Klima mehr zusagte. Die
gleichzeitige Aufführung von vier seiner Stücke an Londoner Bühnen
im Jahre 1908 verschaffte ihm den unerwarteten Durchbruch und sicherte
ihm ein solides finanzielles Fundament.
1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Maugham wurde eingezogen und
diente als Sanitäter und Fahrer. Ebenfalls 1914 ging er ein Verhältnis
mit der verheirateten Syrie Wellcome ein. Sie wurde schwanger und
hatte eine Fehlgeburt, wofür Maugham als Schuldige angeklagt wurde.
Ihr Mann ließ sich scheiden. Maugham entdeckt seine "neue Neigung
zu Männer in der Liebe zu Gerald Haxton, der er im Felde kennengelernt
hatte. Haxton Schauspieler von Beruf, galt als zügellos und trank
zuviel. Gemeinsam verbrachten sie 'Flitterwochenin der Südsee.
Aus Angst, sie, die von Neigung wüßte könne ihn verraten, heiratete
er Syrie nach seiner Rückkehr von dort. Mit 41 Jahren wurde Maugham
vom militärischen Geheimdienst seiner königlichen Majestät geworben.
Nach Aufenthalten in Genf und New York wurde er 1917 in das russische
St. Petersburger beordert, um der provisorischen Kerenski-Regierung
Mut zu machen mit britischen Geld.
Zurück in London bei seiner Frau der inzwischen geborenen Tochter,
benutzte er seine Aufzeichnung als Stoff für ein neues Buch. Der
Mond und das Sixpence-stück" erschien 1919. Darin schildert
er Möchtegern-Maler, der alles hinwirft, seine Familie verlaßt
und sein Gluck auf Tahiti sucht. Auch hier finden deutliche Bezüge
zu Maugham eigener Biographie. Die Verbindung zu Haxton riß nie
ganz ab; in Chicago traf er ihn wieder, und reiste mit ihm durch
China und Südostasien. Bei einem Schiffsunglück kamen beide knapp
mit dem Leben davon.
Nach der Trennung von seine Frau kaufte Somerset Maugham die Villa
"Mauresque" in Südfrankreich um dort in Ruhe und Abgeschiedenheit
schreiben und mit Haxton leben zu können. Haxton nämlich, 1915 in
einem Prozeß wegen Homosexualität wurde zwar freigesprochen, war
dennoch in England zur persona non grata erklärt worden; der Zugang
nach England war ihm somit auf Dauer verwehrt. In ihrer Villa wurden
beide häufig von Künstlern, Schriftstellern und anderen berühmten
Persönlichkeiten ihrer Zeit besucht, darunter der König von Siam,
die Königin von Spanien und der König von Schweden.
1939 machte Somerset Maugham seinen Einfluß geltend, um den vor
den Nazis geflohenen und nun in französischer Haft befindlichen
Leon .Feuchtwanger aus dem Gefängnis freizubekommen. Kurz darauf
mußte Maugham, von Goebbels persönlich denunziert, selbst auf einem
überfüllten Kohlefrachter aus Frankreich fliehen. Haxton blieb zurück,
um Kunstwerke vor den Deutschen zu retten. Er starb 1944 an Tuberkulose.
Schon 70jährig reiste Maugham 1944 nach Hollywood, um die Vorbereitungen
zur Verfilmung seines Romans Auf Messers Schneide (The
Razers Edge) mitzuerleben. Alan Searl, ein wesentlich jüngerer
Freund Maughams, den er schon aus den dreißiger Jahren kannte, wurde
sein Sekretär und Lebensgefährte. Nach Kriegsende zogen sie zurück
in die Villa 'Mauresque". Mit 88 Jahren adoptierte Maugham
Seal, um Erbschaffsprobleme zu vermeiden.
Somerset Maugham erwähnte nirgends seine Homosexualität und äußerte
sich auch nie öffentlich über die diesbezüglichen scharfen englischen
Strafgesetze. William Somerset Maugham, einer der bedeutendsten
schwulen Autoren, wurde durch seine Bücher und deren
Verfilmungen weltweit berühmt. Er starb am 16. Dezember 1965 in
Nizza.
Colin de la Motte-Sherman
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