Sündenbock und SexualitätH-11-N-4-AMW-Wilhelm 97-00 (D)  


Sündenbock und Sexualität
Nicolaus Sombart: Wilhelm II. - Sündenbock und Herr der Mitte.
Verlag Volk & Welt Berlin 1996
ISBN 3-353-01066-1


ürde man heute einen älteren Menschen nach seiner Meinung über den letzten deutschen Kaiser - Wilhelm II. von Hohenzollern - fragen, wäre die Antwort wohl ziemlich einhellig: Wilhelm wäre der "Sündenbock", der für alle Verirrungen der deutschen Politik des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts Verantwortliche. Der erste Weltkrieg mit den nachfolgenden Übeln wie Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Nationalsozialismus würde ganz sicher Wilhelm angelastet. Anders sähe es bei den heute etwa 50jährigen aus: abgesehen von ihrem sicher nicht übergroßen Interesse für die Person des Kaisers und ihren wahrscheinlich geringen Kenntnisse über ihn verbinden diejenigen aus der ehemaligen DDR mit ihm sicher die Figur aus dem brillianten Roman "Der Untertan" von Heinrich Mann, der in den Schulen der DDR zur Pflichtlektüre gehörte.

Natürlich wird die oben erwähnte Meinung auch hier deutlich, aber gerade in der Gestalt des Diederich Heßling - dem typischen Untertan deutscher Prägung in der Zeit vor 1914 - wird klar, wie groß die Begeisterung für den "herrlichen jungen Kaiser" bei den durchschnittlichen Deutschen war, womit wir beim Hauptanliegen von Nicolaus Sombart in seiner Untersuchung über Wilhelm II. und seine Zeit sind. Sombart legt ein Buch vor, das als Ehrenrettung Wilhelms gedacht ist, und zwar insofern, als er - wie schon der Titel besagt - aufräumen will mit der weit verbreiteten Meinung, daß Wilhelm allein für die Misere der deutschen Politik in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts verantwortlich ist. Sombart stützt sich bei seiner Argumentation gegen die Sündenbocktheorie vor allem auf zwei Werke des französischen, in den USA lehrenden Religionssoziologen René Girard. Auf einen sehr einfachen Nenner gebracht, hieße das : Allein mit Kaiser Wilhelm kein erster Weltkrieg, nur mit Hitler kein Holocaust. Beide brauchten die Unterstützung durch die Deutschen, die ihnen auch in überreichem Maße zuteil wurde.

Die Lektüre von Sombarts Buch kann aus zwei Aspekten empfohlen werden:

Erstens gibt Sombart auf Grund der Aussagen von Zeitzeugen, Tagebüchern, Briefen eine brilliante Analyse der sogenannten "wilhelminischen Epoche", der Zeit zwischen 1888 und 1918.

Zweitens entwickelte Sombart die zum Teil von tiefem Haß erfüllten Angriffe gegen die Politik des Kaisers aus einer geradezu fanatischen Ablehnung der Sexualität generell und der Homosexualität und der Homoerotik im speziellen. Dem Publizisten und Herausgeber der Zeitschrift "Zukunft", Maximilian Harden, fällt dabei eine Hauptrolle zu. Die sogenannte Eulenburg-Affäre erhält dabei eine Schlüsselfunktion, so wie sie in der Zeit selbst von den Kaisergegnern benutzt wurde.

Phillip zu Eulenburg-Hertefeld, deutscher Diplomat und Politiker, gilt unabhängig von seinen Ämtern als der engste Vertraute, Wilhelms II.Er war typischer Vertreter des Hochadels, ein treuer Staatsdiener und Diener seines Königs wie er im Buche steht. Eulenburg war ein musischer, künstlerischer Mensch; auf seinem Schloß Liebenberg traf sich regelmäßig der "Liebenberger Kreis", ein von Sombart als "männerbündlerisch" charakterisierter Zusammenschluß, dem natürlich auch der Kaiser angehörte.

Wie Eulenburg in die Querelen der Hof-Camarilla gerät, -in Zusammenhang mit der Marokko-Krise beispielsweise, deren unrühmliches Ende Harden Eulenburg anlastet - , wie er in Prozesse verwickelt wird, die ihren Kern in der im Bürgertum verwurzelten Ablehnung von allem geschlechtlich Andersartigem haben, das schildert Sombart spannend und mit genauer Kenntnis der historischen Umstände. Er setzt jedoch beim Leser Kenntnisse voraus. An dieser Stelle würde ich die Kritik ansetzen: Sombart gelingt es nicht, klar herauszuarbeiten, wo die vermeintlichen "Verfehlungen" Eulenburgs gelegen haben sollen. Zumindest werden homoerotische Beziehungen zum Kaiser nur vorsichtig angedeutet.

Sombart bemüht sich, das Versagen des Kaisers in der Politik aus psychologischen Gründen zu erklären, vor allem stellt er die Rolle der Mehrheit der durchschnittlichen Bürger deutlich heraus, die bereit waren, ihrem Kaiser auch in verhängnisvolle Unternehmungen zu folgen.

Ob es Sombart gelingt, das Bild des Kaisers deutlich zu revidieren, bleibt dahingestellt; er zeichnet aber ein großartiges Bild dieser Zeit mit vielen bisher nicht bekannten Facetten. Die Lektüre kann jenen empfohlen werden, die sich für die deutsche Geschichte der vergangenen hundert Jahre interessieren und Aufschluß über die Verstrickungen und verhängnisvollen Folgen für das Europa des 20. Jahrhunderts haben möchten.


Colin de la Motte-Sherman

 
 
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