ürde man heute einen älteren Menschen nach seiner Meinung
über den letzten deutschen Kaiser - Wilhelm II. von Hohenzollern
- fragen, wäre die Antwort wohl ziemlich einhellig: Wilhelm
wäre der "Sündenbock", der für alle Verirrungen
der deutschen Politik des ausgehenden 19. und des beginnenden 20.
Jahrhunderts Verantwortliche. Der erste Weltkrieg mit den nachfolgenden
Übeln wie Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Nationalsozialismus
würde ganz sicher Wilhelm angelastet. Anders sähe es bei
den heute etwa 50jährigen aus: abgesehen von ihrem sicher nicht
übergroßen Interesse für die Person des Kaisers
und ihren wahrscheinlich geringen Kenntnisse über ihn verbinden
diejenigen aus der ehemaligen DDR mit ihm sicher die Figur aus dem
brillianten Roman "Der Untertan" von Heinrich Mann, der
in den Schulen der DDR zur Pflichtlektüre gehörte.
Natürlich wird die oben erwähnte Meinung auch hier deutlich,
aber gerade in der Gestalt des Diederich Heßling - dem typischen
Untertan deutscher Prägung in der Zeit vor 1914 - wird klar,
wie groß die Begeisterung für den "herrlichen jungen
Kaiser" bei den durchschnittlichen Deutschen war, womit wir
beim Hauptanliegen von Nicolaus Sombart in seiner Untersuchung über
Wilhelm II. und seine Zeit sind. Sombart legt ein Buch vor, das
als Ehrenrettung Wilhelms gedacht ist, und zwar insofern, als er
- wie schon der Titel besagt - aufräumen will mit der weit
verbreiteten Meinung, daß Wilhelm allein für die Misere
der deutschen Politik in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts
verantwortlich ist. Sombart stützt sich bei seiner Argumentation
gegen die Sündenbocktheorie vor allem auf zwei Werke des französischen,
in den USA lehrenden Religionssoziologen René Girard. Auf
einen sehr einfachen Nenner gebracht, hieße das : Allein mit
Kaiser Wilhelm kein erster Weltkrieg, nur mit Hitler kein Holocaust.
Beide brauchten die Unterstützung durch die Deutschen, die
ihnen auch in überreichem Maße zuteil wurde.
Die Lektüre von Sombarts Buch kann aus zwei Aspekten empfohlen
werden:
Erstens gibt Sombart auf Grund der Aussagen von Zeitzeugen,
Tagebüchern, Briefen eine brilliante Analyse der sogenannten
"wilhelminischen Epoche", der Zeit zwischen 1888 und 1918.
Zweitens entwickelte Sombart die zum Teil von tiefem Haß
erfüllten Angriffe gegen die Politik des Kaisers aus einer
geradezu fanatischen Ablehnung der Sexualität generell und
der Homosexualität und der Homoerotik im speziellen. Dem Publizisten
und Herausgeber der Zeitschrift "Zukunft", Maximilian
Harden, fällt dabei eine Hauptrolle zu. Die sogenannte Eulenburg-Affäre
erhält dabei eine Schlüsselfunktion, so wie sie in der
Zeit selbst von den Kaisergegnern benutzt wurde.
Phillip zu Eulenburg-Hertefeld, deutscher Diplomat und Politiker,
gilt unabhängig von seinen Ämtern als der engste Vertraute,
Wilhelms II.Er war typischer Vertreter des Hochadels, ein treuer
Staatsdiener und Diener seines Königs wie er im Buche steht.
Eulenburg war ein musischer, künstlerischer Mensch; auf seinem
Schloß Liebenberg traf sich regelmäßig der "Liebenberger
Kreis", ein von Sombart als "männerbündlerisch"
charakterisierter Zusammenschluß, dem natürlich auch
der Kaiser angehörte.
Wie Eulenburg in die Querelen der Hof-Camarilla gerät, -in
Zusammenhang mit der Marokko-Krise beispielsweise, deren unrühmliches
Ende Harden Eulenburg anlastet - , wie er in Prozesse verwickelt
wird, die ihren Kern in der im Bürgertum verwurzelten Ablehnung
von allem geschlechtlich Andersartigem haben, das schildert Sombart
spannend und mit genauer Kenntnis der historischen Umstände.
Er setzt jedoch beim Leser Kenntnisse voraus. An dieser Stelle würde
ich die Kritik ansetzen: Sombart gelingt es nicht, klar herauszuarbeiten,
wo die vermeintlichen "Verfehlungen" Eulenburgs gelegen
haben sollen. Zumindest werden homoerotische Beziehungen zum Kaiser
nur vorsichtig angedeutet.
Sombart bemüht sich, das Versagen des Kaisers in der Politik
aus psychologischen Gründen zu erklären, vor allem stellt
er die Rolle der Mehrheit der durchschnittlichen Bürger deutlich
heraus, die bereit waren, ihrem Kaiser auch in verhängnisvolle
Unternehmungen zu folgen.
Ob es Sombart gelingt, das Bild des Kaisers deutlich zu revidieren,
bleibt dahingestellt; er zeichnet aber ein großartiges Bild
dieser Zeit mit vielen bisher nicht bekannten Facetten. Die Lektüre
kann jenen empfohlen werden, die sich für die deutsche Geschichte
der vergangenen hundert Jahre interessieren und Aufschluß
über die Verstrickungen und verhängnisvollen Folgen für
das Europa des 20. Jahrhunderts haben möchten.
Colin de la Motte-Sherman
|
 |